Frankreich nach dem Fall von Strauss-Kahn

07.06.2011

Wer hat Angst vor Marine Le Pen? Teil 1

Knapp ein Jahr vor den französischen Präsidentschaftswahlen 2012 beäugt sowohl das konservative wie das linke Lager argwöhnisch das ausnehmend gute Abschneiden des Front National (FN) in sämtlichen Meinungsumfragen. Die Angst vor einer Wiederholung des 21. April 2002 geht um, als im zweiten Durchgang nur Chirac oder Le Pen senior zur Wahl standen (Rechtes Erdbeben in Frankreich). Ein wahres französisches Trauma. Denn an diesem mittlerweile sprichwörtlich gewordenen 21. April hatte sich die linke Reichshälfte regelrecht dazu zwingen müssen, "mit zugehaltener Nase", wie es damals hieß, Jacques Chirac zu wählen.

Seit der international aufsehenerregenden Verhaftung des ehemaligen IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn (DSK), der Hoffnungsträger der Sozialdemokraten für die Präsidentschaftswahl 2012 kurz DSK, scheint nun ein neuer 21.April möglich. DSK war bis zu seinem mutmaßlichen sexuellen Übergriff in einem New Yorker Hotelzimmer Champion aller Meinungsumfragen. Weit vor Präsident Sarkozy, und Marine Le Pen. Die verbleibenden wahrscheinlichen Kandidaten des PS erscheinen im Vergleich zu DSK etwas farblos. Oder wie der bereits deklarierte sozialistische Kandidat François Hollande sich selbst stolz als "normal" bezeichnet. Ist nun ein neuer 21. April, der 2012 zum 22.April wird, möglich? Marine gegen Sarko? Oder einen oder eine Sozi?

Der Umstand, dass der Liebling der Meinungsumfragen DSK nun aus dem französischer Präsidentschaftsrennen ausgeschieden ist, scheint derweilen weder Sarkozy noch Marine Le Pen einen Stimmenzuwachs eingebracht zu haben. Sarkozy bleibt weiterhin reichlich unpopulär, weniger als 30% haben eine positive Meinung von ihm. Aber der amtierende Präsident wird sich erfahrungsgemäss vor der Wahl wieder hochhieven können. Bemühungen, die man bereits auf dem G8-Gipfel im französischen Deauville Ende Mai erkennen konnte. Sarkozy, als Gastgeber, befreit von seinem gefährlichsten Herausforder DSK, versuchte, stolz wie ein französischer Gockel neben Obama, Cameron, Berlusconi und Merkel die Franzosen an seine internationale Statur zu gemahnen. Und so die einheimischen Probleme vergessen machen? Nebenbei nutzte Sarkozy den Gipfel auch dazu, stolz zu verkünden, dass seine Frau Carla Bruni, schwanger sei. Was solcherlei Ankündigungen auf einem G8-Gipfel verloren haben, sei dahingestellt.

Das Elyséeteam verbeißt sich derweilen jeglichen anrüchigen Kommentar zum mutmaßlich gefährlich überbordenden Testosteronspiegel des ehemaligen IWF-Chefs. Der weltweit spektakuläre Niedergang des einzigen Rivalen unter den Mächtigen würde "Nicolas einen Boulevard der Glaubwürdigkeit" eröffnen, wie es ein Nahestehender formuliert. Premierminister François Fillon hat allerdings kurz darauf die Schweigepflicht der regierenden UMP zur DSK-Affäre gebrochen und gesagt, dass die Sozialisten nun endgültig jeglicher moralischer Autorität verlustig gegangen seien.

Nur ist nun auch die ach so moralische UMP von einer Sexaffäre eingeholt worden. Der mittlerweile ehemalige Staatssekretär Georges Tron wurde von zwei seiner Ex-Angestellten wegen sexueller Übergriffe verklagt. Schuld an dieser Klage sei Marine Le Pen, welche die Sekretärinnen dazu angestiftet haben soll, so Monsieur Tron. Nun verklagt wiederum Madame Le Pen den Staatssekretär auf Verleumdung. Der Anwalt der Klägerinnen soll, wie der "Zufall" es so will, übrigens ein FN-Sympathisant sein.

