Langweiler leben länger

11.07.2011

Das Longevity-Project

Was ist das Geheimnis eines langen Lebens? Bekanntlich sind die Zeitschriften voll mit Rezepten für die "richtige" Lebensführung, mit der sich angeblich ein hohes Alter erreichen lässt. Fast alle enthalten den Hinweis, dass eine positive Einstellung lebensverlängernd sei. Falsch, sagen Howard Friedman und Leslie Martin, zwei US-amerikanische Psychologen! Für die entscheidende Charaktereingenschaft, die zu einem langen Leben führt, halten sie nicht Optimismus, sondern Gewissenhaftigkeit und Ausdauer. Um zu beantworten, welche Faktoren die Lebenserwartung wirklich beeinflussen und welche nicht, haben sie Daten einer einzigartigen Langzeituntersuchung aus Kalifornien ausgewertet. Isolierte Gesundheitstipps zu einer bestimmten Ernährung oder Sportart halten sie für wirkungslos.

Von 1921 bis heute werden etwa 1.500 Amerikaner regelmäßig von Psychologen nach ihren Lebensumständen und ihrem Gesundheitszustand befragt. Die meisten von ihnen sind mittlerweile natürlich verstorben. Es gibt kaum Untersuchungen, die sich über einen derart langen Zeitraum erstrecken. Diese Datensammlung lieferte Martin und Friedman das Material, um die Frage etwas wissenschaftlicher zu beantworten, welche Faktoren für die Lebenserwartung beeinflussen und welche nicht, als es sonst oft üblich ist. Ihr Buch Projekt Lebenserwartung ist im Frühjahr in den USA erschienen; eine deutsche Übersetzung soll nächsten Januar auf den Markt kommen.

Die Vorgeschichte: Sind Hochbegabte sozial gehemmte nerds oder gesunde Amerikaner?

Anfang des letzten Jahrhunderts war in den USA die Überzeugung weit verbreitet, dass allzu viel Intelligenz eher schädlich sei. Besonders begabte Kinder hätten Anpassungsschwierigkeiten und würden zu gehemmten und verschrobenen Außenseitern mit psychischen Problemen heranwachsen. Nach dieser verbreiteten Ansicht war ein überdurchschnittlicher Intelligenzquotient ein echtes Gesundheitsrisiko. Viele Eltern sahen die intellektuellen Ambitionen ihrer Kinder mit Misstrauen, nahmen ihnen die Bücher weg und scheuchten sie zum Spielen nach draußen.

Für den Psychologen und ehemaligen Schulleiter Lewis Terman war das ein Ärgernis. Terman, damals Psychologie-Professor an der Universität Stanford, war ein Intelligenzforscher und auch ein eifriger Verfechter einer sozialen Auslese nach der Denkfähigkeit. Er trug nicht nur entscheidend zur Entwicklung und Verbreitung von Intelligenztests in den USA bei, sondern befürwortete als Mitglied der einflussreichen Human Betterment Foundation auch die Sterilisation von "Schwachsinnigen" und trat für eine möglichst frühe Begabtenförderung ein, um das Intelligenzpotential der Nation umfassend zu erschließen.

Dass viele amerikanische Eltern die Intelligenz ihrer Kinder eher bekämpften, als sie zu fördern, war für den Eugeniker Terman also ein Hindernis. Um ihre Bedenken zu zerstreuen, begann er im Jahr 1921 eine Untersuchung, mit der er nachweisen wollte, dass hochbegabte Kinder körperlich und seelisch ebenso gesund seien wie durchschnittlich intelligente. In Grundschulklassen in Los Angeles, San Francisco und Umland suchte er nach Schülerinnen und Schülern mit einem Intelligenzquotienten über 135 Punkten. 1.528 Kinder nahmen an Termans Studie teil, alle damals etwa zehn Jahre alt. Sie wurden detailliert befragt und untersucht: Der Psychologe erfasste Daten über ihre körperliche und geistige Gesundheit, Familiengeschichte, ihre Lesegewohnheiten und Hobbys, das Einkommen und die Berufe ihrer Eltern und sogar die Menge der Bücher im Haushalt.

