Je mehr Schulden, desto höher ist die Selbstschätzung von jungen Menschen

07.06.2011

Eine Studie von US-Soziologen scheint zu belegen, dass die Menschen Schuldenmachen nicht mehr als Last empfinden – zumindest wenn sie jung sind

Gerne werden auch schon junge Menschen mit Kreditkarten versorgt, auch wenn sie selbst nichts verdienen, oder sie leben bereits mit Schulden, um ihren Konsumbedürfnisse nachzugehen. Allerdings gibt es nicht nur eine freiwillige Verschuldung, sondern auch erzwungene, beispielsweise wenn das Studium mit Krediten finanziert werden muss.

Die Gesellschaften haben sich daran gewöhnt, die ständig wachsenden staatlichen Schuldenberge vor sich herzuschieben. Auch die Individuen werden immer früher ans Leben mit Schulden gewöhnt. Während persönliche Schulden, wenn es nicht um Immobilienerwerb ging, noch vor wenigen Jahrzehnten dem Bürgertum eher ein Gräuel und eine Last waren, die man möglichst vermied, weil sie auch bedeuteten, nicht wirtschaften zu können, verlieren die neuen Schuldner ihre Ängste und passen sich ans System an. Nicht nur das, sie scheinen geradezu durch Schulden auf ihrer Kreditkarte oder zur Finanzierung des Studiums ihr Selbstwertgefühl zu erhöhen.

Für ihre Studie, die in der Zeitschrift Social Science Research erschienen ist, haben die Soziologen der Ohio State University Daten einer landesweiten Langzeitstudie ausgewertet, die von der Universität für das U.S. Bureau of Labor Statistics durchgeführt. Die Teilnehmer im Alter zwischen 18 und 34 Jahren werden hier alle zwei Jahre befragt. In der für die Studie durchgeführten Umfrage ging es um zwei verschiedene Schuldenarten: Studienkredite können als Investitionen in die Zukunft verstanden werden, während Kreditkartenschulden sich eher dem Konsum verdanken und als belastender empfunden werden können.

Die Soziologen fanden überraschenderweise, dass die jungen Menschen im Alter zwischen 18 und 27 Jahren eine desto höhere Selbsteinschätzung hatten, je mehr Schulden sie auf ihrer Kreditkarte und als Studienkredite angehäuft haben. Beide Schuldenarten vermittelten also für die jungen Menschen etwas Positives. Und nicht nur das Selbstwertgefühl stieg mit den Schulden, offenbar auch das Gefühl, das Leben unter der eigenen Kontrolle zu haben, Wohlstand und Karriere also auf Pump.

Besonders deutlich sei dies bei den Menschen, die aus der untersten Einkommensschicht kommen. Bei den Menschen aus der Mittelschicht werden Studienkredite als ganz normal angesehen, sie haben keine Auswirkung auf die Selbsteinschätzung und die Kontrolle über das eigene Leben. Bei Kreditkartenschulden tritt aber auch wieder der Effekt auf, dass wachsende Schulden einen positiven Einfluss auf Selbsteinschätzung und Autonomie ausüben. Möglicherweise hängt dies damit zusammen, vermuten die Soziologen, dass man sich schnell und ohne Verzögerung etwas kaufen kann, selbst wenn man damit Schulden macht, an deren Rückzahlung man wohl eher nicht wirklich denkt.

Anders ist bei den jungen Menschen aus der reichsten Schicht. Bei ihnen wachsen mit Schulden nicht die guten Gefühle: "Die reichsten jungen Menschen haben die meisten Ressourcen und Optionen zu ihrer Verfügung, daher sind Schulden für sie kein Thema", so die Soziologin Rachel Dwyer. Wer weniger hat, fühlt sich demnach besser, wenn er in Bildung und Konsum aufholen kann.

Bei denjenigen, die älter als 28 Jahre sind, scheint dann aber allmählich ein ungutes Gefühl und Stress aufzukommen. Zwar sind bei ihnen Schulden aus Studienkredite im Unterschied zu Menschen, die keinerlei Schulden haben, immer noch mit höherem Selbstwertgefühl und Autonomie verbunden, aber wenn sie höher sind, dann sinkt der aus ihnen bezogene positive Schwung. Wenig erstaunlich, sagen die Soziologen, schließlich sehen sie nun eher auch, dass es schwierig werden könnte, die Schulden wieder abbezahlen zu können.

Es wäre interessant zu wissen, ob nachträglich die durch Schuldenmachen gewonnene Lust bedauert wird oder man doch weiterhin relativ unbelastet auf Pump lebt. Allerdings ist die Lust, die man als junger Mensch aus dem Schuldenmachen zu ziehen scheint, eben auch eine gute Einführung in die Schuldengesellschaft, um es in ihr auszuhalten, bis die Schulden womöglich im Alter über einen hereinschlagen. Die Reichen machen hingegen Schulden nur aus strategischen Interessen heraus, also um ihren Status zu erhalten oder zu sichern.

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