Fukushima erhöht Restrisiko

30.03.2011

Die Energie- und Klimawochenschau: Nach der Wahl die große Kernschmelze der Atomlobby

Am vergangenen Montag vor 32 Jahren begann in der Nähe der US-amerikanischen Stadt Harrisburg ein AKW-Unfall (30 Jahre Harrisburg), der viele Menschen in der westlichen Welt aufrüttelte. Der Reaktor Three Mile Island geriet zeitweise außer Kontrolle. Es kam zur teilweisen Schmelze der Brennstäbe, aber der Unfall verlief noch so eben glimpflich. Es kam nicht zu größeren Explosionen, dennoch wurde eine erhebliche Menge an radioaktivem Inventar freigesetzt. In der Folge entstand soviel öffentlicher Druck, dass der weitere Ausbau der US-Atomindustrie gestoppt wurde.

Ob es im japanischen Fukushima auch noch glimpflich abgehen wird, ist derzeit eher ungewiss. Schon jetzt sind die freigesetzten Mengen radioaktiven Materials offensichtlich um etliches größer als seinerzeit in den USA. Nun haben die japanischen Behörden zumindest endlich - mit zweiwöchiger Verspätung - zugegeben, dass es in einem der Reaktoren zu einer Teil-Kernschmelze gekommen ist. Das hatten viele Experten ohnehin erwartet, und diese Art von Informationspolitik schafft nicht gerade Vertrauen in die Verantwortlichen.

Auf jeden Fall gelangten in den vergangenen zwei bereits große Mengen Radioaktivität in die Umwelt, ein Ende der Freisetzung ist noch nicht in Sicht. Die Internationale Atomenergieagentur IAEA berichtete in ihrem Briefing am Montag von einem hohen Niveau an Radioaktivität, das sie in einer Zone von 30 bis 46 Kilometer um Fukushima Daiichi (Fukushima I) gefunden hat. Das ist noch jenseits jener 20-bis-30-Kilometer-Zone, für die die Regierung weiter zögert, eine Evakuierungsorder auszugeben. Die Menschen dort werden nur dazu aufgefordert, ihre Wohnungen und Häuser nicht zu verlassen oder "freiwillig" sich aus der Zone zu entfernen.

Eintrittwahrscheinlichkeit steigt auf 0,87 Prozent

Wie es aussieht, kann man wohl leider davon ausgehen, dass es in allen drei außer Kontrolle geratenen Reaktoren zu einer Beschädigung der Brennstäbe und zur teilweisen Kernschmelze gekommen ist. Das wären dann mit Harrisburg 1979 und Tschernobyl 1986 der weltweit dritte, vierte und fünfte Kernschmelzunfall in einem AKW.

Damit rückt die Wahrscheinlichkeit eines solchen Unfalls in die Größenordnung von einem Prozent. Nach den Daten der IAEA gibt es 447 laufende und 125 bereits stillgelegte Reaktoren. Also summa summarum fünf schwerste Unfälle auf 572 Reaktoren. Die statistische Wahrscheinlichkeit eines solchen Unfalls liegt damit bei 0,87 Prozent.

Man mag einwenden, diese Rechnung setze voraus, dass alle Reaktoren gleich sind, wobei doch gar nicht alle wie die japanischen in Erdbebenzonen liegen. Dazu lässt sich sagen, dass die japanischen AKWs vor drei Wochen noch als besonders sicher galten und andere Reaktoren, wie zum Beispiel mancher deutscher, dafür andere Risiken haben. Nicht umsonst stehen Brunsbüttel und Krümmel bereits seit mehreren Jahren still.

Die Eintrittwahrscheinlichkeit liegt also bei 0,87 zu 100. Exbundeskanzler Helmut Kohl, ein Mann jenseits der 80, der vom Leben nichts mehr zu erwarten hat, meinte dazu, dass so eben das Leben sei. Ohne Risiko gehe es nicht. Sicher, der Tod kann für jeden schon um die Ecke lauern. Mehrere Tausend Menschen kommen zum Beispiel jährlich im Straßenverkehr ums Leben, dennoch bleiben wir nicht zuhause sitzen.

Aber wer würde zum Beispiel sein Kind alleine zur Schule gehen lassen, wenn er weiß, dass genau auf diesem Weg dorthin eines von 110 Kindern überfahren wird? Oder wer würde ein Schiff mit offensichtlich kaputten Rettungsbooten, vergammelten Schwimmwesten und einem überforderten Kapitän betreten, von dem er weiß, dass es mit einer Wahrscheinlichkeit von 0,87 Prozent auf der Überfahrt sinken wird? Natürlich kein vernünftiger Mensch.

Wer weiß, vielleicht ist diese Botschaft inzwischen auch bei der Bundeskanzlerin angekommen, wenn sie meint, nun den Atomausstieg beschleunigen zu wollen. Das Timing der Bekehrung lässt allerdings eher darauf schließen, dass die Spitzen von CSU, CDU und FDP nach der Niederlage in Baden-Württemberg befürchten, bundesweit auf Dauer ins machtpolitische Abseits zu geraten. Wie viel von den atomkritischen Äußerungen letztlich ernst zu nehmen, werden die kommenden Monate zeigen.