1925 veröffentlichte Lewis Terman seine Ergebnisse in dem Buch The Mental and Physical Traits of a Thousand Gifted Children, in dem er betonte, dass "begabte Kinder ihre Altersgenossen in Körpergröße und allgemeinem Gesundheitszustand übertreffen" und "es keine Hinweise dafür gibt, dass sie emotional weniger angepasst sind".

Individuelle Faktoren der Lebenserwartung

Die eugenischen Überzeugungen von Lewis Terman sind heute zurecht diskreditiert. Aber die Datenbasis, die er anhäufte, ist beeindruckend. Es gibt wenige Langzeitstudien mit einer vergleichbaren Informationsmenge und Informationsdichte. Bis zu seinem Tod blieb Terman mit den Teilnehmern der Genius-Studie in Kontakt und ließ sie regelmäßig Fragebogen zu ihren Lebensumständen ausfüllen. Nach seinem Tod im Jahr 1956 führten Psychologen der Stanford University die Untersuchung weiter und ließen die "Termiten" - wie die Teilnehmer der Terman-Studie in den USA gelegentlich genannt werden - alle fünf Jahre einen umfangreichen Fragebogen ausfüllen.

1990 begannen Friedman und Martin, mit den Daten zu arbeiten. Zur Frage der Intelligenz und ihren Entstehungsbedingungen geben sie wenig her, wohl aber zu einer anderen: welche Eigenschaften ein langes Leben befördern.Um das herauszufinden, werteten die beiden die Todesurkunden der Studienteilnehmer aus und erfuhren so Zeitpunkt und Ursache des Todes. Das Kriterium des Alters zum Zeitpunkt des Todes hat den Vorteil, dass es im Gegensatz zu Gesundheitszustand oder Wohlbefinden erhoben werden kann, ohne auf notorisch unzuverlässige Selbstauskünfte angewiesen zu sein.

Gesundheit und Lebenserwartung werden statistisch in allen modernen Gesellschaften von drei Faktoren am meisten bestimmt: dem Geburtsgewicht, dem sozialen Status und der Quantität und Qualität der sozialen Beziehungen eines Menschen. Der englische Mediziner Richard Wilkinson hat in zahlreichen Veröffentlichungen nachgewiesen, dass die soziale Ungleichheit die beste Erklärung von Unterschieden in der Lebenserwartung ist, zumindest in Ländern, die den sogenannten epidemiologischen Übergang hinter sich gebracht haben, in denen also die häufigsten Todesursachen nicht mehr Infektionen, sondern degenerative Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems oder Krebs.

Der soziale Status spielt dagegen im Longevity-Projekt keine Rolle. Die Teilnehmer an der Studie waren ganz überwiegend weiße Kinder aus der oberen Mittelschicht. (Gerade mal sechs von 1 524 Befragten waren Schwarze!) Aber gerade dass die Experimentalgruppe sozial sehr homogen ist, stellt sich als Vorteil heraus: Soziale und rassistische Diskriminierung können als Erklärung für ein besonders langes oder besonders kurzes Leben ausgeschlossen werden. Übrig bleiben individuelle Charaktereigenschaften und Lebensumstände.

Die Autoren Leslie Martin und Howard Friedman nennen ihr Buch mit Recht einen "Mythen-Killer". Für einen solchen Mythos halten sie beispielsweise die Behauptung, dass "Optimisten" länger leben würden als "Pessimisten". Im Gegenteil: Ein sicherheitsorientierter Lebensstil ist ihrer Ansicht nach die wichtigste Determinante der Lebenserwartung. Martin und Friedman fassen die entsprechenden Eigenschaften unter dem Begriff "Gewissenhaftigkeit" (conscientiousness ): Wer besonders verantwortungsbewusst, gründlich und arbeitsam ist, lebt länger.

Das Streben nach Sicherheit äußert sich wohlgemerkt nicht nur darin, dass die "Gewissenhaften" Gesundheitsrisiken meiden - also nicht rauchen, weniger Alkohol trinken oder vorsichtiger Auto fahren. Sie tendieren auch zu stabileren Lebensumständen, wechseln seltener die Arbeitsstelle oder den Partner und pflegen ihre sozialen Kontakte regelmäßig und dauerhaft. Wer dagegen immer vom Besten ausgeht, lebt gefährlich - und stirbt deshalb früher. Die Gruppe aus besonders gewissenhaften und sogar eher ängstlichen Menschen erreichte ein deutlich höheres Alter als die notorischen Optimisten mit ihrer unbeirrbar positiven Lebenseinstellung - nämlich fast vier Jahre.

