Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten zur Nachschulung

19.05.2011

Wie das elektronische Lernen Jedem seinen individuellen Stempel verpasst

Je größer der Fachkräftemangel in der alternden Gesellschaft, desto wichtiger die Qualifikation des knapper werdenden Personals. Dabei wächst aber nicht nur das Wissen des Lernenden, wie die Juristin Janine Horn vom E-Learning Academic Network Niedersachsen (ELAN e. V.) weiß:

Mit jeder Lehr- und Lernaktivität sowie Kommunikation entstehen personenbezogene Daten, die - sogar in Profilen - zusammengeführt und zur Leistungsbewertung oder anderen Zwecken genutzt werden können.

Alles, was der Lernende in Online-Übungen und -prüfungen etc. von sich gibt, erschließt sich früher oder später auch wieder dem oben besprochenen Text Mining. Die Erhebung, Verarbeitung und Nutzung solcher personenbezogener Daten bedürfen daher Horns Meinung nach einer rechtlichen Begründung. Mit der zunehmenden Nutzung von Wikis, Blogs und Foren von und für Studierende und Lehrende werden auch vermehrt Beschwerden über Verletzungen des Persönlichkeitsrechts laut. Diese neuen Lehr- und Lernformen stellen datenschutzrechtliche Forderungen an die Konfiguration sowie auch die Nutzung von eLearning-Plattformen.

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Wer aber lernt denn nun eigentlich computerunterstützt? Kurz gesagt: Alle! Vom Kindergarten über Schüler und Studenten bis hin zum Berufspraktiker müssen künftig alle immer am Ball bleiben.

Im Vorschulalter machen die Kleinsten Bekanntschaft mit den Schlaumäusen von Microsoft: 4-6-Jährige sollen auf spielerische Weise die Sprache erlernen - "mithilfe moderner Technologien" - ein echtes Wunder, dass so viele Menschen in der Lage sind, fehlerfreie Sätze zu sagen, ohne jemals von den Schlaumäusen traktiert worden zu sein!

Bei den Pennälern gibt's etwa den IHK-Onlinetest, den einige Kammern in NRW zusammen mit dem Handelsblatt anbieten. "Mit dem IHK Online-Test Handelsblatt macht Schule soll das Interesse und Verständnis für ökonomische Zusammenhänge von Schülern der gymnasialen Oberstufe gestärkt werden." Die Schüler erhielten die Chance, eine Zusatzqualifikation im Sinne der vertieften Berufsorientierung zu erlangen, wie die Zeitung betont. Nachdem bei focus.de noch ein Intelligenztest und darauf aufbauend einer der zahllosen Berufs- und Studieninteressentests absolviert wurde, kann man direkt ins Leben starten.

Das Handelsblatt könnte nun aus den gewonnen Daten versuchen, Kapital zu schlagen: Die Daten der besten Schüler ließen sich sicher bei den großen Personalberatern verscherbeln - schließlich müssen die das künftige Personal kennenlernen. Und die Nixblicker können zur Nachschulung bestellt oder auch weitervermittelt werden. So könnte die Politik auf die Idee kommen, "selbst verschuldete" Arbeitslosigkeit nicht mehr zu versichern. Darunter könnte dann auch die Faulheit im Studium zählen.

Und auch die Chefs müssen am Ball bleiben. Denn künftig bedarf es nicht nur des richtigen Wissens (rund die Hälfte aller Führungskräfte in deutschen Großunternehmen wird von ihren Arbeitgebern angehalten, sich am Computer fortzubilden - sie müssen auch noch ein ganzes Bündel von Zeitungen und Zeitschriften lesen, am besten mit dem IT-Nachrichtendienst relevANTS, dem "smarten information broker" aus dem IDG-Verlag. CIO.de - eines von zahlreichen IDG-Produkten - schreibt:

Aus mehr als 50 Quellen filtern die 'relevANTS' die für Sie interessanten IT-Nachrichten und liefern die Ergebnisse per Newsletter, RSS-Feed oder Windows-Widgets. Hinter relevANTS steckt eine "semantische" Analysetechnik, die anhand Ihres Nutzerverhaltens und Ihrer Vorgaben das World Wide Web nach relevanten Inhalten durchforstet. relevANTS greift dabei auf eine Vielzahl internationaler Quellen zurück, darunter neben deutschen und englischsprachigen IDG-Publikationen wie CIO, Computerwoche und TecChannel etwa Handelsblatt.com, Spiegel Online, TechCrunch, The Inquirer oder Wired.

In seinen Datenschutzbestimmungen teilt der Nachrichtendienst mit:

relevANTS wird diese Daten in keinem Fall an Dritte weitergeben und/oder diese Dritten sonst wie zur Kenntnis geben, es sei denn, wir werden durch richterlichen Beschluss oder Urteil hierzu gezwungen.

Die Betreiber legen nach eigener Aussage Wert auf den Datenschutz. Aber: "E-Mail-Adresse und Passwort werden in einer Datenbank hinterlegt. Das Passwort wird verschlüsselt abgelegt und kann von keiner natürlichen Person eingesehen werden." Das aber haben Andere vorher auch schon behauptet.

Wen es interessiert, was Sie lesen? Wenn ein Darlehensgeber den Eindruck bekäme, dem Antragsteller mangele es an Verstand, könnte der womöglich eine negative Entscheidung fällen. Beliebige weitere Lebenssituationen sind denkbar.

Ein anderes Szenario bietet sich dem wirklich klugen Wirtschaftsingenieur mit Schwerpunkt Gaswirtschaft, perfekten Russischkenntnissen und Berufserfahrung im "Cross Border Leasing". Für den interessiert sich vermutlich der "Kopfgeldjäger 2.0": "Zwei Mitarbeiter durchforsten Business-Plattformen wie Xing oder LinkedIn und sprechen Kandidaten gezielt an", wird Otto-Group-Personaldirektor Michael Picard von Zeit Online zitiert - das hört sich ziemlich zeitraubend an. Früher oder später wird es hier sicher eine Lösung geben, die das definierte Profil mit den Lebensläufen von Millionen Mitgliedern elektronischer Sozialvereine abgleicht.

Es bleibt die Erkenntnis: Das Netz verschmäht Keinen - Jeder erfährt seine individuelle Behandlung. Ob's ihm passt oder nicht.

Der Text stammt aus dem eben in der Telepolis-Reihe erschienenen Buch von Astrid Auer-Reinsdorff, Joachim Jakobs und Niels Lepperhoff: Vom Datum zum Dossier. Wie der Mensch mit seinen schutzlosen Daten in der Informationsgesellschaft ferngesteuert werden kann. 182 Seiten, ISBN 978-3-936931-70-9, 16,90 Euro(D) / 17,40 Euro(A) / 25,90 sFr

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