Die Pleite der USA

19.04.2011

Warum die Vereinigten Staaten seit dem 15. September 2009 pleite sind und was das mit unserer Altersversorgung zu tun hat

Wann ist ein Staat bankrott? Die Antwort ist unspektakulär: Wenn er seine Anleihen nicht mehr auf den Finanzmärkten verkaufen kann. Wann aber ist dies der Fall und wie lässt sich das nachweisen? Leider gar nicht. Jene Banken, die sich als Konsortialbanken zur Abnahme von Staatsanleihen verpflichten und diese auf dem Weg einer Auktion auf den Markt bringen, sind nicht dazu verpflichtet, nicht verkaufte Staatsanleihen zu melden. Da diese verzinst sind, können sie sie mühe- und risikolos selbst halten oder in eigenen und in von ihnen verwalteten Kundenfonds parken.

Das Geld dafür können sie zum Zinssatz von 0,1 Prozent etwa von der amerikanischen Zentralbank bekommen. Dies erklärt, warum Banken für Staaten als derart systemrelevant angesehen werden, dass ein Staat lieber seine Industrie, seinen Mittelstand und seine Innovationsfähigkeit opfert als seine einzige Geldquelle, die Too-big-to-fail-Geldinstitute.

Wenn diesen zudem zufällig noch die Zentralbank gehört, dann können Geldschöpfungsketten für eine besondere Geldart entstehen, die unter Fachleuten als Giralgeld bezeichnet wird, das vom Zentralbankgeld insbesondere dadurch unterschieden wird, dass es nie in Scheine und Barguthaben gewechselt werden kann, soll und darf. Es bleibt ein Auszug über ein Depot, das man lieber nicht verkaufen sollte, um seinen echten Wert nicht unnötig einem Belastungstest zuzuführen.

Das Spiel mit der Altersversorgung

Es gibt für diese Depotauszüge für mehr oder weniger fiktive Forderungen an künftige Generationen auch einen für jeden Laien verständlichen Begriff: Altersversorgung. Diese besteht in Zahlungsversprechen, deren Höhe der Ulmer Finanzwissenschaftler Dirk Solte bereits 2007 in seinem Buch "Weltfinanzsystem am Limit: Einblicke in den 'Heiligen Gral' der Globalisierung" auf 150 Billionen Euro schätzte - und damit 37mal so hoch wie das Zentralbankgeld aller Staaten der Welt.

Zum Glück haben einige Staaten die Altersversorgung ihrer Bürger nicht der weisen Verwaltung durch Bernard Madoff und den Herren Lehman anvertraut, sondern finanzieren diese durch ein umlagefinanziertes System, etwa Deutschland, Österreich, Italien und Frankreich. Dies führt zu extrem hohen Steuern und Abgaben, die bei strenger Betrachtung etwa in Deutschland nicht 30 oder 50, sondern inklusive der 19prozentigen Mehrwertsteuer, von Benzin-, Versicherungs- und Tabaksteuer bei einem Alleinstehenden mit einem Bruttoeinkommen von 35.000 Euro 67% des Einkommens ausmachen. Die gepfändeten Arbeitnehmer sind die Drohnen in einer gigantischen Wabe namens Volkswirtschaft.

Für jene Staaten, die - wie die USA - möglicherweise nach Abzug der Schulden überhaupt kein Volksvermögen mehr angesammelt haben, sind die reichen Steuerquellen der umlagefinanzierten Staaten und die noch nicht verpfändeten und verspekulierten Privatvermögen von deren fleißigen und sparsamen Bewohnern Objekte größter Sehnsucht. Um an diese Vermögen heranzukommen, bedarf es unregulierter, internationaler Finanzmärkte, auf denen der Klügere dem Dümmeren - diese Unterscheidung leistet die asymmetrische Information - möglichst wertlose Schrottpapiere verkauft.

Den Gewinn möchte der Sieger dieses Handels dann möglichst werthaltig anlegen, etwa in Immobilien in einem föderalen Staat. Dieser sorgt etwa durch strenge Baugesetze dafür, dass nur der bauen darf, der sein Einkommen lebenslang zur Bezahlung des überhöhten Preises oder der Miete an die alteingesessenen Grundbesitzer, die Bank und den vermittelnden Staat abführt. Ein Geschäft, das in Deutschland von sogenannten Gemeinderäten betrieben wird und dafür sorgt, dass die Grundpreise trotz stagnierender und abnehmender Bevölkerung in den meisten Gegenden "stabil" bleiben. In vielen Ballungsräumen aber sind sie derart gestiegen, dass zumindest die Besitzer unbelasteter Immobilien einen beglückenden und noch dazu unversteuerten Reichtum genießen können.

