"Der Segen der schnellen Vernetzung kann zugleich zum Fluch werden"

27.03.2011

Interview mit Sascha Adamek über gravierende Risiken und Nebenwirkungen der Internet-Plattform - Teil 2

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg gibt sich unpolitisch. Doch sein Unternehmen birgt erhebliches Potenzial für Geheimdienste, die die weltweit sechshundert Millionen Nutzer des sozialen Netzwerks mühelos ausspionieren können. Personelle Verstrickungen im Facebook-Aufsichtsrat mit der Neocon-Bewegung und der CIA-Cyberfirma In-Q-Tel legen zumindest den Verdacht sehr nahe, hier gehe es eher um den flächendeckenden Zugang auf persönliche Daten für das Pentagon, als um die propagierte Internet-Demokratie. Auch die Rolle Facebooks bei den Volkserhebungen in Nordafrika und in Iran ist nicht so eindeutig positiv, wie oft dargestellt. Denn die Internet-Plattform wird nicht nur von den Aufständischen, sondern auch von staatlichen Repressionsorganen für ihre Zwecke genutzt. Teil 2 des Gesprächs mit Sascha Adamek über sein Buch "Die Internet-Falle".

Wer sind die Schlüsselfiguren bei Facebook, wo kommen sie her und verfolgen sie mit der Internet-Plattform eventuell auch politische Zwecke?

Sascha Adamek: In Erscheinung tritt meist Mark Zuckerberg, von dem allerdings keine politischen Äußerungen bekannt sind. Er propagiert häufig, dass wir die Welt besser machen, indem wir uns besser vernetzen und noch offener kommunizieren. Ansonsten hängt vor allem der Hedgefonds-Manager und erster Facebook-Investor Peter Thiel einer politischen Ideologie an. Er bezeichnet sich als libertär, will die Rolle des Staates zurückdrängen, ist gegen Steuerzahlung. Zugleich ist er ein Futurologe: Er spendet Geld für ein Institut zur Erforschung der Künstlichen Intelligenz und für eines zur Überwindung des Alterns. Er negiert Probleme wie soziale Ungerechtigkeit oder die Klimaerwärmung und hält die Singularität, also die Schaffung einer übermenschlichen technischen Intelligenz im transnationalen Maßstab für die einzige Antwort auf unsere Probleme. Zudem verachtet er den Multikulturalismus und paktierte mit erzkonservativen amerikanischen Obama-Hassern. Dass er im fünfköpfigen Vorstand von Facebook sitzt, passt eigentlich nicht zum liberal-demokratischen Image von Facebook.

Welches Erkenntnispotenzial bietet Facebook, falls eine Regierungsbehörde oder ein Geheimdienst wie die CIA Einblick gewinnen könnte? Existieren bereits Verbindungen zwischen CIA und Facebook? Welche Funktion erfüllt dabei das Unternehmen In-Q-Tel?

Sascha Adamek: Ich bin bei dieser Recherche ganz facebook-like vorgegangen und habe mir die Freunde und Freunde der Freunde von Facebook angesehen. Dabei hat mich ein Artikel des Guardian-Autors Tom Hodgkinson inspiriert, der über Facebook schrieb, es sei ein "freiheitsfeindliches Experiment der globalen Manipulation". Auffällig ist: es gibt eine Häufung von Vertretern militär- und geheimdienstfreundlicher Manager auch in Firmen, die in Facebook investiert haben.

Nehmen Sie Howard Cox vom Facebook-Investor Greylock Partners. Der sitzt zugleich im Aufsichtsrat der Firma In-Q-Tel. Dieses Unternehmen hat die CIA gegründet, um Start-ups im Internet zu finanzieren und zugleich am technologischen Fortschritt teilzuhaben. In-Q-Tel wiederum stützte das Unternehmen Visible Technologies, die aktiv hunderte Webseiten auf Inhalte abhören, im Auftrag von Konsumgüterproduzenten, aber auch im Auftrag der CIA.

Der Geheimdienst will wissen, was weltweit hunderte Millionen Menschen auf Facebook oder Twitter posten. So etwas haben früher nur Diktaturen gemacht. Michael Hayden, ehemaliger Direktor der Dienste NSA und CIA sagte dazu einmal: "Geheime Informationen sind nicht alles in unserem Beruf, und es macht wirklich Spaß, Probleme mit Hilfe von Informationen zu lösen, weil Leute so dumm waren, diese offen ins Netz zu stellen." Facebook habe ich zu den zahlreichen Kontakten ihres Lobbyisten in Washington in den Geheimdienstsektor angefragt. Die Antwort: Keine.

