Roboter auf dem Weg zur Macht

Barack Obama hat die Weichen gestellt

Das Foto von US-Präsident Obama, der im engsten Beraterkreis live den Angriff auf Osama bin Laden verfolgt, hat rasch Ikonenstatus erlangt. Es markiert offenbar einen historischen Wendepunkt. Aber welchen? Weil das Bild das eigentliche Geschehen, um das es geht, nicht zeigt, erschließt sich nicht unmittelbar und eindeutig, wofür genau es eigentlich steht.

Bild: Weißes Haus/Pete Souza

Der Sieg über den Terrorismus ist auf dem Foto jedenfalls nicht zu sehen, das gegenseitige Töten wird weitergehen. Mit Osama bin Laden wurde selbst vor allem ein Symbol beseitigt, der zum Feind Nr. 1 erklärte Gegner der USA. Welche tatsächliche Bedeutung er im Terror-Netzwerk noch hatte, ist unklar und lässt sich für Außenstehende auch nicht überprüfen. Die verfügbaren Informationen stammen von Geheimdiensten. Die haben sich in den vergangenen Jahren regelmäßig als nicht verlässlich erwiesen.

Doch auch die Anschläge vom 11. September 2001, für die bin Laden verantwortlich gemacht wird, zielten auf ein Symbol: die beiden Türme des World Trade Center. Und so wie bin Laden wahrscheinlich den Einschlag des zweiten Flugzeugs und den anschließenden Zusammenbruch der Gebäude live am Fernseher verfolgt hat, sahen jetzt auch die Anführer der Gegenseite bei ihrem Triumph zu.

Die Terroristen aber hatten keine eigenen Kameras. Sie instrumentalisierten die Medien des Feindes für ihre Zwecke. Barack Obama und seine Berater dagegen stützten sich auf ihre eigenen elektronischen Augen und Übertragungskanäle. Der Angriff auf Osama bin Laden ging live über die Bildschirme, aber es gab nur über einige handverlesene Zuschauer. Aus mehreren tausend Kilometer Entfernung konnten sie den entscheidenden Moment hautnah miterleben. Wer dazu in der Lage ist, ist wirklich mächtig. Das ist die subtile, eindringliche Botschaft des Bildes.

Zugleich unterstreicht es eine Entwicklung, die sich unter Obama zugespitzt hat. Im Kampf gegen Terroristen hat er verstärkt auf Angriffe mit unbemannten Flugrobotern gesetzt, die von Kommandozentralen in den USA aus gesteuert werden. Was der US-Präsident und seine Berater gesehen haben, ist mittlerweile militärischer Alltag: Drohnenpiloten sitzen am Bildschirm, überwachen Gebiete und Personen auf der anderen Seite der Erde und feuern immer häufiger tödliche Raketen ab. Mit ziemlicher Sicherheit wird der Angriff auf bin Laden ebenfalls von Drohnen flankiert worden sein.

Insofern steht das Bild auch für den Erfolg dieser Strategie. Obwohl kein Roboter zu sehen ist und die tödlichen Schüsse auf Osama bin Laden wohl von Menschen abgefeuert wurden, dokumentiert es daher eine wichtige Etappe der Kriegsführung. Es unterstreicht: Wer im 21. Jahrhundert zu den Mächtigen gehören will, muss über Roboter und Satelliten verfügen.

Werden autonome Kampfroboter gefährlicher als Terroristen?

Derzeit werden die Aufklärungs- und Kampfroboter noch von Menschen ferngesteuert. Doch die Rüstungsdynamik erzwingt eine ständige Erweiterung der Maschinenautonomie. Es ist daher nur eine Frage der Zeit, dass Roboter selbstständig über den Waffeneinsatz entscheiden und Menschen töten, ohne dass ein anderer Mensch dafür noch einen Knopf drücken muss. Mit solchen autonom feuernden Flugrobotern rechnet das US-Militär in etwa 25 Jahren.

Das Foto, das Barack Obama beim Triumph über seinen Erzfeind zeigt, markiert daher auch eine Weichenstellung, deren Konsequenzen nicht absehbar sind. Vielleicht entwickelt sich die künstliche Intelligenz, die in den kommenden Jahren herangezüchtet werden wird, am Ende zu einem weitaus gefährlicheren Gegner, als es menschliche Terroristen jemals sein könnten? Es wäre nicht das erste Mal, dass Verbündete zu Feinden werden. Auf dem riskanten Weg zu immer intelligenteren Kampfmaschinen mag es zudem Entwicklungsstadien geben, von denen aus keine Umkehr mehr möglich ist. Nur weiß bislang niemand, wann diese points of no return erreicht sind.

Es ist aber derzeit auch niemand in der Lage, die Entwicklung aus eigener Kraft zu stoppen. Das ginge allenfalls durch internationale Vereinbarungen zur Rüstungskontrolle. Vielleicht könnte sich Friedensnobelpreisträger Barack Obama sogar dafür erwärmen. Aber wie soll er solche Rüstungsbeschränkungen in seinem Land durchsetzen - nachdem er dieses Bild in Umlauf gebracht hat?

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