Intellektueller Selbstmord

08.03.2011

Der Theologe Richard Schröder will den Glauben gegen die Wissenschaft, vor allem gegen Richard Dawkins, verteidigen, was aber gründlich daneben geht

Die Affäre um Ex-Verteidigungsminister Guttenberg hat ein paar nur allzu bekannte Tatsachen ins Rampenlicht gestoßen: Politiker kennen allzu häufig keine Skrupel, wenn es darum geht. Den Status quo zu verteidigen – insbesondere ihren eigenen; innerparteilichen Kadavergehorsam einzufordern, wie Horst Seehofer, der seine Kollegen Schavan und Lammert wegen ihrer eine gewisse Integrität zeigenden Kritik an KT abgewatscht sehen will, gilt als nicht weiter bemerkenswert. Und wir akzeptieren wie selbstverständlich Pseudo-Entschuldigungen, die darin bestehen, einmal traurig in eine Fernsehkamera zu gucken – statt echte Verantwortung zu übernehmen, indem man mit konkreten Konsequenzen dafür sorgt, dass die Verfehlung möglichst wiedergutgemacht wird und nicht wieder vorkommt. Was allerdings in dieser Klarheit neu ist, ist die offene Verachtung für Wissenschaft und wissenschaftliches Denken.

Für Guttenberg wird sein Betrug – nicht zuletzt durch den öffentlichen Druck durch Professoren und Doktoranden – wohl noch das verdiente Nachspiel haben: Die Uni Bayreuth prüft nun doch, ob sie die Dissertation als bewusste Täuschung einstufen soll. Mit einer Wette darauf würde man jedenfalls nicht reich werden. Und auch rechtliche Konsequenzen wegen Verletzung des Urheberrechts sind nicht ausgeschlossen, wie Guttenberg selbst in seiner Rücktrittserklärung zugeben musste. Die Erkenntnis hier ist, dass Fakten und Redlichkeit doch eine Rolle spielen, sobald sie dem weitgehenden Wunderland öffentlicher Diskussion entzogen sind. Dass die Wissenschaft (bzw. ihre Vertreter) diese Rolle lautstark und gegen zähen Widerstand erst erstreiten muss, ist allerdings kein Zufall.

Kurt Biedenkopf weist zurecht darauf hin, dass ein Mensch ein unteilbares Ganzes ist – und nicht im Privatleben betrügen, aber als Person des öffentlichen Lebens glaubwürdig sein kann. Hier sehen Wissenschaftler eine direkte Parallele einem der Grundsätze ihrer intellektuellen Welt: Niemand ist so leicht (durch die eigenen Sinne, Vorurteile etc.) hinters Licht zu führen, wie man selbst, und genau das will man in der Wissenschaft so systematisch und konsequent wie möglich verhindern.

Was das mit einem ganzheitlichen Verständnis von sich selbst (sowie seinem Bewusstsein) zu tun hat, zeigt eine seit 2 Jahren durch englischsprachige Wissenschafts-Blogs gehende Diskussion, die um die Frage kreist: Sind Wissenschaft und Religion miteinander vereinbar?

Diese Frage hat nicht zuletzt der britische Evolutionsbiologe Richard Dawkins mit seinem Buch "The God Delusion" ("TGD", dt. irreführenderweise "Der Gotteswahn") ein beträchtliches Stück in Richtung der Antwort "Nein" gerückt, indem er argumentiert, dass die Frage nach einem intelligenten Etwas, das die Welt geschaffen hat und in ihr wirkt, zweifellos eine wissenschaftliche Frage ist.

Wissenschaft in diesem weiten Sinne ist das Finden zuverlässiger Antworten auf Fragen über die allen Beobachtern gleichermaßen zugängliche Realität – egal, ob es um die Existenz einer historischen Figur geht, das Alter der Erde, den Auslöser der Pest oder darum, was effektives Lernen ist. Nach dieser Auffassung ist ein Verständnis der Erkenntnisse und vor allem der Funktionsweise der Wissenschaft unabdingbar für letztlich jede öffentliche Diskussion.

Nicht nur Guttenberg ist über diese Schwelle gestolpert – da er (bestenfalls) sich selbst in die Tasche gelogen hat, aber gerade nicht systematische Vorkehrungen dagegen getroffen hat. Das trotzige Zurschaustellen dieser Wahrnehmungslücke bis zu seinem Rücktritt hat dann auch nicht wirklich geholfen.

