Die nächste Gesellschaft

04.06.2011

Für den Soziologen Dirk Baecker unterscheidet sich die nächste Gesellschaft von der modernen Gesellschaft wie die Elektrizität von der Mechanik

Dirk Baecker ist einer großen Gesellschaftsdenker dieses Landes, wenn man den Denker-Hitparaden des Magazins Cicero Glauben schenken möchte. Der Soziologe hat nun 15 Thesen publiziert, die die nächste Gesellschaft charakterisieren oder gar vorbereiten sollen. Kein Geheimnis: Es geht um die Gesellschaft im Zeitalter des Computers.

Viele Wissenschaftler, die sich dem Theoriegebäude der Systemtheorie verschrieben haben, lösen ihren jeweiligen Untersuchungsgegenstand vollständig in der zur Verfügung stehenden Terminologie auf. Dort wo die Romantiker der natürlichen Sprache noch eine "gewöhnliche" Alltagssprache zur Anwendung bringen oder Physiker jedes Detail in grundlegenden nomologischen Termini wie Raum, Zeit, Masse und Energie ausdrücken müssen, haben Theoretiker der Systeme das Werkzeug der Operationen (Handlungen), der Strukturen sowie der Innen- und Außenwelt. Fortgeschrittene Vertreter dieser Zunft lassen noch die Erklärungsebene der Organisation zu.

Das Vorgehensmodell besteht darin, Entitäten mit inneren und äußeren Eigenschaften und Mengen zu umschreiben, die Elemente, Operationen oder Strukturen umfassen. Neben den empirischen Daten erschaffen sie so eine zweite Ebene der qualitativen Mengenlehre in die die einzelnen Objekte unserer Welt eingeordnet werden.

Die erste These Baeckers erscheint zunächst seltsam, da sie weder den Untersuchungsgegenstand, noch den Kontext oder die Veranlassung der Thesen einführt:

Die nächste Gesellschaft unterscheidet sich von der modernen Gesellschaft wie die Elektrizität von der Mechanik. Schaltkreise überlagern Hebelkräfte. Instantaneität erübrigt Vermittlung. Wo der Buchdruck noch auf Verbreitung setzt, rechnen die Computer bereits mit Resonanzen. Die Dynamik der Moderne, die noch als Geschichte, Fortschritt und Dekadenz lesbar war, löst sich in Turbulenzen auf, die nur noch Singularitäten kennt.

Da man kaum mehr "Postmoderne" sagen bzw. schreiben kann, ohne an Francois Lyotards mahnende Worte aus dem postmodernen Wissen wie einen vergifteten Pfeil wirken zu lassen, nutzt Baecker das vermeintlich neutrale Wort "nächste". Das beinhaltet eine fortschreitende Entwicklung, einen evolutionären Charakter, der die Idee der Linearität freundlich aber bestimmt zugrunde legt. In einem vermeintlichen Kniff wird ein qualitativer Unterschied der beiden linearen Stadien mit den Begriffen Elektrizität und Mechanik beschrieben. Leider wird dabei nicht bedacht, dass die ordinäre Lichtmaschine (Wandelgenerator), mechanische Energie in Strom wandelt. Der Zusammenhang oder der Abgrund zwischen den beiden physikalischen Bereichen sind unterschiedliche Beschreibungsweisen von Energie (kinetisch bzw. elektrisch).

Die Antwort auf die Frage, wieso Schaltkreise als funktionale Struktur zum Einsatz von elektrischer Energie die Hebelkräfte als Beschreibungsmodell kinetischer Energie überlagern sollen und was das über Gesellschaft aussagt, bleibt uns Baecker schuldig. Eine Annahme wäre, die Arbeitswelt als ehemals mechanisch dominiert nunmehr als elektronische Sphäre zu beschreiben. Die Instantaneität (Augenblicklichkeit) soll Vermittlung erübrigen. Was dabei wem vermittelt werden soll bleibt auch unausgesprochen. Da Systemtheorie gern naturwissenschaftliche Begriffe einsetzt (sie leitet sich aus der Biologie ab), um gesellschaftswissenschaftliche Beobachtungen zu benennen, kommt zum "Überlagern" (Interferenz ist aus der Wellentheorie das zeitliche zusammentreffen zweier Wellen). Auch der folgende Begriff der Resonanz kommt aus dieser Welt physikalischer Beschreibungen und soll den Vorgang der Übertragung beschreiben, die offenbar etwas ganz anderes sein soll als die Vermittlung.

