"Der geografischen Fantasie sind keine Grenzen gesetzt"

28.06.2011

Die Politologin Alexandra Kurth über den nächsten Rechtsruck in der Deutschen Burschenschaft

Seit vielen Jahren propagiert die Deutsche Burschenschaft, ebenso wie viele ihrer Mitgliedsverbände, ein reaktionäres Weltbild. Regelmäßig liegt die Betonung auf dem letzten Teil des Wahlspruchs "Ehre – Freiheit – Vaterland". Zum Kreis der Burschenschafter gehören zahlreiche Vertreter der rechtspopulistischen bis rechtsextremen Szene.

Vor dem diesjährigen Burschentag in Eisenach sorgte die Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn für einen neuen Eklat. Sie forderte auf der Basis eines Rechtsgutachtens, dass nur Söhne deutschstämmiger Eltern in die Verbände aufgenommen und die Verbindung Hansea Mannheim ausgeschlossen werden sollte, weil deren Mitstreiter Kai Ming Au chinesische Eltern habe. Er sei als Angehöriger einer "außereuropäischen populationsgenetischen Gruppierung" nicht Teil der deutschen "geschichtlichen Schicksalsgemeinschaft".

Die Anträge, die schnell als "Ariernachweis" durch die Medien geisterten, wurden noch vor der Entscheidung zurückgezogen. Drängende Fragen nach der politischen Ausrichtung der Burschenschaften sind damit allerdings noch nicht beantwortet.

Telepolis sprach mit Alexandra Kurth über die Voraussetzungen und Folgen der jüngsten Provokation. Die Politikwissenschaftlerin der Justus-Liebig-Universität Gießen hat 1997 eine Geschichte der Burschenschaften ("Blut und Paukboden", Fischer Taschenbuch Verlag) veröffentlicht. 2003 promovierte sie über das Thema "Männerbünde im Zivilisationsprozess. Studentenverbindungen zwischen Tradition und Moderne".

Die Deutsche Burschenschaft hatte schon vor dem Jahrestreffen 2011 ein veritables Imageproblem. Wer war daran interessiert, es noch weiter zu verschärfen?

Alexandra Kurth: Die burschenschaftliche Gemeinschaft, eine Art Rechtskartell innerhalb des Verbandes, das sich seit Jahrzehnten darum bemüht, solche Positionen in die öffentliche Debatte zu bringen. Das allein wird schon als Erfolg gewertet, unabhängig davon, ob entsprechende Entscheidungen durchgesetzt werden können. Es handelt sich um gezielte Tabubrüche, und wir können relativ sicher davon ausgehen, dass dies nicht der letzte war.

Eine Art "Ariernachweis" gibt es aber doch längst. Der Dachverband vertritt seit dem Burschentag 1971 in Landau den sogenannten "volkstumsbezogenen Vaterlandsbegriff".

Alexandra Kurth: Das kann man so sehen, auch wenn hier nicht das Volk, sondern der Begriff des Vaterlandes im Fokus steht. Dieser enthält aber zweifellos eine völkische Komponente. Deutschland wird in dieser Lesart nicht als Staat, sondern als Nation betrachtet, zu der nicht nur die Bundesrepublik, sondern auch Österreich und weite Teile Osteuropas gehören. Der geografischen Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt. Viele Burschenschafter streiten ganz ernsthaft und ausdauernd über mögliche Grenzverläufe der deutschen Nation.

Darum wurde auf dem jüngsten Burschentag auch die 1. Strophe des Deutschlandlieds intoniert.

Alexandra Kurth: Ja, aber auch das anlässlich der Gründungsversammlung der Jenaischen Burschenschaft 1815 vertonte Gedicht "Des Teutschen Vaterland" von Ernst Moritz Arndt ist in diesen Kreisen populär. Die Wiener akademische Burschenschaft Gothia schreibt beispielsweise auf ihrer Homepage:

Ernst Moritz Arndt beantwortete die Frage, was des deutschen Vaterlandes sei so gründlich, volksverbunden und zeitlos, daß seine Antwort noch heute Gültigkeit hat: "Ist's Baierland, ist's Steierland, ist's Österreich, ist's Pommerland? Nein ! Das ganze Deutschland soll es sein !"

Burschenschaft Gothia

Zur Nagelprobe ist es trotzdem nicht gekommen. Der Antrag der Raczeks wurde bereits am Mittwoch vergangener Woche zurückgezogen. Wie bewerten Sie diesen Vorgang?

