Hinter iranischen Gefängnismauern

17.04.2011

Ein Gespräch mit der Journalistin Roxana Saberi, die 2009 im berüchtigten Teheraner Evin-Gefängnis einsaß

Die Journalistin Roxana Saberi ist Tochter eines Iraners und einer Japanerin. 2003 reiste sie nach Iran, um das Land kennen zu lernen und für amerikanische Medien zu berichten. 2006 wurde ihr der Presseausweis entzogen; 2009 wurde sie unter dem Vorwurf der Spionage verhaftet und zu acht Jahren Gefängnis verurteilt. Nachdem internationale Medien, Regierungen und NGOs ihre Freiheit forderten, wurde das Urteil ausgesetzt. Unter dem Titel "Hundert Tage. Meine Gefangenschaft in Iran" ist nun bei Eichborn ihr Bericht über die Zeit im berüchtigten Teheraner Evin-Gefängnis und über die Willkür der iranischen Justiz erschienen. Im Gespräch mit Telepolis gibt sie auch Einblick in die politische Situation und die Lage der Bevölkerung in Iran.

Es gibt bereits unzählige Bücher, die sich mit dem Teheraner Evin-Gefängnis befassen, sowohl Sachbücher als auch belletristische Werke. Sie beschreiben, wie dort Journalisten, Schriftsteller, Filmemacher, Intellektuelle gefangen gehalten werden – Menschen, die ihr Land lieben und mal mehr mal weniger offen gegen das Regime arbeiten. Man fragt sich, wie viele Bücher noch geschrieben werden müssen, bevor Evin geschlossen wird.

In Deinem Buch "Hundert Tage. Meine Gefangenschaft im Iran" beschreibst Du Deine eigene Inhaftierung dort im Frühjahr 2009, nur wenige Monate vor den umstrittenen Präsidentschaftswahlen, die massive Proteste im ganzen Land auslösten. Du hast in Iran, dem Heimatland deines Vaters, als Journalistin und Buchautorin gearbeitet – hast Du damit gerechnet, dass Du zu jenen gehören könntest, die vom Geheimdienst überwacht und schließlich verhaftet werden?

Roxana Saberi: Ich habe vermutet, dass mich die iranischen Behörden zumindest von Zeit zu Zeit überwachen könnten, wie es so vielen Journalisten und anderen in Iran oft passiert. Wenn aber alle aufgrund möglicher Überwachung mit dem, was sie tun, aufhören würden, würde ein Großteil der iranischen Gesellschaft zum Stillstand kommen. Ich habe offen gearbeitet, um den Behörden klarzumachen, dass ich nichts zu verbergen habe.

Dennoch musste ich später erfahren, dass die Realität nicht wirklich wichtig ist; wenn sie dich zu einem politischen Fall machen wollen, dann werden sie es tun. Ich dachte, dass, wenn die Behörden aufgrund meiner Arbeit Bedenken hätten, sie mich zuerst verhören und vorwarnen würden – so ergeht es vielen Iranern bevor sie verhaftet werden. Stattdessen wurde ich noch am Tag des ersten Verhörs festgenommen.

Journalisten, Schriftsteller und andere, die versuchen, Informationen an die Öffentlichkeit zu bringen, sind in Ländern wie Iran generell größeren Gefahren ausgesetzt als beispielsweise in den Vereinigten Staaten oder in Europa. Dennoch glaube ich, dass ihre Arbeit in abgeschlossenen Gesellschaften wie der iranischen den größten Wert hat – ansonsten würden wir viel weniger darüber wissen, was dort geschieht, und die Regierungen könnten gefahrloser vorgehen. Ich glaube aber, dass wir bei unserer Arbeit nicht sämtliche, sondern nur kalkulierte Risiken eingehen sollten.

Ein Bekannter sagte mir einmal mit ziemlich sarkastischem Unterton, dass man an keinem Ort der Welt so viele interessante Menschen kennenlernen kann, wie im Evin Gefängnis, weil dort so viele Künstler und Intellektuelle als politische Gefangene einsitzen. Was hast Du dort erlebt? Du hast in der berüchtigten Sektion 209 (dem Block für politische Häftlinge) die Zellen mit verschiedenen Frauen geteilt…

Roxana Saberi: Obwohl ich wünschte, ich wäre nie verhaftet worden, hatte ich das Glück, eine große Vielfalt an Frauen zu treffen, die mich inspiriert und mir viele zeitlose, universelle Botschaften mitgegeben haben. Viele meiner Zellengenossinnen wurden dafür bestraft, dass sie friedlich für elementare Menschenrechte wie etwa die Redefreiheit oder die Religionsfreiheit eingetreten sind. Aber trotz der rauen Umstände weigerten sie sich, dem Druck ihrer Kidnapper nachzugeben und von ihren Überzeugungen abzurücken. Sie haben mir gezeigt, wie man mit der Not umgehen kann, indem man sie nutzt um an ihr zu wachsen, und indem man seinen Prinzipien treu bleibt.

