Die Verbindung von Hirnforschung und Philosophie

01.05.2011

Interview mit Alexander Braidt über die Sonderstellung des menschlichen Gehirns - Teil 1

Während die Geisteswissenschaft den qualitativen Sprung in der Evolution, der sich mit der Entwicklung des menschlichen Gehirns vollzieht, eher phänomenologisch ableitet als wissenschaftlich begründet, verallgemeinern die Naturwissenschaftler die jeweils aktuellen Ergebnisse ihrer empirischen Forschung auf unzulässige Weise und unterschlagen dabei vor allem die kulturelle Entwicklungsfähigkeit als Folge menschlichen Bewusstseins. Mit seinem Buch Bewusstsein - der Abgrund zwischen Mensch und Tier versucht Alexander Braidt zwischen den Fronten zu vermitteln.

Herr Braidt, Sie schreiben in ihrem Buch, dass Geistes- und Naturwissenschaften in Bezug auf das Bewusstsein konträre Positionen vertreten. Welche sind das?

Alexander Braidt: Verkürzt ließe sich antworten: Die Geisteswissenschaft sieht im Bewusstsein die Einzigartigkeit des Menschen begründet. Dagegen hat sich die Hirnforschung erst in ihrer jüngsten Geschichte an das Bewusstsein herangewagt und gefunden, dass es den Menschen nur graduell vom Tier unterscheide. Die Geisteswissenschaft erkennt einzigartige, kognitive Leistungen des Menschen, kann sie aber nicht neuronal erklären. Die Hirnforschung erkennt lediglich eine höhere Intelligenz des Menschen, kann aber damit das Entwicklungspotenzial seiner kognitiven Leistungen nicht überzeugend erklären. Bildlich gesprochen: Der Geisteswissenschaft stellt ihre Erdferne, der Naturwissenschaft ihre Erdnähe ein Bein.

Kurioserweise betrachten beide - Geistes- wie Naturwissenschaft - das Bewusstsein als ungelöstes Rätsel. Jedoch aus verschiedenen Gründen: Die Geisteswissenschaft ist überzeugt, dass Bewusstsein das entscheidende Spezifikum des Menschen ausmacht. Sie beschreibt auch dessen Symptome mit ihrem Verweis auf das "innere Auge" (also die Fähigkeit, sich selbst beim Denken beobachten zu können) und die Planungsfähigkeit des Menschen besser als die Naturwissenschaft. Wodurch aber diese Symptome zustande kommen, muss für sie ein Rätsel bleiben, weil sie sich nicht mit den neuronalen Fakten auseinandersetzt. In jüngerer Zeit traten zwar Philosophen wie Thomas Metzinger ("Der Ego-Tunnel") und Michael Pauen ("Was ist der Mensch?") mit dem Anspruch auf, die neurowissenschaftlichen Fakten ernst zu nehmen.

Das Qualia-Problem

Da sie aber unkritisch die Schlüsse eines Großteils der Hirnforscher aus unverstandenen Experimenten und mangelhaften Beobachtungen übernahmen, übersetzten sie nur deren Irrtümer und Moden in ein philosophisches Kauderwelsch, ohne irgendeine eigene Entdeckung einzubringen. Das ideologische Getöse war groß, der Erkenntnis-Ertrag nahe Null.

Die Hirnforschung glaubt nämlich, mit den psychischen Funktionen der Wahrnehmung, der Aufmerksamkeit, des Gedächtnisses usw. bereits zu wissen, was das Bewusstsein ausmacht. Dass sie dabei allerdings die Aufmerksamkeit als besten geeigneten Kandidaten für das Bewusstsein favorisiert, zeigt, dass sie etwas von seiner Exklusivität ahnt, obwohl sie sie leugnet. Für die Hirnforschung besteht das eigentliche Rätsel des Bewusstseins in der Frage, wie die Intensität des Erlebens neuronal zustande kommt (das sogenannte Qualia-Problem). Dieses Rätsel gilt allerdings genauso für jedes Tier und hat nichts mit dem Rätsel zu tun, worin die psychische Eigenschaft elementar gründet, die uns vom Tier so folgenreich trennt.