Schwarz-Gelb will früher aussteigen

Wie dem auch sei, so ist immerhin bemerkenswert, dass die Zugeständnisse an die atomkritische Stimmung deutlich weiter gehen, als seinerzeit in Westdeutschland 1986 nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Seinerzeit war von führenden Unionspolitikern nur zu hören, dass die Atomkraft nicht ewig weiter genutzt werden kann. Immerhin ist seit jener Zeit ein Neubau von AKWs undenkbar. Insbesondere nachdem die geplante Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf zwei Jahre später durch anhaltende und massive Proteste endgültig gestoppt wurde, war klar, dass die gesellschaftliche Auseinandersetzung nur noch über die Restbetriebszeit der AKW ging.

Nun wollen also auch die Schwarz-Gelben früher aussteigen. Wie nachhaltig dieser Sinneswandel ist, wird zum einen von den innerparteilichen Auseinandersetzungen abhängen, denn noch haben nicht alle den Schwenk nachvollzogen. Zum andern werden sicherlich auch die weiteren Proteste in der Bevölkerung eine wichtige Rolle spielen. Ebben diese zu schnell wieder ab, werden sich vermutlich die Atomkonzerne durchsetzen, die pünktlich einen Tag nach den Landtagswahlen angekündigt haben, nun juristisch gegen Merkels Moratorium vorgehen zu wollen.

Vollkommen offen ist so oder so, wie die Bundesregierung aus ihrer Defensive wieder heraus kommen will. Seinerzeit im Sommer 1986 war die politische Situation nicht unähnlich. Jedem schien klar, das die Regierung Kohl in den für Anfang 1987 angesetzten Bundestagswahlen abgewählt werden würde.

Gerettet wurde sie schließlich durch zwei Faktoren: Die SPD signalisierte zum einen mit dem farblosesten aller damals denkbaren Kanzler Kandidaten, mit Johannes Rau, dass sie zu dem Zeitpunkt gar nicht vor hatte, Kohl zu beerben. Zum anderen trat die CDU und mit ihr verbundene konservative Medien im Sommer eine "Asylanten-Debatte" los, die schließlich die Stimmung in der Bevölkerung kippte und mit den Republikanern in Westberlin erstmals wieder seit den späten 1960er Jahren eine rechtsextreme Partei in ein Landesparlament brachte. Mal sehen, was den Konservativen diesmal einfällt.

Aber natürlich ist 2011 sowohl in Deutschland als auch in der Welt manches anders als 1986. Unter anderem stehen inzwischen neue Branchen bereit, die den Umbau der Energiewirtschaft wirklich binnen kürzester Zeit - in Deutschland innerhalb weniger Jahre - bewerkstelligen können. Das von den Grünen und auch einigen Sozialdemokraten in den letzten zwei Wochen des Öfteren genannte Jahr 2017 erscheint tatsächlich als realistisches Datum für die Stilllegung des letzten hiesigen AKW.

Grüne Zukunft in Baden-Württemberg

Unter anderem kann die neue grün-rote Landesregierung in Baden-Württemberg, die demnächst aller Voraussicht nach gebildet werden wird, gleich in mehrfacher Hinsicht eine entscheidende Rolle spielen. Zum einen wird sie sich wohl der Klage gegen die Laufzeitverlängerung vor dem Bundesverfassungsgericht anschließen und im Bundesrat das atomkritische rot-grüne Lager mit ihren sechs Stimmen entscheidend verstärken.

Zum zweiten ist das Land Baden-Württemberg seit neuestem Eigner von 45 Prozent der Anteile des AKW-Betreibers EnBW. Der Rest wird größtenteils von Kommunen im Ländle gehalten. Zusammen könnte man in Kombination mit verschärften Sicherheitsauflagen, die die Landesregierung stellen kann, die vier baden-württembergischen Meiler Neckarwestheim 1 und 2 sowie Philippsburg 1 und 2 in den nächsten Jahren stilllegen. Ein erster Schritt dahin wäre, die beiden Alt-AKWs, die unter das Moratorium fallen, nämlich Neckarwestheim 1 und Philippsburg 1, gar nicht erst wieder anzufahren.

Zum dritten schließlich hat Baden-Württemberg erheblichen Nachholbedarf in Sachen Windenergienutzung, wie übrigens Nordrhein-Westfalen auch, wo es ebenfalls kürzlich einen Regierungswechsel gab. Zusammen könnten die beiden Länder innerhalb kürzester Zeit für einen erheblichen Schub beim Ausbau der Windenergie an Land sorgen.

Entsprechend hatte der Bundesverband Windenergie im Vorfeld der Landtagswahlen, dafür geworben, den Bestand der Anlagen im Ländle bis 2020 zu verfünffachen. Windenergie könne auch dem Atomstromer EnBW helfen, angesichts der Krise der Atomwirtschaft nicht zum Sanierungsfall zu werden. Außerdem würde sie den Kommunen neue Einnahmequellen bescheren und Arbeitsplätze schaffen.

Voraussetzung für den Ausbau ist allerdings, dass auch die Kommunalpolitiker vor Ort mitspielen, und da könnte in dem nach wie vor konservativ strukturierten Land auch in Zukunft der Hase im Pfeffer liegen, sollte sich die CDU weiter einer ökologischen Modernisierung verschließen.

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