Gefahr aus dem Bierkeller

17.09.2011

Das Dritte Reich im Selbstversuch - Teil 10

Heute mal etwas ganz anderes. Nachdem Goebbels und seine Helfer in bisher neun Teilen NS-Selbstversuch ausreichend Gelegenheit hatten, den Feind zu identifizieren und zu bekämpfen, soll nun die Gegenseite zu Wort kommen. Wie sahen die Amerikaner und die zu ihnen geflüchteten Europäer die Nationalsozialisten? Der erste Anti-Nazi-Film aus Hollywood heißt Confessions of a Nazi Spy. Man stand bereits kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, als er 1939 ins Kino kam.

Konsul Gyssling interveniert

In den ersten Jahren nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler machte Hollywood um die Nazis einen großen Bogen. Dafür gab es mehrere Gründe, die alle mit Geld zu tun hatten. Die oberste Maxime war, sich mit keinem anzulegen. Politik, so die weitgehend unbewiesene Behauptung, sei Gift für die Kinokasse. Hollywood gefiel sich darin, angeblich unpolitische Filme zu machen. Das war zwar schon immer Unsinn, weil ein Kameraschwenk, die Wahl einer Einstellungsgröße oder ein Happy Ending genauso eine Botschaft transportieren können wie ein Hakenkreuz, aber zum Mythos von der Traumfabrik gehörte die Mähr von der "unpolitischen Unterhaltung" eben auch. Allzu deutliche Bezüge zum Zeitgeschehen, etwa zum Faschismus in Europa, hätten den schönen Mythos beschädigt und waren deshalb verpönt. So etwas war der Wochenschau vorbehalten. Im Spielfilm hatte es nach Meinung der meisten Studiobosse keinen Platz.

Trailer zu "Confessions of a Nazi Spy"

Die im April 1936 gegründete Hollywood Anti-Nazi League zählte etwa 4000 Mitglieder, organisierte Demos, finanzierte eine wöchentliche Radiosendung und blockierte den Zugang zu Treffen des German-American Bund in Los Angeles (von dem noch zu reden sein wird), aber in den von Hollywood produzierten Filmen fand das kaum einen Niederschlag. Die Zahlen darüber, welche Profite die amerikanische Filmindustrie in den 1930ern durch den Export erwirtschaftete, sind sehr widersprüchlich (vermutlich 40 bis 50 Prozent der Gesamterlöse). Fest steht, dass Europa der wichtigste ausländische Markt war. Diesen Markt fürchtete man zu verlieren, wenn man es sich mit den braunen Machthabern verderben würde. Das war nicht völlig aus der Luft gegriffen. Es gab damals eine Vielzahl von bilateralen Kulturverträgen, in denen sich ein Land verpflichtete, einem Film, durch den sich ein anderes Land beleidigt fühlte, die Aufführungsgenehmigung zu verweigern. Diejenigen der großen Studios, die das wollten, konnten ihre Filme bis 1939 relativ ungehindert vertreiben, auch in Deutschland, wenn sie bestimmte Regeln befolgten. Bei der MGM gab es zum Beispiel einen Angestellten, der nur damit beschäftigt war, jüdische oder sonst unerwünschte Namen, etwa die von Emigranten, aus dem Vorspann der für den Export bestimmten Filme zu entfernen.

Die Repräsentanten des Nazi-Regimes in den USA waren auch nicht zimperlich, wenn es darum ging, Druck auszuüben. Für ein gewaltiges Rauschen im amerikanischen Blätterwald sorgte im April 1937 das Vorgehen eines Herrn Georg Gyssling, seines Zeichens deutscher Konsul in Los Angeles, gegen The Road Back, James Whales Verfilmung eines 1933 von den Nazis verbrannten Romans von Erich-Maria Remarque um Kriegsheimkehrer und ein nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg von Unruhen erschüttertes Deutschland. Gysslings Versuche, den Film schon im Vorfeld zu unterbinden, weil er ein verlogenes Bild des deutschen Volkes zeichne, scheiterten. Dann platzte die Bombe.

