Die Argentinisierung der Weltwirtschaft

29.06.2011

Volatilitätreduktion und Scheinstabilität

Jahrelang hat man seitens von Notenbanken und Aufsichtsbehörden nur eines getan, die möglichen Risiken des Weltfinanzsystems unter den Tisch gekehrt. Gerade Systeme, die komplex, interdependent und unvorhersehbar sind, benötigen jedoch eine Offenlegung und nicht das Verstecken von Informationen (wie Geldmengenwachstum, Derivaterisiken oder außerbilanziellen Konten), sondern vielmehr Transparenz, damit sich ein System selbst regulieren kann. Die irrsinnige Annahme von Greenspan, man könne Konjunkturzyklen durch niedrige Zinsen abschaffen, wurde von Ben Bernanke fortgesetzt, mit der Folge, dass heute wohl das größte Schuldennirwana in der Geschichte der Weltwirtschaft entstanden ist.

Die wohl größte Gefahr für das Vermögen der Kunden ist eine eskalierende Schuldenkrise mit Domino-Effekten nach argentinischem Vorbild. Da wir uns in einem Zinssystem befinden, ist eine Schuldenkrise geradezu eine logische Entwicklung. Entscheidend ist der Punkt, wann das System außer Kontrolle gerät. In einem Zinssystem steigt die Verschuldung zwangsläufig exponentiell an, wobei sich die Schere zwischen Geldvermögen und Schulden immer schneller öffnet.

Wann kommt ein neues Geldsystem?

Je größer die Verschuldung einzelner Länder wird, desto größer ist durch die weltweite Vernetzung das Risiko einer plötzlich ausbrechenden globalen Schuldenkrise. Besonders systemgefährdend ist es, dass Überschuldung nicht mehr das Problem einiger weniger Nationen ist, sondern bereits die ganze Welt (Island, Irland, Griechenland, Portugal, Japan, aber auch die USA) vom Schuldenvirus infiziert ist. In den USA müssen allein für den Schuldendienst mehr als 70 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aufgewandt werden.

Dieses Problem wird künftig noch größer, da die Schulden in den USA etwa fünfmal schneller steigen als die Wertschöpfung. Auch in Deutschland ist durch die Überalterung der Bevölkerung künftig mit einer stark ansteigenden Staatsverschuldung zu rechnen. Es wird Zeit, dass wir erkennen, dass es nicht Ereignisse sind, die komplexe Systeme außer Kontrolle geraten lassen sondern es ist das System als Ganzes, welches in Frage gestellt werden muss. Warum machen wir keine Radikalkur, anstatt das Unausweichliche zu prolongieren, und führen ein Geldsystem ein, das nicht mehr auf dem Zinseszinssystem basiert, sondern vielmehr Innovationen fördert, indem es die Hortung von Geld unter Strafe stellt?

Es steht viel auf dem Spiel

Es ist bezeichnend, dass kurz vor Ausbruch der Weltwirtschaftskrise im Jahr 2007 das Vertrauen am größten und die Volatilität in den Märkten am geringsten war. Es schien so, als hätte man eine Gans gemästet. Diese wurde durch die Mast in dem Zustand gehalten, dass es ihr gut geht und mit jeder weiteren Nahrungszufuhr fühlte sich diese sicherer, dass derjenige, der sie bewirtet, es gut mit ihr meint. Doch eines Tages wurde die Gans zur Schlachtbank geführt und die Welt brach für sie zusammen.

Gleiches geschah mit den Investoren von Lehman, als auch ihre Welt zusammenbrach, nachdem die Bank von ihren Konkurrenten abgeschlachtet wurde. Jahrelang hatten die Banker die Welt mit billigen Krediten gemästet und so die Welt in Sicherheit gewiegt. Doch solche Scheinstabilitäten können jederzeit implodieren, wenn es zu so genannten Pivotpunkten kommt. Wenn ein führendes, hoch verschuldetes Industrieland seine Kredite nicht mehr bedienen kann und deshalb die Zahlungsunfähigkeit erklärt, könnte dies zu einem Dominoeffekt und einem so genannten "Credit Crunch" führen, bei dem Gläubiger sich weigern, überhaupt Kredite, auch an solvente Schuldner, zu vergeben.

