"Eine Zivilisation, deren Entwicklungsmöglichkeiten sich erschöpft haben"

14.06.2011

Der Geograph und Sozialwissenschaftler Jason Moore über das Ende des Kapitalismus als eines Systems billiger Nahrung und Energie

"Das Ende von billiger Nahrung bedeutet das Ende der neoliberalen Ära." Angesichts immer weiter steigender Nahrungsmittel- und Energiepreise wagt Jason W. Moore die Prognose, dass das ökologische und weltwirtschaftliche System der letzten vier Jahrzehnte nun am Ende sei. Aber nicht nur das: Ausgehend von einer langfristigen historischen Analyse der Systemkrisen seit dem 15. Jahrhundert glaubt Moore, dass sich die Entwicklungsmöglichkeiten des Kapitalismus überhaupt erschöpft haben. Stehen wir vor einem epochalen Umbruch?

Ja, das sind sie! Die Food and Agricultural Organization (FOA) der Vereinten Nationen geht davon aus, dass in den nächsten vier Jahren die wichtigsten Grundnahrungsmittel um 15 bis 40 Prozent teurer werden. Am größten wird der Anstieg wahrscheinlich bei Speiseöl sein, was für die Menschen im globalen Süden ein enormes Problem darstellt.

Solche Zahlen belegen, dass es in dem weltweiten System der Nahrungsmittelproduktion zunehmende Verwerfungen gibt. Die wichtigsten haben Sie gerade genannt: Die Erntemenge wächst immer langsamer. Der Klimawandel führt bereits jetzt dazu, dass weniger Soja, Mais, Weizen und Reis geerntet werden kann, wie etwa eine Untersuchung zeigt, über die das Magazin Science kürzlich berichtete. Und vor allem stagniert die Arbeitsproduktivität, und das ist, was im Kapitalismus wirklich zählt.

Die industrialisierte Landwirtschaft, wie sie im letzten Jahrhundert entstanden ist - also eine kapitalintensive, mechanisierte Landwirtschaft unter massivem Einsatz von Chemikalien -, kann die Erträge immer langsamer steigern. Angesichts einer wachsenden Weltbevölkerung ist das natürlich erschreckend. Aber für die Weltbank, den Internationalen Währungsfonds oder auch die Weltmacht USA sind erschwingliche Nahrungsmittel nicht wichtig, weil ohne sie mehr Menschen hungern werden, sondern weil ohne sie ihr ökonomisches System in Schwierigkeiten gerät!

Lassen Sie uns noch einen Moment bei der Landwirtschaft bleiben. In der Studie von Oxfam heißt es: "Die durchschnittliche Wachstumsrate der Ernteerträge ist seit 1990 um fast die Hälfte zurückgegangen, und sie wird im nächsten Jahrzehnt auf unter ein Prozent absinken." Aber es gab doch technologische Innovationen in der Landwirtschaft. Was ist mit genetisch veränderten Pflanzen? Sie galten doch als die Antwort auf eine wachsende und hungrige Weltbevölkerung.

Jason Moore: Diese Argumentation war eine wunderbare Werbestrategie. Es gibt mittlerweile eine ganze Reihe von Studien, die zeigen, dass Genetisch Modifizierte Pflanzen (GM - Pflanzen) nicht die "intrinsische Ernte" erhöhen, wie Agrarwissenschaftler das nennen, also nicht die Kapazität einer Pflanze steigern, beispielsweise mehr Weizen oder Baumwolle zu erzeugen. Die Union of Concerned Scientists beispielsweise hat das vor zwei Jahren in einer Studie nachgewiesen.

Jason Moore: Das große Versprechen von GM an die Bauern war, ihre Kosten zu senken, indem man die Pflanzen resistent gegen Herbizide macht. Glyphosat, bekannt unter dem Markennamen Roundup von der Firma Monsanto, würde das Unkraut vernichten und, so die Theorie, weniger Unkraut würde dann mit den Nutzpflanzen um die Nährstoffe im Boden konkurrieren. In manchen Fällen konnte tatsächlich der Einsatz der Herbizide kurzfristig gesenkt werden. Aber es gab keine Ertragssteigerung. Noch schlimmer, in den USA, dem Herzen der globalen GM-Landwirtschaft, entstehen jetzt herbizidresistente Unkraut-Sorten. Durch dieses "Super-Unkraut" sinken einerseits die Arbeitsproduktivität im Agrarsektor und die Profitabilität der Farmen, andererseits greifen die Bauern wieder auf ältere und giftigere Chemikalien zurück, um das Unkraut zu bekämpfen. Statt den versprochenen größeren Erträgen und weniger Unkrautvernichtungsmittel ist das Gegenteil der Fall: stagnierende Erträge und mehr Herbizide!

Landwirtschaftliche Revolutionen und die Einführung einer "globalen Farm"

Sie betonen, wie wichtig niedrige Nahrungsmittelpreise für das Funktionieren des kapitalistischen Weltsystems sind. Gilt das auch für die neoliberale Phase seit den frühen 1970er Jahren?

Jason Moore: Der Kapitalismus beruhte bis in die 1980er, 1990er Jahre hinein auf einer Abfolge landwirtschaftlicher Revolutionen. Durch große Produktivitätssprünge in der Nahrungsmittelproduktion war es möglich, bestimmten entscheidenden Schichten der Arbeiterklasse im Zentrum des Weltsystems billige Lebensmittel zu verschaffen. Das wiederum ist entscheidend, damit die Löhne niedrig bleiben können. Der Kapitalismus war in diesem Sinne immer ein "System billiger Nahrung", auch wenn viele Menschen auf dem Planeten von diesem System ausgeschlossen waren. Aber in gewisser Hinsicht "funktionierte" das Weltsystem , insofern als es in den industriellen Zentren keine Hungersnöte oder Subsistenzkrisen gab. Die Kehrseite davon waren natürlich schreckliche Hungersnöte an den Rändern des Weltsystems, etwa in Südasien im späten 19. Jahrhundert, als Großbritannien Nahrungsmittel aus Indien importierte, während dort mehr als zehn Millionen Menschen verhungerten.

Die historische Phase ab 1973 war anders. Nahrung war zwar so billig wie nie zuvor - aber ohne dass die Produktivität der Landwirtschaft wuchs! Lebensmittel wurden verbilligt - nicht durch eine Revolutionierung der Landwirtschaft, sondern indem Nahrung aus dem globalen Süden in die Zentren umverteilt wurde und die Einkünfte der Bauern herunter gedrückt wurden. Handelsschranken wurden abgeschafft, durch die fortschreitende Liberalisierung entstand sozusagen eine globale Farm.

Überall auf der Welt wurden landwirtschaftliche Produzenten in eine Art Tretmühle eingespannt. Durch die Schuldenkrise und mit politischem Druck wurden sie gezwungen, bei fallenden Preisen immer mehr zu produzieren. Beispielsweise stieg unter dem Schuldenregime der Strukturanpassungsprogramme in den 1980er und 1990er Jahre der Export von Agrarprodukten aus südlichen Afrika kontinuierlich weiter an, während die Einnahmen, gemessen in US-Dollar, gleich blieben oder sogar fielen!

"Eine Zivilisation, deren Entwicklungsmöglichkeiten sich erschöpft haben"

Nahrung, Energie, Rohstoffe und Arbeitskraft werden teurer

Das Geheimnis des Kapitalismus ist, die (ökologische) Rechnung nicht zu bezahlen

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