Von den Irrwegen der Bewahrungsversuche der Religion

Eine noch gründlichere intellektuelle Implosion als Guttenberg – wenn auch mit beträchtlich viel weniger medialer Aufmerksamkeit – hat nun gerade Richard Schröder (Theologe, ehemaliger brandenburgischer Verfassungsrichter und Bundespräsidentenkandidat) hingelegt. Der jüngst als Taschenbuch erschienene Titel "Abschaffung der Religion?" ist eine Verteidigung des Glaubens insbesondere gegen Angriffe aus der Richtung der Wissenschaft, zuvörderst Richard Dawkins und "TGD". Schröders Buch ist ungeheuer instruktiv dafür, wie groß der Realitätsverlust werden kann, wenn das Denken nicht an kritische Rationalität und empirisch gewonnene Fakten gebunden ist.

Schröders erklärtes Ziel ist es, über "die Themen des Streits [um Dawkins' "TGD" zu] informieren" – und das mit "Sorgfalt des Denkens, der Wahrnehmung und des Unterscheidens". Dazu zitiert er auch extensiv aus Dawkins' früherem Buch "The Selfish Gene" ("TSG", dt. "Das egoistische Gen"). Um den Kontext dieser beiden Bücher kurz zu erläutern: "TGD" möchte zeigen, dass die "Gotteshypothese" eines intelligenten Etwas, das die Welt geschaffen hat und in ihr wirkt, sowohl eine wissenschaftliche Frage ist als auch eine eindeutige (negative) Antwort hat; "TSG" argumentiert dafür, dass nicht das Individuum, sondern das Gen als wichtigste evolutionäre Einheit angesehen werden sollte, da sich dadurch vieles in der Evolution besser erklären lässt.

Die erste Hürde ist hier nun, die von Dawkins dargelegten Ideen fair und entsprechend ihrem Kontext darzustellen. Schließlich ist nicht nur ungekennzeichnetes Abschreiben eine intellektuelle Sünde, sondern auch den Sinn entstellendes Zitieren. Diese Hürde nimmt Schröder dann auch gleich frontal mit der Stirn: "TGD" sei ein Buch, das zum Atheismus bekehren will, Dawkins halte Religion für die Wurzel allen Übels und er meine, es überlebten nur die "stärkeren" Gene – letzteres haben laut Schröder so ähnlich auch die Nazis behauptet. Keine zehn Seiten für einen Nazi-Vergleich zu brauchen, ist alleine schon rekordverdächtig, aber zu solchen Fragen später.

Zunächst zur Frage, ob Dawkins bekehren will: Er sagt explizit, es wäre zwar schön, wenn ernsthaft Gläubige nach der Lektüre Atheisten wären, aber das zu hoffen sei wohl "vermessener Optimismus" – und das ist auch nur eine kleine Randbemerkung. Was er hingegen immer wieder betont, ist, dass er Bewusstsein schaffen will. Noch klarer verhält es sich mit der zweiten Frage, zu der Dawkins das exakte Gegenteil sagt: "Religion ist nicht die Wurzel alles Bösen." Die dritte Behauptung ist gleich doppelt hanebüchen: Selektion begünstigt Eigenschaften, die in der lokalen Umwelt zur mehr Nachwuchs als bei der Konkurrenz führen – das auf "Stärke" zu reduzieren, ist maximal ahnungslos. Was den zweiten Aspekt angeht, ist es gerade das Hauptziel von "TSG" zu zeigen, wie unser Bewusstsein uns dazu befähigt, der algorithmischen Kaltherzigkeit der Evolution gegenseitiges, menschliches Wohlwollen entgegenzusetzen – explizit weil eine nach darwinistischen Selektionskriterien organisierte Gesellschaft nicht wünschenswert wäre.

Die zweite Hürde ist der bereits erwähnte Zentralsatz der Wissenschaft: Pass auf, dass du dir nicht selbst in die Tasche lügst – mit dem Hilfssatz: Das zu verhindern kostet Anstrengung. Schröder nimmt da den einfacheren Weg und läuft einfach unter der Hürde hindurch. Eben noch wirft er Dawkins vor, "freihändig Thesen im Dutzend billiger" zu erfinden – im nächsten Atemzug behauptet er dann im Brustton der Überzeugung, Intelligenz sei "wohl angeboren", das zweckentfremdende Ausnutzen von Adaptationen (z.B. durch Kuckucke) würde "zum Aussterben führen" und dann schreibt er (hier sollte man sich lieber setzen), die Aussage, dass Atome größtenteils aus leerem Raum bestehen sei "Unfug", den "kein seriöser Wissenschaftler" behaupten würde. Die erste Aussage ist komplett sinnfrei: "alles" ist angeboren, sonst könnte man es nämlich nicht einmal ausbilden; und ebenso ist alles von Umweltbedingungen abhängig, alle unsere Sinne hängen von geeigneten Stimuli zur richtigen Zeit ab. Das hätte sich Schröder leicht von irgendeinem Biologen erklären lassen können – wie Thilo Sarrazin hat er das aber offenbar nicht für nötig gehalten.

