Gesellschaft und Wirtschaft werden sich verändern

23.06.2011

Der kubanische Schriftsteller Leonardo Padura über Leo Trotski, das sowjetische System und die "Aktualisierung des kubanischen Wirtschaftsmodells"

Der kubanische Schriftsteller Leonardo Padura Fuentes (Havanna, 1955) wurde vor allem für seine Polizeiromane bekannt. Seit diesem Jahr hat Padura die spanische Staatsangehörigkeit. Er lebt dennoch weiter in Havanna. Padura war unlängst in Deutschland zu Gast, wo er sein neues Buch "Der Mann, der Hunde liebte" vorstellte. Der Roman handelt von dem sowjetischen Revolutionär Leon Trotski, seinem Mörder Ramón Mercander und der aktuellen Lage in Kuba.

Herr Padura, haben Sie schon einmal ein Interview gegeben, in dem es nicht schon in der ersten Frage um die politische Realität in Kuba ging?

Leonardo Padura: Ja, das ist mir tatsächlich schon einmal passiert. Es kommt allerdings nicht sehr häufig vor.

Bedeutet das eine Dominanz der Politik über die Kultur Ihres Landes?

Leonardo Padura: Kuba ist aus ganz unterschiedlichen Gründen attraktiv. In manchen Fällen fühlen sich die Menschen aus Neugier zu diesem Land hingezogen, in anderen Fällen ist es das Unwissen. Manchmal zieht sie der morbide Charme an, in anderen Fällen motiviert sie die politische Solidarität. Aus irgendwelchen Gründen übt dieses Land eine Faszination aus: wegen seiner Geschichte, der schwierigen Beziehungen zu den USA, wegen den politischen Veränderungen der letzten Jahre und denen, die noch kommen sollten. Aufgrund all dieser Gründe kommt man in Interviews nicht um die Politik herum, die Wirtschaft oder Fragen zum täglichen Leben.

Würden Sie als Schriftsteller sagen, dass das ein Problem ist?

Leonardo Padura: Ja, ich denke schon. Ich glaube, es gibt Schriftsteller, von denen die Politik als Lebensform gewählt wurde. Innerhalb und außerhalb von Kuba. Ich meine damit nicht nur diejenigen, die Kuba verlassen haben, sondern auch diejenigen, die im Land leben. Die einen sind gegen das System, die anderen dafür. Aber beide Gruppen haben die Politik zum Mittelpunkt ihrer Literatur gemacht.

Aber Ihre Bücher handeln doch auch von Politik!

Leonardo Padura: Ich habe immer versucht, die Politik als eine Art Kontext zu nutzen, während ich mich mit der sozialen Realität der Gesellschaft auseinandersetze. In meinem letzten Roman, der in Deutschland erschienen ist ("Der Mann, der Hunde liebte"), war es schlichtweg nicht möglich, die Politik außen vor zu lassen, denn der Protagonist dieses Buches, Leon Trotski, war nicht nur Politiker. Er war ein Mann, der Politik atmete, ausschwitzte und ausschied. Die Entscheidung, ihn zu ermorden, war eine politische Entscheidung. Und während seines Lebens, ebenso wie während des Lebens seines Mörders Ramón Mercader, ereignen sich epochale politische Ereignisse: der Aufstieg des Faschismus in Deutschland, der Spanische Bürgerkrieg, der Zweite Weltkrieg.

In Kuba wurden die Konsequenzen des stalinistischen Modells erlitten

"Der Mann, der Hunde liebte" handelt aber nicht nur von Trotski oder dem Stalinismus, sondern auch von der kubanischen Gegenwart. Welche Verbindung haben diese Erzählstränge und Themen?

Leonardo Padura: Die Verbindung ist unmittelbar: Auch Kuba ist ein sozialistisches Land und es bleibt weiter sozialistisch. Es ist zugleich ein Land, in dem wir die Konsequenzen des stalinistischen Modells erlitten haben. Auch wenn es in Kuba nie solche Exzesse gegeben hat wie in der Sowjetunion.

Sie meinen etwa die Moskauer Prozesse ...

Leonardo Padura: ... oder den Gulag mit hunderttausenden Gefangenen. Bei uns gab es eher Parallelen im ökonomischen Bereich, denn die kubanische Wirtschaft war lange Jahre eine Kopie des sowjetischen Planungsmodells. Auch in der Gesellschaft haben diese sowjetischen Strukturen Niederschlag gefunden und sie finden sich mitunter bis heute. Deswegen ist die politische, historische und ideologische Verbindung sehr direkt.

Aber weist die Publikation eines Buches über Trotski und den Stalinismus nicht darauf hin, dass es in Kuba ideologische Freiheit gibt?

Leonardo Padura: Ja, es gibt eine offene Debatte. Ich hätte mir zum Beispiel nicht vorstellen können, dieses Buch in den 1970er Jahren zu veröffentlichen, in der Zeit des Quinquenio Gris, des graue Jahrfünfts, einer Phase restriktiver Kulturpolitik. Ich hätte mir auch nicht vorstellen können, dieses Buch im Kuba der 1980er Jahre zu schreiben. Damals änderten sich die Dinge zwar, aber es hätte nicht genug Information gegeben. Und auch in den 1990er Jahren hätte ich mir die Arbeit an diesem Buch nicht vorstellen können, weil Kuba sich inmitten einer politischen Neubewertung der Sowjetunion und des Spanischen Bürgerkriegs befand.