Spannend wäre nun, zu erfahren, warum die Vermittlung erübrigt ist und warum statt des Buches nun das virtuelle Papier im Monitor die Resonanz auftauchen lässt. Haben Bücher keine Rezeptionsgeschichte? Zu fragen wäre auch, ob die genannte Vermittlung als Routing aus der Nachrichten- und Datenwelt gemeint ist oder die Vermittlung, die wir als Unterweisung oder Lehre kennen. Sogar der Begriff der Zeit erscheint bei Baecker nicht mehr in der geordneten Form der mechanischen Kräfte (Dynamik) sondern in einem fluidmechanischen Begriff, dem der Turbulenz. Und dass, wo sich doch im ersten Satz die Mechanik als überkommener historischer Zustand erwiesen hat. Seltsam. Das Ganze scheint wie hermetisches Geraune, das wohl nur die Jünger der Systemtheorie in ihrem semantischen, epistemischen und phänomenologischen Gehalt überprüfen können. Wir normalen Menschen sind da außen vor. Vor allem wenn man Aussagen über den Einfluss des Computers auf die gesellschaftliche Lebenswelt erfahren will.

Denn es liest sich wie eine poetische Umschreibung eines subjektiven Empfindens des Herrn Baecker angesichts der - aus meiner Sicht ewig andauernden kulturellen Umwälzungen - in dem Beschreibungsmodell des Sozialen, das wir Gesellschaft nennen. Leider gibt es immer noch Menschen, die glauben, dass man nur lange genug auf die Karte starren muss, bis man das wirkliche Gebiet in allen Facetten erklären und beschreiben kann. Auch ihnen scheint es noch nicht in den Sinn gekommen zu sein, dass die Dritte-Person-Perspektive der "harten" Wissenschaften und die Erste-Personen-Perspektive der Menschen einen noch zu klärenden Kontext haben. Und dabei denke ich nicht an das Aufheben von Subjekt und Objekt in der Quantenmechanik.

Solange dieser Kontext im sozialwissenschaftlichen Dunkeln liegt, sind solche Thesen über Beschreibungsmodelle in der nahen oder fernen Zukunft weder faktisch noch theoretisch aussagekräftig oder, um es anders auszudrücken: Lieber Herr Baecker, Explanandum und Analysandum ihrer Thesen liegen beide im Bereich wissenschaftlicher Modellbildung. Es ist nett, Thesen über Thesen zu bilden, allein mir fehlt der empirische Bezug, der lebensweltliche Rahmen oder noch präziser der ontologische Grund ihrer Notionen. Das wird auch in der zweiten These nicht besser:

Die Kulturform der nächsten Gesellschaft ist nicht mehr das Gleichgewicht, sondern das System. Identitäten werden nicht mehr daraus gewonnen, dass Störungen sich auspendeln, sondern daraus, dass Abweichungen verstärkt und zur Nische ausgebaut werden. Gleichgewichte sind leere Zustände; sie warten auf die nächste Störung. Systeme sind von sich aus unruhig; sie verschwinden, wenn sie keinen Anschluss finden.

