"Scheener Herr aus Daitschland"

23.07.2011

Vermischte Nachrichten vom grünen Strand der Spree

1955 veröffentlichte ein Autor namens Hans Scholz einen Roman, der sich der jüngsten deutschen Vergangenheit so direkt stellte wie kaum ein belletristisches Werk zuvor und der völlig unerwartet zum Bestseller wurde. Fritz Umgelter machte daraus einen der ersten Straßenfeger des Fernsehens. Eine Erinnerung an einen Roman und einen TV-Mehrteiler, die sehr zu Unrecht in Vergessenheit geraten sind.

So gut wie ein Roman

Als die ersten Literaturkritiker jubelten, dass Hans Scholz mit Am grünen Strand der Spree ein großer Wurf gelungen sei, gingen die meisten Experten davon aus, dass sich hinter diesem Allerweltsnamen ein etablierter Romancier verbergen, dass es sich um ein Pseudonym handeln müsse. Den in Berlin geborenen Hans Scholz, der heuer hundert Jahre alt geworden wäre, gab es aber wirklich, er versteckte sich keineswegs, und "Scholzi" hatte einen vielseitigen Lebenslauf zu bieten: Studium der Kunstgeschichte, Saxophonspieler in einer Tanzkapelle, Meisterschüler im Fach Malerei an der Preußischen Akademie der Künste, Kriegsdienst bei den Gebirgsjägern, Gefangenschaft, Innenarchitekt, Kunstsammler, Lehrer an der Volkshochschule, Drehbuchschreiber für Werbe- und Dokumentarfilme, Flaneur, Stimmungskanone, oft an der Seite von Susanne Erichsen zu sehen, der Miss Germany von 1950 und vom Magazin Time als deutsches "Fräuleinwunder" gefeiert.

Das Buch trägt den Untertitel "So gut wie ein Roman". Scholz hatte eigentlich eine Reihe von Novellen geschrieben, für die er keinen Verlag finden konnte, weil, so die Begründung, die Leute nur Romane lesen wollten. Deshalb dachte er sich eine Rahmenhandlung aus, in die sich die Novellen integrieren ließen. Dafür gab es berühmte Vorbilder: Boccaccios Decamerone, Die Serapionsbrüder von E.T.A. Hoffmann, Das Wirtshaus im Spessart von Wilhelm Hauff. Bei Scholz treffen sich an einem Aprilabend des Jahres 1954 einige Freunde in der Westberliner Jockey-Bar, in der sie schon vor dem Krieg zusammengesessen haben und vertreiben sich die Zeit mit Geschichten. Hans Schott macht Werbefilme, Bob Arnoldis ist Schauspieler, der Maler Fritz Georg Hesselbarth arbeitet als Berater beim Film und verfasst Drehbuch-Exposés, und der Vierte am Tisch, Hans-Joachim Lepsius, war früher Major im Generalstab, ist erst kürzlich aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt und wurde sogleich von seiner Frau vor die Tür gesetzt. Die am nächsten Morgen sehr stattliche Getränkerechnung bezahlt der reiche Anwalt Dr. Brabender, der hofft, dass die Freunde seinen Vetter Lepsius etwas aufheitern und in die bundesrepublikanische Wirklichkeit einführen können.

Diese Wirklichkeit hatte viel mit selektivem Erinnern und noch mehr mit Vergessen zu tun. Wie es dem deutschen Landser nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs ergangen war, erfuhr man in So weit die Füße tragen, einem ebenfalls 1955 erschienenen "Tatsachenroman" von Josef Martin Bauer. Berichtet wird von der Verschickung deutscher Kriegsgefangener nach Sibirien, von deren Leiden in einem Bleibergwerk an der Beringstraße und von der Flucht des zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilten Clemens Forell, die ihn schließlich zurück ins heimatliche München bringt. 1959 machte Fritz Umgelter daraus einen TV-Sechsteiler, der von den Kritikern verrissen wurde und dem Fernsehen einen seiner ersten großen Publikumserfolge bescherte (im selben Jahr wurde Der Andere ausgestrahlt, der erste der Durbridge-Krimis).

