Tepco konnte die Kernschmelze in Echtzeit verfolgen

27.05.2011

Greenpeace deckt in einem Bericht die Verschleierungstaktik des Betreibers des Atomkraftwerks Fukushima auf

Als der Betreiber des havarierten Atomkraftwerks Fukushima Daiichi offiziell mitteilte, dass die Brennstäbe im Reaktor 1 schon innerhalb der ersten 16 Stunden nach dem Erdbeben geschmolzen waren, war dies schon längst keine Neuigkeit mehr. Laut einer von Greenpeace in Auftrag gegebenen Studie, die von dem Nuklearingenieur John Large durchgeführt wurde, konnte Tepco quasi in Echtzeit die Kernschmelze zumindest im Block 1 verfolgen. Die Notfallmaßnahmen kritisiert der Ingenieur als undurchdacht.

John Large stellt seinen Bericht vor. Bild: S. Duwe

Wie Large auf der Pressekonferenz zur Vorstellung des Berichts erläuterte, sind die Sensoren, die die Temperatur der Brennstäbe überwachen, etwa 15 Stunden nach dem Tsunami ausgefallen. Auch über den Wasserstand hatte Tepco demnach zunächst noch Echtzeitdaten.

Anfangs konnte der Betreiber die Entwicklung im Inneren des Reaktorkerns demnach genau beobachten und die Lage anhand fundierter Daten einschätzen. Large zeigt in seiner Untersuchung Grafiken, die direkt nach dem Eintreffen des Tsunamis einen deutlich fallenden Wasserstand im Reaktorkern zeigen. Schon drei Stunden nach dem Tsunami waren demnach die Brennstäbe nicht mehr mit Kühlwasser bedeckt, durch die Einleitung von Frischwasser konnte das Abfallen des Kühlwasserspiegels lediglich verzögert werden, in Höhe der Brennstäbe stieg er trotzdem nicht mehr. Entsprechend schnellte die Temperatur der Brennstäbe auf rund 2.800 Grad - und damit in den Bereich, in dem die Kernschmelze abläuft. Zuvor war die Brennstofftemperatur, die im normalen Betrieb bei 800-900 Grad liegt, durch die Schnellabschaltung und die in den ersten zwei Stunden noch funktionsfähige Notkühlung auf 300 Grad gesunken.

Obwohl Tepco diese Informationen vorgelegen haben müssten, habe das Unternehmen behauptet, dass lediglich die oberen Spitzen der Brennstäbe freiliegen, erinnerte Large an die fehlerhaften Informationen, die das Unternehmen zunächst veröffentlichte. Der Ingenieur sprach in diesem Zusammenhang von "gemanagten Informationen", die für Fachleute nicht wirklich Sinn gemacht hätten.

Shaun Burnie berichtet von der engen Verquickung von Industrie und Atomaufsicht. Bild: S. Duwe

Die japanische Atomaufsicht (NISA) vertraute den Daten, die Tepco lieferte, aber offenbar so sehr, dass sie sie in eigene Lageberichte übernahm, wie aus dem Bericht von Large hervorgeht. Die Daten sollten suggerieren, dass die Situation im Reaktorkern stabil sei. Shaun Burnie, der seit langem für Greenpeace in Asien als Atomexperte arbeitet, erklärte, dass er schockiert gewesen sei, als die Behörden erklärten, die Situation in Fukushima sei ernsthaft, aber unter Kontrolle. Es gebe einen Interessenkonflikt in den japanischen Aufsichtsbehörden, die sich auf den Standpunkt stellten, dass eigentlich nichts passieren kann.

Burnie sprach von einer langen Geschichte der Fälschung von wichtigen Unterlagen in den japanischen Kernkraftwerken, die von der japanischen Regierung akzeptiert worden sei, weil die Kernenergie als wichtiges Element der japanischen Energiepolitik gilt. Tatsächlich sind die personellen und inhaltlichen Verflechtungen zwischen Atomaufsicht und Industrie in Japan so eng, dass auch der japanische Ministerpräsident Naoto Kan Probleme zugeben musste und eine Reform der Atomaufsicht angekündigt hat. Sowohl die Förderung als auch die Überwachung der Kernkraft liegen in Japan derzeit in einer Hand - Interessenkonflikte sind da vorprogrammiert.

