Der Frieden hat seinen Preis

11.03.2011

US-Geheimverhandlungen mit Taliban

Der NATO-Krieg in Afghanistan ist mit militärischen Mitteln nicht zu gewinnen. Das hat sich zehn Jahre nach Kriegsbeginn selbst bei den Bellizisten rumgesprochen. Also muss der "Sieg" auf andere Weise errungen werden! Die US-Regierung setzt darauf, zwischen das Bündnis aus Taliban und al-Qaida einen Keil zu treiben, und hat dazu – wieder einmal - Geheimverhandlungen mit den Taliban aufgenommen: Divide et impera! Nun wollen die Taliban ein offizielles Büro im NATO-Staat Türkei eröffnen.

Die NATO als Opfer ihrer eigenen Kriegspropaganda

Noch am Abend des 11. September 2001 gaben die Taliban eine Erklärung heraus, in der sie sich von dem Anschlag distanzierten. Allerdings wurde diese Verlautbarung damals kaum beachtet. Stattdessen begann die US-Regierung sofort mit der Aktualisierung ihrer Kriegspläne. Am 7. Oktober 2001 begann der amerikanische Angriff auf Afghanistan (OPERATION ENDURING FREEDOM – OEF).

Die Operation hatte zwei Ziele, die al-Qaida aus Afghanistan zu vertreiben und das Taliban-Regime in Kabul zu stürzen. Mit dem Angriff auf Tora-Bora im Dezember 2011 flüchteten die letzten geschlossenen Einheiten der al-Qaida – mit stillschweigender Duldung des Pentagon - ins pakistanische Waziristan, wo vermutlich Osama Bin Laden und Ayman al-Zawahiri bis heute untertauchen konnten, so dass dieses Ziel nur bedingt erreicht werden konnte. Auch das zweite Ziel wurde nicht verwirklicht. Zwar konnten die amerikanischen Truppen das Taliban-Regime in Kabul stürzen und mit Hamid Karzai eine US-Import-Marionette installieren, aber das Land wird zu großen Teilen weiterhin von den Talibaneinheiten kontrolliert.

Es sind im wesentlichen sechs verschiedene Gruppierungen, gegen die die NATO-Truppen heute Krieg führen: die drei afghanisch-paschtunischen Organisationen Taliban (Mullah Mohammed Omar), "Hezb-e Islami" (Gulbuddin Hekmatyar) und das "Haqqani-Netzwerk" (Jalaluddin Haqqani), sowie die drei transnationalen Gruppierungen "Qaida al-Islami" (Osama Bin Laden), "Islamische Bewegung Usbekistan" (Usmon Odil) und deren Abspaltung "Islamische Dschihad-Union" (Abdallah Fatih).

"Wer nicht für uns ist, ist gegen uns!", verkündete George Bush und in der Folge unterstellte die Kriegspropaganda der NATO, dass die Taliban und die al-Qaida eine Einheit seien. Nach der Militärlogik der NATO muss der Feind zerschlagen werden, um den "Terrorherd" Afghanistan ein für allemal auszumerzen, damit von afghanischem Boden keine weitere Terrorgefahr für die USA und die Staaten Europas ausgeht.

Man erinnere sich nur an die Bemerkung des damaligen Bundesverteidigungsministers Peter Struck (SPD), die Sicherheit der Bundesrepublik würde am Hindukusch verteidigt. Um dem Krieg nicht seine vermeintliche Legitimationsgrundlage zu entziehen, musste die Kriegspropaganda der NATO bewusst verschweigen, dass von den Taliban nie eine Terrorgefahr für Deutschland bzw. Europa ausgegangen war. Damit diese Rhetorik funktionierte, mussten alle Differenzen zwischen Taliban und al-Qaida verschwiegen werden. Die Folge davon war, dass die NATO die Differenzen zwischen den verschiedenen Widerstandgruppen lange Zeit nicht für ihre Kriegführung ausnutzen konnte, sondern immer tiefe in dem afghanischen "Sumpf" versank.

