Die Plünderer kommen

In den USA stehen die öffentlichen Bibliotheken unter Beschuss

Obwohl die Welle der Privatisierungen öffentlicher Güter in den letzten Jahren gebremst werden und teilweise sogar wieder umgekehrt werden konnte, ist der globale Angriff nicht vorbei. In dem Roman "Zeilengeld" von George Gissing wird beschrieben, wie die Autoren des viktorianischen Zeitalters dazu tendierten, immer mehrbändige Schwarten zu produzieren, weil ihr Honorar erstens nach dem titelgebenden Zeilengeld berechnet wurde und weil sich mehrbändige Schwarten damals bei den privaten, kommerziellen Leihbibliotheken besser zu Geld machen ließen. Suchtleser, das weiß das Gewerbe heute so gut wie damals, bleiben gerne an einer fiktiven Welt mit Seriencharakter hängen und zahlen auch gerne dafür.

Manche hätten diese Zeiten der ungehemmten Monetarisierung geistiger Inhalte gerne zurück. Und die selbst verschuldete Schwäche der öffentlichen Haushalte macht ihnen die Tür auf. Städte in Kalifornien sind so pleite, dass sie ihre öffentlichen Bibliotheken privatisieren, also mit Macht in die Zeiten zurückzuspringen wollen, die in "Zeilengeld" so unschön beschrieben sind. Das Ruder übernehmen will eine Firma namens Library Systems and Services (LSSI), hinter der wiederum "Islington Capital Partners", eine Investorengruppe steht.

Grafik: Nina Paley. Lizenz: CC-BY-SA.

Selbstverständlich versucht man den Bibliotheksnutzern und den Angestellten die "Public Private Partnership" mit schönen Versprechungen schmackhaft zu machen. Mehr Bücher soll es geben und alles soll schöner werden, die Richtlinienkompetenz bleibe bei den kommunalen Verwaltungen, die Angst vor der Übernahme sei nicht gerechtfertigt. Was von solchen Versprechungen zu halten ist, kann man sich bei den Privatisierungsvorgängen in anderen Branchen ansehen.

Bitter haben die Betroffenen von Wasserprivatisierungen für die Dummheit und Korruptheit ihrer gewählten Vertreter und Vertreterinnen bezahlt, und obwohl erste Anfänge gemacht sind, wird es noch lange dauern, die Selbstverständlichkeit, dass die Wasserversorgung keine Privatsache sein kann, wieder im öffentlichen Bewusstsein zu verankern.

Und bei der Information, die man diesem Zusammenhang getrost als "geistiges Wasser" ansprechen kann, ist man nicht einmal so weit wie beim richtigen Wasser. So dauert es eine Weile, bis folgendes Ansinnen eines Verlags wie HarperCollins an die Öffentlichkeit dringt und für Aufsehen sorgt: Der Verlag fordert von öffentlichen Bibliotheken in den USA allen Ernstes, dass DRM-geschützte E-Books, die 26 Mal verliehen worden sind, von der Bibliothek neu beschafft werden müssen.

Warum 26 Mal? Weil der Verlag behauptet, dass auch gedruckte Bücher nach 26 Verleihvorgängen verbraucht seien und von den Bibliotheken ersetzt werden müssten. Diese schamlose Wegelagerei, die in aller wünschenswerten Deutlichkeit die Probleme des Digital Rights Management in der Literatur klar macht, trifft allerdings auf wachsenden Widerstand. Nicht nur haben US-Bibliothekarinnen die Behauptungen von HarperCollins eindrucksvoll per Video widerlegt.

Es gibt auch bereits ein Manifest, ebenfalls von einer Bibliothekarin verfasst, das für die Benutzer von E-Books bestimmte Grundrechte fordert, so zum Beispiel das Recht, den Inhalt auf jedem beliebigen Reader nutzen zu können, den Text mit Notizen versehen, und das E-Book verleihen und wieder verkaufen zu dürfen. In eine ähnliche Richtung zielt die Initiative Librarians against DRM mit ihren Forderungen.

Bei all dem könnte man auf die Idee kommen, dass die Papierform für das Buch keineswegs ausgedient hat, sondern in Wirklichkeit der Garant für die nutzerfreundliche Archivierung von Wissen ist. Aber auch jede Menge ausgedruckter E-Books und traditionelle Bücher in öffentlichen Bibliotheken nützen nichts, wenn der Zugang zu den öffentlichen Bibliotheken durch Privatisierung künstlich verknappt wird. Die Website der kalifornischen Bibliothekare gegen die Machenschaften der Bibliotheksprivatisierer sieht putzig aus, aber ernster kann das Thema kaum sein. Der Kampf gegen die Dummheit hat gerade erst begonnen.

Marcus Hammerschmitt ist Schriftsteller und Journalist, seine E-Books werden DRM-frei angeboten.

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