Die Facebook-Falle

26.03.2011

Interview mit Sascha Adamek über gravierende Risiken und Nebenwirkungen des Internet-Giganten - Teil 1

In der öffentlichen Wahrnehmung ist Facebook vor allem ein riesiges soziales Netzwerk, das den Kontakt von Menschen quer über den Globus erleichtert. Doch der Kommunikationskonzern ist keineswegs eine neutrale Kontaktbörse und Mitteilungs-Plattform, sondern ein kommerziell ausgerichtetes Unternehmen. Facebook erzielt Milliardengewinne mit der Entprivatisierung seiner Nutzer, indem es deren Daten erfasst und zu präzisen Werbezwecken an Dritte weitergibt. Dass dabei nicht nur die Privatsphäre der User, sondern auch Datenschutz und Urheberrecht nach deutscher Rechtsprechung auf der Strecke bleiben, scheint das Unternehmen, das bei genauerer Recherche immer dubioser wird, nicht zu stören. Sascha Adamek war dem zweifelhaften Internet-Giganten auf der Spur und fördert in seinem Buch "Die Facebook-Falle" Brisantes zutage.

Herr Adamek, Sie schreiben in ihrem Facebook-Buch: "Das soziale Netzwerk ist eine Ideologie, die unser aller Leben nachhaltig verändern wird." - Was meinen Sie damit?

Sascha Adamek: Wenn wir Facebook beitreten, tun wir das in der Regel freiwillig. Also könnte man bei einer so offenen Bewegung annehmen, dass sie nicht viel mit Ideologie zu tun hat, weil die Ideologen dahinter fehlen - die charismatischen Leitwölfe. Tatsächlich würde ich aber von einer Ideologie der hemmungslosen Technikbegeisterung sprechen, die die Macher von Facebook umtreibt. Dem Unternehmen gelingt es ja tatsächlich, uns durch immer neue äußerst bedienungsfreundliche Werkzeuge zu einer weitgehenden Öffnung unserer Persönlichkeiten im Netz zu verleiten.

Immer mehr Interessen, Bedürfnisse und Meinungen aus unserem analogen Leben spiegeln wir freimütig in unserem digitalen Ich auf Facebook. In diesem Sinne folgen wir gegenwärtig der Vision von Mark Zuckerberg, dass wir nur eine Identität haben, die wir eins zu eins im analogen wie digitalen Leben offenlegen. Dass wir damit die Welt auch besser machen, wie Zuckerberg behauptet, wage ich zu bezweifeln. Zu allererst schaden wir uns selbst, wenn wir meinen, überall das Gleiche von uns preisgeben zu müssen. Ich finde, Geheimnisse und auch die einfache Tatsache, dass wir unserem Lebenspartner, unseren Eltern, Freunden und dem Chef nicht das Gleiche von uns mitteilen, gehören zu unserer Kultur. "Hoher sozialer Druck"

Zwar ist es Facebook gelungen, unsere Vorstellung von Privatsphäre zu verrücken, aber immer mehr Menschen leiden damit Schiffbruch und denken vielleicht erstmals über Privatsphäre im Netz nach. Wer sich die Facebook-Ideologie der einen Identität klarmacht, ist vielleicht am besten geschützt, ihr vollkommen zu erliegen.

Ist Facebook als eine Art Gehirnwäsche zu verstehen, die der Einzelne als Teil der Masse selbst produziert und die dann als verselbständigtes Ganzes gegen ihn zurückschlägt? Woher erwachsen die Konformitätszwänge bei Facebook? Was nötigt die Menschen in der virtuellen Welt, eine Existenz als Trend-Scout und Klatschreporter-ihrer-selbst zu fristen?

Sascha Adamek: Facebook hat seine eigenen Rituale, sogar seine eigene Kommunikationskultur. Dass dies in siebzig Sprachen und in den unterschiedlichsten Kulturkreisen gelingt, spricht zunächst dafür, dass diese Idee eine Sehnsucht der Menschheit anspricht: die eigene Einsamkeit zu überwinden und sich als Teil eines Ganzen zu fühlen. Das ist an sich nichts Schlechtes. Problematisch wird es erst, wenn wir als Individuen abhängig von der Technologie werden.