Damals gab es noch keine Messung der Einschaltquote, aber der vom späteren Traumschiff-Kapitän Heinz Weiss verkörperte Clemens Forell war Tagesgespräch, und laut einer Umfrage bewerteten 90 Prozent der Seher So weit die Füße tragen mit "gut" oder "sehr gut". Der produzierende NWRV, aus dem der WDR und der NDR hervorgingen, war davon so angetan, dass er beim Meinungsforschungsinstitut Infratest eine weitere Umfrage in Auftrag gab, die sensationelle Neuigkeiten zutage förderte. Einem Teil der Zuschauer gefiel der "Gedanke eines verfilmten Fortsetzungsromans im Fernsehen", die Handlung sollte nicht langweilig, sondern spannend sein, die Befragten fanden es gut, wenn eine Episode da anknüpfte, wo die vorherige aufgehört hatte, und die Intervalle zwischen den einzelnen Teilen sollten nicht zu lang sein, damit das Gedächtnis nicht übermäßig strapaziert wurde.

Solcherart angespornt, brauchte man nun noch eine Vorlage für den nächsten "Fernsehroman", den wieder Fritz Umgelter in Szene setzen würde. Am grünen Strand der Spree bot sich an, weil das Buch bereits episodisch angelegt war, weil es mit inzwischen mehr als 200.000 verkauften Exemplaren einen hohen Bekanntheitsgrad hatte, und weil Hans Scholz mit dem Berliner Fontane-Preis ausgezeichnet worden war, was, so hoffte man, die Kritiker gnädiger stimmen würde als bei der "sibirischen Karl-May-Geschichte" (Tagesspiegel) um Clemens Forell. Was Umgelter daraus machte, war gegenüber So weit die Füße tragen, der Nachkriegsvariante von Ein Mann will nach Deutschland (NS-Propagandafilm von 1934, dessen Held heim ins Reich will, um gegen den Feind in den Krieg zu ziehen), ein Quantensprung.

Deutscher Soldat in Polen

Wie ist das wohl, wenn man zum Bildungsbürgertum gehört, wenn man im Land von Goethe, E.T.A. Hoffmann und Theodor Fontane aufwächst, um sich dann, nach tausend braunen Jahren, als Angehöriger einer Nation wiederzufinden, die als der Inbegriff des Bösen gilt? Und was macht man damit? Scholz’ Antwort: Man wird sich über die Vergangenheit im Klaren und berichtet schonungslos von dem, was gewesen ist, weil sonst kein Neuanfang gelingen kann. Dabei ist mit Widerstand zu rechnen. Gleich am Anfang erfährt man, dass die Post der an der Ostfront eingesetzten Soldaten zensuriert wird. So war das früher, sagt Scholz damit, und in einer Demokratie, wie wir sie jetzt haben, hat die Zensur nichts verloren (bei allem, was im Roman passiert, muss man das Erscheinungsjahr 1955 immer mitdenken). Darum setzte er auch durch, dass die erste, auf eigenen Erlebnissen basierende Episode im Buch blieb, obwohl sie der Verlag gern weggelassen hätte.

Jürgen Wilms, ein anderer aus der alten Jockey-Runde und zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt, ist bisher nicht aus Russland zurückgekehrt. Lepsius hat ihn vor seiner eigenen Entlassung in einem Gefangenenlager getroffen und das, was von Wilms’ Kriegstagebuch noch übrig war, nach Deutschland geschmuggelt. Aus diesem Tagebuch liest er jetzt vor. Es beginnt am 5. Juni 1941 in einem polnischen Nest namens Maciejowice. Wilms notiert seine Beobachtungen und macht Photos als Beleg. Jüdische Frauen und Kinder müssen eine Straße bauen. Die Zivilbevölkerung wird ausgehungert. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion, während der Kämpfe um die Festung von Brest-Litowsk, werden jüdisch-orthodoxe Männer gezwungen, am Sabbath die stinkenden Leichen der gefallenen deutschen Soldaten zu bergen. "Wer darf Menschen erniedrigen?", schreibt Wilms in sein Tagebuch. "Wer darf das eigentlich?" (In Brest ermordete das Polizei-Bataillon 307 etwa 4000 Juden, was Scholz auch gewusst zu haben scheint.)

