Bolzen, Rackern, Rennen

02.07.2011

Die schwachen und mitunter mehr als dürftigen Leistungen bei der Frauenfußball-WM stehen im krassen Missverhältnis zu dem Dauerfeuer, das die Massenmedien hierzulande dank der ebenso mächtigen wie geschickten PR-Maschinerie des DFB veranstalten

Das mediale Dauerfeuer, das seit dem 26. Juni, dem Eröffnungstag der Frauenfußball-WM 2011, an Stärke nochmals zugenommen hat, hat bislang noch nicht zu jener Begeisterung geführt, die sich Promoter und Veranstalter im Vorfeld davon versprochen haben. Zwar sahen bei der offiziellen Eröffnung im Berliner Olympiastadion 74.000 Menschen dem Spiel der deutschen Elf gegen das Team Kanada zu. Und weit über 15 Millionen gönnten sich am späten Nachmittag das Vergnügen und den Luxus, trotz besten Sommerwetters den müden Kick vor dem Bildsschirmen zu verfolgen.

Frauenfußball ist wie Pferderennen mit Eseln

Leser bei Zeit Online

Desinteresse im Ausland

Doch vom Sommermärchen 2.0 ist bislang auf Deutschlands Straßen, von ein paar Fähnchen, die an einigen Autos wehen, mal abgesehen, noch wenig zu spüren. Ganz zu schweigen vom Ausland, das sich für die Ereignisse, anders als die gewaltige PR-Maschine des DFB uns glauben machen will, kaum interessiert. Damit die Stadien einigermaßen voll sind und Stimmung entsteht, kaufen Sponsoren wie die Telekom derzeit massenweise Eintrittskarten auf, um sie hinterher an Schulkinder zu verteilen.

Während hierzulande die Spiele rund um das Turnier jeden Tag mit zwei bis vier Sonderseiten von den Zeitungen bedacht werden, die TV-Sender Vor- und Nachberichte mit mehr oder minder miserablen Punditries ("Pundits" nennt man in England die Experten, die den Kommentatoren beistehen), aufgehübschten Homestories und Portraits der Spielerinnen die Runde machen, hat das Ausland häufig gerade mal ein Reporterteam nach Deutschland geschickt, das vor Ort über die WM berichtet.

Entsandten etwa die brasilianischen Medien letztes Jahr zur WM in Südafrika noch wahre Reporterarmeen, um noch das kleinste Detail der Spieler in die Heimat zu berichten, nimmt ein Jahr später in Brasilien kaum jemand Notiz von der Frauen-Selecao und seiner Starspielerin Marta (vgl. Messi ist eine Frau).

Vor allem eine Qualitätsfrage

Darüber groß wundern sollte sich hingegen niemand. Die Leistungen auf dem Rasen kommen (wohlwollend gesagt) über das untere Mittelmaß einer dritten Profiliga nicht hinaus. So sehr sich die Kickerinnen auch abmühen, das wilde Herumgebolze, das die Mädels häufig zeigen, rechtfertigt keinesfalls den medialen Aufwand, die Jubelarien und das gigantische Trommelfeuer, das die deutschen Medien derzeit um das Turnier veranstalten.

Zu Anmut, Natürlichkeit und Eleganz in der Bewegung, das hat schon Heinrich von Kleist im Marionettentheater vor fast genau zweihundert Jahren bereits festgestellt, müssen, wenn Pässe nicht ankommen, Bälle vertändelt oder planlos herumgebolzt, der präzise Torschuss fehlt oder halbherzige Schüsse aus dreißig Metern von Torfrauen nicht gehalten werden, entweder Dramatik, Spannung und (persönliche) Tragödien hinzukommen oder zumindest Blut, Schweiß und Tränen.

Um die Leistungen der Mädels im Stadionrund entsprechend zu würdigen, müssten wir, der Schlussfolgerung von Kleist folgend, erst noch mal "vom Baum der Erkenntnis essen, um in den Stand der Unschuld zurückzufallen".

Kneifen, wo’s weh tut

Selbstverständlich hielt die Dürftigkeit des Geschehens auf dem Rasen die politische Spitze des Landes nicht davon ab, das Ereignis mit ihrer Anwesenheit politisch aufzuwerten. Der Bundespräsident war da, er musste die WM schließlich eröffnen, und die Bundeskanzlerin und eine Vielzahl von Kabinettsmitgliedern und Strippenziehern auch (Flagge zeigen - auch ohne Kameras).

