Ketten für "entfesselte" Hochschulen erwünscht

01.06.2011

Von wegen Studiengebühren-Freiheit - in Nordrhein-Westfalen lagern Hochschulen Studiengänge an kostenpflichtige Private aus

Dass staatliche Hochschulen in Deutschland tendenziell besser sind als private, und dabei ebenfalls für Unternehmensinvestitionen offen, hielt Detlef Müller-Böling, langjähriger Leiter und Vordenker des kapitalistisch orientierten Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) schon im Januar 2009 fest. Was das bereits für Ausmaße annahm, wurde letzte Woche Fall des Einstiegs der Deutschen Bank bei TU und HU Berlin bekannt. Während die Grundlagen dieser Kooperation nun, wenn auch verspätet, öffentlich wurden, geht es bezüglich eines Kooperationsvertrages der Uni Köln mit Bayer mittlerweile vor Gericht. In Nordrhein-Westfalen gibt es jedoch noch zahlreiche anders gelagerte und bis vor kurzem eher unbekannte öffentlich-private Kooperationen im Hochschulbereich.

Wo andere das Adjektiv "unternehmerisch" gebrauchen, spricht Müller-Böling seit seinem gleichnamigen einflussreichen Buch von 2000 von "entfesselten Hochschulen". Nachdem sie also sozusagen viele Ketten abwerfen konnten, die die Entscheidungsfreiheit ihrer Präsidien behinderten, sehen sich die Hochschulen nun verstärkt einem Trend gegenüber, der zu Ketten ganz anderer Art (nämlich in Anlehnung an Ladenketten) führen kann: Gesetzliche Franchise-Modelle erlauben ihnen, Studiengangkonzepte an Private zu vermieten. Die bieten dann gleichsam als Filialen der Hochschulen diese Studiengänge an - kostenpflichtig, versteht sich.

Besonders stark ist dieser Trend in Nordrhein-Westfalen (NRW), wie Artikel der Financial Times Deutschland und des Studieninfo-Portals Studis Online zeigen, die unlängst zufälligerweise beide am gleichen Tag erschienen. Es geht dabei um berufsbegleitende Angebote, die auf bereits existenten Studiengängen staatlicher Fachhochschulen basieren. Letztere kriegen dann nicht nur für die Weitergabe der Studienkonzepte Geld, sondern profitieren noch einmal indirekt davon: Die privatwirtschaftlich ermöglichten Studienplätze werden den jeweiligen Hochschulen zugerechnet, die auch die Abschlüsse verleihen. Und für jeden geschaffenen Studienplatz bekommen die Hochschulen ja Geld aus dem Hochschulpakt von Bund und Ländern.

Dass Hochschulen durch die Eröffnung von "Filialen", leicht übertrieben ausgedrückt, zu Ketten werden können wie Schnellrestaurants und Bekleidungsgeschäfte, begründet das zuständige NRW-Landesministerium auf Anfrage gegenüber Telepolis so:

Franchise im Hochschulbereich hat das Ziel, insbesondere in stark nachgefragten Studiengängen Angebote für ein berufsbegleitendes Studium durch eine Kooperation mit privaten Bildungseinrichtungen zu schaffen, die ansonsten nicht angeboten werden könnten. Die Hochschule gewährleistet dabei die Qualität des Angebots.

Aus dieser Antwort kann herausgelesen werden, dass nach Ansicht des Ministeriums nicht nur die Landesregierung, die entlastet wird, und die Hochschulen und privaten Anbieter, die Einnahmen daraus haben, von diesem Modell profitieren. Auch die Studierenden - das Ministerium verweist auch auf "die doppelten Abiturjahrgänge" - hätten so ja mehr Möglichkeiten. Nur müssen sie dafür bezahlen.