Weil immer hungernde Kinder am Rand des Feldlagers stehen, macht der Koch mehr Essen, als für die Truppe nötig wäre. Das wird an die zum Betteln gezwungenen Kinder verteilt. Mit dabei ist ein kleiner jüdischer Junge, den die anderen Kinder vertreiben und dem Wilms Brot und Wurst gibt. Damit sind zwei wichtige Elemente der deutschen "Vergangenheitsbewältigung" nach 1945 benannt: 1. Die Wehrmacht hatte das Pech, in Adolf Hitler einen kriminellen Oberkommandierenden zu haben, bestand aber selbst aus aufrechten deutschen Männern (gelegentlich mit einem Herz aus Gold) und hielt sich an die international anerkannten Regeln der Kriegsführung, während Verbrechen gegen die Menschlichkeit grundsätzlich - und ohne Wissen der Wehrmacht - von der SS begangen wurden, und: 2. Auch in anderen Ländern gab es einen aggressiven Antisemitismus, für den es nicht die Deutschen brauchte (ein Relativierungsargument, das mit Hinweis auf Korea und Vietnam noch darum ergänzt wurde, dass die anderen auch Krieg führten, ganz ohne deutsche Beteiligung, und deshalb nicht besser waren). In der wenigen Sekundärliteratur zu Am grünen Strand der Spree, die ich gefunden habe, wird regelmäßig der Vorwurf erhoben, Scholz beteilige sich an der damals üblichen Exkulpierung der Wehrmacht. Die Autoren, die das schreiben, haben ein anderes Buch gelesen als ich oder vielleicht nur Aufsätze über den Roman. Auch Umgelters Fernsehadaption ist auf eine Weise direkt, wie es das, der einschlägigen Sekundärliteratur zufolge, zu der Zeit gar nicht gab.

Das Buch ist voller Figuren, die in den Krieg ziehen, weil das zur Familientradition gehört, weil es das Vaterland verlangt und dergleichen mehr. Wilms liebt die vor den Nazis nach Paris geflohene Jüdin Ruth Esther, ist aber nach Deutschland zurückgekehrt, statt bei ihr zu bleiben. Jetzt ist er als Soldat in Polen, fragt sich, was er da soll und bekommt Briefe von Jutta, seiner blonden Verlobten, die gerade Urlaub in Florenz macht. Briefe wie diesen:

Und dann sieh mal, das mit den Juden. Du kümmerst Dich da um Dinge, die Dich doch eigentlich als Deutschen gar nichts angehen. Vati hat gesagt, die Juden sind an ihrem eigenen Unglück schuld, und es wäre eine historische Tat, daß man ihre Macht in Deutschland gebrochen hat. Nun glaube ich ja, daß nicht alles im Sinne unserer Regierung ist, was dort im fernen Polen geschieht. Es gibt immer mal Heißsporne und außerdem örtliche Härten, die Du zufällig siehst und die gewiß nicht sein sollten. […] Sei doch bloß vorsichtig, Du änderst ja doch nichts, und es dankt Dir kein Mensch, wenn Du an solche Sachen überhaupt bloß denkst! […] Ich jedenfalls möchte nicht in irgend etwas verwickelt werden.

Scholz’ Freundin Susanne Erichsen beschreibt in ihrer sehr lesenswerten Autobiographie das allgemeine Wegsehen als Teil einer Gehirnwäsche:

Mein Stiefvater war ein Mensch mit strikten Prinzipien. Dass ordentliche Frauen sich nicht schminkten, gehörte ebenso dazu wie seine Haltung, über Unangenehmes nicht zu sprechen. Als im November 1938 die Synagogen brannten und jüdische Geschäfte zerstört wurden, ging unser Familienleben weiter, als wäre nichts geschehen. Was man nicht ansprach, gab es für uns nicht. Wenn ich Fragen stellte, so wurden sie einfach vom Tisch gewischt: "Das geht uns nichts an! Das ist Sache der Politiker!" Mit den Jahren hatte ich mir diese Lebensweise zu Eigen gemacht. Fragen zum Tagesgeschehen im Dritten Reich kamen mir nicht mehr in den Sinn, nachdem mir in der Schule, beim BDM oder durch meine Eltern immer ganz einfache Erklärungen aufgedrückt wurden.