Welche weitere Gefahren und Risiken beherbergt Facebook für seine Benutzer? Wie kann es bei Facebook zu Cybermobbing-Attacken kommen?

Sascha Adamek: Die Gefahr von Cyber-Attacken laufen wir durch alle digitalen Spuren, die wir im Netz hinterlassen, da geht es nicht nur um Facebook. Das Netzwerk bietet allerdings neben dem Sog, viele private Details und Interessen dort einzuspeisen, eine weitere Angriffsfläche: unsere Vernetzung wird offengelegt und damit der Weg, Verunglimpfendes zielsicher und schnell weiterzuverbreiten. Natürlich spiegeln sich im Cybermobbing die gleichen hässlichen Gefühle wie Neid, Missgunst, Hass oder Eifersucht, die auch das richtige Leben zur Hölle machen können. Böswillig gestreute Gerüchte und Verleumdungen verbreiten sich im Netz allerdings um ein Vielfaches schneller und sie erreichen viele Menschen gleichzeitig.

Ein privater Musiklehrer wunderte sich, dass immer mehr Schüler absagen, obwohl alle immer zufrieden waren. Dann erfährt er von einer Facebook-Seite, die ihn als Pädophilen verunglimpft, der obendrein Adolf Hitler umarmt. Der Mann weiß bis heute nicht, wer ihn so gemobbt hat. Und die Löschung solcher Daten durch professionelle Reputationsmanager kostet viel Geld. Unter dem Strich würde ich raten: So wenig private Details wie möglich preisgeben, schon gar keine Fotos, denn die lassen sich prächtig für rufschädigende Attacken manipulieren. Wie weit wir gehen, müssen wir mit uns selber ausmachen wie im richtigen Leben.

Was können zum Beispiel Personalchefs durch Recherche auf Facebook erfahren, was ihnen sonst verwehrt bliebe?

Sascha Adamek: Mich hat eine Dimap-Studie im Auftrag des Bundesverbraucherministeriums überrascht. Danach checken rund ein Drittel der Unternehmen Bewerber in sozialen Netzwerken. Noch überraschender sind die Kriterien: Nur knapp die Hälfte der Unternehmen, die Bewerber im Netz checken, stört, wenn sie online entdecken, dass ein Bewerber ein Partylöwe ist. Sechsundsiebzig Prozent störte aber, wenn sich Arbeitnehmer im Netz negativ über Arbeitsbedingungen geäußert haben. Man sieht: Unternehmen halten nichts von Demokratie und freier Meinungsäußerung im Netz. Das ist schade, denn vor fiesen Arbeitgebern könnten gerade im Netz nachhaltig gewarnt werden. Auch im Facebook-Zeitalter bleiben wir gezwungen, uns zu überlegen, wem wir was wann wie vertraulich mitteilen.

Besteht die Gefahr, dass man sich aufgrund von Kommentaren bei Facebook unabsichtlich strafbar macht?

Sascha Adamek: Die Strafrechtsparagraphen gegen Verleumdung, übler Nachrede, aber auch Volksverhetzung gelten auch für die Inhalte, die wir auf Facebook posten. Nur braucht es keine Zeugen, der einfache Ausdruck aus unserem Profil genügt den Staatsanwaltschaften, es sei denn, die Profile sind gefaked.

Wie kann man persönliche Inhalte bei Facebook davor sichern, dass unerwünschte Dritte darauf Einsicht erlangen?

Sascha Adamek: Es ist zwar kompliziert, aber Facebook hält eine Menge Einstellungen bereit, selbst zu bestimmen, welche Freunde auf welche Daten oder Fotos zugreifen können. Es lassen sich auch unterschiedliche Gruppen von "Freunden" bilden. Vor Beginn sollte man sich also intensiv mit den Privatsphäre-Einstellungen befassen. Auch würde ich niemals alle Angebote von Facebook wie die Suchmaschine , E-Mail, Telefon nutzen, um nicht von einem Netzwerk abhängig zu werden.

Sie geben in ihrem Buch die Einschätzung ab, dass "ähnlich wie in der analoge(n) Klassengesellschaft auch die digitale konserviert wird, weil nicht mehr alle Menschen den gleichen Zugang zu Informationen haben." - Ist das nicht ein wenig übertrieben?

