Ein, zwei, viele Libyen?

07.03.2011

Der Aufstand im Ölland ist stärker von regionalen Identitäten und Fliehkräften geprägt als seine Vorgänger in Tunesien und Ägypten

In Libyen verläuft derzeit hinter dem Ölhafen Brega eine Front. Die westlich davon gelegenen Städte wie Tripolis, Sebha oder Sirt befinden sich überwiegend in der Hand von Gaddafi-Anhänger, östlich davon gelegene wie Tobruk, Baida oder Bengasi dagegen in der von Rebellen. Dieser Ostteil des Landes, die historisch eher mit Ägypten verbundene Cyrenaica, wurde erst 1934 von Benito Mussolini mit Tripolitanien und dem südlich davon gelegenen Fezzan zu Libyen vereinigt.

Trotzdem ist die Situation komplexer als ein einfacher Unabhängigkeitskrieg eines einzigen Landesteils. In Libyen leben vier Volksgruppen: Araber, Berber, Tuareg und schwarzhäutige Tubu. Von diesen vier Gruppen sind die Araber mit über 90 Prozent der Bevölkerung die mit Abstand bedeutendste Gruppe. Sie sind aber keineswegs ein monolithischer Block, sondern unterteilen sich in dutzende Stämme, die auch nach der Verstädterung des Landes eine sehr wichtige Grundlage von Identitäten sind.

Sowohl Türken als auch Italiener beherrschten das Land nur mit ihrer Hilfe und auch Gaddafi sah sie zwar als Relikte der Vergangenheit an, griff aber auf ihre Autoritäten zurück. Auch sein im Ausland häufig erscheinendes Gebaren mit wallenden Gewändern und Zelten interpretieren manche Beobachter als Anknüpfversuch an traditionelle Herrschaft. Bekanntere arabische Stämme in Tripolitanien sind die Warfalla, die Zintan und die Magariha. Im Fezzan leben neben Tuareg und Tubu auch noch die arabischen Hutman und die Hassawna. In der Sirte, der noch zu Tripolitanien gehörenden Küsteneinbuchtung vor der Cyrenaica, gibt es unter anderem die Gaddafa, die Mugharbah, die Riyyah und die Haraba. Und in der Cyrenaica siedeln beispielsweise die Awagir, die Drasa, die Abaydat und die Zuwayya.

Die Stämme in der Cyrenaica stellten sich - so wie es derzeit aussieht - praktisch vollständig gegen Gaddafi - aber die in Tripolitanien sind durchaus nicht komplett auf seiner Seite. Scheich Akram al-Warfalli, der traditionelle Führer des wichtigen Warfalla-Stammes, demütigte Muammar al-Gaddafi etwa in einer Ansprache im Fernsehsender al-Dschasira und forderte ihn mit einer Attitüde der Autorität von oben herab dazu auf, das Land zu verlassen. Selbst auf die Magariha, die (auch aufgrund der Position von Abdessalam Dschallud) lange als eine der Säulen von Gaddafis Macht galten, kann sich der "Revolutionsführer" nur mehr sehr bedingt verlassen, was eine Ursache dafür ist, dass auch tripolitanische Städte wie Misurata umkämpft sind.

Sprachen in Libyen.

Aus diesen Gründen ist auch nicht ausgeschlossen, dass Gaddafi einem Putsch aus der Reihen der tripolitanischen Stämme zum Opfer fällt. Allerdings muss der Sturz eines Machthabers nicht unbedingt zur Wiederherstellung einheitlicher staatlicher Strukturen führen, wie in den letzten Jahrzehnten Länder wie Somalia oder Afghanistan eindringlich vor Augen führten. Auch deshalb, weil es in Libyen abseits der Stammesfrage Potenzial für Abspaltungen gibt: Die im 19. Jahrhundert im Südosten des Landes von den Zuwayya unterworfenen nichtarabischen Tubu etwa sind eine der wichtigsten Volksgruppen im benachbarten Tschad und könnten eine Abspaltung der Cyrenaica möglicherweise dazu nutzen, die eigene Unabhängigkeit voranzutreiben. Selbiges gilt für die Tuareg, deren Verwandte im Niger bereits seit 2007 bewaffnet gegen die dortige Regierung vorgehen.

Zugang zu Öl, um ihre Existenz zu sichern, hätten mehrere Gebilde auf dem Gebiet des heutigen Libyen: Während sich die Funde früher vor allem auf die östliche Sirte und die Cyrenaica konzentrierten, gibt es mittlerweile auch westlich der alten Fezzan-Hauptstadt Murzuk, im nördlich davon gelegenen Hamada al-Hamra und vor der Küste Tripolitaniens zahlreiche erschlossene Quellen.

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