Heilige Einfalt

14.06.2011

Der Dokumentarfilm "Noise & Resistance" zeigt den religiösen Charakter vermeintlicher Politsekten

Norman Cohn war Historiker und der Vater von Nik Cohn, der die Vorlage zu Saturday Night Fever schrieb. Cohn seniors mit Abstand wichtigstes Werk, The Pursuit of the Millennium - Revolutionary Millenarians and Mystical Anarchists of the Middle Ages, beschreibt religiöse Sekten im dunklen Zeitalter. Solche Gruppen fielen unter anderem durch besondere Fastenbräuche und rituelle Selbstgeißelungen auf, oder dass sie sich einer besonders formelhaften Sprache bedienten und in härene Gewänder kleideten.

Durch ihre Verzichtsideologien fühlten sie sich religiös besonders korrekt und wollten ihre Glaubensvorstellungen der Welt um sie herum teilweise durch Missionierung, teilweise aber auch mit Gewalt aufdrängen. An diese Flagellanten, Wiedertäufer und Bettelmönche fühlt sich der Zuschauer in einem Dokumentarfilm von Julia Ostertag und Francesca Araiza Andrade, der am Donnerstag in die Kinos kommt, unwillkürlich erinnert - auch wenn Noise & Resistance im 21. Jahrhundert spielt und Punk-Gruppen aus Deutschland, England, Holland, Norwegen, Schweden, Russland und Katalonien zeigt.

Alle Bilder: Neue Visionen

Das ist unter anderem deshalb der Fall, weil im Film überdeutlich wird, dass die Protagonisten (entgegen ihrer eigenen Wahrnehmung) nicht politischen, sondern protoreligiösen Vorstellungen anhängen. Auch die uninteressante Gleichförmigkeit des Soundtracks betont, dass es um Glauben geht. Die Texte sind durchwegs einfältige, platte Kirchentagsslogans, durchmischt mit soziologischen Phrasen und sinnfrei wie Gebete. Erfunden wurde dieses Musikgenre in den 1970er Jahren vom britischen "Kollektiv" Crass, aus dem zwei heute auf einem Landgut lebende Mitglieder im Film ausführlich zur Sprache kommen. Es ist meist eine rhetorische Übertreibung, wenn jemand sagt, dass sich von einer Band alle Stücke gleich anhören - aber im Fall von Crass stimmt es. Crass-Platten klangen bereits zu ihrer Entstehungszeit so unbeschreiblich langweilig, dass als praktisch einziges Kaufmotiv ein religiöser Wille nach ethischer Korrektheit in Frage kam.

An den Mitgliedern von Rubella Ballet, einer anderen im Film porträtierten Band aus den 1970er Jahren, wird gut sichtbar, dass die Dresscodes der Neo-Bettelmönche um so entwürdigender wirken, je älter ihre Träger werden. Clara Drechslers zu Anfang der 1980er Jahre geäußerter Satz, dass Punks hässlich und die Ramones noch hässlicher seien, gilt so wohl nicht mehr: Die meisten Mitwirkenden in Noise & Resistance stellen die New Yorker bei weitem in den Schatten und wirken teilweise wie dem RTL-Nachmittagsprogramm entnommen. Eine jüngere modische Innovation scheint eine Art großer Knopf im Ohr zu sein, dessen Träger aussehen wie zerschlissene Steiff-Indianer im Reservat, die Touristen selbst gemachten Tand verkaufen. Und wenn man im Film Lesben sieht, die sich zurichten wie Kartoffeln, dann passte der 1977 von X-Ray Spex geprägte Slogan "I am a Cliché" so ironiefrei wie nie vorher.

Dass die Initialzündung, auf die sich die Geißler des 21. Jahrhunderts berufen, durchaus weniger einheitlich einfältig war, illustrieren unter anderem Jürgen Teipels Buch Verschwende deine Jugend oder der 1980 entstandene Film New Wave Hit Explosion von Thomas Kistner und Alexander Weil. Der Unterschied zwischen deren Dokumentation und Noise & Resistance könnte kaum größer sein: Während Bands wie der Kriminalitätsförderungsclub, der Plan und die Deutsch Amerikanische Freundschaft mit Tabus spielten und textlich wie optisch mit Ironie arbeiteten, da herrscht bei PolitZek, Seein Red oder Sju Svåra År ein verbissener Ernst und eine geradezu inquisitorische Angst vor Mehrdeutigkeit oder Abweichung vom Abweichenden.

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