Nach dem World Wealth Report der Credit Suisse betrug dieser in Deutschland die international führende Zahl von 100.000 Euro pro Kopf. Spaßvögel schreiben an die Veröffentlicher dieser Zahlen gerne, sie möchten diesen Betrag doch bitte ausgezahlt haben. Aber auch bei diesem Vermögen handelt es sich um einen Depotauszug. Die Auszahlung würde die Finanzmärkte überfordern.

Was passiert, wenn Depotauszüge ganzer Staaten derart schlecht aussehen, dass sie vernichtet werden müssen?

Noch am 15.Oktober 2008, kurz nach dem Lehman-Crash, konnte die 1668 gegründete, älteste Zentralbank der Welt, die Schwedische Reichsbank bei einer Aktion für US-Staatsanleihen für einen US-Kredit in Höhe von 10 Milliarden Dollar noch Gebote in Höhe für 15 Milliarden Dollar verzeichnen. Bis zu diesem Zeitpunkt veröffentlichte die Reichsbank die Auktionsergebnisse.

Das Ergebnis der Auktion von US-Staatsanleihen in Höhe von 5 Milliarden Dollar am 14.09.2009 allerdings war aber von solcher Art, dass die tapferen Schweden die Verlinkung der Pressemitteilung veränderten. Es gab schlichtweg "no bids", keine Gebote. Der ursprüngliche Link, dessen Inhalt ich gespeichert hatte (siehe PDF) , führte nun zu einem Mailformular. Ein technisch versierter Heise-Leser fand jedoch heraus, dass die ursprüngliche Meldung noch im System steht. Bei Google konnte sie auch mit Volltextsuche nicht mehr gefunden werden.

Today's auction of credit in US dollars with a maturity of 84 days has now been completed

DATE 15/09/2009

Today, the Riksbank offered US dollars through a tender auction. The amount offered today to the primary monetary policy counterparties was USD 5 billion.

No bids were received in the auction.

Additional information was published today at 2:00 pm CET/CEST in SAXESS/OMFIE on page RIKV.

CONTENT EXPERT

General Secretariat

LAST REVIEWED 15/09/2009

Nach dem Desaster vom 15.09. versuchten die Amerikaner vergeblich, die Schweden dafür zu gewinnen, weiter US-Staatsanleihen zu handeln. Die Schweden haben selbst große Pensionsfonds. Schweden ist aber auch der Hauptfinanzplatz für die reichen skandinavischen Staaten, die traditionell stark im angelsächsischen Sprachraum investieren.

Am 7. Oktober 2009 gab das Statistische Amt Schwedens bekannt, dass die USA noch 2008 der zweitgrößte Empfänger schwedischer Portfolio-Investments waren.

Nur fünf Tage später, am 12. Oktober 2009, teilte die Sverige Riksbank mit, den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften an die völlig unbekannte US-Politologin Elinor Ostrom zu vergeben. In der Pressemitteilung zur Vergabe wurde als Grund genannt, Ostrom hätte gezeigt, dass Gemeinschaftseigentum nicht schlechter gemanagt wird als staatliches und Privateigentum. Ein Affront gegen die Harvard-Ökonomie in den Vereinigten Staaten.

Chronologie einer Pleite

15.10.2008 Die Schwedische Reichsbank versteigert US-Kredite für 10 Milliarden Dollar. 15 Milliarden wurden geboten.

19.12.2008 Die Schwedische Reichsbank gibt bekannt, auch 2009 US-Kredite zu versteigern.

14.09.2009 Keine Gebote für eine Auktion von US-Krediten für 5 Milliarden Dollar. Die Meldung blieb zwar im System, wurde aber neu verlinkt.

07.10.2009 Das Statistische Amt Schwedens gibt die Höhe der schwedischen Investments in den USA bekannt.

12.10.2009 Die Schwedische Reichsbank gibt die Verleihung des Wirtschaftsnobelpreises an die Politologin Elinor Ostrom bekannt.

19.11.2009 Die Schwedische Reichsbank gibt bekannt, die Auktion von US-Krediten einzustellen.

Am 19. November 2009 schließlich folgt die fast unvorstellbare Pressemitteilung der Schwedischen Reichsbank, sie werde den Handel mit US-Krediten ganz einstellen, weil die Nachfrage nach diesen "nicht vorhanden" sei.

Seit dem 15. September 2009 sind die Vereinigten Staaten zahlungsunfähig.

Wir werden uns im nächsten Teil den Taktiken widmen, mit denen die USA ihre Zahlungsunfähigkeit verschleiern und durch den Zugriff auf fremde Vermögen verzweifelt versuchen, neue Mittel in ihr bankrottes Finanzsystem zu lenken.

Der Artikel wurde am 25. April korrigiert und überarbeitet.

Dr. Alexander Dill ist nach 20 Jahren in der Wirtschaft wieder in seinen gelernten Beruf als Sozialforscher zurückgekehrt. Seit Februar 2010 ist er Vorstand des nach der Finanzkrise gegründeten Basel Institute of Commons and Economics.

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