Wie viel kostet eine Systemkrise?

Nimmt man historische Vergleiche wie die Rettung des schwedischen Bankensystems Anfang der 1990er Jahre, als die Rettungsaktion sechs Prozent des Bruttosozialprodukts kostete, oder den Fall Japan, wo man von einem Wert von 20 Prozent des BSP ausgeht, so dürfte die amerikanische Variante ebenfalls 20 Prozent des Bruttosozialproduktes und mehr kosten, was einer Rettungssumme von 2.800 Milliarden US-Dollar plus x entspricht.

Rechnet man das Ganze auf die Weltwirtschaft hoch, wobei des Weltbruttosozialprodukt im Jahr 2007 in etwa 50 Billionen US-Dollar umfasste, so könnte die Weltwirtschaftskrise die weltweiten Staaten etwa zehn Billionen US-Dollar plus x kosten - eine Summe, die nur noch einen Schluss zulässt: Das Weltfinanzsystem ist nach allen Grundsätzen ordnungsgemäßer Buchführung bankrott.

Kein Wunder, dass Amerika auf die Regierungen in Japan, Deutschland und Großbritannien Druck ausübte, Bailout-Programme und Quantiative Easing durchzuführen. Mit diesem blinden Aktionismus wurde jedoch nur erreicht, dass die globale Verschuldung noch weiter anstieg und die Volatilität künstlich niedrig gehalten wurde. Aus den Systemwissenschaften weiß man jedoch, dass Systeme deren Volatilität künstlich nach unten manipuliert wird, mit der Zeit immer instabiler werden. Hinzu kommt, dass durch derartige Programme eine Privatisierung von Gewinnen und die Sozialisierung von Verlusten vorangetrieben wurde, so dass die Banker aus dem Schneider waren und die Steuerzahler die Hauptlasten des Missmanagements zu tragen hatten, was nichts anderes als eine Volksenteignung in Reinkultur darstellt. Kein Wunder, dass es weltweit durch steigende Rohstoffpreise und zunehmende Arbeitslosigkeit zu immer größeren Unruhen kommt, die auch vor dem chinesischen Reich der Mitte keinen Halt machen.

Das Schicksal selbst in die Hand nehmen

Keine der bisherigen großen Industrienation, vor allem nicht die USA, wird in der Lage sein, künftig seine Schulden je wieder zurückzubezahlen, zumindest nicht ohne eine Abwertung der eigenen Währung oder der Einführung einer neuen Währung. Entscheidend für den Anleger ist, dass bei Crash-Szenarien von Währungen, sei es der US-Dollar oder der Euro, das persönliche Vermögen der Anleger auf dem Spiel steht.

Es ist schon bemerkenswert, dass Bankmanager noch nie vor Volatilitätskrisen gewarnt haben, bevor sie ausbrachen. Finanzkrisen bekommen sehr schnell eine derartige Eigendynamik, dass vielen Anlegern keine Zeit bleiben wird, ihr Vermögen zu retten. Staatsanleihen und Lebensversicherungen sind im Falle einer Schuldenkrise eine katastrophale Anlage für viele Kunden. Bei einem Konkurs dieser Anlageklassen ist das langfristige Anlagekapital der Anleger bedroht. Der entscheidende Schritt zu exzellenten Anlagen besteht deshalb darin, selbst die Verantwortung für sein Eigentum zu übernehmen, da auf die meisten Experten ebenso wenig Verlass ist wie auf die Aussagen von Zentralbankern und Politikern. Immer mehr bisher als sicher geltende Anlagen werden im Schwarzen Loch der globalen Verschuldung untergehen.

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