Georg Gyssling und Elly Beihorn 1934 in Los Angeles

Eine Woche vor Drehschluss schickte Dr. Gyssling Briefe an Whale und zwölf seiner Darsteller, per Einschreiben. In all diesen Briefen stand in etwa dasselbe. Werter Herr, schrieb der Konsul, ich wende mich an Sie in Zusammenhang mit dem Film The Road Back, an dem Sie beteiligt sein sollen. Im Auftrag meiner Regierung muss ich Sie warnen. Laut einer Verordnung zur Aufführung ausländischer Filme in Deutschland vom 28. Juni 1932, Artikel 15 (Kopie und Übersetzung liegen bei) können alle Produktionen mit Personen, die an einem dem deutschen Ansehen abträglichen Film mitgewirkt haben, obwohl sie von deutscher Seite gewarnt wurden, mit einem Aufführungsverbot belegt werden. So weit der ehrenwerte Konsul. Demnach konnte man auch gleich alle anderen Filme von James Whale verbieten, von Frankenstein über The Old Dark House bis zu Show Boat, und wenn das Dritte Reich nicht untergegangen wäre, hätte das deutsche Fernsehen nie The Rockford Files zeigen dürfen, weil Noah Beery Jr. alias Papa Rockford in The Road Back einen Deutschen spielt. Das war die Sippenhaft für Filme.

Einer der Darsteller leitete Gysslings Brief an das Außenministerium weiter und verlangte Schutz gegen die Drohungen einer fremden Regierung. Jede große Zeitung des Landes berichtete über das wenig diplomatische Agieren des deutschen Konsuls. Selbstverständlich verwahrte sich der Chef der produzierenden Universal gegen solche Einmischungen. In den Führungsetagen Hollywoods und mehr noch in New York, wo die Geldgeber residierten, war die Botschaft trotzdem angekommen. Es war auch keineswegs unüblich, bei potentiell anstößigen Projekten schon in der Planungsphase die Meinung der deutschen Seite einzuholen, um späteren Problemen vorzubeugen. Andererseits nahmen nach dem Skandal um The Road Back die Wortmeldungen derer stark zu, die von Hollywood forderten, sich endlich seiner Verantwortung bewusst zu werden und zu den Vorgängen in Europa Stellung zu beziehen. Die gegenteilige Haltung nahmen die Isolationisten ein, die dafür waren, sich aus auswärtigen Angelegenheiten möglichst herauszuhalten und sich keinesfalls in einen drohenden Krieg hineinziehen zu lassen.

Spionageprozess mit Friseuse

Wie es dann doch zum ersten Anti-Nazi-Film eines großen Hollywoodstudios kam, darüber sind verschiedene Versionen im Umlauf. Eine wichtige Rolle spielten sicher die "Freunde des Neuen Deutschlands", eine 1933 gegründete Vereinigung von mit den Nazis sympathisierenden Deutsch-Amerikanern, die sich 1935 in "German-American Bund" (GAB) umbenannte, nachdem das House Un-American Activities Committee (kurz HUAC, der Ausschuss des Repräsentantenhauses zur Untersuchung unamerikanischer Aktivitäten) herausgefunden hatte, dass es finanzielle Verbindungen zwischen den "Freunden" und der deutschen Botschaft gab. Mit der Namensänderung sollte offenbar die Nähe zu Hitler-Deutschland vertuscht werden, was etwas seltsam anmutet, wenn man bedenkt, dass die Mitglieder Uniformen trugen sowie Hakenkreuzfahne und Hitlergruß von den Nazis übernahmen und dass der Bund die Kinder in einer an der Hitlerjugend und am BDM ausgerichteten Jugendorganisation indoktrinierte (mit Zeltlagern wie in Hitlerjunge Quex).