Reale Unterschiede zwischen Taliban und al-Qaida

Dabei sind "Da Afghanistan da Taliban Islami Tahrik" (Kurzname: Taliban) und "Qaida al-Islami" (Kurzname: al-Qaida) zwei verschiedene Organisationen, die sich bisher nicht miteinander vereinigt haben und dies auch in Zukunft nicht tun werden. Schließlich haben sie kaum Gemeinsamkeiten, wie u. a. eine neue Studie Separating the Taliban from al-Qaeda: The Core of Success in Afghanistan vom Februar 2011 belegt. Die beiden Autoren, Alex Strick van Linschoten und Felix Kuehn arbeiten z. Zt. in Kandahar und betreiben die Website Afghan Wire. Ihre Analyse wurde vom Center on International Cooperation der New York University veröffentlicht.

Taliban und al-Qaida sind "islamistisch" geprägt, allerdings wird der arabische Wahhabismus der al-Qaida-Mitglieder von den Taliban nicht geteilt, die der hanafitisch-deobandischen Strömung angehören. Außerdem verorten sich beide Gruppierungen in der Tradition der Mudschaheddin, die in den achtziger Jahren gegen die sowjetischen Besatzer kämpften. Allerdings wurde al-Qaida erst 1989 gegründet, also in dem Jahr, als die sowjetischen Truppen abzogen, und die Taliban bildeten sich erst ab 1994 aus den Reihen ehemaliger Kriegsflüchtlinge und ihrer Kinder in Pakistan. Immerhin bestehen zwischen Taliban und Mitgliedern der al-Qaida persönliche Freundschaften, die sich erst durch den gemeinsamen Kampf gegen die Amerikaner herausgebildet haben. Schließlich gilt auch in diesem Fall die Parole: Der Feind meines Feindes ist mein Freund.

Die Taliban rekrutieren sich lediglich aus Paschtunen, die oftmals nur über die einfache Schulbildung der pakistanischen Koranschulen verfügen. Sie streben die politische Macht in Kabul an, um ihr afghanisches Emirat zu errichten. Der Krieg in Afghanistan ist ihr Ursprung und Lebensinhalt. Ansonsten verfolgen sie keine über den afghanischen Raum hinausgehenden Interessen. So haben die Taliban auf dem Gebiet der internationalen Politik bisher nur wenige Erfahrungen sammeln können. In diesem Sinne sind die Taliban "apolitisch".

Gegenüber den Taliban hat die al-Qaida eine völlig konträre Charakteristik. Sie setzt sich vor allem aus Arabern zusammen, die oft über eine höhere Bildung verfügen und mehrere Länder bereist haben. Die Gruppierung verfolgt eine weltweite panislamistische Mission. Nach ihrer Auffassung stehen sie im Krieg gegen Amerikaner und Juden und wollen die korrupten Marionettenregime in den arabischen Staaten stürzen. Der Krieg in Afghanistan ist dabei nur eine Etappe in ihrem historischen Kampf.

In den Jahren 1996 bis 2001 war das Verhältnis zwischen Taliban und al-Qaida schwierig, da beide Organisationen kaum Kenntnisse übereinander besaßen. Außerdem nutzte die Führung der al-Qaida die politische Unerfahrenheit der Taliban auf internationalem Parkett für eigene Zwecke aus, was aber längerfristig kontraproduktiv war, da die Taliban schließlich merkten, dass sie von Führung der al-Qaida benutzt worden waren. So warfen die Taliban Osama Bin Laden vor, dass er ihre Gastfreundschaft missbraucht hatte. Außerdem befürchteten einzelne Talibanführer, wie z. B. Mullah Mohammad Rabbani, dass die aggressive Politik der al-Qaida negative Auswirkungen für die afghanische Bevölkerung haben würde.

Für die Autoren Strick und Kuehn ergibt sich daraus folgende Schlussfolgerung:

The claim that the link between the Taliban and al-Qaeda is stronger than ever, or unbreakable, is potentially a major intelligence failure that hinders the United States and the international community from achieving their core objectives. Al-Qaeda and the Afghan Taliban remain two distinct groups, with different membership, agendas, ideologies, and objectives.

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