Teheran verkehrt

25.06.2011

Der Straßenverkehr von Teheran ist wie das Fahren im Autoscooter auf einer Kirmes. Aufregend. Lustig. Aber auch lebensgefährlich.

Und es ist praktisch unmöglich, das wirklich Spezifische des Teheraner Stadtverkehrs auf ein Foto zu bannen. Ich habe es versucht. Man erwischt die Dimension der Klaustrophobie, das Gedränge verschiedener Fahrzeuge, Menschen dazwischen - aber weil das Foto statisch ist, eingefroren, unbewegt, vermisst man die Dimension der Geschwindigkeit. Man sieht nicht das Gewurrle und Gebrumm um einen herum, man hört nicht die wilde Symphonie der Motoren, der Hupen, der menschlichen Rufe.

Kurzum: Es muss eine Filmkamera her. Es gibt bei Youtube unzählige kleine Filmchen, die den Teheraner Verkehr anschaulich vorführen. Eine Gruppe junger amerikanischer Touristen stellte sich beispielsweise bei einer - fast schon beliebigen - Teheraner Kreuzung mit einer Videokamera oder einem iPhone hin

und filmte knapp zwei Minuten lang den dort stattfindenden Straßenverkehr. Die Zuschauer kommentierten das Gesehene live on camera, sie gackern und kichern, sie wiehern und rufen, schon in Erwartung eines größeren Unfalls: "Oh my God!" - und das Spektakel erscheint ihnen amüsant und spannend wie eine Wrestling-Show im Fernsehen. Kein Wunder, dass der Clip dann auch auf einer deutschen Seite unter dem Titel "Unglaublich-lustige-videos-Kreuzung-in-Teheran" erscheint.

Bei Tag und bei Nacht, zu jeder Stunde, auf kleinen Seitenstraßen oder Stadtautobahnen, braust der Teheraner Verkehr ungebremst in alle Richtungen, mehrsträngig und unablässig, wie kaum zur Hauptverkehrszeit in irgendeiner europäischen Großstadt. Dazwischen: Fußgänger im dichtesten Gewühl, Ampeln, die man nach Belieben zur Kenntnis nimmt oder nicht.

Normalerweise würden amerikanische Touristen die Arme über dem Kopf zusammenschlagen, wenn sie an einem solchen Verkehrsgeschehen selber teilnehmen müssten. Beispielsweise in Italien, wo der Tumult auf der Straße dem iranischen noch am ehesten gleichkommt. "Es gibt kaum etwas lustigeres, als einem Amerikaner bei dem Versuch zuzusehen, in Italien Auto zu fahren," meint beispielsweise der britische Auto-Papst, Jeremy Clarkson.

Frisch angekommen nach einem 14-Stunden-Flug, quetschen sie ihre ausladenden Hinterteile in etwas hinein, was sie für ein Spielzeug halten und machen sich auf zu einem Rendezvous mit dem Sensenmann. Ich habe schon erwachsene Männer an italienischen Tankstellen schluchzen gesehen, die jedem, der es hören wollte, erklärten, dass sie von einem anderen Auto gerammt worden seien, oder dass eine Nonne ihnen bei einer Geschwindigkeit von 90 Stundenkilometern in einem Abstand von 2.5 Zentimetern hinterhergefahren sei und dabei gewunken und die Lichthupe betätigt habe. Greifen Sie sich jeden beliebigen amerikanischen Reiseführer über Europa, und Sie werden riesige Textstellen entdecken, die mit großen, fetten Buchstaben amerikanischen Staatsbürgern anraten, sich in Italien der öffentlichen Verkehrsmittel zu bedienen. Die beiden Auto-Kulturen sind wie Baleys und Limettensaft. Sie passen einfach nicht zueinander.[1]

Ich erwähne die italienische Verkehrsszene an dieser Stelle hauptsächlich deswegen, weil Telepolis-Leser damit eher vertraut sein dürften. Die iranische Situation darf als exponentielle Steigerung der italienischen gelten.

Entsprechend reagieren auch deutsche Reisende oder Reiseanbieter auf den Verkehr in Teheran. Das Internet ist voll mit ihren Reflektionen zum Thema. Unter der Überschrift "Teherans Verkehr: mörderisch" erfährt man beispielsweise bei einem Reiseanbieter, der den Iran ansonsten aktuell als "weiterhin sicheres" Reiseland anpreist:

Fahrbahnmarkierungen haben in Teheran eher dekorativen Charakter. Insbesondere beim Kreisverkehr zeigt sich die hohe Kunst der Fahrer, denn mitunter zwängen sich zwölf Autos nebeneinander in den Kreis hinein und wieder hinaus. Überholt wird theoretisch links, in der Praxis aber eher rechts, und Einfädeln ist Millimeterarbeit. Das Fahrverhalten und die Angewohnheit, auch mitten auf der Straße auf ein Taxi zu warten, tragen trotz großzügig ausgebauter Schnellstraßen zu den Staus bei. Ein weiteres Problem in Teheran ist der ruhende Verkehr, denn es gibt zu wenig Parkplätze in der Innenstadt.