Das FBI ermittelte trotzdem. J. Edgar Hoover, der selten eine Gelegenheit ausließ, Reklame für sich und seine Polizeibehörde zu machen, gab am 26. Februar 1938 bekannt, dass das FBI einen Spionagering der Nazis enttarnt und zerschlagen habe. Er hätte besser abgewartet, bis der Fall abgeschlossen und alle Verdächtigen festgenommen waren. Sehr bald scheint Sand ins Getriebe gekommen zu sein. Das von Stefan Heym herausgegebene Deutsche Volksecho, eine antifaschistische Exilantenzeitung, berichtete ab Februar detailliert und regelmäßig und forderte den Innenminister in einem offenen Brief dazu auf, die Ermittlungen energischer voranzutreiben, was auch im Interesse der den USA gegenüber loyalen Deutsch-Amerikaner sei. Am 22. Oktober 1938 fasste Heym den Stand der Dinge wie folgt zusammen:

Schon heute steht fest, was eingeweihte Kreise immer wußten, daß die deutsche Handelsmarine der Träger von Spionagezentren ist. Hauptsächlich sind es die "Hamburg" und die "New York", deren Offiziersmannschaft mit Agenten durchsetzt ist. Vom Hafen geht es direkt nach Yorkville, wo in den kleinen Cafés, deren Besitzer oft ahnungslos sind, die Rendezvous mit den hiesigen Agenten stattfinden.

Yorkville ist ein Stadtteil von New York, der Anfang des 20. Jahrhunderts zur bevorzugten Wohngegend deutscher Einwanderer wurde (bald abgelöst durch Queens) und in den 1930ern durch den Zuzug vieler Flüchtlinge eine kurze Renaissance als "Kleindeutschland" erlebte. Auch einige der Gründungsmitglieder der "Freunde des neuen Deutschlands" lebten dort, und in Yorkville gab es Kinos für ein deutschsprachiges Publikum, in denen die Propagandafilme der Nazis liefen. Zu den Mitgliedszahlen des Bundes gibt es nur Schätzungen, die von 20 000 bis über 100 000 reichen, die Zahl der Sympathisanten ist noch schwerer zu bestimmen. 1942, nach dem Kriegseintritt der USA, wurden 7000 Mitglieder als Staatsfeinde interniert. Die Hälfte davon ließ man bald wieder frei. Nach dem Krieg wurde eine Adressenliste des GAB entdeckt. Sie enthielt die Namen von 250 000 Deutsch-Amerikanern, die noch Verwandte in der alten Heimat hatten (ein potentielles Druckmittel).

Gustav Rumrich

Im Juni 1938 wurden 18 Verdächtige wegen Spionage angeklagt. Beim Prozess vor dem New Yorker Bundesgericht, der im Oktober begann, sagte einer davon, der eingebürgerte Günther Gustav Rumrich, als Zeuge der Staatsanwaltschaft aus und erhielt eine reduzierte Strafe, weil er kooperiert hatte. Die drei anderen waren Otto Hermann Voss, früher in der Entwicklungsabteilung einer Flugzeugfirma angestellt, der Gefreite Erich Glaser und Johanna Hofmann, Friseuse auf dem deutschen Passagierschiff Europa. Sie wurden am 2. Dezember schuldig gesprochen und zu Haftstrafen zwischen zwei und sechs Jahren verurteilt. Maximal wären 20 Jahre möglich gewesen. Die Todesstrafe für Spionage gab es nicht, weil sich die USA nicht im Kriegszustand befanden.

Von links nach rechts: Dr. Ignatz Griebl und drei der Verurteilten (Rumrich war der vierte); Otto Hermann Voss, Johanna Hofmann, Erich Glaser

14 von den 18 Angeklagten wurden nicht verurteilt, weil sie nicht erschienen waren. Sie hatten sich irgendwann zwischen Hoovers Pressemitteilung und Prozessbeginn abgesetzt und wurden in Deutschland vermutet. Laut Website des FBI war der die Ermittlungen leitende Agent Leon G. Turrou für das Desaster verantwortlich, weil er auf einen solchen Fall nicht vorbereitet war und Informationen an die Presse weitergegeben hatte. Einer der Geflohenen war Dr. Ignatz T. Griebl, ein in München geborener Bund-Funktionär mit Arztpraxis in Yorkville und der mutmaßliche Haupttäter. Während der Verhandlung wurden Beweise für Spionagetätigkeiten vorgelegt, in die der German-American Bund, die deutschen Konsulate und die deutsche Handelsmarine verwickelt waren.