Falsche Entscheidungen

Deutliche Kritik äußert Large auch an der Flutung von Containment und Reaktordruckbehälter zur Kühlung der Brennelemente. Seiner Ansicht nach war das eine Verzweiflungstat von Tepco, die Risiken seien nicht ausreichend bedacht worden. So sei es nicht möglich gewesen, einzuschätzen, ob das Gebäude die Wassermassen, es geht um insgesamt 7.400 Tonnen, überhaupt aushalten würde. Zudem fiel durch den Plan, Wasser auch in den Reaktordruckbehälter einzulassen, dieser als Barriere aus - womit praktisch nur noch eine Barriere - das Containment - übrig ist. Zudem hätte Tepco eine Explosion von Kernbrennstoff, Metall und Wasser in Kauf genommen. "Man könnte die Meinung vertreten, dass das Management von TEPCO in dieser Situation mit ernsthaften radiologischen Folgen planlos verfährt und von einer Krise in die nächste stolpert", so John in seinem Bericht.

Durch die bewusste Zurückhaltung von Informationen, auch über die Nachteile der Flutung, sei es mit hoher Wahrscheinlichkeit zu falschen Entscheidungen aufgrund von Informationsmangel gekommen. So sei mit der Flutung in Kauf genommen worden, dass radioaktives Wasser auslaufen und die Umwelt schädigen könne.

Greenpeace-Atomexperte Heinz Smital wirft der Gesellschaft für Reaktorsicherheit Verharmlosung vor, was diese scharf zurückweist. Bild: S. uwe

Die Auswirkungen der Informationspolitik auf die deutsche Debatte versuchte Heinz Smital, der Atomexperte von Greenpeace, zu deuten. Er erinnerte daran, dass schon zu Beginn der Katastrophe von der Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS) sehr detaillierte Daten zur Verfügung gestellt worden seien - die sich allesamt als falsch erwiesen hätten. "Hier wurde ein Bild gezeichnet, dass mehr Wissen beschreibt, als tatsächlich zur Verfügung war", so Smital. Viel zu lange habe die GRS einfach unkommentiert die niedrigen INES-Einstufungen aus Japan übernommen, obwohl längst klar gewesen sei, dass es sich um einen Vorfall der höchsten Kategorie, der Stufe 7, gehandelt hat. Smital unterstellte, dass der Vorfall in Fukushima absichtlich verharmlost wurde, damit die Menschen weiterhin glauben, Kernkraft sei beherrschbar.

Da Deutschland genau wie Japan nicht auf einen Super-GAU vorbereitet sei, legt Smital dem Vorsitzenden der Ethik-Kommission, Klaus Töpfer, nahe, sich für die sofortige Abschaltung der ältesten Kernreaktoren einzusetzen. Zudem stellte er klar, dass ein Ausstieg bis 2022 "nicht akzeptabel" sei. Greenpeace hat vor einem Monat einen Plan vorgelegt, wonach der Atomausstieg in Deutschland bereits bis 2015 machbar sei, ohne die Versorgungssicherheit zu gefährden oder zu deutlich steigenden Stromkosten zu führen (Greenpeace hat einen Energie-Plan).

Die GRS wies die Vorwürfe allerdings postwendend zurück. Man habe eine mögliche Kernschmelze nicht bestritten, sondern immer wieder darauf hingewiesen, dass es zu schweren Kernschäden bis hin zur vollständigen Schmelze gekommen sei. Zudem habe die GRS nicht die Daten einfach wiedergegeben, sondern darauf hingewiesen, dass eine Bewertung von deren Verlässlichkeit nur eingeschränkt möglich sei. Die GRS wirft Greenpeace vor, "die Glaubwürdigkeit der GRS als gemeinnützige und fachlich unabhängige Sachverständigenorganisation" beschädigen zu wollen.

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