Also fing ich an, dieses Buch zu schreiben, als es mir endlich möglich war. Nicht nur, weil die Offenheit zur historischen Reflexion bestand, sondern auch, weil ich literarisch dazu bereit war. Im Jahr 2001 habe ich übrigens schon eine Novelle mit dem Titel "Der Roman meines Lebens" geschrieben, in dem ich die Geschichte als zentrales Element der Erzählung benutze. In diesem Buch streife ich mit den drei Hauptfiguren durch 200 Jahre kubanischer Geschichte. Diese Arbeit damals war wichtig, um die historische Recherche in den Dienst der Literatur stellen zu können. Ich glaube übrigens nach wie vor, dass das damalige Buch das beste ist, das ich je geschrieben habe.

Findet die politische Debatte in Kuba auch anhand einer Revision der Geschichte statt?

Leonardo Padura: Ganz ohne Zweifel und ich gebe Ihnen ein Beispiel dafür. Ein wichtiges Ereignis in diesem Diskussionsprozess fand 2007 statt. Ende 2006 waren im kubanischen Fernsehen einige der Akteure erschienen, die für die Repression gegen Kulturschaffende im Grauen Jahrfünft der 1970er Jahre verantwortlich waren. Die Reaktion der Intellektuellen in Kuba war heftig und es begann der sogenannte Kleine Krieg der Emails. Es kursierten auf einmal unzählige Emails, in denen über das Wirken dieser Funktionäre debattiert wurde. Es ging darum, wer diese Personen waren, was in jenen Jahren geschehen ist, und man fragte sich, weshalb sie nun auf einmal auf die öffentliche Bühne zurückkehren. Es war ein sehr deutliches Anzeichen dafür, dass die Zeiten sich geändert haben und dass eine Debatte nicht mehr zu vermeiden ist.

Trotzdem hat jede Gesellschaft Tabus. Was ist Kubas Tabu?

Leonardo Padura: In Kuba gibt es zweifelsohne viele Dinge, die diskutiert werden müssen. Ich glaube aber nicht, dass es ein bestimmtes Tabu gibt. Aber es muss noch viele Debatten geben, viele Klarstellungen.

Während der letzten Internationalen Buchmesse in Havanna gab es fast einen Skandal um Ihr Trotski-Buch, weil die Nachfrage der Leserschaft groß und die Auflage zu klein war. Vor allem in ausländischen Blogs wurde später über angebliche politische Hintergründe spekuliert. Was war geschehen?

Leonardo Padura: Die Auflage lag bei viertausend Exemplaren. Soviel Papier stand für die Produktion des Buches in Kuba zur Verfügung. Es war also ein materieller Grund: Aber viertausend Exemplare sind für ein lesefreudiges Land wie Kuba natürlich ungenügend. Trotzdem war es für mich sehr befriedigend zu sehen, wie hoch das Bedürfnis der Menschen nach einem Buch war, von dem sie ja wussten, dass es keine leichte Lektüre bietet, sondern das zum Nachdenken anregt.

Kuba ist an einem Punkt angekommen, an dem es einen Wandel geben muss

Wenn wir über die materiellen Probleme reden: Die Regierung in Havanna weist immer wieder auf die Wirtschaftsblockade der USA hin. In welchem Maße betrifft diese Politik Washingtons den Kulturbetrieb Ihres Landes?

Leonardo Padura: Die US-Blockade ist real. Sie betrifft die Möglichkeit Kubas, mit den USA Handel zu betreiben, sie erschwert Kubas Zugang zu internationalen Krediten und die internationalen Bankgeschäfte. Sie hat eine ganze Reihe negativer Effekte. Die US-Blockade reicht soweit, dass sie Dritte betrifft, die, wenn sie mit Kuba Geschäfte betreiben, Gefahr laufen, den US-Markt zu verlieren.

Zugleich hat Raúl Castro etwas gesagt, was wir alle wissen: Die Blockade der USA wurde zu oft benutzt, um unsere eigene Ineffizienz zu verschleiern. Der Umstand, dass es nicht genügend Tomaten in Kuba gibt, ist keine direkte Folge der Blockadepolitik. Es ist eine direkte Folge der mangelhaften Bestellung des Ackerlandes und der Desorganisation in der Agrarwirtschaft. Es gibt in diesem Zusammenhang viele Probleme in Kuba, die nichts mit der US-Blockade zu tun haben.

Gerade deswegen wurden auf dem jüngsten Parteitag der Kommunistischen Partei Reformmaßnahmen debattiert. In Kuba ist von der "Aktualisierung des Wirtschaftsmodells" die Rede. Welche Auswirkungen sehen Sie?

Leonardo Padura: Kuba ist zuletzt an einem Punkt angekommen, an dem es einen Wandel geben musste. Es war nicht mehr möglich, die Wirtschaft nach politischen Kriterien zu führen und Aspekte wie den der betriebswirtschaftlichen Effizienz zu ignorieren. Ich glaube, dass der aktuelle Prozess viel damit zu tun hat: Die Wirtschaft soll wirtschaftlich geführt werden. Es ist ein Prozess, der gerade begonnen hat. Aber eine Tür wurde aufgestoßen und sie lässt sich nur schwer wieder verschließen.

In den nächsten Jahren sollen rund 1,3 Millionen Menschen entlassen werden, die derzeit für Regierung oder Staat arbeiten. Ich möchte nicht sagen, dass die staatlichen Gehälter großzügig sind oder alle materiellen Probleme lösen. Aber der Staat kann eben nicht mehr Ressourcen ausgeben, als er zur Verfügung hat. Wegen dieser Entwicklung gehe ich davon aus, dass die bevorstehenden Veränderungen die Struktur der Gesellschaft bewegen werden. Sie werden von unten an das wirtschaftliche Gefüge Kubas berühren und sie werden, nach und nach, die Organisation von Wirtschaft und Gesellschaft verändern.

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