Keine Angst vor Schwarzen Mini-Löchern

28.05.2011

Die Apokalypse geht nicht vom weltgrößten LHC-Teilchenbeschleuniger am CERN in Genf aus, versichert Prof. Harald Lesch

Die Diskussion um den weltgrößten LHC-Teilchenbeschleuniger am CERN, der im Februar dieses Jahres seinen Neustart zelebrierte, verstummt nicht (Cern und die Schwarzen Löcher). Nach wie vor melden sich Kritiker des Experiments zu Wort und warnen mit Nachdruck vor Schwarzen Mikro-Löchern, die uns und unseren Planeten dereinst in den Abgrund reißen könnten. Doch wie für die deutliche Mehrheit der Physiker ist auch für den deutschen Astrophysiker Harald Lesch der LHC-Protonenbeschleuniger keine Büchse der Pandora, der Schlechtes über die Welt bringt. Ungeachtet aller Pro- und Contra-Argumente bezieht Lesch auf seine Weise klare Position für den LHC.

Bild: CERN

Am 21. Mai dieses Jahres sollte die Welt mal wieder untergehen - ging sie bekanntlich aber nicht. Die von dem 89-jährigen Prediger aus Oakland (US-Bundesstaat Kalifornien), Harold Camping, seit Monaten lautstark über das Radio und Internet propagierte Rückkehr seines Herrn Jesus Christus und das damit einhergehende strafende Jüngste Gericht fand (natürlich) nicht statt. Das Ende der Welt lässt jedoch nach wie vor seit Ewigkeiten auf sich warten.

LHC-Büchse der Pandora

Auch wenn sich bislang keine einzige apokalyptische Prophezeiung der Vergangenheit bewahrheitete, denken sich die Propheten des Untergangs dennoch immer neue Horror-Szenarien aus - insbesondere mit Blick auf das von ihnen hochstilisierte Katastrophenjahr 2012. Einer von ihnen ist der deutsche Chemiker und Chaosforscher Otto E. Rössler vom Institut für Physikalische und Theoretische Chemie der Universität Tübingen, der sich in diesem Online-Magazin bereits zweimal zu Wort gemeldet hat (Ist die Herstellung von künstlichen Schwarzen Löchern riskant?), um seine Thesen zum Besten zu geben (TeLeMaCh und die Sicherheit der LHC-Experimente).

Das jüngste Gericht - Malerei des Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle in Rom

Für Rössler ist der Large Hadron Collider (LHC) am Europäischen Zentrum für Teilchenphysik CERN in Genf die Büchse der Pandora schlechthin. Das Übel der Welt kommt seiner Befürchtung nach aus einem 100 Meter unter der Erde installierten 27 Kilometer langen Röhrenring, in dem Protonen auf beinahe Lichtgeschwindigkeit (99,9999991 Prozent der Lichtgeschwindigkeit) beschleunigt werden.

Rösslers Sorge

Was bei Rössler Angst schürt, stimmt die Physiker am CERN dagegen hoffnungsvoll. Schließlich versuchen diese mit dem LHC-Experiment jene Bedingungen zu simulieren und zu studieren, die kurz nach dem Urknall das Universum prägten. Sie hoffen, bei den Protonen-Kollisionen neue, unbekannte Teilchen zu generieren, um den Aufbau der Materie und die Entstehung des Universums besser verstehen.

Das LHC ist das bislang größte wissenschaftlich-technische Experiment der Menschheitsgeschichte. An ihm arbeiten 10000 Quantenphysiker und Ingenieure aus 85 verschiedenen Ländern seit mehr als elf Jahren. Nach einer zweijährigen Testphase und einigen reparaturbedingten Zwangspausen läuft das LHC-Experiment seit Februar dieses Jahres wieder auf Hochtouren - sehr zum Unwillen von Otto Rössler.

Computersimulation einer Proton-Proton-Kollision am Large Hadron Collider LHC. Bild: CERN

Denn für ihn ist die Gefahr größer denn je, dass bei den Protonen-Kollisionen im LHC stabile und gefräßige Schwarze Mikro-Löcher entstehen, die sich ins Erdinnere verflüchtigen und dort ihr zerstörerisches Werk beginnen. "Meine eigenen Rechnungen haben ergeben, dass es ziemlich plausibel ist, dass diese kleinen Schwarzen Löchern überleben und exponentiell anwachsen und den Planeten von innen auffressen werden." Sie würden den Anfang vom Ende der Erde mitsamt ihren Geschöpfen einleiten und unsere Welt vollends verschlucken. So weit Rösslers Horrorszenarium in nuce.

Schwache Gravitation

Der bekannte deutsche Astrophysiker Harald Lesch hält solche Gedanken jedoch für völlig abstrus. Sollten tatsächlich beim LHC-Experiment Schwarze Löcher im Miniaturformat auftauchen, würden diese sofort wieder verpuffen. Bereits ein Physik-Student im ersten Semester könne ausrechnen, so Lesch, wie groß die Gravitationskraft zwischen zwei Teilchen im Vergleich zu ihrer elektrischen Kraft sei. Er käme zu dem unveränderlichen Resultat, dass die Schwerkraft 1036-mal schwächer ist als die elektromagnetische Kraft.

