Tepco goes Enron and Madoff

14.04.2011

Wie die Tepco-Eigentümer Kaufempfehlungen für die Tepco-Aktie lancieren und damit das Vertrauen in den Nikkei-Index ruinieren

Vorbemerkung: Nachdem der erste Artikel Tepco ist das Ende der Marktwirtschaft, der von Frankfurter, Süddeutscher, Spiegel-Online und Handelsblatt abgelehnt wurde, auf große Resonanz stieß und auch in den USA Leser fand, etwa bei Thom Hartmann und auf Indybay, bleibt Alexander Dill am Thema dran - und verfolgt die jüngste Spur des Insiderhandels mit Tepco-Aktien.

Am Freitag, dem 7. April überraschte eine Meldung die internationale Finanzwelt: Die Aktie des Fukushima-Betreibers Tepco sei als "outperform" einzustufen, die zweitstärkste Kaufempfehlung nach "buy", die Aktienanalysten vergeben können.

Nathan Layne, ein für Reuters arbeitender Finanzjournalist, brachte die Meldung bei Reuters unter. In Deutschland konnten wir sie u.a. in der Sendung Börse am Mittag des Bayerischen Rundfunks hören. Die Tepco Aktie, die am 7. April bereits auf 2,76 Euro abgestürzt war, konnte sich seitdem um 50% auf 4,22 Euro erholen. Die Marktkapitalisierung des einstmals viertgrößten Energieerzeugers der Welt beträgt nun 5,9 Milliarden Euro - und liegt damit etwa bei der Bewertung, die gegenwärtig die beiden deutschen Marktführer in Drogeriemärkten, Schlecker und dm erwarten dürfen.

Nachdem der Abbau und die Entsorgung des bisher ältesten Atomkraftwerkes der Welt in Hanford, Washington, USA, bis 2052 dauern wird und seit seiner Stilllegung 2 Milliarden Dollar jährlich kostet, die die US-Regierung bezahlen muss, reicht das Gesamtkapital von Tepco damit gerade aus, um drei Jahre die Reaktorruinen in Fukushima zu begießen und ein paar Fischer und Bauern zu entschädigen.

Auch an der Frankfurter Börse wechselten in den letzten Wochen einige Millionen Tepco-Aktien den oder die Besitzer.

Zwar kann man sich gut vorstellen, dass viele Portfoliomanager lieber heute als morgen ihre Tepco-Aktien zu jedem beliebigen Kurs loswerden möchten, bleiben doch Tepco eigentlich nur die Alternativen Verstaatlichung oder Insolvenz. Wer aber in Gottes Namen kauft jetzt Tepco, nachdem Toyota seine Europa- und US-Produktion eingestellt hat, die Philippinen 2.000 Staatsbürger aus Japan evakuieren und die Chinesen gegen die radioaktive Verseuchung des Pazifik protestierten?

Die Antwort auf die Frage nach den Käufern kann kaum erfreulich ausfallen. Sind sie reine Hasardeure, die mit dem Tepco-Papier zocken, obwohl sie doch täglich damit rechnen müssen, dass die Tepco-Aktie "vom Markt" genommen wird? Immerhin konnte man von Freitag bis Dienstag 50% mit Tepco machen. Ein einmaliger Vorgang in der Geschichte vermeintlicher "Energiemärkte", denn diese Gewinne fehlen natürlich für die Reparatur der vier explodierten Reaktoren und für die Entschädigung der Betroffenen und Arbeiter. Dass der Handel mit Tepco-Aktien überhaupt noch gestattet ist, liegt nicht an den Zockern und Hasardeuren, es liegt im Interesse der Hauptaktionäre von Tepco.

Und hier sind sie (Stand: 30.06.2010). Sie sind überwiegend Verwalter von japanischen Pensionsfonds und bei der Recherche fällt auf, dass sie noch weitaus mehr japanische Staatsanleihen halten, als nur Aktien von Tepco oder der japanischen Industrie. Unter ihnen finden sich auch die Regionalregierung von Tokio und die Pensionskasse der 34.000 Tepco-Mitarbeiter selbst.

Ein Name aber fällt ganz besonders auf: die Mizuho Corporate Bank Ltd. Sie ist mit 23,79 Millionen Aktien der siebtgrößte Einzelaktionär von Tepco. Sie hat auch eine Filiale auf Düsseldorfs Kö. Die Mizuho Financial Group, zu der die Mizuho Bank gehört, ist ein weit verschachteltes Konglomerat von Pensionsfondsverwaltung, Aktien- und Anleihenhandel bis hin zur Import- und Exportfinanzierung. Eine Tochter dieser Gruppe nennt sich Mizuho Securities Co Ltd.. Diese fällt dadurch auf, dass sie als einzige Mizuho Tochter einen besonderes ethisches Manifest anbietet, das sie Code of Ethics nennt.

So, wie Tepco mit seiner Vision 2020 als führend in Nachhaltigkeit und Umweltschutz auftrat, gibt sich auch Mizuho Securities strenge ethische Regeln: "Wir lassen uns nicht in Versuchung führen, einen ungerechten Gewinn dadurch zu erzielen, dass wir Informationen nutzen, die wir durch unseren Status, unsere Macht oder unser Geschäft erworben haben."

Fachleute, wie etwa Joseph Stiglitz, der dafür 2001 den Wirtschaftsnobelpreis erhielt, bezeichnen die intellektuelle Quelle jedes außerordentlichen Gewinnes in einem Handel als asymmetrische Information. Sie ist dadurch asymmetrisch, dass entweder der Käufer, oder aber der Verkäufer mehr über das Produkt weiß, als er seinem - dann wohl dümmeren - Handelspartner offenbart.

Diese Situation ist allerdings keine Ausnahmeerscheinung, sondern insbesondere im Handel mit komplexen Finanzprodukten die Regel. Das sogenannte Grossmann-Stiglitz-Paradox besteht deshalb darin, dass der Informationsgrad eines Finanzproduktes in einem effizienten Markt in seinem Preis ausgedrückt sein sollte. Stattdessen muss sich der Käufer aber aufwendig um weitere Bewertungen, Informationen und Ratings bemühen. Der Preis offenbart leider nicht die Eigenschaften und die Wahrheit des Finanzproduktes. Der Markt schweigt ineffizient vor sich hin.

Was hat das nun mit der Tepco-Aktie zu tun? Nun, die Analystenschmiede, die am Freitag Tepco auf das Kursziel 900 Yen (7,50 Euro am 13.4.2011) setzte und mit "outperform" den weltweiten Finanzmärkten zum Kauf empfahl, trug den Namen Mizuho Securities.

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