Der GAB machte danach mehr oder weniger weiter wie bisher, obwohl der Kongress eine neuerliche Untersuchung einleitete. Wenn man die amerikanischen Zeitungen studiert, besonders solche aus New York, wo das Problembewusstsein am ausgeprägtesten war, kann man den Eindruck gewinnen, dass es ein großes Interesse an dieser Spionageaffäre gab. Das täuscht. Für die meisten Amerikaner war Europa sehr weit weg. Wenn man die Bund-Mitglieder und ihre Rituale für sich allein sieht, nicht im Zusammenhang mit den Nazi-Verbrechen, von denen die schlimmsten noch bevorstanden, wirken sie bescheuert. Als der deutsche Botschafter im August 1937 in einem der Zeltlager des Bundes (Camp Hindenburg bei Buffalo) führermäßig eine Parade abnahm, wurde das von der überregionalen Presse mit so viel Hohngelächter quittiert, dass deutsche Würdenträger an solchen Veranstaltungen lieber nicht mehr teilnahmen (weil einer schuld an dem Debakel sein musste, wurden dem Bund danach die Mittel gekürzt).

Mehr amüsiert als alarmiert waren die meisten Journalisten auch über den Spionagefall. Nicht untypisch ist das Magazin Time, das mehrfach über etwas berichtete, das mehr Komödie als Thriller zu sein schien:

Als Hollywood noch Filme über internationale Spione herunterkurbelte, gehörte es zur Konvention, dass jedes Mal einige Nebenfiguren eine abnorme Dummheit zur Schau stellten, um so die Gewitztheit der Helden zu akzentuieren. Vergangene Woche breitete sich über die amerikanischen Titelseiten eine echte internationale Spionagegeschichte aus, die anschaulich die Gewitztheit von gar keinem akzentuierte.

In einem spöttischen Prozessbericht teilte das Magazin seinen Lesern mit, dass Rumrich immer tolle Sachen angekündigt, tatsächlich aber nur Informationen geliefert habe, die für jedermann frei zugänglich waren. Aufgeflogen war er nicht durch die grandiose Ermittlungsarbeit des FBI, sondern durch sein tölpelhaftes Agieren: er hatte versucht, sich als Staatssekretär im Innenministerium auszugeben und sich 50 Blankopässe zustellen zu lassen. Vielleicht hätte das sogar funktioniert, wenn er vorher den richtigen Namen des Staatssekretärs herausgefunden und diesen genannt hätte. So gab er einen falschen an, was den Mitarbeiter der Passbehörde in Manhattan misstrauisch machte. Ich fürchte, ohne ihm zu nahe treten zu wollen, dass Gustav Rumrich ein Dummkopf war.

Der angenehme und profitable Kurs der Unterhaltung

Auch die meisten anderen der großen Blätter wussten nicht genau, warum sie diese Spionageaffäre, in der ein Blödmann, eine herb aussehende Friseuse in der Rolle der Femme fatale und zwei andere Randfiguren vor Gericht standen, während die Drahtzieher verschwunden waren und sich der mittlerweile gefeuerte Chefermittler gegen den Vorwurf wehren musste, er habe den Hauptverdächtigen, Dr. Griebl, gegen Zahlung von 5000 Dollar entkommen lassen, ganz ernst nehmen sollten. Für manch einen war dieser Prozess der untaugliche Versuch, eine Gefahr an die Wand zu malen, die es so gar nicht gab. Umfragen aus der Zeit besagen, dass sich weniger Amerikaner durch den Faschismus bedroht fühlten als durch vermeintliche Bestrebungen, sie durch propagandistische Maßnahmen in einen sich anbahnenden Krieg hineinzuziehen, mit dem sie nichts zu tun haben wollten.