Die Stärke der Geisteswissenschaft bei der Lösung dieses Rätsels ist, dass sie sehr sorgfältig und kritisch mit den von ihr verwendeten Begriffen umgeht - Bewusstsein, Freiheit, Ich etc. - ihre Schwäche dagegen, dass sie ihre Begriffe nicht aus immer neu gewonnenen und überprüften Fakten ableitet. Die Stärke der Naturwissenschaft ist, dass Anfang und Ende ihrer Theorien konkret belegbare Fakten sind, ihre Schwäche dagegen, dass sie unkritisch Begriffe übernimmt und umdefiniert.

"Es kann keine letzten, kausalen Ursachen geben"

Oder noch kürzer: Geisteswissenschaftler haben viel Ahnung von Philosophie, aber wenig von den vorausgesetzten Tatsachen. Umgekehrt haben Naturwissenschaftler viel Ahnung von den vorausgesetzten Tatsachen, aber wenig von Philosophie.

Ich verstehe meine Brückenfunktion zwischen Geistes- und Naturwissenschaft darin, dass ich ihrer beider Stärken zu verbinden suche. Als Geisteswissenschaftler lehrt mich der Materialismus der Naturwissenschaften, dass Begriffe wie Freiheit, Vernunft, Gefühl usw. keine Entitäten sind, denen als solche eine Wirklichkeit entspricht. Umgekehrt: Solche Begriffe müssen in ihrem wissenschaftlichen Gebrauch empirisch begründet werden. (Es gibt zum Beispiel im Gehirn kein Areal "Vernunft".)

Als Naturwissenschaftler lehrt mich das Qualitäts- und Zusammenhangsdenken der (besseren) Geisteswissenschaft, Begriffe zu hinterfragen und hinter Einzelaussagen den größeren Zusammenhang zu suchen. Denn: Es kann keine letzten, kausalen Ursachen geben und das Wechselspiel elementarer Einheiten führt zu neuen, unverstandenen Qualitäten. (Die bloße Summe von Neuronen, Dendriten und Synapsen bleibt eine bloße Summe. Ihre Prozessweisen machen des Pudels Kern aus.) Kurz: Die Brückenfunktion zwischen Geistes- und Naturwissenschaft besteht für mich darin, dialektische und reduktionistische Methode anhand der Wirklichkeit zu verbinden.

Welche Stellung nehmen Sie in ihrem Buch ein? Was genau ist ihr Ansatz?

Alexander Braidt: Mein Ansatz besteht darin, von frappierenden, empirischen Phänomenen auszugehen - wie der geradezu fantastischen, kulturellen und zivilisatorischen Entwicklung des Menschen seit mindestens 40 000 Jahren (vom Faustkeil zur Computertomografie des Gehirns gewissermaßen), wie der Fähigkeit des Menschen, komplex zu handeln, zu denken und gleichzeitig diesem Handeln und Denken auf einer "inneren Bühne" voraus wie hinterher zu sein - um mich dann zu fragen: Was muss in der Psyche des Menschen radikal anders sein wie beim Tier, dass er dies vermag, während jedes Tier, auch der Menschenaffe, über seine kognitive Artschranke nie hinauskommt?

Qualitativer Sprung durch Cro-Magnon-Menschen

Mein Ansatz besteht außerdem darin, mich nicht mit bloßen Folgephänomenen wie der flexiblen Sprache und der höheren Intelligenz als Pseudoerklärung abzufinden, sondern weiter zu fragen: Was erst macht die herausragende Qualität menschlicher Sprache möglich, worin besteht überhaupt die höhere Intelligenz des Menschen und was macht sie möglich? Das Ergebnis, zu dem mich meine Forschung und Analyse brachten, war, dass die biologische Evolution vom Tier zum Menschen zwar graduell verläuft - worauf sich die Hirnforschung und Anthropologie versteifen -, aber irgendwo auf diesem Weg, innerhalb etwa 100 000 bis 60 000 v. Chr. muss ein qualitativer Sprung erfolgt sein: Denn erkennbar spätestens seit dem Cro-Magnon-Menschen denkt, spricht und handelt der Mensch radikal anders wie das intelligenteste Tier; seitdem vergrößert sich der Abgrund zwischen Mensch und Tier immer mehr - obwohl sich das Gehirn des Menschen nicht relevant verändert hat.

