Sind Stadtbewohner stressempfindlicher?

24.06.2011

Eine Studie hat herausgefunden, dass die Gehirne von Menschen, die in Städten leben oder in ihnen aufgewachsen sind, anders auf Stress reagieren und sie womöglich anfälliger für psychische Störungen machen

Epidemiologische Untersuchungen haben gezeigt, dass das Leben in den Städten das Risiko zu erhöhen scheint, an psychischen Leiden zu erkranken. So ist nach einer groß angelegten Studie vor allem die Wahrscheinlichkeit höher, nicht affektive Psychosen wie Schizophrenie zu entwickeln (Ist Schizophrenie ein städtisches Phänomen?). Natürlich handelt es sich hier nur um statistische Korrelationen, nicht um eine Kausalität. Und selbst wenn es einen kausalen Zusammenhang geben sollte, ist völlig unklar, welche Eigenschaft des urbanen Lebens dafür verantwortlich sein könnte. Man vermutet auch, dass Angststörungen und Depressionen in Städten häufiger vorkommen. Macht Stadtleben also manche Menschen psychisch krank?

Deutsche und kanadische Wissenschaftler haben nun einen weiteren möglichen Einfluss des Lebens in einer Stadt auf den Menschen, genauer gesagt: auf das Gehirn des Menschen herausgefunden. Mithilfe von funktioneller Magnetresonanztomografie stellte sich heraus, dass in den Gehirnen von Menschen, die in der Stadt aufgewachsen sind, die Aktivität im vorderen Gyrus cinguli erhöht ist, während bei denjenigen, die in einer Stadt leben, die Amygdala eine erhöhte Aktivität zeigt. In beiden Fällen ist der Zusammenhang linear, also je länger die Menschen in einer Stadt aufgewachsen sind bzw. in ihr gelebt haben, desto höher war die festgestellte Aktivität. Urbanes Leben, so die These, übt einen chronischen sozialen Stress aus, der zu einem erhöhten Risiko für die Stadtbewohner führen könnte, psychische Störungen zu entwickeln.

Für ihre Studie, die in der Zeitschrift Nature erschienen ist, haben die Wissenschaftler zwischen Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern, Kleinstädten mit mehr als 10.000 Einwohnern und dem ländlichen Lebensraum unterschieden und drei Tests mit jeweils mehr als 30 gesunden deutschen Versuchspersonen durchgeführt. In den beiden ersten Tests mussten die Versuchspersonen kognitive Aufgaben unter Stress lösen. Im dritten Test konnten kognitive Aufgaben ohne Stress ausgeführt werden. Die Versuchspersonen, deren Hirnaktivität während der Tests mit dem fMRT gemessen wurde, sollen sich nicht durch ihren Gesundheitszustand, ihre Persönlichkeitsstrukturen, ihren sozialen Rückhalt oder ihre depressiven Stimmungen unterschieden haben.

Bei den Stresstests zeigte sich, dass die Aktivität in der Amygdala bei den Stadtbewohnern am höchsten war, bei den Kleinstadtbewohnern in der Mitte lag und bei auf dem Land Lebenden am niedrigsten war. Weil zwei verschiedene Stresstests mit denselben Ergebnissen durchgeführt wurden, gehen die Wissenschaftler davon aus, dass die Unterschiede nicht auf die Aufgaben zurückzuführen sind, sondern, wie der dritte Test zeigte, das Stadtleben sich auf die Reaktion auf Stress auswirkt. Im dritten Test, in dem Aufgaben ohne Stress gelöst wurden, ließen sich zwischen Stadt- und Landbewohnern keine Unterschiede erkennen.

Wer auf dem Land aufgewachsen ist, hatte hingegen die geringste Aktivität im vorderen Gyrus cinguli (perigneual anterior cingulate cortex - pACC). Schrittweise erhöhte sich die Aktivität wieder bei denjenigen, die in Kleinstädten aufgewachsen sind, und war bei denen am höchsten, die bis zu ihrem 15. Lebensjahr immer in Städten gelebt hatten. Zudem ist bei denjenigen, die in Städten aufgewachsen sind, pACC schwächer mit der Amygdala verbunden als bei den anderen Personengruppen.