Eine andere deutschsprachige Iran-Seite, Irananders, die das Land als "kontrastreich und differenziert" anpreist, nennt in einer Schlagzeile "260.000 Verkehrstote im Iran" und erläutert dazu:

Der Leiter der iranischen Verkehrspolizei, Eskandar Momeni, teilte mit, dass es in den letzten zehn Jahren im Iran 260.000 Verkehrstote und zwei Millionen Verletzte gegeben hat.

Und, um eine Stimme aus einem typischen deutschen Reise-Blog zu zitieren:

Über die Hauptstadt Irans hört man so einiges: Der Verkehr sei chaotisch, es gäbe nichts zu sehen und man sterbe fast an Smog. Nach einem Tag in Teheran kann ich sagen: Der Verkehr ist chaotisch, es gibt kaum was zu sehen, und es wundert [mich] nicht, dass hier jährlich 10.000 Menschen an der Luftverschmutzung sterben.

Teheran erstickt am eigenen Mief

Gerade die Luftverschmutzung steht deutlich mit dem Verkehrsvolumen in einem Zusammenhang, aber auch mit den Klima-Extremen im Sommer und Winter.

Das wurde im Spätherbst und beginnenden Winter, in den Monaten November und Dezember des vergangenen Jahres, besonders deutlich. Während man in Europa einen schneeweißen Winter mit entsprechenden Temperaturen erlebte - als Extrem, minus 30°C in Finnland - gab es in Teheran kaum Regen und keine Spur von Schnee. Dafür gab es, bei Tagestemperaturen von +15° bis +20°C und nachts tiefstens bis +5°C, im Großraum Teheran eine Luftverpestung wie noch nie. Die Maßnahmen der Regierung und sonstiger Zuständiger beschränkten sich auf kosmetische Eingriffe. Es wurde den Älteren und den Kindern täglich empfohlen, nicht unbedingt nach draußen zu gehen. Die Schulen blieben an manchen Tagen wegen Smog und Luftinversion geschlossen.

Dienstags und Donnerstags erhielten die Kinder Schulfrei, am Freitag, dem iranischen "Sonntag", blieben sie ohnehin zuhause. Der Smog - das atemberaubende Gemisch aus Auto, Industrie- und Heiz-Abgasen - wird in Teheran normalerweise im Winter durch dichten Schneefall und solide Minustemperaturen gebannt. Jetzt sammelten sich die Luftschadstoffe wie Stickstoffdioxid, Kohlenmonoxid, Schwefeldioxid, Ozon und Feinstaub immer weiter an.

Die hohe Konzentration bedeutet dabei eine große gesundheitliche Belastung für die Bevölkerung. Der iranischen Nachrichtenagentur Fars zufolge nimmt jeder Einwohner Teherans täglich 800 Milligramm verschiedenster schädlicher Stoffe auf, die sich dauerhaft in der Lunge absetzen.

Jetzt, im Sommer, oft mit Temperaturen knapp an der +50°C-Grenze, scheint der giftige Cocktail noch um etliche Prozentpunkte tödlicher zu werden.

Das Problem ist dabei nicht allein, dass die Situation so ist, wie sie ist, sondern auch, dass es keine zuverlässigen Zahlen dazu gibt, und keine verlässlichen Taten, die von der Politik gesetzt werden. Die komplette Unzuverlässigkeit aller iranischen Statistiken erweist sich kaum irgendwo deutlicher als in den widersprüchlichen Angaben zur Bevölkerung Teherans. Zwischen 8,5 und 13 Millionen Menschen wohnen in dieser Stadt, heißt es. Eine Dunkelziffer von plus/minus vier Millionen - das ist praktisch die gesamte Bevölkerung Berlins - bedeutet die komplette Verabschiedung von jedweder Planung, nicht allein des Verkehrswesens, sondern auch für alle städtebaulichen Belange, für Erziehung, Gesundheitswesen, Wasserversorgung, Polizei. Dazu passt die kolportierte Zahl von zwei (2) Löschzügen, die der Teheraner Feuerwehr insgesamt zur Verfügung stehen. In Teheran läuft eben alles verkehrt, nicht nur der Straßenverkehr.

Teheran verkehrt

Statistiken - und ganz grobe Lügen

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Anzeige
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Anzeige
Cover

Krisenideologie

Wahn und Wirklichkeit spätkapitalistischer Krisenverarbeitung

Demokratie am Ende?

Wolfgang J. Koschnick analysiert den Niedergang der entwickelten parlamentarischen Parteiendemokratien. Das verbreitete Klagen über "die Politiker" und die allgemeine "Politikverdrossenheit" verstellt den Blick dafür, dass alle entwickelten Demokratien in einer fundamentalen Strukturkrise stecken.

bilder

seen.by

Anzeige

TELEPOLIS