Da die Schwerkraft im atomaren Sub-Kosmos - anders als bei massiven Sternen im Universum - überhaupt keine Wirkung zeigt, könnte selbst ein Schwarzes Mikro-Loch einem benachbarten Atom nicht das Elektron wegschnappen. Infolge seiner geringen Gravitation hat das winzige Schwarze Loch auf seine Umgebung keinerlei Einfluss.

Überdies würden nach einer Theorie des britischen Astrophysikers Stephen Hawking winzige Schwarze Löcher binnen des Bruchteils einer Mikrosekunde wieder verdampfen, so Lesch.

Stephen Hawking zu Besuch beim LHC im CERN. Bild: CERN

Gutachter contra Rössler

Schon 2009 sezierte und prüfte ein hochkarätiges Gutachterduo Rösslers These - mit einem für den Chemiker wenig erfreulichen Ergebnis. Denn beide Autoren brandmarkten seine Berechnungen als fehlerhaft. Rössler interpretiere die Allgemeine Relativitätstheorie schlichtweg falsch und negiere die Grundlagen der Physik, so der Hauptvorwurf.

Ohnehin hätten die vermeintlichen Schwarzen Löcher am LHC, über die Rössler spekuliere, nichts mit den kosmischen Schwarzen Löchern gemein. Denn letztere seien mindestens mehrere Sonnenmassen schwer, die Schwarzen Löcher am LHC hingegen wären leichter als ein Milliardstel eines Milliardstel Gramms.

Kosmische extrem massereiche und kompakte Schwarze Löcher haben mit Micro Black Holes nichts gemein - aber auch rein gar nichts. Bild: ESO/L. Calçada

Tatsächlich verstehen Astrophysiker unter kosmischen Schwarzen Löchern ausschließlich massereiche kompakte Objekte, die aus Sternleichen erwachsen. Stirbt eine Sonne, entscheidet ihre Masse über ihr weiteres Schicksal. Sehr massereiche Sterne enden in Schwarzen Löchern. Solche extrem dichten, heißen und massereichen Gebilde saugen infolge ihrer enormen Schwerkraft jegliche Form von Materie und Energie auf. Alles, was ihnen zu nahe kommt, verschwindet auf Nimmerwiedersehen - sogar das Licht selbst.

Um Licht in das Dunkle der Rösslerschen Hypothese zu bringen, gaben Teilchenphysiker aus 26 Universitäten bereits 2008 eine gemeinesame Erklärung ab. Im Rahmen einer offiziellen Stellungnahme des Komitees für Elementarteilchenphysik (KET) warfen die Verfasser dem Chaosforscher vor, von "falschen und widerlegten Annahmen" auszugehen.

Als frischgekürter Physik-Nobelpreisträger besichtigte Ende 2006 auch der US-Astrophysiker George Smoot den Aufbau des LHC in Genf. Bild: CERN

Mikroskopisch kleine Schwarze Löcher seien, falls sie am LHC entstehen sollten, "unter keinen Umständen" gefährlich. Zahlreiche Untersuchungen unabhängiger Experten, Experimente und Beobachtungen belegen eindeutig, dass das LHC sicher sei. Jede Sekunde würden zirka 100.000 Protonen der LHC-Energie (und höher) als Teil der natürlichen kosmischen Strahlung auf die Erde prasseln. Dabei seien bislang nachweislich noch keine Schwarzen Mini-Löcher entstanden.

"… sonst gäbe es auch keine Kritiker"

Harald Lesch geht noch weiter: Sollten in der Frühphase des Universums wirklich pausenlos kleine stabile Schwarze Löcher aufgetaucht sein, dann könnte heute logischerweise kein Forscher das LHC-Experiment simulieren.

Wäre der Kosmos kurz nach dem Urknall von kleinen Schwarzen Löchern durchsetzt gewesen, wäre schlichtweg nichts entstanden.

Vom LHC in Genf, wo die Bedingungen kurz nach dem Urknall nachgestellt und untersucht werden, gehe daher keine Gefahr für unser Leib und Leben aus. "Da kann ich Sie beruhigen", versichert Lesch.

Zu bedenken sei schließlich auch die infolge langjähriger Experimente, Beobachtungen und Berechnungen gewonnene Erkenntnis, dass alle auf der Erde bekannten Naturgesetze immer und überall im Kosmos gültig sind. Und da dies so ist, kann man mit Sicherheit davon ausgehen, dass im frühen Kosmos keine Schwarzen Mini-Löcher en masse entstanden sind. "Denn sonst wären wir nicht da", erläutert Lesch.

Ja, eben auch die Tatsache, dass die Kritiker des LHC-Experiments ihre Kritik überhaupt anbringen können, sei Beweis genug, dass es im frühen Universum keine Invasion von stabilen Schwarzen Mini-Löcher gegeben haben kann. "Denn sonst gäbe es auch keinen einzigen Kritiker."

Weitere Infos zum LHC im CERN

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