Für Jack und Harry Warner, deren Vater nach Pogromen aus Polen nach Amerika geflüchtet war, galt das nicht. Die Brüder hatten 1934 ihre Büros in Deutschland geschlossen und Filme mit einer antifaschistischen Botschaft produziert, von Black Legion (Humphrey Bogart gerät in die Fänge einer Gruppe von White Supremacists) bis zu The Adventures of Robin Hood (Errol Flynn kämpft gegen den Diktator King John und seinen Polizeichef, den Sheriff von Nottingham). Jetzt sollte es eine direktere Auseinandersetzung mit den Nazis werden ("Der Film, der eine Swastika eine Swastika nennt", versprachen die Zeitungsanzeigen). Der Autor Milton Krims wurde nach New York entsandt, um mit Blick auf ein mögliches Drehbuch den Spionageprozess zu beobachten. Im Januar 1939 erhielt Leon G. Turrou einen Vertrag als technischer Berater. Das ist jener Agent, dem das FBI heute den Schwarzen Peter zuschiebt und der damals von J. Edgar Hoover gefeuert wurde, weil er eine Artikelserie mit dem Titel "Storm over America" (so sollte auch der Film ursprünglich heißen) an die New York Post verkauft hatte. Die Serie konnte erst im Dezember 1938 und Januar 1939 erscheinen, weil das FBI im Juni eine gerichtliche Verbotsverfügung erwirkt hatte (Turrous Ghostwriter machte aus der Geschichte auch ein Buch: Nazi Spies in America).

Black Legion

Spätestens mit Turrous Verpflichtung war klar, dass der Film einen dokumentarischen Charakter haben würde - wie dokumentarisch, darüber gab es Streit mit dem Regisseur Anatole Litvak, einem über Deutschland und Frankreich nach Amerika emigrierten Russen. Drehbeginn war, nach mehreren Verzögerungen, der 1. Februar 1939. Vorher wurde Krims durch John Wexley abgelöst, weil er sich weigerte, die Geschichte melodramatischer zu machen, ein paar Nazi-Greueltaten inklusive. Wexley, Mitglied der KP, hatte mehr Verständnis für die Bedürfnisse von Hollywood. Das zeigte er auch, als er zusammen mit Bert Brecht das Drehbuch für Fritz Langs Hangmen Also Die! (1942/43) schreiben sollte (was Brecht in große Wut versetzte und zum Zerwürfnis zwischen ihm und Lang führte).

Gegen das Projekt gab es viele Widerstände. Der schon erwähnte Dr. Gyssling drohte wieder damit, in Deutschland und in befreundeten Staaten alle Filme der Mitwirkenden verbieten zu lassen. Das könnte der Grund dafür gewesen sein, dass man bei den Warner Bros. anfangs mit dem Gedanken spielte, nur völlig unbekannte Darsteller zu besetzen. Der Konsul schickte auch einen empörten Brief an die Production Code Administration (die Einrichtung zur Selbstzensur der Industrie), wo er immer mit viel Verständnis rechnen konnte, weil der Chef, der katholische Fundamentalist Joe Breen, ein ziemlich widerlicher Antisemit war und eine Personalpolitik betrieb, die einen auch nicht für ihn einnimmt.

Die PCA-Akten werden inzwischen in der Bibliothek der Academy of Motion Picture Arts and Sciences aufbewahrt. Dort findet sich das Schreiben eines Managers der Auslandsabteilung der Paramount in New York, Luigi Luraschi, der das Projekt als "schweren Fehler" bezeichnet (10.12.1938). Als positives Gegenbeispiel führt Luraschi Charlie Chaplin an, der, so heißt es, darauf verzichtet habe, einen Film zu drehen, in dem er sich über Adolf Hitler lustig machen wollte, weil das zu gefährlich sei (Chaplin begann im September 1939, nach langer Vorbereitung und eine Woche nach dem deutschen Einmarsch in Polen, mit den Dreharbeiten zu The Great Dictator). Dann fährt er die ganz großen Geschütze auf. Sollten die Warner Bros. den geplanten Anti-Nazi-Film trotz allem produzieren, schreibt er, würden sie danach "das Blut von sehr vielen Juden in Deutschland an den Händen haben".

Ob Luraschi die Juden oder doch eher die eigenen Umsätze in Europa am Herzen lagen, mag dahingestellt bleiben (die Paramount war eines der drei großen Hollywoodstudios, neben der Fox und der MGM, die noch 1939 lukrative Geschäfte mit Hitlers Deutschland machten). Unterstützt wurde der Herr durch den PCA-Offiziellen Karl Lischka, der das Drehbuch begutachtete und den Film, sollte er jemals gedreht werden, vorab zu "einem der bedauernswertesten Fehler, den die Industrie je gemacht hat" erklärte. "Sind wir bereit", fragte er (22.1.1939), "den angenehmen und profitablen Kurs der Unterhaltung zu verlassen, und uns stattdessen mit Propaganda zu beschäftigen und Leinwandporträts zu produzieren, die Kontroversen hervorrufen, Konflikte, rassische, religiöse und nationalistische Antagonismen, ja sogar den unumwundenen und schrecklichen Menschenhass?"