Alexandra Kurth: Der Dachverband hat die Notbremse gezogen. Ich denke, der öffentliche Druck ist für viele zu groß geworden. Außerdem gab es ein formales Problem. Ein Antrag der Alten Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn, in dem gefordert wird, das Abstammungsprinzip explizit in der Satzung zu verankern, wurde nicht rechtzeitig (fünf Monate vor dem Burschentag) verschickt, so dass er erst 2012 verhandelt werden kann. Eine solche Satzungsänderung wäre jedoch die Voraussetzung für den Ausschluss der Mannheimer Burschenschaft Hansea gewesen.

Der Dachverband weist in einer etwas nebulösen Erklärung darauf hin, dass der Antrag nicht satzungsgemäß gewesen und "daher zwingend von der Tagesordnung gestrichen" worden wäre.

Alexandra Kurth: Das ist richtig, inhaltlich jedoch wenig erhellend, zumal die Deutsche Burschenschaft in einer Pressemitteilung auch darauf verweist, das sich das umstrittene Gutachten des Rechtsausschuss am "ius sanguinis" orientiere, das in vielen EU-Staaten, der Schweiz oder Israel Gültigkeit habe. Der entscheidende Unterschied ist jedoch, dass dies in den genannten Staaten nicht mit rassistischen Abstammungslehren verbunden ist.

Sammelbecken für die demokratische wie auch die antidemokratische politische Rechte

In den Reihen der Burschenschaften kursierten immer wieder rassistische und rechtsextreme Parolen. Der Dachverband hat nach eigenen Angaben rund 120 Mitgliedsverbände und etwa 15.000 Mitglieder. Wie viele von ihnen wären ein Fall für den Verfassungsschutz?

Alexandra Kurth: Der Hamburger Verfassungsschutz geht von einem Drittel aus.

Wie eng sind die Kontakte zur parteipolitisch organisierten rechten Szene?

Alexandra Kurth: Der Dachverband ist parteipolitisch neutral, eine Reihe von Burschenschaften organisieren aber seit vielen Jahren Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen mit rechtsextremen Referenten wie Claus Nordbruch, Horst Mahler oder Frank Rennicke.

Die Deutsche Burschenschaft ist in parteipolitischer Hinsicht ein Sammelbecken für die demokratische wie auch die antidemokratische politische Rechte: sie umfasst Mitglieder von CDU/CSU ebenso wie solche der Republikaner, der ehemaligen Schill-Partei oder des Bundes Freier Bürger, Mitglieder der NPD ebenso wie solche der mittlerweile verbotenen Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP oder der ebenfalls verbotenen Nationalistischen Front (NF) und auch der österreichischen FPÖ. Die NPD will das "intellektuelle Potenzial" von Burschenschaften nutzen, und im Januar 2010 wurde in den "Burschenschaftlichen Blättern" eine "sachliche Diskussion" mit dem Verbandsbruder Arne Schimmer von der "Dresdensia-Rugia zu Gießen" geführt, der für die NPD im Sächsischen Landtag sitzt.

Der Schriftleiter der "Burschenschaftlichen Blätter" ist in der rechten Szene auch kein Unbekannter.

Alexandra Kurth: Nein, Norbert Weidner gehörte früher zum Führungskader der 1992 verbotenen FAP. Er hat sich dann öffentlich aus der Szene zurückgezogen, verfolgt als "Schriftleiter" der Verbandszeitschrift der Deutschen Burschenschaft einen eindeutigen Kurs, den er selbst 1995 in einem taz-Interview als neurechts charakterisiert hat.

Wie der Publizist Felix Menzel, Betreiber der Internetplattform "Blaue Narzisse", von dem gleich noch die Rede sein wird. Menzel möchte nicht als "rechtsextrem", wohl aber als "als neurechts, rechts, konservativ oder rechtskonservativ" bezeichnet werden. Ist das die gängige Sprachregelung?

Alexandra Kurth: Wer als extrem gilt, wird ausgeschlossen. Die neue Rechte will aber als Teil der Gesellschaft operieren und sucht deshalb Bündnispartner. Menzel hat beispielsweise gefordert, man dürfe nicht mit dem moralischen Zeigefinder auf die NPD zeigen. Er habe viele CDU-Leute erlebt, die nach dem fünften oder sechsten Bier demonstrieren wollten, "wie rechts sie wirklich sind und dann plötzlich Goebbels-Reden fehlerfrei rezitieren, aber bei der nächsten Parteiveranstaltung Angela Merkel wieder in den Arsch kriechen. […] Im Gegensatz zu denen, die immer nur betrunken Deutschland retten und erst dann ihre radikale Ader entdecken, sind mir jene lieber, die auch öffentlich zu ihrem Wort mit ihrem Gesicht einstehen. Und gerade das macht Arne Schimmer."