Mitten im illustren politischen Aufgebot sah man einen sichtlich zufriedenen DFB-Präsidenten sich die Hände reiben. Wie man überhaupt feststellen muss, dass sich der mittlerweile vom Spiegel zum "Frauenversteher" beförderte Theo Zwanziger derzeit mit alt- oder (sollte man vielleicht schon sagen) großväterlichem Gehabe als politisch nobler und hochkorrekter "Grußonkel" bestens in der Öffentlichkeit zu bewegen weiß.

Zwar kneift er gern, wenn es gilt, Farbe zu bekennen, und die dunklen Machenschaften der FIFA anzuprangern (vgl. Hoeneß kritisiert Zwanzigers Schweigen) oder bei Affären, die den Spielbetrieb (Wettbetrug), seinen Verband (Schiedsrichter), missliebige Journalisten (Jens Weinreich) oder den jüngst ziemlich unrühmlich aussortierten Spielführer des Männerteams betreffen (Michael Ballack), klare Kante zu zeigen.

Kuscheln, wo's nötig ist

Lieber mauschelt und kuschelt der DFB-Präsident, inzwischen Nachfolger Franz Beckenbauers im Exekutivausschuss des Weltfußballverbandes, mit FIFA-Funktionären hinter verschlossenen Türen, zumal der DFB allen Grund zur Leisetreterei hat. Nicht dass doch noch jemand auf die Idee kommen könnte, mal nachzuprüfen, ob bei der Vergabe der WM 2006 nach Deutschland auch damals alles mit rechten Dingen zugegangen ist.

Oder er glänzt da, wo es billig ist und gute Worte nichts "kosten", bei "Gastauftritten" auf dem Christopher Street Day in Berlin etwa oder bei Gedenkveranstaltungen zum Tod des Torwarts Enke in Hannover mit hehren Worten zur Homosexualität im Sport oder zu den schlimmen Auswüchsen im Profisport.

Instrumentalisierer

Nicht bekannt ist, ob Frau Merkel nach dem am Schluss doch überaus glücklichen Sieg der deutschen Frauen auch in die Kabine gestürmt ist, um den DFB-Kickerinnen zu ihrem Erfolg gegen Kanada zu gratulieren und sich dabei wie einst mit dem halbnackten Mesut Özil mit Birgit Prinz oder Nadine Angerer vor dem Kabineneingang ablichten zu lassen.

Unverfänglicher als anno 2006 wäre es allemal gewesen, zumal Frau nicht auf duschende Männer, sondern auf un- oder halbbekleidete Frauen getroffen wäre. Aber vielleicht steht uns das ja auch noch bevor. Gelegenheiten gibt es vermutlich noch genug. Was wohl Schweini, seit der EM in Portugal 2004 persönlicher Freund der Kanzlerin, dann dazu sagen wird? Ob er dann wohl eifersüchtig werden wird?

Machos, nichts als Machos

Sei’s drum. Auch Joseph Blatter, der FIFA-Präsident, derzeit mit massiven Korruptionsvorwürfen seines Verbandes konfrontiert, absolvierte brav sein Pflichtprogramm, auch, um der überaus zahlreich erschienenen deutschen Presse mitzuteilen, dass er Wichtigeres zu tun habe, als seine kostbare Zeit mit Besuchen bei sportlich so hochkarätigen Begegnungen wie Norwegen gegen Äquatorialguinea zu vertrödeln.

Vornehmlich die deutsche Presse trat ihn deswegen heftig vors Schienbein (vgl. Blatters Affront). Auch ihn entlarvte sie als heimlichen Macho, hatte er doch auf jener Pressekonferenz auch kundgetan, dass Frauen "ab einem gewissen Alter in der Gesellschaft eine andere Funktion haben als Fußball spielen."

Vorher hatte bereits Nico Rosberg und Sebastian Vettel, Lothar Matthäus oder Mario Basler die mediale Machokeule getroffen. Wusste der Red-Bull Fahrer angeblich nicht, wann die Frauen-WM beginnt (Macho, Macho), verglich der Mercedes-Fahrer das Turnier mit den Paralympics. Auch da gucke man "gelegentlich" zu.