Da finanzielle Argumente nichts bewirkt hatten, versuchten Breen und seine Leute, den Film wegen Verstößen gegen Punkt X ("Nationale Gefühle") des Production Code zu verhindern: "Die Geschichte, Institutionen, prominenten Personen und Bürger anderer Nationen sollen auf faire Weise dargestellt werden." Das, so Lischka, sei hier nicht der Fall, denn:

Hitler nur als einen brüllenden Irren und als einen blutrünstigen Verfolger zu zeigen, und als nichts anderes, ist eindeutig unfair, wenn man seine phänomenale öffentliche Karriere berücksichtigt, seine unbestrittenen politischen und gesellschaftlichen Leistungen und seine Stellung als Oberhaupt der wichtigsten Macht auf dem europäischen Kontinent.

Das ist wieder ein schönes Beispiel dafür, wie unfreiwillig komisch solche Zensurakten oft sind. Man fragt sich dann immer, was das eigentlich für Leute sind, die da über Filme zu befinden haben (ein durchaus aktuelles Problem). Wenn man Herrn Lischka beim Wort nimmt, heißt das, dass man Hitler sehr wohl als irren, wild herumbrüllenden Massenmörder zeigen durfte, solange die Ausgewogenheit gewahrt wurde, er also auch beim Eröffnen der Autobahn oder als Staatsmann zu sehen war (vielleicht so wie bei Chaplin, wo er Mussolini vom Bahnhof abholt). Ende Januar 1939 genehmigte Breen widerwillig das Drehbuch. In einem allerdings blieb er hart: die Judenverfolgung durfte nicht direkt angesprochen und nicht gezeigt werden. Litvaks und Wexleys Nazi-Greuel wurden gestrichen.

Hin- und hergerissen waren die deutschsprachigen, oft durch einen starken Akzent gehandicapten Schauspieler in Hollywood, die dringend Arbeit brauchten und selten eine fanden. Einer Pressegeschichte zufolge sollen sich mehr als 150 von ihnen gleich nach Bekanntwerden des Projekts beim Besetzungsbüro der Warners gemeldet haben. Dem stehen andere Berichte gegenüber, nach denen Litvak nach New York reiste, weil es so schwer war, geeignete Darsteller zu engagieren. Für Hauptrollen genannt wurden Marlene Dietrich und Anna Sten, die beide abgesagt haben sollen, um ihre Angehörigen in Deutschland nicht zu gefährden, aber das ist nicht belegt.

Sicher ist, dass einige der Schauspieler so stark geschminkt vor der Kamera standen, dass man sie nicht mehr erkennen konnte oder dass sie unter falschem Namen auftraten, um ihre wahre Identität zu verbergen. Bei einigen kleinen Rollen weiß man bis heute nicht genau, wer sie gespielt hat. Mich erinnert das an die Menschen aus arabischen Diktaturen, die jetzt vermummt Fernsehinterviews geben, um ihre Verwandten in der Heimat nicht in Gefahr zu bringen. Vielleicht sollte sich die Bundesregierung in einem ruhigen Moment mit diesem Film und seiner Produktionsgeschichte vertraut machen, um anschließend, wegen der historischen Verantwortung, ihre schäbige Flüchtlingspolitik und ihren Umgang mit Gewaltherrschern zu überdenken.

Confessions of a Nazi Spy

Im fertigen Film gibt es eine alte Dame, die auf dem Passagierschiff Bismarck (statt Europa) von einem Besuch in der Lüneburger Heide zurückkehrt und der Friseuse Hilda erzählt, wie traurig die Reise war. Da, wo früher die Schafe weideten, stünde jetzt eine SS-Baracke, der Pastor sei ins KZ verschleppt worden, alle hätten Angst. Die Dame merkt zu spät, dass die Friseuse eine Nazi ist. Da hat sie bereits treuherzig berichtet, dass sie noch Verwandte in der Heide hat. Hilda gibt das sofort weiter. Auch heute noch ist das sehr beklemmend.

