Haben die Medien für die Depeschen WikiLeaks bezahlt?

22.03.2011

Ein angeblicher Informant aus dem inneren Zirkel berichtet von entsprechenden Deals, die ihm nicht gefallen haben

Als ich kürzlich die Ehre hatte, im Literarischen Salon in Hannover mit dem Spiegel-Redakteur Holger Stark ein Gespräch zu führen, war ich natürlich auch gespannt auf die Beantwortung der Frage, ob denn die fünf beteiligten Medien an WikiLeaks für den Zugang zu den US-Depeschen Geld bezahlt hatten. Stark hat zusammen mit seinem Kollegen Marcel Rosenbach das Buch "Staatsfeind WikiLeaks" geschrieben, war an der Veröffentlichung der Depeschen des US-Außenministeriums beteiligt und hat des Öfteren auch Julian Assange getroffen.

Im Buch ist über die Einzelheiten der Vereinbarungen nichts zu lesen. Das ist auch so im Buch der Guardian-Journalisten "WIKILEAKS: Inside Julian Assange's War on Secrecy". Stark sagte in Hannover, es sei kein Geld von den zu Beginn exklusiv beteiligten Medien (Spiegel, New York Times, Guardian, Le Monde, El Pais) geflossen. Man habe vor allem ausgemacht, gleichzeitig mit den Stories an die Öffentlichkeit zu gehen.

Von Assange war darüber auch nichts zu hören, sein Buch steht ja auch noch aus (offenbar müssen die wichtigen Beteiligten an dem Internetphänomen Bücher schreiben). In dem Buchvertrag habe er nur deswegen eingewilligt, sagte Computernerd Assange einmal, weil er Geld für seine Verteidigung und für WikiLeaks brauche. Ansonsten wird um Spenden geworben.

Allerdings entsteht der Verdacht bei einem derartigen Scoop wie Cablegate, der auf dem Höhepunkt der Bekanntheit von WikiLeaks stattfand und zunächst wie schon zuvor nur wenigen Medien die Möglichkeit bot, mit ins Boot zu steigen, dass dies nicht nur aus Idealismus geschieht. Den Verdacht scheint nun ein Chat-Interview eines Mitarbeiters der französischen Zeitung Nouvelle Observateur mit einem WikiLeaks-Insider, der angeblich zum inneren Zirkel gehört, zu verstärken. Der Interviewpartner blieb allerdings anonym, ob er tatsächlich bei WikiLeaks mitarbeitet oder mitgearbeitet hat und die Wahrheit spricht, muss dahingestellt bleiben. Offensichtlich erschien Nouvelle Observateur die Story so glaubwürdig, dass sie veröffentlicht wurde, obwohl Assange und der WikiLeaks sich dazu bislang nicht äußern wollten und auch Le Monde weiter versichert, dass zwischen WikiLeaks/Assange und der Zeitung kein Cent geflossen sei.

Der angebliche WikiLeaks-Informant sagte zunächst, wie dies auch Daniel Domscheit-Berg getan hat, dass im Augenblick seit der Abspaltung im letzten Jahr keine Leaks mehr online entgegen genommen werden können, weil die technischen Voraussetzungen nicht mehr vorhanden seien. Dass WikiLeaks mit traditionellen Massenmedien zusammenarbeitet, wie dies seit den afghanischen und irakischen War Logs der Fall war, sei nicht das Ziel und das eigene Interesse gewesen. An sich wolle WikiLeaks ohne jede Zensur Dokumente veröffentlichen und nur eine Art Zusammenfassung schreiben, wenn sie zu umfangreich sind. Die Zusammenarbeit mit Massenmedien, die die Dokumente bearbeiten, entspreche nicht den Prinzipien und Idealen von WikiLeaks, man habe dies gemacht, damit die Namen von Informanten oder andere Details entfernt würden. Dass die Zusammenarbeit natürlich auch die Aufmerksamkeit auf WikiLeaks lenken sollte, wird allerdings nicht erwähnt.

Der anonyme Informant sagte weiter, dass sich die Finanzierung von WikiLeaks, die auch ihr oder ihm undurchschaubar sei, in der letzten Zeit geändert habe. Früher sei man nur auf Spenden angewiesen gewesen, dann aber man die Depeschen an die Medien verkauft und im November des letzten Jahres ein Unternehmen in Island gegründet. Sunshine Press habe die Gelder entgegengenommen und Fonds eingerichtet, um für Assanges Verteidigung aufzukommen und Bradley Manning zu unterstützen.

Auf Nachfrage wird noch einmal bestätigt, dass die großen Zeitungen die Depeschen auf der Grundlage eines vertraulichen Abkommens gekauft hätten, nach dem WikiLeaks den "Informationsfluss" kontrolliere. Die Medien dürfen die Dokumente veröffentlichen, die ihren lokalen Einflussbereich betreffen, aber sie sollen nichts über die Kommunikation mit WikiLeaks und das Abkommen berichten. Dass Geld gezahlt wurde, gefiel dem angeblichen Informanten offenbar gar nicht: "Dass WikiLeaks Geld aus einer Information macht, ist an sich skandalös, aber dass es Geld aus der Information eines anderen (der Quelle) macht, ist noch viel schwerwiegender." Ein "Robin Hood" habe die Depeschen dann aus Protest an Aftenposten und andere Medien umsonst weiter gegeben. Das sei ein Schock gewesen, Assange habe, um sein Gesicht zu wahren, dann vorgegeben, Aftenposten sei auch ein Partner von WikiLeaks.

Dass WikiLeaks auch für die Mitarbeiter undurchsichtig bleibt, wird vom anonymen Informanten aber prinzipiell verteidigt, weil dies deren Schutz diene: "Die Anonymität ist entscheidend, um das Geheimnis zu schützen, das die Leaks umgibt." Und die große Frage wird nun sein, ob der Leak dieses angeblichen Whistleblowers aus dem inneren Zirkel von WikiLeaks stimmt.

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