Hardcore-Friedenstauben

08.03.2011

In puncto Mut schlagen sie so manchen Mann in Ost und West. Arabische Frauen erobern sich gerade ihre Zukunft zurück - Chapeau!

Wer die gängige Meinung vertritt, sie säßen alle unter Schleiern und hinter Türen sollte sich den Auftritt dieser Powerfrau während des ägyptischen Aufstandes einmal anschauen. Eine von vielen arabischen Frauen, die tiefen Respekt abnötigen. Telepolis stellt vier weitere vor.

Asma Mahfouz, Ägypten

US-Journalistin Amy Goodman von Democracy Now!http://www.democracynow.org/ schien es unglaublich, aber wahr. Das Vlog, das Asma Mahfouz vor dem 25. Januar ins Netz gestellt hatte, habe geholfen, den Funken des Volksaufstandes bei der Jugend endgültig übersprühen zu lassen, erklärte Goodman bei ihrem Auftritt auf Al Jazeera English nach Mubaraks Sturz am 11. Februar. Asma Mahfouz ist 26 Jahre alt und Mitglied der Jugendbewegung des 6. April, jener Facebook-Gruppe von vorrangig jungen, gut ausgebildeten Internetaktivisten, die seit dem März 2008 besteht. Ins Leben gerufen wurde sie von dem Ingenieur Ahmed Maher und der Sachbearbeiterin Israa Abdel Fattah. Ihr Ziel: einen für den 6. April 2008 anberaumten Arbeiterstreik in der Stadt Mahalla al-Kubra zu unterstützen und zum zeitgleichen Generalstreik gegen die steigenden Brotpreise zu mobilisieren.

Asma Mahfouz

"April 6" flaute aufgrund der Unterdrückung durch das Mubarak-Regime wieder ab. Doch der Geist blieb virulent. Zumal nach der unglaublich brutalen Ermordung des jungen Chalid Said im Juni 2010. Der Blogger war von der Polizei auf offener Straße zu Tode getreten worden. Dies sind das Umfeld und das Klima, in dem sich Asmaa Mahfouz seit ihrer Geburt bewegt. Im Januar rief sie die Ägypter schließlich dazu auf, sie am ersten "Tag des Zorns" zum Tahrir-Platz zu begleiten:

Kommt alle am 25. Januar auf den Tahrir-Platz, tut etwas Positives, bringt fünf bis zehn Freunde und Bekannte mit. Wir wollen nichts außer unsere Menschenrechte einfordern.

Auf dem Platz selbst riefen sie und ihre Freunde, wie Mahfouz selbst dem ägyptischen Fernsehen später erklärte, Folgendes: "Ägypter, vier Menschen verbrannten sich selbst aus Protest gegen Demütigung und Armut. Ägypter, vier Menschen verbrannten sich selbst, weil sie Angst vor dem Geheimdienst hatten und nicht vor dem Feuer. Vier Menschen verbrannten sich selbst, damit ihr aufwacht. Vier Menschen verbrannten sich selbst, um dem Regime zu sagen: ‚Wach auf. Wir haben dich satt."

Mona Sfeir, Ägypten

Vor dem 25. Januar, sagt Mona Sfeir, habe sie noch daran gedacht, ihr Land zu verlassen. Nach jenem historischen Datum und all seinen Konsequenzen aber fühle sie sich zu Ägypten gehörig und wolle dessen Zukunft mitgestalten. So wie sie es in den 18 Tagen des Volksaufstandes tat, indem sie dafür sorgte, dass trotz miserabler Internetverbindungen alle Videos und Fotos weitergeleitet wurden.

Am Abend des 2. Februar 2011 stand die 24-Jährige auch Al Jazeera English telefonisch Rede und Antwort. Sie bezeugte die brutalen Übergriffe der Mubarak-Schergen auf die Demonstranten - und zwar nicht anonym, sondern unter ihrem Namen. Es scheint, die Schwester des ägyptischen Bloggers Alaa Abdelfattah, der wegen seines Aktivismus' auch zeitweilig inhaftiert war, hatte ausgerechnet in diesem hochdramatischen Moment - trotz aller Aufruhr und Verzweiflung - ihre Angst verloren.

Lina Ben Mhenni, Tunesien

Eigentlich begann bei ihr alles unpolitisch, sagt Ben Mhenni. Ihr 2007 gestarteter Blog war weniger ein Blog, denn eine Webseite mit Gedanken und Gedichten. Als ihre URL A Tunesian Girl 2008 trotz aller Harmlosigkeit von der Regierung Ben Alis gesperrt wurde, änderte sich ihr Tenor. Öffentlich trat sie gegen die Zensur ein und ließ sich auch von Ben Alis Polizei nicht einschüchtern, als diese in ihr Zimmer in der elterlichen Wohnung einbrach und Computer wie Kamera mitnahm. Gemeinsam mit dem Blogger Slim Amamou initiierte Ben Mhenni groß angelegte Kampagne "Free From FF 404" (Die im Internet erscheinende Fehlermeldung "File not Found"), die im Mai 2010 in eine an das Innenministerium gerichtete Petition mündete.

An den Demonstrationen 2010/2011 beteiligte sich die heute 27-Jährige, die als Hilfsprofessorin für Linguistik an der Universität in Tunis arbeitet, von der ersten Stunde an und in den letzten zehn Tagen vor Ben Alis Sturz fuhr sie über das Land, um sicher zu stellen, dass die Welt auch von den Schusswaffeneinsätzen der Polizei außerhalb der Hauptstadt erfuhr. Sie twitterte aus Sidi Bouzid, Kasserine und Regueb. Dass aus der einst dichtenden Ben Mhenni eine so engagierte politische Aktivistin würde, hätte sie selbst wohl kaum gedacht. Und wer weiß, wohin sie ihr Weg noch führt - ihr Bloggerkollege Slim Amamou von der örtlichen Piratenpartei wurde mittlerweile bereits zum Statssekretär für Jugend und Sport ernannt.

Esra'a Al Shafei, Bahrein

"Terror-Krach-Hardchore-Musik" ist das Beste zur Entspannung. College völlig irrelevant. Und Mideast Youth die Mission ihres Lebens. Das sagt Esra'a Al Shafei. 2006 gründete die junge Bahrainerin die Plattform - aus Frust über die Ineffizienz der Blogosphäre. Statt dass jeder im abgeschiedenen Kämmerchen vor sich hintippe, solle der Mittlere Osten - ungeachtet von Ethnie, Religion und soziokulturellem Hintergrund - lieber übergreifend miteinander in Dialog treten. Israelis mit Palästinensern, Iraner mit den von ihnen unterdrückten Bahai, Sunniten mit Schiiten. Mittlerweile seien über 200 Vertreter von acht Religionen aus 26 arabischsprachigen Länder auf dem Portal vertreten, erklärt Al Shafei.

Freilich: betrachtet man die Posts im Detail, stellt man fest, dass manche mitunter recht sporadisch oder zuletzt vor vier Jahren auftauchten. Dennoch: Die Idee, gerade auch Minderheiten zu fokussieren und etwa für die Rechte der Kurden in der muslimischen Welt einzutreten, ist beachtlich. Und so wurde "Hardcore-Esra'a" bereits vom Berkman Center for Internet and Society der Harvard Universität ausgezeichnet für ihren "außerordentliche Beitrag zur Entwicklung des Internets und dessen Wirkung auf die Gesellschaft".

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