Eiligst publizierte Rosberg auf seiner Webseite, damit die Äußerungen nicht zum medialen Bumerang für ihn wurden, ein akribisch verfasstes Protokoll, das nachweisen sollte, dass dieser abfällige Spruch nicht von ihm stammte.

Solche Sorgen müssen sich die oben genannten "Helden" des deutschen Profifußballs nicht mehr machen. Ihr Ruf ist längst ruiniert. Attestierte "Loddar", der andere "Frauenversteher", den Mädels, dass einige von ihnen auch "optisch" etwas zu bieten hätten und ganz "hübsch" seien, setzte sich "Super Mario" mit der politisch völlig inkorrekten Aufforderung in die Nesseln: "Mädels lasst den Rasen heil".

Scheinheilig aufs Glatteis

Wie überhaupt es rührend ist zu beobachten, wie vehement sich politisch korrekte Journalisten seit einigen Tagen für die Sache des Frauenfußballs, den sie noch vor Wochen mit völliger Missachtung bestraft haben, ins Zeug legen, das Pflänzchen hegen und pflegen, und jedes kleinste Foul gegen die weibliche Netiquette mit einem medialen Pfiff und einer gelben Karte ahnden.

Sichtlichen Spaß scheint es einigen zu machen, mit gezielten Fangfragen Sportler, ehemalige Fußballer oder TV-Reporter aufs frauenpolitische Glatteis führen zu wollen. So wollte jüngst ein Reporter von Sebastian Vettel (glaube ich) wissen, was er von einer weiblichen Formel 1-Fahrerin halten würde.

Und auch ein Moderator des Deutschlandfunks versuchte den ARD-Kommentator Tom Bartels mit der Frage zu narren, ob Frauen vielleicht nicht eine bessere räumliche Wahrnehmung hätten und folglich auch die kreativeren Spielerinnen wären (vgl. Messi ist eine Frau).

Offensichtlich haben die Fragen Wirkung gezeigt, denn so parteiisch, wirr und blind wie im Spiel gegen das Team Nigeria hat Bartels, der eigentlich als fachkundig gilt, bislang noch kein Spiel kommentiert. Die Jubelarien, mit dem er den Grottenkick der deutschen Frauen begleitete, waren jedenfalls vollkommen deplaziert. Die Arme des DFB und des öffentlich-rechtlichen Staatsfernsehens reichen anscheinend bis in die Reporterkabine.

All diese journalistischen Fangversuche zeigen, wie sehr das Meinungsklima mittlerweile hierzulande schon vergiftet ist, wie sehr die Tugend- und Sittenwächter in diesem Land Themen und Genres im Griff und unter ihre Oberaufsicht haben, und wie sehr vor allem Prominente fürchten müssen, wegen missliebiger leicht missverständlicher oder unbedachter Äußerungen von ihnen öffentlich an den Pranger gestellt zu werden.

Verpasste Emanzipation

Selbstverständlich können Frauen Fußball spielen, sie besitzen taktisches Verständnis und können kompakt verteidigen; sie agieren geschickt in Spielsystemen, sind dribbelstark und zirkeln Freistöße über die Mauer ins Tordreieck; und selbstverständlich können sie auch Systemfußball spielen, Mannschaftsteile verschieben und vor Begeisterung ausflippen. Keine Frage! Warum sollten sie das auch nicht können.

Zumal sie mittlerweile auch im Ring boxen, Alpenpässe hoch- oder dem Puck hinterherjagen, in der Halle den Korb anvisieren, den Eiskanal todesmutig hinunterrasen, unsinnige Gewichte in die Höhe stemmen und sich dabei die Gelenke, die Knie oder die Wirbelsäule ruinieren.

Mittlerweile gibt es keinen sportlichen Bereich mehr, in denen die Frauen ihren männlichen Kollegen nicht nacheifern und um Gleichberechtigung "betteln". Was im Prinzip eigentlich verwundert. Zumal Männer nie auf die Idee kämen, sich am Schwebebalken, am Stufenbarren oder gar in rhythmischer Gymnastik zu versuchen, um der "holden Weiblichkeit" auch in diesen Sportarten den Rang abzulaufen oder gar mit ihnen zu konkurrieren.