Mata Hari des Führers

Das Projekt war so heikel, dass es unter bestmöglicher Geheimhaltung vorangetrieben wurde. Der zweiten Fassung des Drehbuchs, die Ende Dezember 1938 bei der PCA eingereicht wurde, lag die schriftliche Bitte bei (24.12.), es "gut unter Verschluss zu halten, wenn Sie es nicht gerade lesen, weil der German-American Bund, der deutsche Konsul und alle Kräfte dieser Art verzweifelt versuchen, eine Kopie davon zu bekommen." Von dem Skript, das die PCA schließlich genehmigte, wurden nur zehn Kopien angefertigt (üblich bei einem Film dieser Größenordnung waren 150). Die meisten Darsteller erhielten abends ihren Text für den nächsten Tag. Francis Lederer, einer von den Spionen, hat erzählt, dass er das Drehbuch nur in einem abgeschlossenen Büro auf dem Studiogelände lesen durfte.

Die Warner-Brüder waren Antifaschisten, aber Studiobosse waren sie natürlich auch, und damit nicht ganz so selbstlos, wie man glauben könnte (für Jack gilt das mehr als für Harry, der oft durch Europa reiste, um das Vertriebsnetz der Firma auszubauen und dabei viele Dinge mitbekam, die ihn erschreckten). Inside Nazi Germany, ein Enthüllungsbericht der dokumentarischen March of Time-Reihe (mit nachgestellten Szenen und Bund-Führer Fritz Kuhn als er selbst), war 1938 ein Publikumshit gewesen (geschätzte 25 Millionen Zuschauer) und ließ hoffen, dass auch mit einem Spielfilm richtig Geld zu verdienen sein könnte. Jack Warner verglich Confessions of a Nazi Spy mit dem Gangsterfilm The Public Enemy (1931, mit James Cagney), einem der größten Erfolge seines Studios, an den er anknüpfen wollte. Möglicherweise war das der Grund, warum die Rolle des FBI-Ermittlers an Edward G. Robinson ging, neben Cagney der wichtigste Gangsterdarsteller der Depressionszeit. (Beide, Cagney wie Robinson, hatten auf Polizist umgeschult, als der sozialkritische Gangsterfilm ins Visier der Zensoren geriet.)

Fritz Kuhn (Links: Im "Bund"-Hauptquartier in New York)

Robinson, ein Mitglied der Hollywood Anti-Nazi League, sagte in Interviews, er habe seine ganze Star-Power aufgeboten, um den Film durchzusetzen, was vielleicht so gewesen ist. Litvak jedoch behauptete seinerseits, er habe die Idee zum Film gehabt, und das gesamte Projekt habe von Anfang bis Ende allein in seiner Verantwortung gestanden. Wenn man berücksichtigt, wie Hollywood organisiert war, wird man trotzdem zu dem Schluss kommen, dass Harry und Jack Warner dafür sorgten, dass der Film gedreht werden konnte. Robinson würde seine Aussagen noch bedauern, weil sie der Ausschuss für unamerikanische Aktivitäten gerne gegen ihn verwendete, als dieser sich in ein Instrument zur Verfolgung mutmaßlicher Kommunisten verwandelte. Wer nach dem Kriegseintritt der USA ein Nazi-Feind gewesen war, galt später, im Kalten Krieg zwischen West und Ost, als Patriot; wer schon vorher gegen Hitler gewesen war, geriet wegen dieses "verfrühten Antifaschismus" (premature anti-fascism) rasch in Verdacht, ein Agent Moskaus zu sein - und wenn er Pech hatte, auf die schwarze Liste der Hexenjäger.

Edward G. Robinson in "Confessions of a Nazi Spy"

Drehbeginn war am 1. Februar 1939. Uniformierte Wachmänner sicherten das Atelier ab, wer nicht direkt am Film beteiligt war, hatte keinen Zutritt, ein Teil der Mitwirkenden übernachtete auf dem Studiogelände. Einige der Exilschauspieler sowie Robinson nebst Familie sollen von Unbekannten bedroht worden, Litvak bei einem Sabotageakt fast von einer Kamera erschlagen worden sein. Weil diese Geschichten von branchennahen, von Presseagenten mit Informationen gefütterten Blättern wie dem Hollywood Reporter verbreitet wurden, ist schwer zu entscheiden, was davon auf Tatsachen beruhte und was zu Werbezwecken inszeniert oder frei erfunden wurde.