Zu meinen Zellengenossinnen gehörte eine studentische Aktivistin, eine Gesellschaftswissenschaftlerin, zwei Frauen, die verhaftet wurden, nachdem sie bei ihrer örtlichen Bäckerei gerufen hatten "Wir wollen Brot!", und zwei der sieben inhaftierten Führer der iranischen Bahai-Minderheit. Diese zwei Bahais und ihre fünf männlichen Kollegen, sitzen bis heute hinter Gittern.

Im Evin wurden und werden weitere politische Häftlinge festgehalten, darunter Kämpfer für Frauenrechte, Arbeitskämpfer, Menschenrechtsaktivisten, Oppositionelle, Journalisten und Blogger.

Evin ist bekannt für Folter und Hinrichtungen. Warst Du Zeugin von physischer Gewalt oder hast Du Menschen getroffen, die sie erleben mussten?

Roxana Saberi: Obwohl es dort geschieht, habe ich keine physische Folter erlebt. Ich habe Häftlinge getroffen, die physisch gefoltert wurden und habe von Fällen sexuellen Missbrauchs gehört und gelesen. Es hat im Evin Exekutionen und mysteriöse Todesfälle gegeben. Eines Nachts hörte ich die Stimme eines Wächters in der Zellenreihe hinter der meinen, die zu einem männlichen Gefangenen sprach, dessen Füße offenbar gerade ausgepeitscht wurden. Am nächsten Tag wurde ich zum Gericht gebracht zusammen mit einem Häftling, der möglicherweise derselbe von der Nacht zuvor war. Er humpelte.

Außerdem gibt es noch die so genannte "Weiße Folter", die keine körperlichen Anzeichen hinterlässt, die aber immense psychische Auswirkungen haben kann. Es ist eine Kombination aus Manipulation, Einschüchterung, Isolation und dem Versuch, den Häftlingen ihr reines Gewissen und ihre Würde zu nehmen, indem man sie Dinge tun und sagen lässt, etwa falsche Geständnisse oder die Verleumdung ihrer Freunde und Kollegen. Diese Art von Folter ist üblich bei den politischen Gefangenen in Iran und hat lang anhaltende Auswirkungen.

Propaganda gegen den Staat

2006 wurde Dir Dein Presseausweis abgenommen, dennoch hast Du bis 2009 als Journalistin gearbeitet. Wie ist die generelle Situation von Journalisten in Iran?

Roxana Saberi: Als mir die Berechtigung entzogen wurde musste ich meine Arbeit einschränken, aber ich berichtete weiter auf eine Weise, die mir von der iranischen Gesetzgebung nicht untersagt wurde. Da ich nun viel mehr Zeit hatte, entschied ich mich, ein Buch über die iranische Gesellschaft zu schreiben, um die Geschichten der Iraner abseits der Schlagzeilen zu erzählen. Auf dieses Buch konzentrierte sich die Justiz nach meiner Festnahme und behauptete, es sei ein Vorwand, um im Auftrag der USA zu spionieren – eine Anklage, die ich abstritt.

Journalisten in Iran haben seit Jahren mit Restriktionen zu kämpfen, und oft ist es ein harter Kampf zwischen dem, was das Regime erlaubt, was die Arbeitgeber verlangen und dem, was sie selbst als ihre journalistischen Pflichten ansehen. Im Namen der nationalen Sicherheit und zum Schutz des Islam haben iranische Behörden Publikationen verboten und Journalisten verhaftet, oft lautet die Anklage auf "Propaganda gegen den Staat".

Als Mahmud Ahmadinedschad 2005 Präsident wurde, wurden diese Restriktionen verschärft, und erneut, nachdem er zum Gewinner der umstrittenen Wahlen 2009 erklärt wurde. Iran ist heute das größte Gefängnis für Journalisten laut Reporter Ohne Grenzen, die die Fälle von rund 200 iranischen Journalisten dokumentiert haben, die das Land aus Angst vor Verfolgung verlassen haben. Auch viele ausländische Journalisten mussten das Land verlassen, und diejenigen, die noch vor Ort sind, sind sehr eingeschränkt und dürfen zum Beispiel Demonstrationen der Opposition nicht besuchen.

In Iran herrscht sprichwörtlich dicke Luft, wenn es um das Alltagsleben und persönliche Freiheiten geht. Wie hast Du die Atmosphäre erlebt, wie wirken sich die Repressionen auf das tägliche Leben aus?

