Das System ist die Katastrophe

26.03.2011

Wird Fukushima zum Tschernobyl des spätkapitalistischen Weltsystems?

Welche Folgen wird die Katastrophe in Japan auf die Weltwirtschaft, ja auf das gegenwärtige kapitalistische Weltsystem haben? Selbst dessen berufsmäßige Apologeten kommen bei der Auseinandersetzung mit dieser Frage so langsam ins Grübeln. Das japanische "Nuklearbeben" erschüttert inzwischen so manche Gewissheiten in den Redaktionsstuben der Wirtschaftspresse, die sich plötzlich mit grundsätzlichen Fragen unserer Wirtschaftsweise konfrontiert sieht.

Deutschlands Kommentatoren etwa sehen zwar noch keine rosa Elefanten, dafür aber lauter schwarze Schwäne. Wenn Gabor Steingart, derzeit Chefredakteur des Handelsblatt, die grundlegende Erschütterung seiner Weltanschauung in adäquate Begriffe zu kleiden versucht, dann greift er auf poetisch klingende, aber möglichst unverbindliche Metaphern zurück, wie jene vom "schwarzen Schwan". Das entsprechende Theorem besagt im Grunde schlicht, dass unerwartete Ereignisse unabsehbare Folgen nach sich ziehen.

Diese substanzlose Denkfigur eignet sich perfekt, um Steingarts Ahnung vom "Ende der Normalität" in einer "Welt ohne Halt", die alte Gewissheiten "zerstört", einen begrifflichen Ausdruck zu verleihen. "Das Verrückte wurde normal. Die Normalität spielt verrückt," so der Handelsblatt-Chefradakteur, der nachfolgend etliche Extremereignisse in eine Reihe stellt, wie die Terrorangriffe auf das World Trade Center, die Finanzkrise, den arabischen Aufstand - und die drohende Stilllegung der deutschen Atommeiler.

Selbst einer der berüchtigsten neoliberalen Einpeitscher des bundesrepublikanischen Medienbetriebs, Ifo-Chef Hans-Werner Sinn, scheint zumindest kurzzeitig in seinen Überzeugungen zu schwanken: "Was vor Kurzem noch als unwahrscheinlich, wenn nicht unmöglich galt, findet statt." Der Glaube der Menschen an die Stabilität der Welt sei erschüttert worden "wie nie zuvor seit dem Zweiten Weltkrieg. Viele sehen das Ende des Wachstums, das Ende der Technik, das Ende der Moderne – oder gar den Anfang vom Ende der Zivilisation." Die "Apokalypse" in Japan treffe ein Weltsystem, das bereits durch zwei Krisenwellen ganz anderer Art geschwächt wurde:

In der ersten Welle der Finanzkrise kollabierten weltweit Hunderte von Banken, unter ihnen bekannte Adressen der USA. ... In der zweiten Welle, die gerade voll im Gange ist, drohen ganze Staaten in Europa pleitezugehen.

Hans-Werner Sinn

Sinn kann aber selbst diese Katastrophenkaskade nur kurz erschüttern:

Man muss nur die Lehren aus den Unglücken ziehen und bessere Banken, Staaten und Kraftwerke bauen.

Hans-Werner Sinn

Etwas konkreter bei der Einschätzung der gegenwärtigen Lage werden Steingarts Kollegen von der Financial Times Deutschland (FTD). Der Kolumnist Wolfgang Münchau, der vor einer "Kernschmelze des Kapitalismus" warnt, thematisiert die Wechselwirkungen zwischen der Katastrophe in Japan, den Folgen der "Finanzkrise", sowie dem Preisauftrieb bei Energieträgern. Es sehe dabei so aus, als ob "unser gesamtes kapitalistisches System unter den von ihm generierten Krisen zusammenbrechen" würde, so Münchau.

