Wie und warum die USA ihr Bruttosozialprodukt fälschen

13.05.2011

Die Pleite der USA - Teil 2

Im ersten Teil zeigte Alexander Dill vom Basel Institute of Commons and Economics ein Symptom der US-Pleite, nämlich die fehlende Nachfrage nach Dollar-Krediten (Die Pleite der USA). Nun geht es um die Manipulation des US-Bruttosozialproduktes, beispielsweise durch die Überbewertung von Computerprozessoren.

So muss es sich zugetragen haben:

"Ich hätte gerne einen Kredit in Höhe von 40 Milliarden Euro", sagte der Finanzchef eines deutschen Konzerns zu seiner Hausbank.

"Und, welche Sicherheit bieten Sie?", fragte der Bankchef.

"Wir haben 40 Milliarden Euro Umsatz. Daraus können wir locker die Zinsen bezahlen."

"Und wann zahlen Sie zurück?"

"Gar nicht. Wir erwarten ständig steigende Umsätze, so dass das Verhältnis von Schulden und Umsatz konstant bleibt."

Der Banker gab den Kredit natürlich nicht. Warum auch? So eine Kreditvergabe widerspricht allen kaufmännischen Grundsätzen.

Zur Beurteilung der Kreditwürdigkeit von Unternehmen wird nämlich der sogenannte Verschuldungskoeffizient errechnet. Er bezeichnet das Verhältnis von Eigenkapital zu Fremdkapital. Ein Unternehmen gilt dann als gesund, wenn dieses Verhältnis 1:1 und besser beträgt, das Unternehmen also nicht höher verschuldet ist als in Höhe seines Eigenkapitals.

Für die Beurteilung von Staatsschulden gibt es bisher keine internationalen Regeln. Erst ab 1993 wurde auch in den USA das System of National Accounts (SNA) eingeführt. Bis zu diesem Zeitpunkt bilanzierten die USA nach den eigenen Berechnungen ihres Bureau of Economic Analysis (BEA).

Eigentlich sollte das bereits 1953 von den Vereinten Nationen entwickelte SNA eine Vergleichbarkeit von Volkswirtschaften ermöglichen. In den USA aber gab es einen ganz anderen Grund, 1993 auf dieses System umzusteigen: Die Staatsschulden der USA waren von 1980 bis 1990 von 909 Milliarden Dollar auf 3,2 Billionen Dollar gestiegen. Da die US-Schulden noch 1950 - und damit inklusive der gigantischen Kosten des II. Weltkriegs - 257 Milliarden Dollar betrugen, bedeutet das, dass sich die Staatsschulden in nur 10 Jahren verdreifacht hatten. Dies ist umso erstaunlicher, weil der Vietnamkrieg lange vorbei war und mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1985 der Hauptgrund für das teure Wettrüsten entfiel.

Mit dem SNA nun wurde es erstmals möglich, die Verschuldung nicht mehr an den Steuereinnahmen zu messen, mit denen allein diese getilgt werden kann, sondern am volkswirtschaftlichen Gesamtumsatz, also Einnahmen auf der Habenseite zu buchen, die dem Kreditnehmer - dem Staat - gar nicht oder nur teilweise zustehen.

Die Weltbank hat diesen Bruch mit allen betriebswirtschaftlichen Grundsätzen in einer Handlungsanweisung zur nationalen Bilanzfälschung veröffentlicht.

Fortan würde es möglich sein, einen Production Account auf der Habenseite gegen einen Capital Account auf der Sollseite zu buchen. Für die kreativen Buchhalter der US-Regierung bedeutete das: Wenn es gelingen würde, den Production Account durch ein jährlich steigendes Bruttosozialprodukt zu erhöhen, könnten dabei auch ständig die Schulden erhöht werden. Die scheinbar ausgeglichene Staatsbilanz war geboren. Und der Posten Production Account bot ungeahnte Möglichkeiten.