Die Behauptung, dass eine Gesellschaft auf einem Gleichgewicht beruht, halte ich für gewagt. Interessant ist, dass an dieser Stelle der Grundbegriff der Lehre der Gesamtheiten (Holismus) namens System, der auch als "Schema" oder "Lehrgebäude" verstanden werden kann einfach als Form des Beschreibungsmodells Gesellschaft übergestülpt wird. Das erhöht damit zwar die Impertinenz und Wichtigkeit der Systemtheoretiker, erklärt aber in keiner Weise ihre hervorgehobene Stellung bei dem Verstehensmodell namens Gesellschaft, das wir eingeführt haben, um einen Begriff zwischen die Wörter Gruppe und Masse zu schieben. Denn wenn man den Systemtheoretikern darin folgt, alles auf Biologie und Physik bzw. deren Begriffe zurückzubeziehen, dann ist System nichts Anderes als die Gesamtheit aller in einem Modell zusammengefassten Objekte und Eigenschaften. Der locus classicus der modernen soziologischen Systemtheorie liegt bei Luhmann. Ich schenke mir hier das Eingehen auf seinen Lehrer Parsons, zumal er noch heute seltsamerweise als Strukturfunktionalist gilt:

Von System im allgemeinen kann man sprechen, wenn man Merkmale vor Augen hat, deren Entfallen den Charakter eines Gegenstandes als System in Frage stellen würde. Zuweilen wird auch die Einheit der Gesamtheit solcher Merkmale als System bezeichnet.

Aus N. Luhmann: Soziale Systeme, 1984

Es handelt sich also nur um einen Begriff, der eine Beschreibungsebene zusammenfasst. Offenbar sind die Anhänger Luhmanns noch immer nicht dem linguistic turn entwachsen. Es ist sicher sehr hilfreich, analytisch vorzugehen, es war auch eine hilfreiche Annahme, die Sprache als Weltproduzenten zu verstehen. Aber neben den repäsentationalen Inhalten gibt es auch intentionale Gehalte in der Welt und mehr noch im Menschen selbst. Hatte Parsons noch streng an der biologistischen Orientierung entlang evolutionistische Erklärungen abgeliefert zum Zusammenleben der Menschen, hat sich nun offenbar das ganze Begriffswerk auf Repräsentationen von sozialen Menschenhandlungen (Operationen) verlagert.

Es soll also einen einheitlichen Menschen gegeben haben, der im Gleichgewicht mit seiner Umgebung lebte und seine Abweichungen von (dieser, diesen?) Normen als Identität kreiert. Ob dieser Begriff nun streng logisch aufgefasst wird als Merkmalsgleichheit mit diesen Abweichungen oder als die so benannte systemtheoretische Außenwelt der Gesellschaft, also das Werden von Individuum durch Identifzierung, kann hier nur geahnt werden. Gleichgewichten wird dann ein intentionaler Akt unterstellt, nämlich das Warten auf Störung. Es mag sein, dass ein falsch verstandenes Bewusstseinsmerkmal, die Diskrimination, also das Erkennen von Unterschieden, Baecker zu solchen Behauptungen hingerissen hat. Es kann aber auch sein, dass dies wieder ein Ausweis für poetisches Geraune im Mantel physikalischer Terminologien ist.

Und dann kommen ein paar Behauptungen, die viel über seine Vorstellungen von Systemen belegen. Aber aktuell ist nicht nachgewiesen, dass Urkulturen, die keinen Kontakt mit der Zivilisation haben einfach so verschwinden, nur weil sie noch genauso leben wie der Mensch vor 10.000 Jahren. Aber vielleicht meint er mit Anschluss auch Telefonanschluss oder Anschluss an animalische "Tierkulturen" wie die der Affen oder Elefanten. Letztere haben einen regelrechten Totenkult und besondere Plätze, wo sie sterben und ihre Toten "besuchen". Totenkult ist übrigens eines der Merkmale, das Völkerkundler als Beginn der menschlichen Kultur ansehen. Wieso erklären uns die Systemtheoretiker nicht mal Phänomene mit eigenen Voraussagen, die man nachher auch in der realen Welt überprüfen kann, wie es die Philosophen mit der Philosophie des Bewusstseins seit 30 Jahren immer wieder erfolgreich gemacht haben?

