Exitus per Kopfschuss ist kein Schuldbeweis

Ob es den schon lange für tot gehaltenen Osama Bin Laden nunmehr tatsächlich erwischt hat, ist noch unklar. Sicher ist allerdings, dass es keine Beweise für seine 9/11-Täterschaft gibt

Ob es sich bei der am 1. Mai in Abbottabad, einem Garnisionsstädtchen und Luftkurort nordwestlich der pakistanischen Hauptstadt, hingerichteten Person tatsächlich um Osama Bin Laden handelt, ist aufgrund der derzeitigen Nachrichtenlage schwer zu beurteilen. Nach der Verkündung Präsident Obamas, den Chefterroristen zur Strecke gebracht zu haben, kursieren in den Medien dazu bisher nur Gerüchte und ein Fake-Foto der angeblichen Leiche.

Da die Leiche mittlerweile blitzschnell - im nur 1.700 km entfernten Ozean - einer Seebestattung zugeführt wurde, werden eine DNA-B-Probe oder andere forensische Beweise für die Identität Bin Ladens künftig nicht mehr auftauchen. Genausowenig wie die Aussagen seines angeblichen 9/11-Operationschefs Khalid Scheich Mohammed vor einem ordentlichen Gericht, nachdem der US-Präsident kürzlich verkündet hatte, den nach 183 Waterboarding-Sessions vollinhaltlich geständigen KSM nun doch lieber in Guantanamo der Gerechtigkeit zuzuführen.

Nachdem Bin Laden mangels glaubhafter Lebenszeichen von zahlreichen Militärs und Experten schon seit Jahren für tot gehalten wurde, muss sein Ableben nunmehr als offiziell gelten und wird mit dem Datum 1. Mai in die Geschichtsbücher eingehen. Dort firmiert er auch schon als Kopf der Terroranschläge des 11. September 2001 - doch auch dafür gibt es bis keinen Beweise.

Dazu aus aktuellem Anlass im Folgenden als Vorabveröffentlichung das Kapitel über Osama Bin Laden aus unserem Buch "11.9.- Zehn Jahre danach - Der Einsturz eines Lügengebäudes", das im Juli 2011 im Westend-Verlag erscheint.

Die 9/11Terroristen handelten auf Geheiß von Al-Qaida-Anführer Osama Bin Laden. Daran kann kein Zweifel bestehen. "OBL", spätestens im Mai 2011 auch offiziell verstorbener Chef der Terrorganisation Al-Qaida, plante und veranlasste die Anschläge des 11. September. Wäre das nicht zweifelsfrei bewiesen, hätten wir und unsere amerikanischen Verbündeten in Afghanistan nichts verloren. Davon abgesehen brauchten wir in dem Fall einen anderen Täter resp. Planer.

Fassen wir daher in gebotener Kürze die Beweislage zusammen.

Der Beschuldigte wies von Anfang an jede Beteiligung an den Anschlägen energisch von sich. Am 28.9.2001 gab Bin Laden in einem von der pakistanischen Tageszeitung Ummat veröffentlichten Interview zu Protokoll: "Ich habe bereits gesagt, dass ich mit den Anschlägen nichts zu tun hatte. ... Ich hatte von den Anschlägen keine Kenntnis." Bereits zwei Wochen zuvor, am 16. September, hatte Bin Laden durch seinen Gefolgsmann Abdul Samad der französischen Agentur AFP mitteilen lassen: "Ich erkläre kategorisch, dass ich diese Tat nicht begangen habe."

Am 8. November empfing OBL den pakistanischen Journalisten Hamid Mir und wiederholte: "Ich habe mit den Anschlägen in den USA absolut nichts zu tun." Worauf der Journalist ihn fragte, weshalb er am 7. Oktober dem Sender Al-Dschasira erklärt hatte, die Anschläge seien von Muslimen ausgeführt worden. Bin Laden erwiderte: "Die Amerikaner haben doch selbst eine Liste mit den verdächtigen Personen erstellt, die an den Anschlägen beteiligt gewesen sein sollen."1

Damit stand zweifelsfrei fest: Der Verfolgte verfolgte die Nachrichten.

