Feminismusdämmerung - jetzt schlagen die Männer zurück

02.06.2011

Warum der Sieg der Frauenbewegung ihre Niederlage ist

Es stimmt schon: Es sieht schlecht aus. Die Zeichen der letzten Wochen - wir sagen mal: Hamburg-Mannheimer, Dominique Strauss-Kahn und jetzt noch Kachelmann - deuten darauf hin, dass es mit den Männern in der westlichen Gesellschaft endgültig zuende geht, jedenfalls mit den Männern, wie sie bisher waren. "Ist Männlichkeit ein bedrohtes Kulturgut?", fragt Claudius Seidl in der FAS und behauptet: "Die Ökonomie wird schon dafür sorgen, dass die Frauen immer männlicher und Männer weiblicher werden."

"Kapitalismus ist der außergewöhnliche Glaube, dass die widerwärtigsten Männer aufgrund der widerwärtigsten Motive irgendwie für den Nutzen aller arbeiten."

John Maynard Keynes

Also ich bin Feminist. Sie etwa nicht? Ja, wie viele Männer heute, wie alle vernünftigen Männer, haben wir kein Problem mit Gleichberechtigung, mit Chancengleichheit. Wir setzen uns für eine Gesellschaft ein, in der die Frauen wie die Männer in ihrer Lebensgestaltung freie Wahl haben und wünschen uns französische Verhältnisse, in denen der Staat den Familien bei der Kinderbetreuung und -erziehung wirklich unter die Arme greift und alles das übernimmt, was die Familien nicht übernehmen wollen.

Und wie allen vernünftigen Männern ist uns klar, dass es auch in den einigermaßen aufgeklärten Demokratien des Westens immer noch viel Ungerechtigkeit gibt, gerade in Deutschland: Frauen bekommen für die gleiche Arbeit weniger Geld - ein Skandal! Frauen werden von konservativer Seite ebenso wie von der neokonservativen Hälfte der GRÜNEN immer noch oder wieder auf ihre mögliche Rolle als Mütter fixiert - traurig! Frauen trauen sich nicht, für irgendeines ihrer Rechte zu demonstrieren - schlimm, aber das machen die Männer nicht besser.

Alte Rollenbilder

Weiterhin dominieren, auch in Frauenhirnen, die alten Rollenbilder. Weiterhin gibt es viele innere Zwänge, die Gleichberechtigung verhindern. "Offiziell wird es heute als Wert betrachtet, dass die Frauen die gleichen Rechte und Möglichkeiten haben sollen", sagt Margarete Mitscherlich: "Wenn die Männer ehrlich sind, teilen sie diese Meinung absolut nicht, und unter den Frauen gibt es genügend, die derselben Ansicht sind."

Es ändern sich die Dinge nur dort, wo es egal ist. Wo die Macht sitzt, ändert sich gar nichts: Die internationale Finanzwelt besteht in den Führungsetagen zu 95 Prozent aus Männern. An den führenden deutschen Universitäten sind die Professorenstellen zu 80-95 Prozent männlich besetzt.

Was tun nun die Feminist(inn)en: Sie begeben sich stattdessen auf Nebenkriegsschauplätze, überdies noch falsch geführt. Sie reden über die Hamburg-Mannheimer: Aber was ist denn da eigentlich das Problem? Ist das jetzt der Sieg der Frauenbewegung, dass Männer nur noch heimlich ins Bordell gehen, dass man keine Orgien mehr feiert? Na gratuliere!

Der Kachelmann-Prozess als Lehrstück

Es mag sein, dass sich Alice Schwarzer zu Beginn des Kachelmann-Prozesses so gefühlt haben mag wie die deutschen Wehrmachtsgeneräle im Herbst 1941 - kurz vor Moskau schien die Kapitulation des Gegners nur noch eine Frage der Zeit. Jetzt ist Kachelmann freigesprochen und Schwarzer im Endkampf.

Nicht ganz ohne Erfolg: Denn am Morgen freigesprochen, wurde Kachelmann am Abend dann doch noch verurteilt - vom deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Denn dort gehörte die Medienhoheit allgemein Alice-"schreibt in BILD"-Schwarzer (Wir sind Kanzlerin). Für die BILD hatte Schwarzer vom Prozess "berichtet". In "Menschen bei Maischberger" wurde erstmal "das Recht" gegen "die Gerechtigkeit" ausgespielt. Schwarzer sagte, sie interessiere "das Verständnis der Menschen", sie wolle "nicht formaljuristisch" argumentieren.

Es wurde über Kachelmanns Lebenswandel geredet, man war sich einig, dass er "ein Lügenleben" geführt habe, ein "pathologischer Lügner" sei, also eigentlich krankhaft, wo noch der psychologische Gutachter keinerlei Krankheitsbild hatte erkennen wollen. Man wusste, dass Kachelmann die Frauen mit denen er gleichzeitig Beziehungen gehabt hatte, "manipuliert hat", und zwar auch noch "geschickt". Schwarzer konstatierte "eine eheähnliche Beziehung", obwohl Kachelmann keine der Frauen geheiratet hatte.