Wer intensiv auf Facebook unterwegs ist, weiß, dass es schwer ist, dieses innere Rad zurückzudrehen. Bei dem Versuch Facebookless in der Schweiz blieben fünfzig Mitglieder 30 Tage abstinent. Teilnehmer äußerten: "Wie wenn ich mein Tagebuch aus der Hand geben würde" oder: "Facebook ist wie ein Fenster zur Welt, und ich bin jetzt nicht am Fenster." Sie spürten alle hohen sozialen Druck der zurückgebliebenen Facebook-Freunde. "Vier Milliarden Dollar Gewinn"

Andererseits sprachen alle am Schluss davon, ruhiger und ausgeglichener gelebt zu haben. Klatsch lieben die Menschen im Übrigen auch im analogen Leben, zu Reportern werden wir aber erst durch die technische Verbreitung via Facebook. Ähnlich ist es mit der Produktwerbung. Nichts gegen freundschaftliche Empfehlungen. Aber nur Facebook gelingt es, uns selbst zu Werbeträgern, samt eigenem Bild zu machen. Das nervt aber zunehmend auch Menschen, die gern und häufig auf Facebook kommunizieren.

Welche Einnahmen hat Facebook letztes Jahr erwirtschaftet?

Sascha Adamek: Da Facebook noch nicht börsennotiert ist, sind sämtliche Daten mit einiger Vorsicht zu genießen, denn der Konzern ist noch nicht veröffentlichungspflichtig. 2009 waren es laut Facebook sechshundertfünfzig Millionen Dollar Gewinn, 2010 lagen die Einnahmen laut dem Branchendienst eMarketer bei 1,86 Milliarden Dollar, für dieses Jahr werden sie auf 4 Milliarden prognostiziert. Welche Investitionen dem gegenüberstehen, werden wir ab dem Börsengang 2012 sehen können.

Mit was genau macht die Internet-Plattform ihr Geld?

Sascha Adamek: Facebook bietet der werbetreibenden Industrie die Möglichkeit, zielgenau auf unsere Person Werbung zu schalten. Sie fordert Unternehmen direkt auf, eine Zielgruppe zu wählen, deren "Lebensstil" zu ihren Produkten passt. Auch partizipiert Facebook über Gebühren an Online-Spielen wie Farmville, die via Facebook gespielt werden können.

Worin liegt die besondere Attraktivität von Facebook für Konsummittel-Konzerne?

Sascha Adamek: Schon bevor eine Entwicklungsabteilung ein neues Produkt auf den Markt wirft, kann das Unternehmen in die fünfhundert Millionen Nutzer starke Community "hineinhören". Sie mindern das Risiko, eine Bauchlandung zu erleben, indem sie schon vorher Änderungen unserer Bedürfnisse und Interessen messen. Dafür stehen ihnen bereits heute Mittel des opinion minings zur Verfügung, also einer Art Meinungsumfrage, von der aber wir Nutzer gar nichts mitbekommen. Und ist ein Produkt auf dem Markt, können die Unterhaltungen auf Facebook auf Stichworte getrackt werden, die das Produkt betreffen. Die hier verwendeten Programme sind bereits so ausgefeilt, dass sie "am Tonfall" eines Satzes erkennen, ob wir ein Produkt gut oder problematisch finden. Hinzu kommen die offensichtlichen Instrumentarien wie der "Gefällt-mir"-Button und Fanseiten.

Sogenannte "Community-Manager" aus der Werbebranche können zugleich dafür sorgen, Beschwerden über Produkte schon digital abzufangen und kurzfristig zu bearbeiten. Der Vorteil für die Kunden: Sie müssen sich nicht mehr in Warteschleifen quälen. Der Vorteil für das Management: Sie brauchen keine unkontrollierte Welle der Empörung über ein Produkt mehr zu fürchten.

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