Bemüht, manchmal schön anzuschauen

Männer wissen ganz offensichtlich, was sie können, und wo ihre physischen Grenzen sind. Frauen scheinen damit so ihre Probleme zu haben. Statt sich auf ihre weiblichen Stärken zu besinnen, möchten sie ausgerechnet, und im Dienste einer auch von den Massenmedien gepuschten, aber doch falsch verstandenen Emanzipation, Anerkennung bei Männern in deren Domänen finden.

Dagegen wäre zunächst nichts einzuwenden. Nur bleibt der sportliche Ertrag, so technisch ausgereift und graziös er in den Bewegungen auch sein mag, im Vergleich mit dem Männersport, in vielen Fällen bestenfalls Mittelmaß. Gewiss gibt es, von Sportart zu Sportart unterschiedlich, auch großartige Leistungen zu bestaunen und ist mitunter auch schön anzuschauen.

Trotzdem wirkt es häufig doch nur sehr bemüht, weil aufgrund physischer Defizite Tempo und Körperkraft, Härte und Dynamik fehlen. Die weibliche und männliche Anatomie steht, solange Maschinen und Roboter noch nicht die Macht übernommen haben, einer solchen sportlichen Gleichstellung bislang immer noch entgegen.

It’s the biology, stupid

Wer schon einmal beim Sport von Grundschülern zugesehen, oder, besser noch, sie schon mal einige Zeit unterrichtet hat, der wird wissen, wovon die Rede ist. Bis zum zehnten Lebensjahr unterscheiden sich Jungen und Mädchen, was ihre sportlichen und körperlichen Kräfte und Leistungsfähigkeiten angeht, kaum. Ein sportlich gut trainiertes Mädchen kann bis zu dieser Zeit beim Laufen, Springen, Werfen oder Schwimmen locker oder jederzeit mit einem Jungen mithalten.

Spätestens in der Sekundarstufe 1 ist damit aber Schluss. Mit elf oder zwölf Jahren divergiert die physische Entwicklung. Bei den Mannschaftssportarten, gleich ob beim Fußball, Handball oder dem in der Schule immer noch überaus beliebten Völkerball, lässt sich diese biologische Trennung prima beobachten. Spätestens ab diesen Zeitpunkt können die Mädchen den Jungs nichts mehr entgegensetzen. Weil sie das auch merken, ziehen sich auch weitgehend zurück, sie fühlen sich (zu Recht) unterlegen, schließen sich mit ihresgleichen zusammen und wollen mit den Jungen keine sportlichen Spiele oder gar Wettkämpfe mehr bestreiten.

Dribbelstark, aber chancenlos

Die ungenügende physische Ausstattung, die mangelnde Leistungskraft und Leistungsstärke bestimmt auch, was sich auf dem Rasen abspielt. Im Vergleich mit den Männern bleibt Frauenfußball dank Natur und Biologie mittelmäßiger Drittklassensport (vgl. Eine Frauenquote hilft nicht). Da werden auch alle wohl oder gut gemeinten Anti-Diskriminierungskampagnen und Anti-Machobeauftragen, die allerorten wie Pilze aus dem Boden schießen, nichts ändern.

In der Vorbereitung auf das Turnier spielte die Frauenelf "unter strengster Geheimhaltung" und "Ausschluss der Öffentlichkeit" gegen zwei männliche B-Jugendmannschaften, die des deutschen Meisters und gegen ein zusammengestelltes Regionalteam. Dabei verlor das Frauenteam ein Spiel knapp und gestaltete das andere unentschieden. Setzt man noch voraus, dass die Sechzehn- und Siebzehnjährigen den Auftrag hatten, auf Härte in Zweikämpfen zu verzichten, damit sich niemand der deutschen Frauen vor dem Turnier noch ernsthaft verletzt, dann bekommt man einen Begriff von der Qualität der weiblichen Leistungen auf dem Platz.

Laut FAZ (Gut versteckte Sonderklasse) soll sich die Mannschaft dabei noch "gut geschlagen haben". Mit Leichtfüßigkeit und Dribbelkunst hätten vor allem Melanie Behringer und Lira Bajramaj die B-Jugendlichen "düpiert" - aber eben doch nicht gewonnen.

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