Hans Scholz sieht hin und bringt zur Sprache, um dann zu fragen, ob das schon reicht? Jürgen Wilms erfährt immer wieder, dass es zu wenig ist. In Maciejowice wird er nach der Ausgangssperre von einem jüdischen Mädchen angesprochen. "Scheener Herr aus Daitschland …", sagt es und hofft, dass es der Soldat sicher über den Stadtplatz bringen wird, weil im Schatten bereits die Männer vom "jüdischen Ordnungsdienst" warten, die versuchen, deutscher als die Deutschen zu sein. Wilms begreift erst, als das Kind vom Ordnungsdienst blutig geschlagen wurde: "Aber so bin ich. Stehe bloß immer da und gucke; und es ist immer zu spät, etwas zu tun."

Dem Jahrhundert ins Gesicht sehen

Scholz’ Ortsangaben sind sehr genau und überprüfbar. An der Bahnstrecke nach Smolensk, in einer in der weißrussischen Stadt Orscha eingerichteten Marketenderei, unterhalten sich die deutschen Landser über das, wovon man bei der Wehrmacht angeblich nichts wusste, bei Scholz aber durchaus. Einer sagt, dass morgen die Juden erschossen werden sollen. In Nowo-Borissow habe er das schon einmal miterlebt. Frauen und kleine Mädchen hätten sich nackt ausziehen und bis zum Abend auf ihr Ende warten müssen (mehr zu diesem Massaker im 2002 erschienenen Katalog zur zweiten Wehrmachtsausstellung). In der Ukraine, sagt ein Kurier, sei das genauso; es seien auch Juden aus dem Reich dabei, aus Holland und aus Frankreich. Das gehe durch alle Länder, ergänzt ein Mann aus einer Sanitätseinheit. Von seinem Bruder wisse er, dass in Litauen die Juden, auf Rettung hoffend, ihr ganzes Hab und Gut an deutsche Landser geben, oder an Bauern, die ihre Kinder verstecken sollen. In der Fernsehfassung schließt Umgelter die Szene mit dem bislang linientreuen Unteroffizier Jaletzki ab, der Wilms zuvor mit disziplinarischen Maßnahmen gedroht hat, weil er seine Hemden bei Juden waschen ließ und dem jüdischen Knaben zu essen gegeben hat. Inzwischen hat es auch dem Parteigenossen Jaletzki die Sprache verschlagen. Er verlässt wortlos und betreten die Kantine, an den Mänteln der Sanitäter vorbei, die wie eine stumme Anklage beim Eingang hängen.

Das Massaker in Orscha hat nichts mit "Heißspornen" und "örtlichen Härten" zu tun, sondern ist ein genau durchorganisierter Völkermord, der nur möglich wird, weil alle mitmachen, von den Eisenbahnern, die die Opfer in Viehwaggons nach Osten bringen bis zur Feldgendarmerie, die den Platz absichert. Und Wilms stolpert auch nicht zufällig in etwas hinein, wie im Brief der Verlobten und in der Sekundärliteratur zu lesen, sondern er nimmt zwei Stunden Urlaub, um "dem Jahrhundert ins Gesicht zu sehen". Hauptmann Rahn, der Kompanieführer, hat das schon hinter sich. Er hat beschlossen, seine Pflicht als Soldat zu tun ("ich leiste, was ich zu leisten habe") und erhält dafür das Ritterkreuz.

Im Fernsehfilm kommt Wilms auf dem Weg zum Ort des Massakers an polnischen Kindern vorbei, die nachspielen, was sie von den Deutschen gelernt haben: einer muss der Jude sein und wird von den anderen "erschossen". Sie spielen "Pogrom", meint ein Mädchen, und die Kinder erwarten dafür ein Lob, so wie die Männer vom jüdischen Ordnungsdienst in Maciejowice hoffen, dass sie selbst verschont werden, wenn sie besonders brutal zu den anderen Juden sind und so, wie sich die hungernden Polen eine Extra-Ration aus der Gulaschkanone verdienen wollen, indem sie den jüdischen Jungen vertreiben. So etwas später zu verwenden, um die eigene Schuld zu relativieren, sagen Scholz und Umgelter, ist infam.

