48 Jahre fehlender politischer Kultur

07.06.2011

In Syrien fehlt die Vernetzung - und kein World Wide Web kann sie erzeugen

So hilfreich Twitter, Facebook & Co. im Zuge des Aufstandes sein mögen - sie verführen viele Syrer dazu, sich nur auf ihre jeweils eigene Meinung zu konzentrieren. 1000 Facebook-Seiten aber schaffen noch keine Gesellschaft. Im Gegenteil.

Sein Name fiel in den Protestkundgebungen am vergangenen "Freitag der Freiheit der Kinder" immer wieder: Hamza Ali al-Khattib ("We've never seen such Horror"). Nach seiner Verhaftung bei Protestkundgebungen in Daraa am 29. April befand sich Hamza fast vier Wochen lang in der Gewalt der syrischen "Sicherheitskräfte". Vermutlich wurde er zu Tode gefoltert. Zumindest wies sein Ende Mai seiner Familie übergebener Leichnam Spuren unvorstellbarer Grausamkeit auf. Hamza war 13 Jahre alt.

Dass das Schicksal dieses Kindes nicht unterging, sondern Syrien derart erbeben ließ, dass vergangenen Freitag offensichtlich mehr Demonstranten denn je auf die Straßen gingen, verdankt sich Aktivisten und dem Internet - in diesem Fall Youtube und Facebook. Dabei ist Hamzas Fall keineswegs ungewöhnlich: Folter ist in Syrien nicht Neues, sondern unter dem Assad-Regime an der Tagesordnung.

Dies verrät nicht zuletzt die sogenannte Gefängnisliteratur, die in den achtziger Jahren aufkam, verfasst zumeist von ehemaligen politischen Häftlingen, die dergestalt unter anderem ihre Erfahrungen mit dem "deutschen Stuhl" verarbeiten (ein Import aus der Ex-DDR, bestehend aus einer Art Metallrahmen, in den der Häftling gezwängt wird, bis sich seine Wirbelsäule dehnt und allmählich bricht).

Doch um Einblick in die Ausmaße zu erhalten, bedarf es der Lesezeit, und diese wenden letztlich nur Betroffene oder akademisch Interessierte auf. Ein einminütiges Video vermittelt die Botschaft dem breiteren (aus- wie inländischen) Publikum ungleich rascher.

Positive Aspekte der syrischen Bloggosphäre

Schnelligkeit und Notwendigkeit des Informationsflusses zeichnen für den renommierten tunesischen Blogger, Freiheitskämpfer und Interessensvertreter von Global Voices Online, Sami Ben Gharbia, genuinen digitalen Politaktivismus aus. Ein weiteres Muss für ihn lautet Vielschichtigkeit. Auch diese scheint es in Syriens Internetsphäre gegeben.

Die der Revolution gewidmeten Facebookseiten reflektieren durchaus die ethnische und konfessionelle Komplexität des kleinen Landes: neben The Syrian Revolution existieren die kurdische The Syrian Revolution / Suriye Devrimi sowie eine palästinensische und eine christliche Seite. Die beliebteste aber ist die Syria Revolution 2011, deren Administrator ein Muslimbruder ist.

Folgt man Ben Gharbias Überlegungen, die er vergangenen September in einem langen Artikel ausformulierte, ist soviel Pluralismus nicht zuletzt deshalb zu begrüßen, weil er das Monopol untergräbt, das vor allem die USA auf politischen Internet Freedom halten wollen: Fünf Millionen US-Dollar flossen 2009 allein in diverse, im Mittleren Osten und in Nordafrika, unternommene Pilotprojekte der US-Initiative Civil Society 2.0.

Das Ziel: Graswurzelbewegungen in der Nutzung digitaler Technologien zu schulen. Ben Gharbia würde auf die Nachhilfe gerne verzichten, selektiere sie doch echte Graswurzeln aus und fördere nur jene Aktivisten, die mit der Ideologie der US-Regierung (Anti-Hizbollah, Anti-Iran usf.) konform gingen, damit aber kaum je die Mehrheitsgesellschaft widerspiegelten.

Jedem sein Facebook

Auch in Syrien versuchte diese US-Agenda Fuß zu fassen - mit begrenztem Erfolg, was an der Isolation des Landes liegen mag. Weswegen man meinen könnte, es weise eine solide Graswurzelbewegung auf. Eben dies aber ist nicht der Fall und - ausnahmsweise, möchte man fast sagen - hat dies nichts mit fremden Agenden oder Washingtoner Fördergeldern zu tun, sondern mit den Folgen der Diktatur: die genannten Facebook-Seiten strotzen nicht nur vor Pluralismus, sondern vor Isolation.

Ihr einziges Verbindungsglied ist der Aufruf zum Aufstand, darüber hinaus verlinken sie vielfach nicht einmal aufeinander. Besonders deutlich wurde diese Kluft als ein bekannter exilierter syrischer Aktivist im April der New York Times gegenüber den Tenor von "Syria Revolution 2011" beklagte.

Dieser sei ihm zu konfessionell gefärbt, prangere er doch vor allem die Alawiten an (die Religionsgemeinschaft, der der herrschende Assad-Clan sowie hohe Kader in Militär und Geheimdienst angehören). Hierdurch würde eine weitere Lunte zu einem potentiellen Bürgerkrieg gelegt. Auch sei ihm der gesamte Rahmen der Seite zu "religiös", zu "islamistisch". Infolgedessen habe er den Administrator gebeten, den Tenor der Seite abzudämpfen.

Keine Diskussionskultur

Ab hier freilich wird es fatal. Ob bewusst oder unbewusst versucht der junge Aktivist zu manipulieren und ein äußeres Erscheinungsbild des Aufstandes zu schaffen, das nicht der Realität entspricht. Nicht umsonst zählt "Syria Revolution 2011" mit 197.000 Anhängern mehr als jede andere Facebookseite und reflektiert so einen Großteil der syrischen Bevölkerung, der nun einmal sunnitisch-orthodox ist - und zwar nicht im Sinne kampfversessener Heiliger Krieger, wohl aber religiöser, betont wertkonservativer Menschen.

Wer mit ihrer Lebenseinstellung nicht d’accord geht, muss dies offen und transparent mit ihnen debattieren, kann ihnen aber - gerade im Namen eines Freiheitsbegehrens - kaum das Recht streitig machen, ihre Überzeugungen im eigenen Land auszuleben. Alles andere hieße, die Mechanismen der Diktatur neu aufzulegen.

Doch Diskussionskultur ist neu für Syrien. Seit 48 Jahren erzog das Regime die Menschen dazu, nicht mehr miteinander zu sprechen. In der Folge scheint jede Gruppierung im eigenen Orbit - respektive Facebook - gefangen.

Dass sich der junge Aktivist mittlerweile anderweitig orientiert zu haben scheint und nun zu einem neu gegründeten Koordinationskomittee für die syrische Revolution verlinkt - das wiederum mit anderen Koordinatoren konkurriert - wirkt ebenso lächerlich wie bedrückend.

Schließlich: Durch Syrien fegt seit wenigen Wochen eine Revolution, deren Rasanz kaum Zeit läßt, 48 Jahre fehlender politischer Kultur aufzuholen. Und doch wäre dies dringend nötig - vor allem für die Zeit "danach".

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