Operation Chaos

Die Hacker-Rhizome Lulzsec und Anonymous und deren "Kriegserklärung"

Nach den gehäuften Hackerangriffen in den letzten Tagen und Wochen wirkt es wie ein logischer Schritt, dass die beiden Gruppen, die im Zusammenhang mit dieser Form des Hacktivismus am häufigsten genannt werden, auch verbal zum Generalangriff blasen. Ist das der Startschuss für eine ernstzunehmende Cyberguerilla oder sind das Jugendliche mit zu hohem Testosteronspiegel? Oder gar Provokateure mit klarem politischem Auftrag?

Der besagte Text gibt zur Beantwortung dieser Fragen zunächst wenig her. Regierungen aller Art und Bonzen ("fat cats") sollen Gegner und Ziele sein. Das ist sehr allgemein und daher maximal anschlussfähig. "Die da oben" mag ja keiner, und es gibt gute Gründe dafür. Aber man hätte es dann doch gern etwas genauer, und da kommt bloß der Satz:

Hauptsächliche Ziele sind Banken und andere hochrangige Einrichtungen.

Auch wenn die Wut auf "die Banken" ebenfalls verständlich ist, ist das doch ein wenig dürftig. Warum sind Banken die Hauptziele? Geht es hier um einen Angriff auf die Geldverwaltungsbürokratie des Kapitalismus? Oder wird wieder einmal der Finanzkapitalismus als Treibstofftank mit der Maschine selbst verwechselt? "Die Bonzen" werden so beschrieben:

Wie wir wissen, fahren Regierungen und ihre terroristischen "Sicherheitsexperten" weltweit damit fort, unseren Internetozean zu beherrschen und zu kontrollieren. Sie sitzen selbst fein auf ganzen Häfen voller Beute, und denken es sei akzeptabel, alle Schiffen, die ihnen über den Weg fahren, zu regulieren und zu versklaven.

Ansonsten gibt es ein wenig kryptisches Gerede, das man mit viel gutem Willen als den Ansatz einer verbalen Bündnispolitik betrachten könnte, die "Operation" bekommt einen Namen ("#AntiSec") und das war es auch schon. Ein bisschen hört sich das Ganze an, als habe Captain Jack Sparrow seine Wut auf die Flotte der Krone in eine Kriegserklärung gegossen und beabsichtige nun, mit einer Handvoll klappriger Seelenverkäufer den Kampf zum Gegner zu tragen.

Tanz auf schmalem Grat

An der Erklärung fällt nicht nur die gedankliche Unschärfe auf, sondern auch ein spezifisches Gemisch von grandioser Selbstüberschätzung und Selbstironie. Auch dieser Tanz auf dem schmalen Grat zwischen Kriegsgetrommel und Firlefanzerei ist nicht ganz neu - man erinnere sich nur an die Erklärungen von Subcommandante Marcos, an Aktionen der Kommunikationsguerilla oder an weiter zurückliegende Texte der Weathermen oder der Angry Brigade. Bezüge zu anarchistischen Ideen ("Freiheit" scheint den Hackern ein großes Anliegen zu sein) und zum Diskordianismus sind unübersehbar.

Und dem Dadaismus steht man auch nicht allzu fern, wie die jüngst bekannt gewordene Ankündigung zur bevorstehenden Selbstauflösung von Lulzsec deutlich macht. Diese Ankündigung muss man freilich nur so ernst nehmen wie jedes andere dadaistische Manifest auch: da es eine "Gruppe" mit Statuten, Mitgliedsbeitrag und Jahresversammlung nie gegeben hat, kann man sich auch auflösen, umbenennen, neugründen ganz wie's beliebt.

Das ist alles in Maßen witzig und kühn. Es kann auch kein Zweifel daran bestehen, dass sich um die beiden Gruppen und durch sie eine Art Folklore entwickelt hat - die Popularität der Masken aus V wie Vendetta, zuerst von Anonymous im Kampf gegen Scientology eingesetzt, die Lulzsec-Kritzeleien auf den gehackten Websites und ihre emblematische Wirkung im ganzen Netz - so was geschieht nur, wenn es eine Menge Leute gibt, die mit "klammheimlicher Freude" auf die Aktionen der Hacker reagieren.

Wenn man die Kriegserklärung als Willensbekundung zur Radikalisierung des Wikileaks-Ansatzes sieht, kann einem auch ein wenig flau im Magen werden. Die Kriegsklärung bezieht sich in einem Abschnitt deutlich auf das zentrale Anlegen von Wikileaks:

Oberste Priorität haben der Diebstahl und die Veröffentlichung geheimer Regierungsinformationen, E-Mail-Archive eingeschlossen.

Hilfestellung der Hacker für die "Bonzen"?

Wikileaks ist dem eigenen Verständnis nach ein Verstärker von "zugespielter" Information, und Julian Assange sowie Bradley Manning erfahren gerade, was es bedeutet, von den großen "Diensten" als ernsthafte Gegner wahrgenommen zu werden. Lulzsec/Anonymous gehen aber einen Schritt weiter, indem sie nicht warten, bis ihnen etwas zugespielt wird, sondern es selber in ihren Besitz bringen, zum Beispiel internes Material der Polizei von Arizona.

Wenn die Dienste und ihre Auftraggeber auf eine Gelegenheit gewartet haben, so richtig Gas zu geben, dann sind Lulzsec/Anonymous ihnen mit ihrem Aktionismus soeben zu Hilfe geeilt. Dann ergeben sich schon Parallelen zu den Prozessen, die Ende der Sechziger zur verfehlten Radikalisierung, Zersplitterung und letztlich zur Niederlage eines breiten emanzipatorischen Impulses in der Weltgesellschaft geführt haben.

In der Tat kommt die Hilfestellung der Hacker für die "Bonzen" und ihre Kontrollbegehrlichkeiten so pünktlich, dass man sich schon fragen kann, ob hier nicht doch bewusste oder unbewusste, weil ferngesteuerte Provokateure am Werk sind. "Widerstand" wird zu wenig geleistet, gewiss. Aber man sollte sich schon genauer anschauen, wer in wessen Namen gegen wen und zu welchen Zwecken Widerstand leistet.

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