Die zweite Frage hätte er sich sogar selbst erklären können: Sterben die von Kuckucken genarrten Vogelarten regelmäßig aus? Nein? Dann ist die Idee wohl Unfug. Und diese Bezeichnung wäre für die dritte Behauptung noch schamlos untertrieben. Seit Ernest Rutherford und mithin fast 100 Jahren wissen wir, dass der Durchmesser eines Atomkerns mehrere Größenordnungen kleiner ist als der Durchmesser des ganzen Atoms. Um zu wissen, dass Materie also tatsächlich zum größten Teil aus leerem Raum besteht, müsste man eigentlich nur irgendwann in den letzten 80 Jahren eine Schule besucht haben – oder hilfsweise mal ein Buch oder die Wikipedia zur Hand nehmen. Wie der Physiker Marcus Chown bildhaft sagt: Die gesamte Materie aller Menschen auf der Erde ließe sich in den Raum eines Zuckerwürfels komprimieren, wären da nicht die elektrischen Kräfte, auf denen unsere Erfahrung der Solidität von Materie tatsächlich beruht.

"Der Irrtum ist weit verbreitet, wissenschaftliche Erfahrungen könnten oder sollten gar die lebensweltlichen ersetzen"

All das in Erfahrung zu bringen, hält Schröder offensichtlich für unnötig und maßt sich fröhlich ein Urteil nach dem anderen über Dinge an, von denen er zwar augenscheinlich keine Ahnung, aber immerhin eine Meinung hat. Und in der Tat ist für ihn das "gelebte Selbstverständnis" der wichtigste Maßstab dafür, ob man eine Aussage akzeptieren sollte: "[D]er Irrtum ist weit verbreitet, wissenschaftliche Erfahrungen könnten oder sollten gar die lebensweltlichen ersetzen." Wo kämen wir da auch hin, wenn die Realität uns vorschreiben könnte, was wir vernünftigerweise glauben sollten?

Und Schröder schlägt dem Fass noch die Krone ins Gesicht, indem er mit verschwörerischer Geste seinem Leser weismachen will, dass Wissenschaftler tatsächlich meinen: "Glaube nicht deinen Erfahrungen, sondern uns, den Wissenschaftlern." Hier geht Ignoranz langsam in Verleumdung über, denn nicht nur ist einer der ältesten wissenschaftlichen Grundsätze überhaupt (das Motto der Royal Society) "Nullius in verba", "Traue niemandes Wort allein", sondern im speziellen ist es Dawkins’ "explizites" Anliegen, seine Leser "unabhängiger" zu machen.

Und darin zeigt sich Hürde Nummer drei: Es ist, in Bertrand Russels Worten, der "wahre Geist der Philosophie" (und daraus folgend auch der Wissenschaft), sich auf der Suche nach Wahrheit dorthin leiten zu lassen, wohin die kritische Rationalität einen führt. Wer schon von vornherein "weiß", was die Wahrheit ist, und nur nach Wegen sucht, sie bestätigt zu finden, findet Dogma, aber nie Wissen. Für Schröder ist das, dass sein "Selbstverständnis" Vorrang vor ernsthaften Erkenntnissen hat. Und was ist der entscheidende Grund, warum Schröder Christ bleibt? "Ich möchte mich lieber Gott verdanken als [egoistischen Genen]." Eine bemerkenswerte Aussage, sich ganz öffentlich für Bequemlichkeit und gegen Wahrheit zu entscheiden. Ist das, von einem Mitglied unserer vorgeblichen intellektuellen Elite, wirklich weniger ein Affront für uns als eine zwar abgeschriebene, aber (vermutlich) wenigstens inhaltlich noch der Wahrheit zugewandte Doktorarbeit?

In der Wissenschaft wird nicht mehr ernstgenommen, wer gegen jede Fakten und Argumente an seinem Glauben festhält. In zwei gesellschaftlichen Bereichen gilt das aber immer noch als Tugend: in der Religion und (zunehmend weniger) in der Politik. Über zweihundert Jahre sind seit Beginn der Aufklärung vergangen. Wird es da nicht langsam Zeit, uns vom Festhalten an persönlichem Glauben und dem Postulieren magischer Wesen zu verabschieden? Glauben, Autorität und Loyalität als Selbstzweck haben als Werte ausgedient – Zweifel und das Streben nach überprüfbarer Wahrheit werden als Werte bereits seit langem von der Wissenschaftsgemeinde vorgelebt. Alles, was wir brauchen, ist ein bisschen Mut.

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