Kleidung aus alten Computern
In Berlin-Neukölln befindet sich eine kleine Galerie für Kunst aus Metall und aus Elektroschrott. Sie ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie Kunst auch fernab der etablierten Galeristenszene bestehen kann - dank einiger Zufälle und mit viel Spaß, Durchhaltevermögen und Engagement.
Berlin-Neukölln, Mittwoch nachmittag: Ein mächtiger Gorilla bewacht den Eingang zu einer Galerie. Er hat die Fäuste locker aufgestützt: Wenn er zupackt, ist alles aus, denn er besteht aus Metall. Aber bis jetzt ist alles gut gegangen: Seit Jahren steht er da auf seinem rostigen Sockel und beobachtetet den Menschenstrom.
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| Alle Bilder: Ulrike Heitmüller |
Muharrem Batman hat die Skulptur vor seine Galerie gestellt. Die befindet sich in der Hermannstraße im Norden Neuköllns. Die Gegend ändert sich gerade von berüchtigt zu berühmt: Seit der Flughafen Tempelhof still gelegt wurde, steigen die Mieten im "Schillerkiez"; die "tageszeitung" bringt sogar eine Serie über die Veränderungen im Viertel.
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Muharrem Batman - er heißt wirklich so, "sonst hätten sie mich zu Tode geklagt" - hat hier schon seit Jahren seine Galerie und einen Elektronikladen. Im Laden repariert er Computer, und was irreparabel ist, wird in der Galerie daneben zu Kunst verarbeitet: Zu Werken aus Elektroschrott.
Jedes Jahr werden schätzungsweise 1,8 Millionen Tonnen Elektro- und Elektronikgeräte ausrangiert. Die enthalten Schadstoffe wie Quecksilber, Blei, Cadmium, Chrom VI oder Arsen, aber auch wertvolle Ressourcen wie Metalle, Edelmetalle und reine Kunststofffraktionen. Zu gefährlich zum Wegwerfen? - Nein: Zu schade zum Wegwerfen!, findet Batman. Darum die Galerie. Die Miete ist teuer genug, Personal geht nicht, darum öffnet er sie nur Mittwochs und manchmal am Feierabend.
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Heute ist Mittwoch, und Muharrem Batman zeigt die Kunst. Wenn er nicht gerade gestört wird. Erstmal kommt der Auszubildende aus dem Laden rüber, der HP läuft immer noch, sagt er dem Chef. "Seit wann?" Keine Ahnung, sagt der Junge, seit zehn Uhr früh. "Wenn er nichts macht, kann ich auch keinen Fehler finden", sagt Batman und zuckt die Schultern. Egal, dann wird er aber auch weder repariert noch Kunst, der HP.
Wenn doch, um so besser: Die Ex-Computer in der Galerie machen keinen Ärger, sie stürzen nie mehr ab, nicht mal vom Sockel, und sie sehen wunderschön aus. Schräge Wesen aus Metall, Figuren aus Grün und Gold, zierliche Leiber und unheimliche Köpfe, alles völlig verrückt.
Verrückt ist prima, findet Batman: "Wenn mir jemand sagt, ich bin normal, bin ich beleidigt. Aber wenn mir jemand sagt, ich bin verrückt: Das ehrt mich!"
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Der 46-Jährige hat guten Grund, sich geehrt zu fühlen. Er ist zwar nicht der Künstler, aber er hat seine Schwester inspiriert. Als er nämlich seinen Elektronikladen einrichtete, fand er im Keller noch Dekorationen seines Vormieters. Dieser hatte in den Räumen eine Boutique geführt und hinterließ seinem Nachmieter Styroporköpfe und Schaufensterpuppen. "Da habe ich meine Schwester gebeten, aus Elektronikteilen eine Dekoration zu machen", erinnert sich Batman.
Die war erst mal gar nicht begeistert: "Sie hat immer gern gebastelt, aber sie mochte lieber Tüll und Schmuck und so, vor Elektronik hat sie sich geekelt, die mochte sie nicht anfassen", sagt er. "Ich habe sie überredet, das war schwer."
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Aber dann fing die Sache an, ihr Spaß zu machen. Erst wollte ihr Bruder ihr vorschreiben, was sie zu machen habe, sie tat aber lieber, was sie wollte, "lass mich in Ruhe!", und siehe da, der Erfolg gab ihr Recht. Es war aber nicht einfach, "ich habe zu Hause gearbeitet", erzählt sie, das war Stress, einen Wohnung für eine Familie, sie hatte wenig Platz für ihre Kunst, und die Figuren sind auch ziemlich groß. Eigentlich braucht sie ein Atelier, aber vorerst hilft die ausgebildete Floristin ihrem Sohn noch bei der Existenzgründung, er hat ein Blumengeschäft in derselben Straße wie die Galerie.
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Darum müssen die nächsten Skulpturen noch warten. Schade, findet der Bruder: "Wir bekommen gute Kritiken und die Kunden wollen noch mehr", sagt Muharrem Batman. Preise gab´s auch schon, zum Beispiel auf der Computerbörse 2005 im Tower Modding Wettbewerb: "Wir dachten, zeigen wir mal, wie es aussieht, wenn eine Frau PC-Modding macht", erinnert sich Batman, "Männer machen immer blinkende Kisten mit Lichtern und Schläuchen für die Wasserkühlung", Ayse Batman einen silbern beklebten Tower. Sie hatte allerdings Angst vor einer Blamage und traute sich bloß mit Verstärkung zum Wettbewerb, erzählt ihr Bruder, Mann und Kinder mussten mit - "und was ist passiert? - 1. Platz! - sagt Muharrem Batman und strahlt vor Stolz.