Sascha Adamek: Ich hoffe, diese Sorge wird sich als übertrieben erweisen. Aber der Druck, bei Facebook mitzumischen, macht ja selbst vor meiner Branche, den öffentlich-rechtlichen Sendern oder Verlagen nicht Halt. Und, ob es mir gefällt oder nicht, auch mein Buch kann man auf der Verlagsseite "liken". PR-Leute, Marketingleute und Makler aller Art sagen, sie könnten schon heute nicht mehr auf Facebook verzichten. Facebook bietet einfache Werkzeuge an. Das wird aber zugleich zu Lasten eigener Präsentationsbemühungen im Internet gehen. Parallel auf Facebook und mit einer gut gepflegten eigenen Seite im Netz zu sein, dürfte viele Unternehmen personell und finanziell überfordern. Wer aber auf Facebook Erfolg haben will, kommt so schnell nicht mehr weg. So gelingt es Facebook das "Fenster zum Web" zu werden. Und wer nicht dabei ist, kann weder aus dem Fenster heraus, noch hereinschauen.

Ist es möglich, dass Facebook eines Tages für seine Dienste Geld zu verlangt?

Sascha Adamek: Facebook hat diese Spekulation immer wieder geleugnet und ich glaube: zu Recht. Sie haben das angesichts rasant steigender Einnahmen aus der Werbung gar nicht nötig.

Wie hoch ist das Potenzial von Facebook für eine rationale politische Willensbildung oder gar für Widerstand? Welche Rolle hat Facebook bei den Aufständen und Umstürzen im Iran und in Nordafrika gespielt?

Sascha Adamek: Wie wir in Ägypten oder Tunesien beobachten konnten, kann Facebook gut für eine Massenmobilisierung genutzt werden. Ich denke trotzdem, dass es die Unrechtsverhältnisse selbst sind, die den Widerstand hervorbringen und diese Revolten nicht einfach mit dem Namen "Facebook" etikettiert werden sollten. Libyen ist kaum vernetzt und trotzdem kippt das Regime. Der Segen der schnellen Vernetzung kann zugleich zum Fluch werden. So wurden in Iran 2009 Oppositionelle verhaftet, weil der Geheimdienst ihre Profile hatte mit sämtlichen Aktivitäten und Verbindungen ausgewertet hat, ja sogar eigene Facebook-Profile angelegt hatte, um Menschen auszuhorchen.

Vor dem Sturz von Präsident Ben Ali in Tunesien gelang es der Regierung durch Pishing-Mails, die Facebook-Konten vieler Oppositioneller und Sympathisanten zu knacken. Die Leute gaben ihr Passwort ein und ahnten nicht, dass sie damit direkt auf die Server des Regimes umgelenkt wurden. Facebook selbst reagierte darauf erst viele Wochen später, als sich Oppositionelle beschwerten, dass bestimmte Meinungsäußerungen regelmäßig verschwanden. Das zeigt mir: Die Rolle von Facebook ist janusköpfig und kann auch von autokratischen Regierungen missbraucht werden.

Wie sieht ihrer Meinung nach die Zukunft von Facebook aus? Wie hoch sind die Chancen, dass Facebook eines Tages durch eine nicht kommerziell ausgerichtete Plattform ersetzt wird?

Sascha Adamek: Ich fürchte, Facebook wird durch die immer weitere Integration vieler Internetfunktionen wie einer Suchmaschine, der Facebook-Mail, der Skype-Telefonie und einer bankenähnlichen Zahlfunktion seine Monopolstellung ausbauen. Die machen es für den Nutzer überflüssig, Facebook zu verlassen. Zum anderen kommt ein psychologisches Moment hinzu: Wer lässt schon gern seine "Freunde" im Stich? Aber vielleicht setzt sich eines Tages bei einer breiten Masse von Nutzern der Gedanke durch hat, dass Facebook die Vielfalt des Internets bedroht und uns damit ärmer macht. Und je mehr Menschen auf die Nase fallen, während sie der Vision von Facebook folgen, sich komplett offen zu legen, desto größer die Chance auf eine Rückbesinnung auf die Privatsphäre. Dann haben vielleicht nicht-kommerzielle Plattformen wie Diaspora eine nachhaltige Chance.

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