Sex, lies and politics

Jedenfalls scheint die DSK-Affäre den in Frankreich herrschenden ganz alltäglichen Machismo an den Tag zu bringen. Französische Frauen erklären, dass sie die Nase gestrichen voll haben von den einheimischen Machos. Ob nun in der Politik oder anderswo.

Überraschenderweise aber haben die Klagen wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung laut dem Onlinemedium Rue 89 nicht zugenommen und verbleiben bei lediglich 10% der geschätzten Opfer, welche eine Klage wagen. Organisationen, die vergewaltigten Frauen helfen, haben zwar mehr Anrufe registriert, der Rambazamba um die DSK-Affäre habe Opfer einerseits ermutigt, aber anderseits auch verschreckt. Das New Yorker Zimmermädchen hat nun alle Mühen, ihre Anonymität vor den Augen der Weltöffentlichkeit zu bewahren. Am 6. Mai ging die Sache vor einem New Yorker Tribunal weiter, wo DSK wieder auf "nicht schuldig" plädierte.

Derweilen ist jenseits des Atlantiks in den französischen Medien viel von sexuellen Übergriffen die Rede und gegenseitige Anschuldigungen und Gerüchte aller Art häufen sich. Quasi jeder Tag liefert einen neuen Sexskandal. Das Schicksal des New Yorker Zimmermädchens scheint eine Bresche ins allgemeine "diskrete" französische Schweigen geschlagen zu haben. Aber hat nun Marine Le Pen, plötzlich eine feministische Ader in sich entdeckt, und die beiden mutmaßlich sexuell genötigten Assistentinnen des Staatssekretärs zu einer Klage ermutigt?

Marine ruft zu einer emanzipatorischen Revolte auf

In einer Pressemitteilung Marine Le Pens ist die Rede "vom ohrenbetäubenden Schweigen der politischen Klasse, das die Klagen von zwei Frauen wegen sexueller Aggression gegen Georges Tron begleitet". Und dann wird ihr Plädoyer für sexuell genötigte Frauen gar revolutionär:

Muss man an dieser Stelle daran erinnern, dass es Zeiten gab, wo die erste Nacht (droit de cuissage) einer untergebenen, frisch vermählten Frau, dem Feudalherren zustand ? Und dass erst die Revolution dieses Recht abgeschafft hat? Muss man zu einer demokratischen Revolte aufrufen, um unser System zu verändern?

Revolutionäre Parolen hin oder her: In der Affäre rund um den zurückgetretenen Staatssekretär scheint es viel eher um Grundstücksprobleme der Familie Le Pen zu gehen, denn Monsieur Tron ist auch der Bürgermeister der Heimatgemeinde von Marine und Jean-Marie, in der sich das Familienanwesen befindet.

Le Pen junior scheint jedenfalls den Meinungsumschwung der Franzosen in Sachen aggressive Verführungsversuche erkannt zu haben. Der Mythos vom French Lover wurde von Dominique Strauss-Kahn arg ramponiert. Marine Le Pen versuchte von Anfang an, mit der DSK-Affäre und angenommen populären Schlagwörtern, in denen von den "korrupten und globalisierten Eliten" und dem "abgehobenen Frankreich von Oben" (la france d’en haut) die Rede ist, auf Stimmenfang zu gehen.

Bislang allerdings konnte auch die Front National nicht von den New Yorker Geschichten DSKs profitieren und bleibt wie bislang bei immerhin 24 % zugeneigter Wähler. Wobei allerdings 72% laut dieser Meinungsumfrage angeben, negative Gefühle für Marine zu hegen. Aber in den zweiten Durchgang wird sie es höchstwahrscheinlich dann auch schaffen. Werden sich die Franzosen für den ersten Durchgang der Präsidentschaftswahlen 2012 neuerlich trauen die "ganz normale" Front Nationale zu wählen? Da riskiert man doch noch nichts. Für den zweiten dürfte es für Marine schon schwieriger werden. Oder steht den Franzosen und der Weltöffentlichkeit schon wieder eine traumatische Überraschung bevor?

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