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Seine nächste Idee: Kleidung aus Elektroschrott. Als er davon erzählt, öffnet sich die Tür und Dennis Batchelor betritt die Galerie: Maßnehmen. Der Musicaldarsteller aus London wird Kleidung aus Elektroschrott vorführen. Studentin Judith Brun arbeitet in der Galerie und macht das Kleid. Sie nimmt Maß, dann muss er es anprobieren. Batchelors Kleid, naja, erstmal nur eine Art Lendenschurz, besteht aus unbestückten Telefonplatinen, die mit Drähten verknüpft sind. Er muss beim Anziehen vorsichtig sein, das ist nicht so dehnbar wie ein T-Shirt.
Die meiste Kunst in dieser Galerie Kunst besteht aus aus Computern, aber auch Röhrenradios, alten Fernsehern und ähnlichem, und sie ist ziemlich wertvoll: "Alles, was wie Gold glänzt, ist auch echtes Gold!", betont Batman. Verkaufen mag er sie nicht. Der Hausarzt hat mal eine Skulptur ergattert, Glück gehabt. "Wir wollen erst mal bekannt werden, meine Schwester hat nicht sooo viel Zeit", sagt Batman gedehnt, "es dauert ja auch lange!"
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Allerdings verkauft Batman durchaus Kunst: Metallskulpturen, schräge Wesen, zierliche Menschlein und überdimensionale Frösche, oder auch den mächtigen Gorilla: "Das ist von Kemal, das ist ein Kumpel von mir im Tacheles, wir arbeiten zusammen, ich mach Elektronik, er Metall", sagt Batman. Kemal Cantürk, Gründungsmitglied im Kunsthaus Tacheles, war damals einer der ersten Besetzer. Weil das Tacheles geschlossen wird, will er es nach Neukölln bringen, als Spielplatz für Erwachsene.
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Das könnte durchaus Erfolg bringen. Batman hat für seine Galerie manche Fans, sie lieben den Raum, sagt er: Einmal hat er wegen der Vorbereitung auf das Kunst-und Kulturfestival 48 Stunden Neukölln die Fenster zugeklebt. Alle dachten, er schließe die Galerie: "Zwei Leute haben richtig geweint."
Muharrem Batman wurde in Istanbul geboren, als er neun war, kam er nach Berlin. Seine Jugend verbrachte er mehr oder weniger in der "Villa Kreuzberg", damals ein Jugendfreizeitheim mit Fotolabor und Werkstatt. Er hatte ein Fahrrad mit Anhänger, "ich ging immer Sachen suchen, die habe ich mit meiner Mutter zusammen repariert und am Wochenende auf dem Flohmarkt verkauft. Die anderen nannten mich Müllmann. Aber von den Kollegen damals ist die Hälfte im Knast, die Hälfte bekommt Hartz IV, nur ich bin was geworden", sagt er.
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Er ist selbststndiger Unternehmer und Galerist. Allerdings gab es auf dem Weg dorthin ein paar Umwege. Erst wollte er nämlich Elektroniker werden, aber es haperte in der Schule in Mathe. "Schlosser kann ich werden, haben die mir gesagt, und da hab ich gesagt, auch ein schöner Beruf", erzählt Batman. In der 7. Klasse war die Schule nicht mehr so das Wahre, er verließ sie für einen Ausbildungsvorbereitungskurs, das klappte und er wurde Schlosserlehrling.
Das war gut, aber nicht von Dauer: "Ich musste nach einem Jahr abbrechen, weil meine Eltern eine Bäckerei eröffnet haben, ich musste da arbeiten. Das habe ich verflucht! Ich will ölige, nicht mehlige Finger!" Das Fluchen scheint geholfen zu haben, nach vier Jahren gingen die Eltern mit der Bäckerei pleite, "da war ich froh!"
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Dann wollte er DJ werden und mit Lichttechnik und Musik arbeiten. So kam er endlich zu Computern, genauer: zu seinem ersten Amiga. Eins führte zum anderen, bald hatte er seinen Stand auf einem Trödelmarkt, handelte mit Computern und reparierte sie. Seit ein paar Jahren ist er Geschäftsführer seines eigenen Ladens mit einer Werkstatt.
Außerdem wurde er Mitglied im ReUse-Computer Verein. Es bringe nämlich gar nichts, nach drei Jahren einen neuen PC zu kaufen und den alten wegzuwerfen, selbst wenn der neue ein Energiesparmodell sei: Die Herstellung des neuen koste erstmal mehr Energie als der alte verbrauche. Darum macht sich der Verein dafür stark, Computer nicht nach drei Jahren wegzuwerfen, sondern erstmal zu reparieren. Zunächst war Batman beeindruckt von den Titel- und Krawattenträgern im Verein, später wurde er Vorstandsmitglied. Und was er selbst als ReUse-Computer Vereinsmitglied nicht mehr reparieren mag, macht er dann eben zu Kunst.
Batman Elektronik, Hermannstraße 47, Berlin-Neukölln. Die Galerie ist Mittwochs von 10 - 17 Uhr geöffnet, manchmal auch sonst, nach Feierabend.
- Re: Der Gorilla steht da nicht "Seit Jahren" (14.7.2011 12:18)
- Re: Der Gorilla steht da nicht "Seit Jahren" (13.7.2011 18:51)
- Re: Der Gorilla steht da nicht "Seit Jahren" (9.7.2011 17:00)
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