Unterschiede im Hinblick auf das Stadtleben zeigten sich nur in diesen beiden Hirnarealen. Gemessen wurde auch das Stresshormon Cortisol, hier wurden aber zwischen Land- und Stadtbewohnern keine Unterschiede gefunden. Die Amygdala ist u.a. an bei der Entstehung von Angst und der emotionalen Bewertung von Bedrohungen beteiligt und soll eine wichtige Rolle bei Depressionen, Angststörungen und anderen Verhaltensweisen, die bei Stadtbewohnern stärker ausgeprägt sind, spielen. Ein wichtiger Bestandteil für das limbische Stressverarbeitungssystem ist pACC. Das Areal wird mit der Verarbeitung von chronischem sozialem Stress in Verbindung gebracht. Bei Schizophrenen, aber nicht bei genetisch dafür disponierten, wurden Abnormalitäten während der Verarbeitung von emotionalen negativen Reizen bei der Verbindung von Amygdala und pACC beobachtet, weswegen man einen Zusammenhang mit der Umwelt annimmt.

Interessant ist jedenfalls, wenn an den Zusammenhängen zwischen dem Leben in der Stadt und neuronalen Folgen etwas dran ist, dass das urbane Leben in Form von Stress sich auf die Gehirne von Kindern anders auswirkt als auf die von Erwachsenen, auch wenn die betroffenen Areale eng zusammenhängen. Durch welche Form von chronischem Stress in urbanen Umwelten die Menschen belastet werden, geht aus der Studie nicht hervor. Die Wissenschaftler vermuten, dass beispielsweise ausgeprägtere Ungleichheiten zwischen den Menschen oder instabile hierarchische Positionen eine Rolle spielen könnten.

Ob die Ergebnisse der Studie dadurch beeinträchtigt sind, dass es sich vorwiegend um Studenten handelte und dass diese in Deutschland, wie die Wissenschaftler bemerken, relativ sicher und wohlhabend aufwuchsen, ist ebenfalls unklar. Einen direkten Zusammenhang der beobachteten höheren emotionalen Stressreaktion mit der Psychopathologie, also einem erhöhten Risiko für psychische Störungen, konnte schon durch die Anlage der Studie nicht festgestellt werden, er bleibt eine Hypothese. Dennoch ist die Fragestellung interessant, wenn sie erweitert würde, welche anderen positiven und negativen psychischen Folgen das Stadtleben hat und vor allem, durch welche Faktoren diese bedingt sind. Man könnte sich schließlich auch überlegen, solche Untersuchungen in die Stadtplanung einzubeziehen.

Die Nervosität der Stadtlebens

Städte sind mit ihren verdichteten Räumen und heterogenen Menschenmassen immer schon Brutreaktoren für kulturelle Dynamik und für eine Beschleunigung des Lebens gewesen. In ihnen entstand und entsteht das Neue in immer schnellerer Taktfolge und sie gewährten nicht nur für viele einen höheren Wohlstand, sondern auch eine größere Freiheit. Als Maschinen zur Fabrikation der Innovation haben sie natürlich immer auch Negatives entstehen lassen, weswegen in den ländlichen Kulturen Städte gerne auch als Orte gesehen wurden, in denen das Böse und Amoralische gedeiht.

Jetzt allerdings lebt bereits mehr als die Hälfte der Menschen in Städten, die zu Megacities und riesigen urbanen Korridoren werden. Dadurch werden die urbanen Lebensweisen nicht nur globalisiert, sondern auch verallgemeinert. Die Wucht der Urbanisierung wurde im 19. Jahrhundert als Folge der Industrialisierung und der mit der Explosion der Städte verbundenen technischen Umgestaltung des Lebens durch Maschinen, Elektrizität, Medien und motorisierten Fahrzeugen überdeutlich.

Der in der schnell wachsenden Metropole Berlin aufgewachsene und lebende Soziologe Georg Simmel hatte in seinem Klassiker "Die Großstädte und das Geistesleben" (1903) vor allem die "Nervosität" herausgehoben, die durch das beschleunigte und komplexer werdende Leben mit ihrer Reitüberflutung in den Städten verursachte werde. Der Topos dieser Kulturkritik ist freilich ebenso alt wie weiterhin gebräuchlich, auch bei den medialen "Informationsfluten" sprich man von einer Überforderung der Aufmerksamkeit und der Ausbildung einer schnellen, oberflächlichen Flüchtigkeit, die möglicherweise krank mache und die Menschen entfremde. Die Ergebnisse der Stress-Studie scheinen in diese Richtung zu gehen.

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