Schneller lernen für eine bessere Ausbildung?

22.06.2011

Die Ausbildungszeiten sollen sich verkürzen, damit der Fachkräftemangel ausgeglichen werden kann

Es gibt Dinge, die erscheinen auch auf den zweiten Blick nicht wirklich einleuchtend. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi) war, gerade unter der Führung Rainer Brüderles, immer wieder gut für erstaunliche Verbesserungsvorschläge. Doch auch unter dem neuen Minister Philipp Rösler scheint das Ministerium tiefere Einblicke in Zusammenhänge zu haben, die einem durchschnittlichen Beobachter verschlossen bleiben. So fordert das Ministerium eine Verkürzung der Ausbildungszeiten bei bestimmten Ausbildungsberufen – um damit dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Die Frage, wie aus einer verkürzten Ausbildung die nötigen Fachkräfte hervorgehen sollen, beantwortet das Ministerium dagegen nicht.

Die Universitäten haben es bereits vor gemacht. Seit der Reform der Studienabschlüsse versuchen die neuen Bachelor-Absolventen auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Auch in der Finanzbranche. Dort versuchen die Bachelor eine der begehrten Position zu ergattern. Allerdings stellt sich bei den Banken die erste Ernüchterung über die neuen Abschlüsse ein.

Jens Thiele, HR-Business Partner der Hamburger Sparkasse (Haspa), sieht die neuen Absolventen zwar als hoch motivierte Bewerber, gleichzeitig muss er jedoch feststellen, dass die Praxis in der Ausbildung zu kurz kommt. "Im Verhältnis zu den alten Studienabschlüssen ist der Praxisanteil gleich geblieben", sagte er Telepolis. Obwohl in allen Studiengängen Praktika verpflichtend eingeführt worden seien, sei "die Dauer für diese Studieninhalte viel zu kurz bemessen".

Auf der anderen Seite fehlt den Bachelor-Absolventen nun jedoch auch die wissenschaftliche Methodik, da diese in einem dreijährigen Studium nicht ausreichend vermittelt werden kann. Die Einstellung von jungen Studierenden stellt viele Unternehmen daher vor eine Herausforderung. Hatten frühere Absolventen nur ein Defizit in der Praxis, fehlt ihnen nun noch zusätzlich die wissenschaftliche Methodik. Bachelor-Absolventen haben Defizite in beiden Bereichen.

Auch in der beruflichen Ausbildung soll dieses neue Prinzip nun umgesetzt werden. Schnellere Ausbildung, damit die Jugendlichen durch ihre Ausbildung weniger Kosten verursachen und schneller ihr eigenes Geld verdienen können.

In einem Brief an Fachverbände, Gewerkschaften und Handwerkskammern kündigt das BMWi die Streichung des letzten Ausbildungshalbjahres an. Bei der Zulassung neuer Berufe oder bei einer Überarbeitung bereits bestehender Ausbildungsberufe soll die Ausbildungszeit auf 3 Jahre herunter gefahren werden und nur noch in Ausnahmefällen dreieinhalb Jahre betragen.

Für Klaus Heimann, Bildungsexperte für die IG-Metall (IGM), ist dieser Vorstoß des Ministers unsozial: "Insbesondere, wenn man Hauptschülern eine Chance geben möchte, darf die Ausbildung nicht verkürzt werden." Die IGM lehne die Vorschläge des Ministeriums grundsätzlich ab. Wer gute Fachkräfte in den Betrieben wolle, müsse diese auch entsprechend ausbilden.

Bologna-Prozess als Vorbild

Der Einwand sollte eigentlich auch auf Seiten der Unternehmer auf Zustimmung stoßen. Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall (GM) kann der Sache jedoch durchaus auch Positives abgewinnen. Sven-Uwe Räß, Referatsleiter Berufsbildung bei GM, erklärte gegenüber Telepolis: "Wir sind grundsätzlich bei neuen Berufen für eine maximal dreijährige Ausbildung." Es gäbe sicherlich, insbesondere im Bereich der konstruierenden Berufe, den einen oder anderen Fall, der eine dreieinhalbjährige Ausbildungszeit erforderlich mache.

Grundsätzlich müsse jedoch die Ausbildung den demografischen Gegebenheiten angepasst werden. Offensichtlich sollen sich die Jugendlichen in der Zukunft ein bisschen beeilen. Immerhin müssen sie die immer breiter klaffende Lücke bei den Fachkräften schließen.

Dass die demografischen Gegebenheiten allerdings nicht der einzige Grund für diese Forderung der Arbeitgeber ist, sondern auch die durch den Bologna-Prozess in den Universitäten bereits umgesetzte neue Vorstellung über die Ausbildung, zeigt sich im Laufe des Gespräches.

Ein Bachelor studiert schneller, als ein AZUBI seine Ausbildung abschließt.

Bachelor-Studenten sind schlichtweg schneller. Auch wenn die Ergebnisse dieser Hochgeschwindigkeits-Ausbildung immer deutlicher zu Tage treten, können die Auszubildenden der Unternehmen nicht einfach so weiter machen wie bisher. Denn durch die neuen Universitätsabschlüsse gibt es Schwierigkeiten, die richtigen Jugendlichen von der richtigen Ausbildung zu überzeugen.

Da die Universitätsabsolventen in ihrer Ausbildung deutlich nach unten degradiert wurden, müssen nun die Ausbildungsberufe folgen. Ein niederschwelliges Angebot sei notwendig, so die Arbeitgeber, damit schwächere Jugendliche eine Ausbildung schafften und dann in den Betrieben praktische Erfahrungen sammeln könnten.

Schwächere Jugendliche sollen schneller ausgebildet werden, damit sie eher in die Berufspraxis kommen und dort weiter lernen können.

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