Globalisierung und Medien

22.04.2011

Im Zeitalter der globalen technischen Vernetzung stellt sich die Machtfrage radikaler denn je

Globalisierung bedeutet normalerweise die Zugehörigkeit zu einer gemeinsamen Ökonomie, zu einem gemeinsamen Markt und einer gemeinsamen Währung. Man spricht vom gemeinsamen Währungsraum, um geschichtliche Utopien sozialer Veränderungen, die nicht in der Gegenwart, sondern erst in der Zukunft einlösbar sind, zu blockieren. Man trifft globale Abmachungen über Preise und Löhne, über Kredite, Währungs- und Schuldenfragen, um einen gemeinsamen ökonomischen Raum zu schaffen: den Weltmarkt. Die globale Ökonomie bedeutet aber auch globale Billigproduktion. Der moderne Massenkapitalismus tendiert zur Verlagerung der Produktion in Länder mit niedrigen Arbeitskosten und Billiglöhnen, mit unmenschlichen Arbeits- und Lebensbedingungen und ohne Sozialabgaben, um an den Waren mehr zu verdienen.

Die globalisierte Ökonomie, die freie Zirkulation von Gütern, Waren und Kapital, produziert daher auch eine globalisierte Migration. Gemäß der UNO sind 200 Millionen Menschen auf der Suche nach Arbeit. Dazu gesellen sich 200 Millionen Klimamigranten, die vor der Klimakatastrophe fliehen wollen, die von der globalen Ökonomie miterzeugt wird. Es befinden sich also 400 Millionen globale Migranten auf der Suche nach Gerechtigkeit und Glück (Pursuit of Happiness, wie es die amerikanische Verfassung jedem seiner BürgerInnen verspricht).

Im Zuge dieser Massenmigration, ausgelöst durch den Massenkapitalismus, lösen sich die historischen Bindungen von Gemeinschaften auf. In der internationalen Arbeitsteilung tut sich eine nationale Ökonomie schwer. In der weltweiten Kulturindustrie verschwimmen die nationalen Kulturen. In der globalisierten Gesellschaft, die von homogenen Produktionsstrukturen geschaffen wurde, kommt es wegen eben dieser Produktionsstrukturen der Ausbeutung zu einem Anwachsen der Migrationsbewegungen, verlieren die historischen Konstituenten von Gemeinschaft wie gemeinsamer Glaube, gemeinsame Sprache, gemeinsames Recht, gemeinsame Religion, gemeinsame Kultur an Kraft. Bei diesen globalen Wanderungsbewegungen im Raum einer globalen Ökonomie treffen Menschen mit unterschiedlichen Formen des Glaubens, der Sprache, der Kultur und des Rechts aufeinander.

Die Globalisierung des Arbeits- und Finanzmarktes, der Real- und Finanzwirtschaft hat nicht paradoxerweise, sondern als Folge davon, alle anderen Gemeinsamkeiten, wie Sprache, Religion, Nation durcheinandergewirbelt. Die Massenmigrationen aufgrund des globalen Kapitalismus bedeutet also nichts anderes, als die Auflösung der bisherigen Zugehörigkeitsbeziehungen von Individuen in Gesellschaftsgruppen, Kommunen, Ethnien, Staaten und Glaubensgemeinschaften. Die Schwierigkeiten, die aus dieser Pluralität als Folge der globalen Ökonomie entstehen, benennt man mit Begriffen wie Integration und Assimilation oder mit Diversität und Multikulturalität.

Wiederkehr des Nationalismus und der Abwehr des Fremden

Multikulturalismus und Multiethnizität sind die Schlüsselwörter, mit denen man - etwas vergeblich - die Konflikte mehr zu umschreiben, als zu beschreiben versucht, die durch die Präsenz von ethnisch, kulturell, sprachlich und konfessionell differenten Bevölkerungsgruppen in einem homogenen universalen Wirtschaftraum entstehen. Der Universalismus des Kapitalismus, der globale Triumph kapitalistischer Produktionsweisen produziert (scheinbar paradox, aber in Wirklichkeit folgerichtig) einen neuen Partikularismus. In den Megastädten der Welt, die ihre historische Funktion als Jobmaschine nicht mehr erfüllen können und dementsprechend in ihren gigantischen Vorstädten die pauperisierten, arbeitslosen, entwurzelten und rechtlosen Massen behausen, schürt der Kapitalismus eine Xenophobie und einen Rassismus sondergleichen, zu einer Angst vor dem Anderen schlechthin.