Das reichte aber nicht, um deswegen gleich das Land zu bombardieren und zu besetzen, das ihm angeblich Unterschlupf bot. Denn es fehlte ja weiterhin jeder Beweis für seine Beteiligung an den Anschlägen.

Zum Glück verplapperte sich der Terrorscheich.

Ein Video überführte ihn als Lügner. Ein im November 2001 aufgezeichnetes Gespräch Bin Ladens mit einem nicht zu identifizierenden Scheich wurde am 13. Dezember 2001 vom US-Fernsehen ausgestrahlt. Das 40 Minuten lange grobkörnige Videoband, unbemerkt aufgenommen in einer afghanischen Hütte, war von der US-Armee angeliefert worden, beziehungsweise von Donald Rumsfelds Verteidigungsministerium (DoD). Es hieß, das Band sei Ende November in Dschalalabad aufgetaucht, "von jemandem zurückgelassen, der überstürzt aufgebrochen ist". 2 Später erklärte das DoD, das Band sei den Behörden von einer Gruppe oder Einzelperson anonym zugespielt worden.

Bin Laden spricht auf dem Band mit seinem Besucher über den Anschlag, nennt "Mohammed Atta" als Anführer der Attentäter und erklärt auch gleich, weshalb er selbst, Bin Laden (früherer Bauunternehmer), anders als der Rest der Welt, auf den Einsturz der World-Trade-Center-Türme durch die Flugzeugtreffer hoffte. Er sei am 6. September über den genauen Anschlagstermin informiert worden und habe die Anschläge am 11. September ab 17:30 Uhr Ortszeit am Radio verfolgt.

Mit diesem Geständnis war Bin Laden überführt. Als Täter, Planer. Und Lügner. Und Leugner. Zweifelsfrei. Na ja, fast zweifelsfrei.

Wann das Band beim DoD auftauchte, ist bis heute nicht ganz klar. Das Ministerium selbst ließ verlauten, es sei Ende November gewesen, CNN berichtete von Anfang November, der britische Independent unter Berufung auf Regierungsquellen vom 9. November. Jedenfalls hielt die US-Regierung das Band bis zum 13. Dezember zurück, denn Präsident Bush wollte alles haargenau geprüft wissen, ehe er sich entschloss, kurz vor dem Weihnachtsfest der christlichen Öffentlichkeit diesen alles entscheidenden Beweis für die Verderbtheit des 9/11-Islamofaschisten Bin Laden zu präsentieren (Wahrheit und Fälschung im digitalen Zeitalter).

Einige nicht unwesentliche Kleinigkeiten entgingen allerdings der akribischen Aufmerksamkeit der amtlichen Authentizitätsprüfer. Zum einen verwechselte der Video-Osama Zitate aus Koran und Hadith (also den Verkündigungen des Propheten)3, zudem zitierte er ungenau. Des weiteren erwies sich die vom Pentagon mitgelieferte Übersetzung in wesentlichen Teilen, insbesondere hinsichtlich der "geständigen" Aussagen, als falsch.4

Die prüfenden US-Experten hätten aber auch aus anderen Indizien schließen können, dass der Videogeständige möglicherweise nicht Bin Laden war, sondern ein schlechter Schauspieler. Denn nicht genug damit, dass Linkshänder Osama in dem Video mit rechts schreibt - er hat außerdem seit seinen letzten Auftritten ungefähr vierzig Kilo zugenommen und sieht sich nicht mehr besonders ähnlich. Bis auf den angeklebten Bart. Zudem hatte der fanatische Glaubenskrieger in den Wochen zwischen den Anschlägen und seinem unfreiwilligen Geständnis offenbar die Religion gewechselt. Der Video-Bin wedelt mit der rechten Hand vor seinen Gästen herum, erfreut über seine gelungene Tat, und lässt alle stolz den dicken Goldring an seinem Ringfinger sehen.5