Was also meint Baecker nun mit der nächsten Gesellschaft? Schauen wir uns eine Rede von ihm zu diesem Thema an. Offenbar hat Baecker seinen Harold A. Innis (Empire and Communications, 1950 ) genau gelesen:

Wir haben es mit nichts Geringerem zu tun als mit der Vermutung, dass die Einführung des Computers für die Gesellschaft ebenso dramatische Folgen hat wie zuvor nur die Einführung der Sprache, der Schrift und des Buchdrucks. Die Einführung der Sprache konstituiert die Stammesgesellschaft, die Einführung der Schrift die antike Hochkultur, die Einführung des Buchdrucks die moderne Gesellschaft und die Einführung des Computers die nächste Gesellschaft.

Die Sprache also ist es noch immer, die Ursache aller Kultur sein muss. Hier ist er ganz nah an Habermas. Wo liegt der locus classicus des Begriffs nächste Gesellschaft?

Peter F. Drucker hat die Gesellschaft, die auf die Einführung des Computers zu reagieren beginnt, "next society" genannt, weil sie sich in allen ihren Formen der Verarbeitung von Sinn, in ihren Institutionen, ihren Theorien, ihren Ideologien und ihren Problemen, von der modernen Gesellschaft unterscheiden wird. Darüber hinaus jedoch steckt im Stichwort des Nächsten möglicherweise ein genauso wichtiger Kern der Wahrheit wie im Stichwort des Modernen. Als "modern" war zu verstehen, was sich innerhalb einer unruhig gewordenen, dynamisch stabilisierten Gesellschaft als Modus seiner selbst, als modischer, das heißt vorübergehender Zustand in der Auseinandersetzung mit anderen Zuständen verstehen ließ.

Möglicherweise steckt auch in der Referenz auf das "Nächste" eine solche strukturelle Problemformel. Möglicherweise bekommen wir es mit einer Gesellschaft zu tun, die nicht mehr auf die Gleichgewichtsfigur des Modus, sondern auf die Orientierungsfigur des Nächsten geeicht ist. Die nächste Gesellschaft, wenn sie sich denn durchsetzt, wird in allen ihren Strukturen auf das Vermögen fokussiert sein, einen jeweils nächsten Schritt zu finden und von dort aus einen flüchtigen Blick zu wagen auf die Verhältnisse, die man dort vorfindet. Sie wird sich nicht mehr auf die soziale Ordnung von Status und Hierarchie und auch nicht mehr auf die Sachordnung von Zuständen und ihren Funktionen verlassen, sondern sie wird eine Temporalordnung sein, die durch die Ereignishaftigkeit aller Prozesse gekennzeichnet ist und die jedes einzelne Ereignis als einen nächsten Schritt in einem prinzipiell unsicheren Gelände definiert.

Der geneigte Leser mag hier einen verklausulierten Hinweis auf eine evolutionäre Erklärung der Entwicklung von Gesellschaft hineinlesen. Spannend, dass Baecker gerade die zeitlich enorm auseinander liegenden Entwicklungen der Moderne in geistesgeschlichtlicher, politischer, ökonomischer und ästhetischer Hinsicht zu einem Modus zusammenfassen kann. Es muss eine enorme Höhe sein, von der aus der Soziologe argumentiert. Es ist die Höhe der zusammenfassenden Sicht auf Merkmale, die die Systemtheorie ermöglicht.

Warum Baecker nun gerade die funktionale Ebene der Kausalität abzulösen meint durch eine diskontinuierliche Abfolge von diskriminierten Schritten kann man nur verstehen, wenn man die Abbildungsleistungen von Analog-Digital-Wandlern kennt. Sie tasten ein Ereignis wie einen Klang oder ein Bild in vielen Tausenden Schritten pro Sekunde ab und komprimieren die Daten durch das Weglassen oder Mitteln benachbarter ähnlicher Informationen oder das bloße Aufzeichnen von Zustandsänderungen. Auf diese Weise schafft Baecker offenbar eine digitale Betrachtungsweise, die ihn berechtigt, eine nächste Gesellschaft heraufzubeschwören, die auf eben diesem Prinzip beruht. Das ist eine besondere Form des Zirkelschlusses. Nicht die Prämisse enthält bereits die Konklusion sondern die gewählte Perspektive.

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