Die "Diaspora" der Migranten aus der Dritten Welt oder aus den ehemals kolonialisierten Ländern in den Megastädten der Ersten Welt führt zu einem Wiederaufleben von Ideologien, die Europa mit der Aufklärung beseitigt zu haben glaubt. Weil die ökonomische Globalisierung die traditionellen Zugehörigkeiten und Bindungskräfte wie Nation und Kultur zerschlagen hat, da in den Großstädten Migranten aus aller Herren Länder und unterschiedlicher Sprachen, Religionen und Kulturen auf andere Migranten aller Herren Länder mit unterschiedlichen Sprachen, Religionen und Kulturen treffen, kommt es zur verstärkten Rückkehr alter Zugehörigkeiten: eines Festhaltens am Glauben als letzte Bastion, d.h. zur Rückkehr einer fundamentalistischen Religiosität, zu einem verstärkten Wiederaufleben des Nationalismus im Sinne eines Narzissmus als letzte Bastion des souveränen Subjekts.

Im Grunde kommt es durch die globale Ökonomie zum Wiederaufleben der Identitätsfrage. Deswegen hat ein Partisan des Partikularismus, wie Samuel Huntington, ein Werk mit dem Titel "Who are We. Die Krise der amerikanischen Identität" (2004) verfasst, weil er glaubt, mit der Lösung dieser Frage im "Kampf der Kulturen" (Clash of Civilisations, 1996) gewinnen zu können. Seine Lösung ist klarerweise eine ethnische Säuberung, die zwischen den weißen Amerikanern und den Hispanos eine klare Demarkationslinie zieht. Die Antwort von Huntington auf die Krise der Identität ist im Grunde rassistisch.

Wir verdanken Lévi-Strauss zwei Texte, die er 1952 und 1971 für die Unesco geschrieben hat, in denen diese Fragen anders geklärt wurden. In "Rasse und Geschichte" (1952) zeigte er, dass es nur eine menschliche Rasse gibt, die eine Vielfalt von Farben und physischen Dispositionen aufweist, aus denen sich keine Hierarchien und somit Herrschaftssysteme auf der Grundlage rassischer Zugehörigkeit legitimieren lassen. Sogar der Begriff "Ethnie" ist für ihn eine sozio-kulturelle Konstruktion.

In "Rasse und Kultur" 1971 zeigt er hingegen, dass eine Gesellschaft zu einer homogenen Kultur tendiert, dass die kulturellen Konstruktionen einer Gesellschaft es ablehnen können, sich zu ändern, um eben ihre Kultur, ihre Sprache, ihre Sitten zu bewahren. Die Aufnahme- und Annahmefähigkeiten einer kulturellen Gemeinschaft sind gewissermaßen begrenzt. Es gibt daher keinen normativen Multikulturalismus. Für die westliche Welt bedeutet dies, sie ist multiethnisch, aber nicht in gleichem Maße multikulturell. Denn ihre Kultur beruht (zumindest idealerweise) auf den Prinzipien der Gerechtigkeit, der Gleichheit vor dem Recht, der Gleichstellung der Geschlechter, der Trennung von Staat und Religion, der Idee der Freiheit, der Meinungsfreiheit, der Pressefreiheit und der Solidarität.

Diese Prinzipien sind relativ unveränderbare, wenn nicht sogar unveräußerbare kulturelle Werte, die nach Ansicht des Westens für alle Menschen gelten sollen, auch für den globalen Wirtschaftsraum. Durch die globalen Migrationsbewegungen vermischen sich allerdings die kulturellen Identitäten auf eine Weise, dass Kultur und Identität nicht mehr die herkömmliche Gleichung bilden, sondern eine neue Gleichung darstellen. Die Medientheorie kann vielleicht einige Elemente für die Werte bzw. Variablen dieser neuen Gleichung bereitstellen.

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