Roxana Saberi: Ich habe Iran einen Monat vor den Präsidentschaftswahlen im Juni 2009 verlassen, und ich habe gehört, dass die Restriktionen seitdem ein weit größeres Ausmaß angenommen haben. Als ich dort war, gab es viele Einschränkungen, hauptsächlich bezüglich der Kleidung, des Verhaltens und der Äußerungen, die man im öffentlichen Raum tätigen durfte. Im Privaten haben die Menschen ein gewisses Maß an Freiheiten. Viele besuchen gemischtgeschlechtliche Partys und schauen Satellitenfernsehen, obwohl das illegal ist. Aber nichtmal diese Art von Freiheiten ist sicher, und man kann dafür bestraft werden. Es ist zumeist die öffentliche Äußerung von politischen Ansichten, von denen das Regime sich bedroht fühlt, aber mehr und mehr werden auch soziokulturelle Fragen als politisch angesehen.

Roxana Saberi

Wie würdest Du die politische Situation beschreiben? In den letzten Wochen seit dem 14. Februar, gab es viele Demonstrationen, es gab Tote und erneut zahlreiche Festnahmen, iranische Journalisten und Schriftsteller im Ausland erhielten Todesdrohungen. Glaubst Du, dass das Regime besorgt ist über die Ereignisse in Tunesien, Ägypten und Libyen?

Roxana Saberi: Ich denke, es wäre nur natürlich, wenn das Regime durch die Ereignisse in Tunesien, Ägypten und Libyen alarmiert ist – obwohl einige iranische Offizielle behauptet haben, sie seien von der Islamischen Revolution 1979 inspiriert.

Viele Demonstranten fordern transparentere, verlässlichere Regierungen, eine bessere Wirtschaft, größere Freiheit und ein Mitspracherecht über ihr Land – all das wollen auch viele Iraner. Wenn wir in diesen anderen Ländern demokratische Veränderungen sehen, könnte sich die iranische Führung davon bedroht fühlen, dass viele Iraner ihre Forderungen nach ähnlichen Veränderungen intensivieren.

Großes Potential für mehr Demokratie

Was wollen die Menschen in Iran? Wollen sie lediglich Ahmadinejad gegen einen Präsidenten aus dem Reformer-Lager austauschen, oder wollen sie eine Revolution, einen kompletten Systemwechsel?

Roxana Saberi: Viele Iraner wollen Reformen innerhalb der Islamischen Republik und einen Wechsel durch politische Evolution, andere wollen eine Revolution. Ich denke, je mehr die iranischen Behörden mit Gewalt und Brutalität gegen die Menschen vorgehen, die Veränderungen fordern, umso mehr werden die Evolutionäre zu Revolutionären. Natürlich ist keine Gesellschaft homogen, es gibt auch diejenigen, die den Status Quo unterstützen und persönliche (wirtschaftliche, politische etc.) Interessen an der Fortsetzung der derzeitigen Situation haben.

Glaubst Du, dass eine Revolution oder zumindest ein wirklicher Wechsel in der Politik zugunsten der Demokratie in nächster Zeit möglich ist, beispielsweise wie Akbar Ganji es in "The Road to Democracy in Iran" beschrieben hat?

Roxana Saberi: Ich glaube, dass es in Iran ein großes Potential für mehr Demokratie gibt und dass sich viele Iraner eine demokratischere, tolerante und progressive Regierung wünschen, die die Menschenrechte respektiert. Iran hat eine lange Geschichte demokratischer Bewegungen, die bis zur Konstitutionellen Revolution im frühen 20. Jahrhundert zurückreicht. Auf dem Weg zur Demokratie in Iran liegen viele Hürden, aber ich denke, dass die Demographie (der große Bevölkerungsanteil junger Menschen), technologischer Fortschritt, Globalisierung und die zunehmend gute Ausbildung von Frauen alle zu diesem großen Potential für Demokratie beitragen. Unterschiedliche Faktoren, wie etwa die ökonomische und politische Situation in Iran, sowie regionale und internationale Entwicklungen, können diesen Prozess abkürzen oder verlängern.

Als Du 2009 verhaftet wurdest, hast Du an einem Buch über Iran gearbeitet, für das Du rund sechzig Interviews mit den unterschiedlichsten Menschen, auch quer durch alle politischen Lager, geführt hast, um der westlichen Öffentlichkeit einen Blick hinter die Kulissen der oft sehr einseitigen und oberflächlichen Medienberichterstattung zu geben. Wird dieses Buch noch erscheinen?

Roxana Saberi: Ich hoffe, dass ich dieses Buch noch schreiben kann. Ich möchte die Lebensgeschichten einer Vielzahl unterschiedlicher Iraner erzählen, die ich kennengelernt habe, als ich zwischen 2003 und 2009 dort lebte. Ich denke, dass es wichtig ist, die "kleinen Geschichten" zu verstehen, wenn wir die "große Geschichte" Irans verstehen wollen. Die Leute, die mich inhaftiert haben, schienen darüber beunruhigt zu sein, dass sie das Buch nicht zensieren könnten, wenn ich es in Übersee veröffentliche. Wenn ich es nicht fertig stellen würde, wäre das in meinen Augen ein Gewinn für sie.

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