Als entscheidendes Ingrediens, als Zusatzqualität, die das Gehirn des werdenden Homo sapiens gewonnen hat - so mein Resultat zwanzigjähriger Forschung - ist das Bewusstsein auszumachen, über das allein der Mensch verfügt. Allerdings nur, wenn man dessen Eigentümlichkeit herausfindet und nicht wie die bisherige Hirnforschung Bewusstsein mit tierischer Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Gedächtnis usw. in einen Topf wirft.

Sie zitieren in ihrem Buch Gerhard Roth, der schreibt: "Aufgrund von Selbstbeobachtung, Experimenten mit Versuchspersonen und des Studiums der Folgen von Verletzungen und Erkrankungen des Gehirns kommen wir zu dem Ergebnis, dass es das Bewusstsein überhaupt nicht gibt." - Müsste dem Gehirn von Gerhard Roth nicht auffallen, dass seine Aussage gerade das Gegenteil davon ausdrückt, was er sagen will, weil - auch indem er das Entgegengesetzte schreibt - er gerade Zeugnis davon abgibt, dass das Bewusstsein über sich selbst reflektiert, dass auch die Aussage von der Nicht-Existenz des Bewusstseins ein Modus des Bewusstseins ist?

Alexander Braidt: Wenn man wie Gerhard Roth unkritisch von einem Allerweltsverständnis von Bewusstsein ausgeht - schlicht alles meint, was in unserm Kopf vor sich geht: nämlich Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Reflexion usw. -, dann wird seine Aussage durchaus verständlich. Alle die genannten, spezifischen Phänomene unserer Psyche subsumiert er schlicht unter dem Sammelbegriff Bewusstsein. Dann gibt es natürlich nicht das Bewusstsein schlechthin, sondern nur lauter spezifische Zustände von Bewusstsein, wie er es nennt. Leider fällt bei diesem schludrigen Umgang mit Begriffen und fehlender, gründlicher Beobachtung und Analyse das Eigentümliche der menschlichen Psyche unter den Tisch. Denn Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Reflexion zeichnen zumindest die höheren Tiere genauso aus.

"Inneres Auge"

Tiere denken sogar nach, wie man am veränderten Verhalten von Haustieren gegenüber ihren lobenden oder tadelnden Haltern beobachten kann. Roth würde daher Ihren Einwand damit kontern, dass der Mensch lediglich über eine graduell höhere Intelligenz verfüge - schließlich sei sein Gehirn zwar proportional erheblich größer, aber anatomisch analog gebaut. Trotzdem weist ein kleiner Hinweis in Ihrer Roth-Kritik in die richtige Richtung: Der Mensch denkt nicht nur "über sich selbst" nach, sondern er tut dies auf exquisite Weise: Nämlich vor seinem "inneren Auge", er weiß, dass er über sich nachdenkt. Das Phänomen des "inneren Auges" wird zwar in der bekannten Hirnforschung immer wieder registriert - z. B. von Wolf Singer -, aber falsch interpretiert.

Die Formulierung "inneres Auge" liefert ja lediglich ein Bild, während zu erklären wäre, wie das, was es erzeugt, das Denken des Menschen radikal ändert und welche gehirnphysiologischen Bedingungen bestehen müssen, damit es überhaupt möglich wird? - Exakt diese Fragen versuche ich mit meinem Buch zu beantworten. Denn hinter dem Phänomen des "inneren Auges" verbirgt sich die nur dem Menschen eigene "Bewusstheit" - wie ich es in Abgrenzung vom vulgären Bewusstseinsbegriff der bisherigen Hirnforschung nenne.

Seite 1 von 2
Nächste Seite
x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Anzeige
Cover

Die Moral in der Maschine

Beiträge zu Roboter- und Maschinenethik

Anzeige
Hellwach mit Telepolis
Anzeige
Cafe
Telepolis-Cafe

Angebot des Monats:
Kaffee und Espresso aus Guatemala in der Telepolis-Edition für unsere Leser

Cover

Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

Anzeige
Weit weg mit Telepolis
Anzeige
Auf nach Brasilien
Leben im Regenwald, Nationalpark Iguacu, Rio de Janeiro
Cover

Leben im Gehäuse

Wohnen als Prozess der Zivilisation

bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.