Das steht in offensichtlichem Widerspruch zu der in diesem Jahr von der Landesregierung beschlossenen Abschaffung der Studiengebühren. Umso seltsamer ist es, dass aus dem Ministerium keine Distanzierung von diesem Franchise-Modell kommt, das die aktuelle Regierung ja nicht zu verantworten hat. Auch gab es trotz Anfrage keinen Kommentar zu folgender Passage aus dem Artikel der Financial Times Deutschland:

Manches an dem Franchisemodell sei allerdings rechtlich noch klärungsbedürftig, so auch die Frage: Wem gehören eigentlich Studiengänge? Sie seien schließlich von mit Steuergeld finanzierten Professoren für eine mit Steuergeld finanzierte Hochschule entwickelt worden - und nicht als Produkt auf dem freien Bildungsmarkt. Bislang stört sich jedoch in den Ministerien niemand an der Praxis. In NRW ist man offenbar froh über jeden neu geschaffenen Studienplatz, egal wie und wo. Im Wissenschaftsministerium in Düsseldorf habe man [Hochschullehrer Paul] Gronau von der FH Südwestfalen sogar aufgefordert "Gas zu geben.

FTD

Auch zu anderen Fragen enthielt sich das Landesministerium einer Antwort. Das ist besonders bemerkenswert angesichts der Tatsache, dass das schon gegenüber Studis Online so praktiziert wurde.

So wird das mit "Deutschlands schnellstes Informatik-Studium" beworbene Angebot des IT-Center Dortmund (ITC), das zur in mehreren Städten vertretenen Privathochschule International School of Management gehört, umso misstrauenserregender. Die Fragen dazu lauteten:

Wie verträgt sich der Abschluss "IT-Professional" des ITC Dortmund, der nach 2 Jahren "Studien"-Zeit einen berufsqualifizierenden Titel darstellt, mit der von der europäischen Ebene kommenden Übereinkunft, dass ein Erststudium 3 Jahre dauern solle? Wie bewertet es die Landesregierung zudem, dass im Rahmen dieser Ausbildung die vorlesungsfreie Zeit vollständig im Partnerunternehmen verbracht wird und selbst in der Vorlesungszeit an zwei Tagen in der Woche im Unternehmen gearbeitet wird (was den Studienumfang weiter reduziert)?

Das Bundesministerium antwortet auf diese Fragen immerhin ein bisschen mehr:

Der "IT-Professional" ist kein akkreditierter Studiengang und führt auch nicht zu einem Bachelor-Abschluss. Insbesondere mit Blick auf die Ziele der Bologna-Reform sind fachlich sinnvolle Kooperationen zwischen Hochschulen und Unternehmen im Rahmen von berufsqualifizierenden Studienabschlüssen ausdrücklich zu begrüßen. Die konkrete Ausgestaltung liegt dabei in der Verantwortung der beteiligten Partner.

Die konkrete Ausgestaltung öffentlich-privater Kooperationen im Hochschulbereich kann verschiedene Gesichter haben und verschiedenen Unternehmen gleichzeitig etwas bringen. Kooperationen wie die eingangs erwähnten in Berlin und Köln sind nichts Neues und bringen Unternehmen durch die inhaltliche Kooperation mit den Hochschulen, vor allem in der Forschung, Vorteile.

Das Franchise-Modell ermöglicht nun anderen Unternehmen, nämlich privaten Bildungsdienstleistern, die staatliche Studiengänge weiterverwursten, an der Ausbildung zu verdienen. Die im Zuge dessen geschaffenen berufsbegleitenden Studiengänge können dann auf die Bedürfnisse von Unternehmen zugeschnitten werden, die an den ausgebildeten Arbeitskräften verdienen. Das ist ja das Konzept des ITC (und auch der ebenfalls mit der FH Dortmund kooperierenden so genannten W3L-Akademie).

Möglich scheint zudem zu sein, diese Aspekte zusammenzuführen. So bietet die FH Südwestfalen auch einen Bachelor-Studiengang für Auszubildende der Siemens AG an. Der Großkonzern könnte vielleicht einmal auf den Gedanken kommen, als FH-Filiale Studiengänge nicht nur für die eigenen Azubis zu organisieren, sondern auch Externe dort gegen kostendeckende Preise studieren zu lassen. Vielleicht fiele ihm das finanziell sogar leichter als den chronisch überschuldeten Bundesländern.

Die FTD gibt übrigens an, ein Franchise-Modell gebe es auch in Niedersachsen. In welchen weiteren Bundesländern das Hochschulgesetz das explizit erlaubt, weiß das Bundesministerium nicht zu beantworten und verweist auf die Kultusministerkonferenz, wo dazu jedoch ebenfalls keine Informationen zu erhalten sind.

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