Fest steht, dass Hitler am 30. Januar 1939 im Reichstag gegen Hollywood wetterte, das nun dabei sei, "antinazistische das heißt antideutsche Filme" zu drehen (gemeint war Confessions). Am 5. Juni 1939 legte die Reichsregierung formell Protest gegen "die Vergiftung der deutsch-amerikanischen Beziehungen" ein. Fritz Kuhn, der Führer des German-American Bund, unternahm bis Oktober 1940 mehrere erfolglose Anläufe, die Warner Bros., Litvak, Krims, Wexley und Turrou auf fünf Millionen Dollar Schadensersatz wegen Diffamierung seines Nazivereins zu verklagen und den Film wegen übler Nachrede aus dem Verkehr ziehen zu lassen. Er soll schließlich aufgegeben haben, weil er wegen der ihm zur Last gelegten Veruntreuung von Bund-Geldern andere Probleme hatte. Mit einem Teil der zweckentfremdeten 14 000 Dollar hatte er Rechnungen für seine Geliebte Virginia Cogswell bezahlt. Im Dezember 1940 bezog er eine Zelle in Sing Sing.

Sehr interessant ist eine gutaussehende Dame namens Katherine (Kay) Moog, die in Manhattan ein Pflegeheim leitete und die Geliebte von Dr. Griebl war. Sie reichte im Juli 1939 Klage ein und forderte 75 000 Dollar Entschädigung, weil sie sich in der von Lya Lys (das junge Mädchen in Buñuels L'age d'or) gespielten Erika Wolf auf rufschädigende Weise porträtiert fühlte. Daran ist bemerkenswert, dass in den ersten Drehbuchentwürfen die echten Namen verwendet wurden und das ursprünglich auch im Film so sein sollte. Einzige Ausnahme: Kay Moog, die immer "Erika Wolf" hieß. Das dürfte damit zusammenhängen, dass die schöne Kay viele Leute in hohen Positionen kannte (auf einige davon war sie höchstwahrscheinlich von Griebl bzw. vom deutschen Geheimdienst angesetzt worden) und man sich auf Seiten der Warner Bros. keine zusätzlichen Probleme einhandeln wollte. Auch den Behörden war vermutlich nicht daran gelegen, hochrangige Persönlichkeiten in die Sache hineinzuziehen.

Wenn man die damaligen Presseberichte liest, gewinnt man den Eindruck, dass Gerüchte über ein geplantes oder tatsächliches Liebesnest im Umlauf waren, in dem Geheimnisträger abgeschöpft werden sollten. Weil aber nur Johanna Hofmann angeklagt wurde ("Hoffman" auf dem Verbrecherphoto des FBI, das sich auch nie zwischen "Ignatz Greibl", "Igantz Griebl" und "Ignatz Griebl" entscheiden konnte), die Friseuse von der Europa (im Film: Hilda Kleinhauer), stand sie plötzlich als die Mata Hari des Spionagerings da. Als Liebesagentin war sie nicht nur deshalb ganz ungeeignet, weil sie meistens auf dem Schiff unterwegs war (sinnvollerweise arbeitete sie als Kurierin). Johanna Hofmann war laut Time "a plump German fräulein", das bei den Nazis die Funktion einer Verführerin bekleidet habe, wofür sie von der Natur aber nicht entsprechend ausgestattet worden sei. Den Spionagefall ließ das noch lächerlicher erscheinen. Kay Moog sagte als Zeugin aus und erzählte von ihrer Deutschlandreise mit Dr. Griebl, bei der sie einigen Roosevelt-Bewunderern im Reichskriegsministerium begegnet sei. Mit diesen Herren sei darüber gesprochen worden, ob sie nicht in Washington eine Villa mieten könne, um dort Offizieren und Politikern von den Segnungen des Nationalsozialismus zu berichten.

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