Als er dann geheiratet hatte, war es aber auch nicht richtig, denn diese Frau sei "das schwächste Glied in der Frauenkette" gewesen, sogar extra in Kachelmanns Nähe gezogen: "Da sieht man schon, wie die Machtverhältnisse sind." (Schwarzer) Zwar fragte Moderatorin Maischberger ein paarmal tapfer nach, was denn das alles mit der Frage zu tun habe, ob er eine Frau vergewaltigt habe, bekam aber keine Antwort.

Begründungsmonstren

Ja, wo sind wir denn? Das kann doch nicht Aufgabe eines Gerichts sein, die Lebensführung von Menschen moralisch zu bewerten. Und ist jeder, der in einer eheähnlichen Beziehung lebt, eigentlich verheiratet und darum eigentlich ein Ehebrecher, wenn er mit mehr als einer was hat? Und ist jeder Ehebrecher ein potentieller Vergewaltiger? Was werden da für Begründungsmonstren und Moralkonstellationen aufgetürmt? Immerhin gab Schwarzer am Ende doch dem Verteidiger Kachelmanns recht: "Man hat den Eindruck, dass das Gericht lieber verurteilt hätte."

Zuvor hatte sie berichtet. In der BILD-Zeitung, ausgerechnet. Sie hatte genau genommen nicht berichtet, sondern polemisiert, neun Monate lang den Angeklagten ungeachtet aller Gerechtigkeitsgrundsätze, von denen der der Unschuldsvermutung nur einer ist - man könnte auch von Achtung, von Ehre, von Menschenwürde reden - mit Häme übergossen, seine "Beziehungsmuster" analysiert und bewertet.

Was natürlich leichter fällt, wenn man von einer Sache sowieso nichts versteht und Frau Schwarzer hatte auch immer nur vom "Opfer" gesprochen, wo es doch um die Nebenklägerin ging, die möglicherweise ein Opfer, in jedem Fall aber eine (pathologische?) Lügnerin ist und wahrscheinlich auch ziemlich dumm. Im Gericht schwieg Kachelmann, das ist sein gutes Recht, und das darf auch nicht zu seinen Lasten ausgelegt werden. Natürlich legte es ihm Schwarzer zu seinen Ungunsten aus. Das alles, und man könnte jetzt noch viele Beispiele nennen, war kein Journalismus. Es war ein feministisches Schmierentheater, das Schwarzer aufführte.

Was hat das alles nun mit der Frauenbewegung zu tun?

Viel. Denn diese Frauenbewegung, früher sprach man von Emanzipationsbewegung, was ein viel schöneres Wort ist, und nannte Leute wie Alice Schwarzer Emanzen, diese Frauenbewegung also war einst angetreten mit einem wunderbaren Versprechen. Einem Versprechen, das die Gesellschaft wirklich vorangebracht hätte. Es hieß Freiheit und Befreiung.

Die Bundesrepublik war auch hier wieder mal spät dran, aber besser spät als nie. Und 1971 ging das erstmal ganz gut los, mit der "Ich habe abgetrieben"-Kampagne. Schwarzer setzte sich gegen Männergewalt ein und für Frauenhäuser, für Homosexuelle und Transsexuelle, gegen den sexuellen Missbrauch von Kindern. Doch schon bald ging der offizielle Feminismus in die Irre: Schwarzer nannte Simone de Beauvoir als Freundin und Vorbild, und die konnte sich dagegen nicht wehren. Schwarzer klagte gegen "Stern"-Titelbilder, Kunst-Photos von Helmut Newton und gegen Pornographie - glücklicherweise vergeblich.

"Emma" gab es schon immer, aber jetzt schreibt Schwarzer auch in "Bild", als ob das kein Widerspruch wäre, als ob dort nicht auf der Titelseite und im Blatt Arsch und Titten zu sehen wären. Das ist kein Sieg der Frauenbewegung, sondern die Kapitulation Schwarzers. Oder sie ist auch nur so ein 68er-Breitgesäß, das im Marsch durch die Institutionen endlich angekommen ist und alte Ideale an der Chefgarderobe abgibt.

Jedenfalls ist Schwarzer leider nur ein Beispiel für etwas leider Allgemeines: Allzu viele Feministinnen sind nicht willens oder fähig, Ambivalenzen zu ertragen. Man darf nicht mehr rauchen, man darf keine Pornos gucken, man darf nicht auf dummen Werbeplakaten sexy Busenwunder abbilden, und wenn es doch passiert, darf man nicht draufgucken. Man darf nicht fremdgehen. Man darf zwar noch manches, man tut es aber nicht. Nicht offen. Wir leben längst in einem moralischen Mullah-Regime der feministischen Taliban, die bald Kleidungs- und Gucknormen errichten werden.

Es geht nun, wenn man das möchte - da täuscht sich Claudius Seidl - nicht um die "Freiheit, 'Neger' zu sagen, obwohl der so Benannte sich davon belästigt fühlt", es geht um die Freiheit, dass jeder nach seiner Facon selig wird. Mit anderen Worten: Eine Freiheit, die nicht alles verbietet, was andere stören könnte, sondern im Zweifel auch das erlaubt, was andere stört: Dass Frauen in Chefetagen sitzen und dass Männer Pornos gucken. Dass wir alle ab und zu "Neger" sagen, auch wenn das einige aus guten Gründen stört. Dass wir lernen derartige Störungen auszuhalten.

Dem Feminismus könnte dämmern, dass man mit Puritanismus allerorten nicht weiterkommt.

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