Bei Umgelter ist das Massaker fast noch quälender als im Roman, weil sich der Regisseur Zeit lässt, viel Zeit. Heute würde man die Bilder mit irgendeiner Musiksauce übergießen. Hier hört man nur den Wind, die Maschinenpistolen und das Knirschen der Schuhe im Schnee, als die Opfer wie Schlachtvieh zu der Grube geführt werden, die man für sie ausgehoben hat. Alles läuft schrecklich ordentlich ab (Wilms im Tagebuch: "Deutsche Polizisten führten die Aufsicht in alten grünen Uniformen. Ich stand oben am Grabenrand, sah das, sah das und glaubte es nicht."). Um anzudeuten, dass die Juden beim Erschießen nackt sind, als finale Demütigung (im Fernsehen, das auch angesichts des Holocaust auf Anstand und Sitte achtete, hätte man das 1960 nicht zeigen können), müssen sie die Schuhe ausziehen, die auf einen großen Haufen geworfen werden.

Die Menschen in der langen Schlange wirken wie betäubt, die Täter wie Roboter. Ein SS-Mann hat es sich bequem gemacht, sitzt mit baumelnden Beinen da und bedeutet mit eiskaltem Lächeln, welche Position die Opfer einnehmen sollen, als wäre er der Regisseur des Todes. Worte braucht er nicht. Er raucht eine Zigarette, und wenn er die Asche wegschnippt, ist es das Signal zum Schießen. Als Henker hat man lettische Hilfstruppen rekrutiert. Sie tragen weiße Armbinden, und Umgelter sorgt dafür, dass der Fernsehzuschauer erkennen kann, was auf ihnen steht: "Im Dienste der deutschen Wehrmacht". Darum hat er vorher die Binden mit dem Roten Kreuz an den Mänteln der Sanitäter gezeigt: um visuell zu verknüpfen, was im Nachkriegsdeutschland fein säuberlich getrennt wurde. In der Maschinerie des Massenmords greift ein Rädchen in das andere, gibt es keine klare Trennung zwischen SS und Wehrmacht.

Im Roman gibt es eine Nebenhandlung mit einer jungen Russin. Sie und andere Partisanen werden von einer Jägerdivision auf LKW in einen Wald gefahren, um dort liquidiert zu werden. Statt sich von einem Deutschen retten zu lassen, geht die Russin lieber mit ihren Leidensgenossen in den Tod. Umgelter verdichtet das, macht aus der Partisanin die Schwester des jüdischen Jungen, dem Wilms zu essen gibt. Beide Geschwister befinden sich in der zur Grube geführten Menschenmenge. Die junge Frau schenkt Wilms ihr Passbild, zur Erinnerung an sie als Individuum. Das ist ihr Sieg über die Mörder, die wollen, dass nichts als ein anonymes Paar Schuhe von ihr bleibt.

Im Film schaut der SS-Mann dem Jungen und seiner Schwester ins Gesicht, dann schnippt er wieder die Asche weg (das ist auch deshalb ein so starkes Bild, weil es die Verbrennungsöfen der Vernichtungslager vorwegnimmt; vorher hat man schon Schornsteine und Stacheldraht gesehen, und Wilms dazwischen). Im Roman wird ein kleines Mädchen ohnmächtig, was den Ablauf stört:

Die Schützen sind auf ohnmächtige Delinquenten nicht vorbereitet. Ungenügende Einweisung in den Dienst des Schützen. Da sinkt ein Schleier, zart gemustert, von einzelnen, blassen Schneeflocken, und abermals ein Schleier, dichter gestirnt, über die kleine Ohnmacht, als flüstere irgendwo jenseits der Grenzen des stummstockenden Himmels sich das Wörtlein: Gnade. Es schneit. Einer der Schützen beugt sich über das Kind. Die Kleine wird noch während ihrer Ohnmacht erschossen. Das ist die Gnade.

Wilms, der schon bei einer früheren Gelegenheit festgestellt hat, dass ihm die Courage fehlt, um Widerstand zu leisten, läuft durch den Schnee davon: "Er rennt, er rennt, der feige Herr aus Deutschland …". 1800 Menschen werden umgebracht. Wer trotz geschickten Stapelns nicht mehr in die Grube passt, wird in zufällig dort herumliegende Betonröhren gestopft, damit alles seine Ordnung hat. Später, als wachhabender Unteroffizier (wer wegschaut, wird befördert), erstattet Wilms dem Hauptmann Bericht: "Auf Wache nichts Neues!" Im Fernsehfilm zeigt vorher noch ein Kameraschwenk die Männer aus Wilms’ Zug. Sie alle blicken schweigend in die Richtung, aus der die Salven der Maschinenpistolen zu hören sind, und jeder weiß genau, was da passiert.

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