Die Verwüstungen in Nippon hätten demnach bereits ein "makroökonomisches Ausmaß" erreicht, dass eine abermalige "Schuldenkrise" auslösen könne, "die sich zu den bestehenden Schuldenkrisen gesellt". Zudem bereitete das Erdbeben in Nippon auch der "Hausse an den globalen Aktienmärkten" ein Ende. Die "überfällige Marktkorrektur" an den Finanzmärkten könnte "wiederum indirekte Auswirkungen auf die Wirtschaftsleistung der Industrieländer" haben. Überdies würden nun die Energiepreise verstärkt anziehen, diese "Teuerung wird das Wirtschaftswachstum in der westlichen Welt verlangsamen und damit die Möglichkeit einschränken, aus der Finanzkrise herauszuwachsen."

Der Tschernobyl-Effekt

Mit der allgegenwärtigen Schuldenkrise und den steigenden Energiepreisen benennt Münchau immerhin zwei bereits zuvor virulente Phänomene, die aus einem fundamentalen Krisenprozess des Weltkapitalismus resultieren, und die nun durch das japanische "Nuklearbeben" intensiviert werden. Fukushima könnte somit zum Tschernobyl unserer Gesellschaftsformation werden.

In der Endphase der Sowjetunion traten zwei Extremereignisse auf, die der Weltöffentlichkeit und der Bevölkerung dieses Imperiums dessen maroden Charakter voll offenbarten: Zum einen war es selbstverständlich der Super-Gau in Tschernobyl, der aufgrund der sowjetischen Geheimhaltungspolitik, des schlechten Krisenmanagements und der massenhaften "Verheizung" von Menschenleben - der sogenannten "Liquidatoren" - für Empörung sorgte. Die Folgen eines 1988 die armenische Stadt Spitak nahezu vollständig verwüstenden Erdbebens ließen sich nicht unter einem Sarkophag aus Stahlbeton verbergen.

Die sowjetische Führung sah sich erstmals genötigt, um ausländische Hilfe bei der Katastrophenbekämpfung zu ersuchen, da das in Stagnation versunkene Imperium mit der Bewältigung der Folgen dieses Bebens – bei dem circa 25.000 Menschen umkamen – überfordert war. Das verknöcherte spätsowjetische System war nicht mehr in der Lage, adäquat auf diese Extremereignisse zu reagieren oder gar alternative Entwicklungswege aufzuzeigen, was einen massiven Delegitimierungsschub des Systems innerhalb der Bevölkerung auslöste. Weder Tschernobyl noch Sidak haben die Sowjetunion "zu Fall" gebracht, aber beide Katastrophen beschleunigten die entsprechenden systemischen Erosionsprozesse.

Bei der Katastrophe in Japan fielen Tschernobyl und Sidak ineinander. Ein von Krisentendenzen gekennzeichnetes System - dies trifft aktuell auf Japan wie das Weltsystem zu - wird durch dieses Extremereignis zusätzlich destabilisiert; diese zusätzliche "äußere" Erschütterung beschleunigt die Krisendynamik weiter. Und es ist eben dieses natürliche Extremereignis, das auch den Glauben an die "Natürlichkeit" unserer Gesellschaftsformation erschüttert.

Die Schockwellen des japanischen Nuklearbebens lösten somit auch ideologische Ernüchterungsmomente aus, die bis in die Chefredaktionen der Wirtschaftspresse reichen. Ein Riss in der Matrix entsteht. Hierbei verliert unsere gern als "Marktwirtschaft" bezeichnete Gesellschaft den Schleier des Selbstverständlichen, der sie ansonsten umgibt - und gestandene Wirtschaftsjournalisten und Wirtschaftsideologen bringen dann Wörter und Begriffe wie "Apokalypse", "Welt ohne Halt" oder kapitalistische "Kernschmelze" zu Papier. Die Endzeitstimmung ist so weit verbreitet, dass inzwischen die entsprechenden Erzeugnisse der Kulturindustrie nicht mehr termingerecht publiziert werden.

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