Gefahr einer Kernschmelze in Fukushima war seit einem Jahr bekannt

04.04.2011

Weiter läuft aus mindestens einem Riss extrem verstrahltes Wasser aus, man spricht nun von mindestens mehreren Monaten

Eigentlich brauchte es kaum noch weitere Hinweise dafür, um die Vorgänge in Japan als kriminell zu bezeichnen. So hat japanische Nachrichtenagentur Kyodo am Sonntag berichtet, es sei der japanischen Regierung und den Fukushima-Betreibern bekannt gewesen, dass es jederzeit, auch ohne Erdbeben und Tsunami, zu einer Kernschmelze in den Atomkraftwerken kommen kann. Schon zuvor war berichtet worden, dass Notkühlprobleme bei diesem Reaktortyp seit 1971 bekannt sind. Kyodo zitiert niemanden anderes als der Leiter der japanischen Atomsicherheitsbehörde (NISA). Demnach erklärte Nobuaki Terasaka schon im vergangenen Mai, dass es in dem Atomkraftwerk bei einem Stromausfall zu einer Kernschmelze kommen kann.

Allein ein Stromausfall reiche aus, wie er auch im schwedischen Forsmark 2006 beinahe zu einer Katastrophe führte ("Forsmark ist der Normalfall"), damit es zu einer Kernschmelze kommen könne, hatte Terasaka am 26. Mai 2010 vor einem Ausschuss im Repräsentantenhaus dargelegt:

It is logically possible for a reactor core to melt down if all outer electricity sources were lost, leading the plant's cooling functions to be lost for many hours.

Doch dem Mann, der frührer im Handelsministerium tätig war, reichten die Sicherheitsversprechen der Atomkraftwerksbetreiber offenbar aus, welche die Reaktoren angeblich mit verschiedenen Notstromeinrichtungen nachrüsten wollten. Das Ergebnis ist bekannt. Inzwischen wird eingeräumt, dass im Reaktorkern Temperaturen von mindestens 1.200 Grad Celsius erreicht wurden. Auch der Betreiber Tepco geht davon aus, dass 70% des Kernbrennstoffs im Reaktor 1 beschädigt sind, 33% seien es im Reaktor 2 und auch die Brennstäbe im besonders kritischen Reaktor 3 seien beschädigt, doch hierzu werden keine näheren Angaben gemacht. Im Reaktor 3 wurden Mox-Brennelemente eingesetzt, die das hochgiftige Plutonium enthalten, dessen Halbwertszeit 24.000 Jahre beträgt.

Aus dem beschädigten Reaktor 2 läuft derweil weiter extrem verstrahltes Wasser ins Meer und versickert offensichtlich auch im Grundwasserle Versuche, Riss" abzudichten, sind bisher erfolglos verlaufen. Dabei geht inzwischen auch die Atomsicherheitsbehörde davon aus, dass es weitere Risse in den Meilern geben dürfte. Ein NISA-Sprecher erklärte: "Es könnte andere, ähnliche Risse an den Reaktoren geben, und wir müssen sie so schnell wie möglich finden."

Das havarierte AKW Fukushima mit den Reaktoren 1 und 2. Bild: Japanisches Verteidigungsministerium

Insgesamt sprechen immer mehr Experten nicht mehr nur vom größten anzunehmenden Unfall (GAU), sondern von einem Super-GAU, weil Radioaktivität in großen Stil freigesetzt wird. Die Vorgänge in Fukushima werden weiterhin in Japan verharmlosend wie die Kernschmelze im US-Reaktor Three Mile Island in Harrisburg mit 5 auf der Ines-Skala eingestuft. Dabei kam es in Harrisburg nicht wie in Fukushima zu einer erhebliche Freisetzung von Radioaktivität, die für Stufe 6 gefordert wird. Man kann Fukushima auch schon wie Tschernobyl auf der höchsten Stufe 7 einstufen, weil schon eine schwerste Freisetzung zu beobachten ist, die Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt in einem weiten Umfeld hat.

Letztlich haben die japanische Atomsicherheitsbehörde und Regierung gerade die Bevölkerung darauf einstimmt, dass noch monatelang Radioaktivität aus dem Atomkraftwerk entweichen wird. Wenn normale Methoden angewendet werden, geht der Regierungssprecher Yukio Edano von einer solchen Zeitspanne aus, erklärte er auf einer Pressekonferenz. Japan könne einen "langen Kampf" gegen die Atomkrise nicht vermeiden. Entsprechend wird inzwischen auch über Massenumsiedlungen nachgedacht.

Tepco gibt die Strahlenbelastung des Wassers, das aus Reaktor 2 ausläuft, mit 1000 Millisievert pro Stunde an. Normal wäre eine Belastung zwischen einem und zehn Millisievert – allerdings pro Jahr. Die Experten von Greenpeace, die sich inzwischen in Japan aufhalten, bezeichnen die am AKW gemessenen Werte als "lebensbedrohlich". Sie weisen auch auf die Tatsache hin, dass außerhalb der Reaktoren nach Zirkonium gesucht werde. Das Element sei in Hüllen von Brennelementen enthalten. "Wenn man danach sucht, heißt das, man sucht nach Spuren des geschmolzenen Kerns", sagte Greenpeace-Experte Wolfgang Sadik. Ohnehin kann bisher nicht einmal ausgeschlossen werden, dass in Fukushima eine unkontrollierte Kettenreaktion stattgefunden hat oder stattfindet.

In dem Atomkraftwerk wurden inzwischen auch zwei tote Arbeiter gefunden. Die beiden Beschäftigten von Tepco sollen schon am vergangenen Mittwoch im Reaktor 4 gefunden worden sein und seien durch den Tsunami ums Leben gekommen, worauf die Verletzungen hinwiesen. Die Nachricht sei mit Rücksicht auf die Angehörigen aber erst jetzt veröffentlicht worden, nachdem man ihnen die dekontaminierten Leichen übergeben habe. Kazuhiko Kokubo und Yoshiki Terashima, deren Alter mit 21 und 24 Jahren angegeben wird, werden von Tepco schon jetzt zu Helden stilisiert. Das japanische Fernsehen zitierte entsprechend den Tepco-Chef. Nach Angaben von Tsunehisa Katsumata hätten sie inmitten des Tsunami-Desasters versucht, die Sicherheit des Reaktors aufrecht zu erhalten. Während auch Kyodo berichtet, die beiden hätten seit dem 11. März als vermisst gegolten, heißt es in anderen Medien, die beiden Arbeiter würden erst seit dem 17. März vermisst. Es kann ein Irrtum sein, doch angesichts des Vorgehens von Tepco, ist auch nicht vollständig auszuschließen, dass es sich eventuell um die ersten Strahlenopfer handeln könnte.

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