Aber warum scheint dann eine Fülle von Studien zu belegen, dass optimistische und unbeschwerte Menschen gesünder sind? Die Autoren von "Longevity Project" weisen auf gängige methodische Fehler und Überinterpretationen hin. Viele Wissenschaftler wählen besonders alte Menschen für ihre Untersuchung aus und suchen dann nach ihren Gemeinsamkeiten, die sie zu kausalen Zusammenhängen erklären. Wegen dieser Vorauswahl entgeht ihnen aber, dass es durchaus möglich ist, dass viele andere Menschen genau dieselben Eigenschaften haben können wie diejenigen, die sie untersuchen, und trotzdem früh sterben!

Ein anderes wissenschaftliches Genre vergleicht Menschen, die sich gerade in einer körperlichen und seelischen Krise befinden, etwa einen schweren chirurgischen Eingriff hinter sich haben. "In solchen Situationen ist es natürlich wichtig, optimistisch zu sein", sagt Leslie Martin, "weil es sonst sehr schwer ist, konsequent das zu tun, was für die Genesung nötig ist." Über die Auswirkungen einer positiven oder negativen Lebenseinstellung auf die Lebenserwartung insgesamt sagen solche Vergleiche nichts aus.

Du kannst hundert Jahre alt werden, wenn du alles aufgibst, weswegen du hundert Jahre alt werden willst.

Woody Allen zugeschrieben

"Projekt Lebenserwartung" ist ein populärwissenschaftliches Buch. Der Zeitraum, über den sich die Untersuchung erstreckt, ist zwar beeindruckend lang, aber die Zahl der Untersuchten ist nicht besonders groß, und es gibt auch keine Kontrollgruppe, was einige Rezensenten kritisch anmerken. Als Verhaltensanleitung taugen die Erkenntnisse ohnehin nur bedingt: Die "Termiten" lebten schließlich in einer besonderen historischen und sozialen Situation. Der Ratschlag beispielsweise, hart und ausdauernd zu arbeiten, mag für die Angehörigen der weißen amerikanischen Mittelschicht nützlich gewesen sein, die ihre berufliche Laufbahn nach dem Zweiten Weltkrieg begannen, und denen Aufstiegschancen offen standen. Wer dagegen hart arbeitet, ohne dafür entsprechend entlohnt und anerkannt zu werden, schadet seiner Gesundheit unter Garantie (worauf übrigens auch Friedman und Martin hinweisen). Heute spielen außerdem Gesundheitsrisiken wie Fettleibigkeit eine viel wichtigere Rolle.

Eine Einsicht für die Gegenwart lässt sich immerhin aus dem Datenkorpus ableiten: Es gibt kein Rezept für ein hohes Alter. Lebensberatung in Form von "Kochbüchern", die detailliert angeben, welche Sportarten, Ernährungsweisen und Lebensstile richtig sind, führen in die Irre. Diese Faktoren hatten auf die Lebenserwartung so gut wie keinen Einfluss, sagen Martin und Friedman. Nicht isolierte Präventionsmaßnahmen zahlen sich aus, sondern gute Lebensumstände. Falsch ist aber auch das Rezept, mit einem unbeirrbaren Lächeln durchs Leben zu gehen. Die individuelle Lebenseinstellung ist weder die Ursache, noch die Folge von Gesundheit. Friedman und Martin formulieren es so:

Es ist gut belegt, dass glückliche Menschen gesünder sind. Viele nehmen deshalb an, dass Glück zu Gesundheit führt, aber wir konnten das nicht feststellen. Eine gute Arbeit zu haben, mit der man etwas anfangen kann, eine gute Bildung, eine gute und dauerhafte Liebesbeziehung, Kontakt zu anderen Menschen - diese Dinge führen zu Gesundheit und Glück.

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