So kann man laut Seite 19, Punkt 16.126 des Breviers zum SNA (PDF) davon Gebrauch machen, die Preise für Konsumgüter frei zu definieren. Insbesondere die US-Computer- und Softwareindustrie hat unter einem ständigen Preisverfall zu leiden, der eigentlich zum ständigen Sinken des US-BIP führen würde. Die Hedonic Pricing genannte Bewertungsmethode aber kehrt dieses Verhältnis um: Der nun zwar billigere PC wird im Production Account doppelt so hoch bewertet, wenn sich seine Rechengeschwindigkeit und seine Speicherkapazität verdoppelt haben. Der Management-Berater und Ökonom Fredmund Malik hat 2009 im Manager Magazin auf dieser Art der Manipulation des US-BIP hingewiesen .

"Hedonische Preisberechnung"

Bereits 2005 bezifferten die Statistiker des BEA den Anteil von mit Hedonic Pricing bewerteten Produkten am US-BIP mit 20%, also im Wert von 2 Billionen Dollar pro Jahr. Noch im gleichen Jahr beklagte der Zürcher Ökonom Jochen Hartwig, das US-Scheinwachstum werde in Europa als Begründung für Lohn- und Steuerdumping verwendet. Die USA hätten tatsächlich gar kein höheres Wachstum als ihre angeblich wettbewerbsschwachen Konkurrenten in Europa.

Aber alleine um ein paar hundert Milliarden Dollar pro Jahr überbewertete PCs reichen nicht aus, um die Staatsschulden von 3 auf 14 Billionen Dollar zu erhöhen. Das SNA-System erlaubt etwas für die USA noch viel Wichtigeres: Jede verschossene Rakete, jeder Flugzeugträger, die Homeland-Security und 2 Millionen Gefangene (so viel wie China und Europa zusammen) steigern das US-Bruttosozialprodukt. Schon lange reichen die Steuereinnahmen für die Finanzierung der größten Armee und des teuersten Polizei- und Justizapparates der Welt nicht mehr aus. Die Lösung: Neue Schulden nach SNA, mit deren Ausgaben wiederum das BIP gesteigert wird.

Rechnet man das Hedonic Pricing und diese Kosten aus dem BIP der Amerikaner heraus, so haben diese seit der Einführung des SNA 1993 kein Wachstum mehr gehabt. Die Staatsschulden haben sich in diesem Zeitraum aber fast verfünffacht.

In der EU ist mit dem sogenannten Maastricht-Kriterium die absurde Sichtweise, Staatsschulden könnten mit dem Bruttoinlandsprodukt in eine Bewertungsbeziehung versetzt werden, ebenfalls unwidersprochen eingeführt worden. Im Ergebnis versuchen Staaten dann entweder, ihre tatsächlichen Schulden zu verschweigen (Griechenland), oder wie Großbrittanien und Irland durch phantastische, künstliche Wachstumszahlen den Eindruck zu erwecken, sie seien auf einem ihre Bonität stärkenden Wachstumspfad.

Ganze Generationen von Ökonomen an Universitäten, in Bundesbank und selbst in der EZB glauben nach wie vor daran, eine Fixgröße - nämlich die Staatsschulden - nicht buchhalterisch korrekt an der Fixgröße der Vermögen zu messen, sondern an der Fließgröße des nach SNA-Standards beliebig manipulierbaren Bruttosozialproduktes.

Warum sollten die US-hörigen Ökonomen auch anderes behaupten, als ihre großen Vorbilder, nämlich die US-Nobelpreisträger für Wirtschaft? Im August 2009 veröffentlichte Paul Krugman in der New York Times einen Kommentar, in dem er feststellte, die USA könnten sich noch viel höher verschulden. Als positive Beispiele dafür, dass auch eine Verschuldung von über 100% des Bruttosozialproduktes problemlos sei, nannte er zwei zumindest in Deutschland wohlbekannte Stabilitätsstaaten: Belgien und Italien.

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