Wir sehen immer nur die Spitze des Eisberges

Wie groß schätzen Sie den gesellschaftlichen Einfluss der Burschenschaften ein? Als Außenstehender möchte man meinen, die Mitgliedschaft sei eher ein Makel denn ein Türöffner.

Alexandra Kurth: Es handelt sich um einen Akademikerverband, insofern ist es folgerichtig, dass von seinen Mitgliedern nicht zuletzt wichtige gesellschaftliche Positionen besetzt werden. Allerdings hat sich in den vergangenen Jahrzehnten etwas Entscheidendes verändert. Viele Burschenschafter bekennen sich nicht mehr offen zu ihrer Mitgliedschaft, weil sie nicht mit rechtsextremen Positionen in Verbindung gebracht werden wollen und berufliche Nachteile fürchten.

Aus Gesprächen mit Mitgliedern der Neuen Deutschen Burschenschaft, deren Vaterlandsbegriff sich auf die Bundesrepublik Deutschland bezieht und die sich klar vom Rassismus distanziert hat, weiß ich, dass es bei der Debatte um die Abspaltung von der Deutschen Burschenschaft in den 1990er Jahren auch eine Rolle spielte, dass Eltern Bedenken gegenüber einer Mitgliedschaft in einer DB-Burschenschaft hatten.

Der "Ariernachweis" hat hohe Wellen geschlagen. Dabei machen Verbände wie die Raczeks aus ihrer Einstellung kein Geheimnis. Im April wurde ein Vortrag "Sarrazin und die Meinungsfreiheit" mit dem Referenten Felix Menzel angekündigt. Menzel hat sich erst im Dezember letzten Jahres nach einem Besuch der Bielefelder Burschenschaft Normannia-Nibelungen eine Strafanzeige eingehandelt.

Sehen wir da einen Ausschnitt aus dem Alltag der Reaktionäre, von dem die Öffentlichkeit kaum etwas mitbekommt?

Alexandra Kurth: Wir sehen immer nur die Spitze des Eisberges. In diese Feststellung schließe ich mich ausdrücklich ein. Obwohl ich mich seit Anfang der 1990er Jahre immer wieder intensiv mit der Deutschen Burschenschaft beschäftigt habe, war mir beispielsweise das interne Nachrichtenblatt, von dem der "Spiegel" Kopien zugespielt beekam und das die ganze Affäre ins Rollen brachte, bis dato nicht bekannt. Was nicht bekannt werden soll, erfährt die Öffentlichkeit nur in wenigen Ausnahmefällen.

… und das Interesse der Medien ist selektiv. Wenn die Burschenschaften nicht gerade mit rechten Parolen auffällig werden, nimmt kaum jemand Notiz von ihnen. Wäre es nicht an der Zeit, umfassender über Einstellungen, Grundsätze und Menschenbilder zu reden?

Alexandra Kurth: Die Burschenschaften müssen nicht jeden Tag in der Zeitung stehen, aber es wäre durchaus sinnvoll, sich intensiver mit ihnen auseinanderzusetzen. Neben der mangelnden Transparenz gibt es eine ganze Reihe weiterer problematischer Aspekte, beispielsweise den Ehrbegriff, den Korpsgeist oder das anachronistische Männerbundprinzip. Bei der Gründung im 19. Jahrhundert gab es so gut wie keine Studentinnen, doch mittlerweile sieht die Situation völlig anders aus, ohne dass die Burschenschaften irgendwelche Konsequenzen gezogen hätten.

Es gibt in der Bundesrepublik vermutlich keine andere Organisation, die die gesellschaftlichen und geschlechterpolitischen Veränderungen der letzten 200 Jahre so konsequent ignoriert hat, in der katholischen Kirche wird die Zulassung von Frauen zum Priesteramt zumindest diskutiert. Die Deutsche Burschenschaft behauptet, sie werde sich weiterhin für Demokratie einsetzen. Einen Widerspruch zum Ausschluss der Mehrheit der Studierenden qua Geschlecht sieht sie nicht.

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