Ein Ehering? Warum nicht, Bin Laden war häufiger verheiratet gewesen. Aber die Materialwahl gibt zur Skepsis Anlass, denn die Sahih Al-Bukhari, wichtigste Quelle der islamischen Rechtsprechung (nach dem Koran), verbietet kaum etwas so kategorisch wie - eben, das Tragen von Gold.6 Das hätte dem fanatischen Sunni-Prediger doch nun wirklich mal einer sagen können. Die empörten Anführer des westlichen Rachefeldzugs gegen den Terror, George W. Bush und Tony Blair, sahen Dank des akribisch untersuchten und als authentisch verifizierten Bandes Bin Ladens Schuld als endgültig erweisen an und lehnten sich sperrangelweit aus allen Fenstern. Selbst wenn die "Beweise" für den Gang vor ein ordentliches Gericht niemals ausgereicht hätten, einen Waffengang rechtfertigten sie allemal. Der Einmarsch in Afghanistan, so viel stand für Bush und Blair fest, war gründlich legitimiert. Man werde erst wieder abrücken, wenn OBL inhaftiert worden sei.

Dass Osama Bin Laden auf der FBI-Liste der weltweit meistgesuchten Verbrecher zu finden ist, versteht sich unter diesen Umständen natürlich von selbst. Sein Konterfei ziert die Top-10-Most-Wanted-Liste der Behörde. Was sich nicht von selbst versteht, sind die Verbrechen, deretwegen Bin Laden konkret gesucht wird. Nämlich in Verbindung mit den Bombenanschlägen vom 7. August 1998 auf die US-Botschaften in Daressalam, Tansania, und Nairobi, Kenia. 9/11 fehlt auf dem Steckbrief.

Wer das für eine banale Nachlässigkeit des FBI hält, wird von der Behörde selbst eines Besseren belehrt. Auf Anfrage des Journalisten Ed Haas erklärte FBI Sprecher Rex Tomb im Juni 2006, 9/11 fehle deshalb auf der Osama-Steckbrief-Seite, weil "die Ermittlungen des FBI keine konkreten Indizien für Bin Ladens Beteiligung an 9/11" ergeben hätten.7 Das ist, nach jahrelangen gründlichen Ermittlungen und einem zwischenzeitlich vorgelegten dicken Commission Report, doch etwas überraschend.

Wir halten daher fest: Osama Bin Laden bestritt bis zu seinem offiziellen Ableben in allen frühen und zweifelsfrei als authentisch anzusehenden Aussagen seine Beteiligung an der Anschlagsplanung, das erste aufgetauchte Beweisvideo ist als zumindest dubios anzusehen, und das FBI hat keine gerichtsfesten Hinweise auf Bin Ladens Beteiligung an 9/11.

Auch die späteren Videos (Bin Laden gibt sich staatsmännisch, Das al-Qaida-Videoband zum Jahrestag) werden von den Fahndern nicht als definitive Beweise für OBLs Täterschaft angesehen. Selbst Vize-Präsident Cheney bekundete 2006 angesichts der seit Jahren äußerst dürftigen Beweislage gegen den angeblichen Haupttäter seinen Unglauben: "We've never made the case or argues the case that somehow Osama bin Laden was behind 9/11."

Natürlich kann man all das für vernachlässigenswert halten. Man kann es auch gleich mit den Worten von Ex-Präsident Bush richtig einordnen, der noch zu Lebzeiten des Meistgesuchten sagte: "Terror ist größer als eine einzelne Person. ... Ich weiß nicht, wo er ist. Ich beschäftige mich auch nicht so viel mit ihm, ehrlich gesagt."8 Oder besser noch, mit den Worten von Oberbefehlshaber Richard Myers, den Einmarsch in Afghanistan historisch korrekt bewerten: "Es war nie das Ziel, Bin Laden zu kriegen."9

Gut. Aber sofern wir uns diesbezüglich alle einig sind - sowie die Ansicht teilen, dass auch ein Exitus per Kopfschuss keinen Schuldbeweis darstellt - bedeutet das: Uns fehlt ein ganz wesentlicher überführter Täter, nämlich der Kopf der Operation 9/11.

Auszug aus Mathias Bröckers, Christian C. Walther: 11.9. - Zehn Jahre danach. Der Einsturz eines Lügengebäudes, Westend-Verlag, Juli 2011

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