Die kulturelle Unterscheidung

16.07.2011

Interview mit dem Philosophen Wolfgang Fritz Haug über sein Buch sowie Kunst und Kultur zwischen Kommerzialisierung und politischer Überformung

Entgegen den allgemein gegenwärtigen und praktizierten Vorstellungen ist Kultur keine Wohlfühl-Insel für sie seelische Wellness, sondern ein von mehreren Parteien hart umkämpftes Feld, deren Deutungsebenen zunehmend ideologisch überlagert werden, deren künstlerische Tiefenschichten gleichwohl als Teil des Projekts der Humanisierung des Menschen rekonstruierbar sind. Mit Hilfe von Brecht und Gramsci und unter Bezugnahme auf Bourdieu und die Cultural-Studies unternimmt der emeritierte Philosophieprofessor Wolfgang Fritz Haug mit seinem Buch Die kulturelle Unterscheidung den Versuch, das Terrain semantisch zu sondern, mit den Widersprüchen die progressiven Seiten der Kunst freizulegen und auch Produkte der Jugend- und Pop-Kultur als gesellschaftliche Hieroglyphen zu lesen.

Herr Haug, bei vielen Ihrer Ausführungen zur Kultur hat man den Eindruck, dass Antonio Gramsci und Bertolt Brecht Pate gestanden haben ...

Wolfgang Fritz Haug: Ja, was das Denken des 20. Jahrhunderts betrifft, verdanke ich diesem ungleichen Paar vermutlich die wichtigsten Impulse. Brecht und Gramsci, der Stückeschreiber aus Augsburg und der Gründungsvorsitzende der Kommunistischen Partei Italiens wussten voneinander nichts. Was sie dennoch wie auf Verabredung verbindet, ist ein Doppeltes: beide orientierten ihr jeweiliges Wirken philosophisch, der Politiker nicht weniger als der Dichter, und beide fanden ihren Weg über Marx. Beide gehen von den marxschen Feuerbach-Thesen aus und entwickeln Elemente einer Philosophie der Praxis. Ich bin überzeugt, dass nur eine solche Philosophie geeignet ist, der Besonderheit des Kulturellen gerecht zu werden.

Ein Kapitel meines Buches befasst sich mit Gramscis "Politik des Kulturellen" als Quelle von kultureller Hegemonie. Der dort aufgenommene Gedanke ist mir so wichtig, dass ich eine zeitlang schwankte, daraus den Buchtitel zu machen. Ich entschied mich schließlich für den Titel Die kulturelle Unterscheidung, weil eine der im Buch verfolgten Absichten darauf aus ist, nicht nur der Kommerzialisierung, sondern auch der bei uns Linken häufig anzutreffenden Überpolitisierung der Kultur den Boden streitig zu machen.

Was ist für Sie Kultur und was ist mit der "kulturellen Unterscheidung" gemeint?

Wolfgang Fritz Haug: Das Wort "Kultur" ist so vertraut wie undurchsichtig. Jeder glaubt zu wissen, was es meint. Doch wenn ich Wittgensteins Satz befolge, die Bedeutung eines Wortes sei sein Gebrauch, dann stoße ich auf Kraut und Rüben. Die DDR unterhielt in Leipzig eine "Kulturwarenfabrik", ihr Finanzministerium verstand unter "Kulturwaren" Weihnachtsbaumschmuck, Feuerwerkskörper, Scherzartikel und dergleichen.

Der bundesdeutsche Staat vermeidet diese makabre Komik dadurch, dass zum kulturellen Inhalt schweigt und Kulturwaren in §12 des Umsatzsteuergesetzes kurzerhand als Güter bestimmt, für die der ermäßigte Mehrwertsteuersatz von 7 Prozent gilt. Die Kommunen nennen es Kulturpolitik, wenn sie in Einkaufsstraßen Blumenkübel aufstellen. Und dann ist da natürlich die Oper, in der Hamburg mit Sidney rivalisiert und die zum Standortfaktor "Kultur" rechnet, während sich, wie Rolf Lindner spottet, gewisse Kulturforscher kaum retten können vor Talkshow-Einladungen zu Themen, die von "Osterhasen über urban legends bis hin zu den neuesten Stämmen der Postmoderne reichen". Und dann ist "Kultur" natürlich das, was nicht Natur ist und was uns "über das Tier erhebt".

Kritische Bezugnahme auf Pierre Bourdieu

Dieses Sammelsurium erinnert an das große Durcheinander zwischen Kyffhäuser und Kaufhäuser von Karl Kraus. Jeder spürt, dass mit dem Wort Kultur etwas "Wertvolles" gemeint ist. Aber jeder wertet anders und auch anderes. Die "Gebildeten" neigen zu der Meinung, nur sie hätten Kultur und die große Masse nicht oder sei jedenfalls unkultiviert.

Dann spielt Ihr Buchtitel Die kulturelle Unterscheidung auf Pierre Bourdieus Buch Die feinen Unterschiede an?

Wolfgang Fritz Haug: Ja, nur mit dem Unterschied, dass Bourdieu als Distinction einen ziemlich barbarischen Kulturgebrauch treffend beschreibt, während ich mit der "kulturellen Unterscheidung" gerade das meine, was es aus diesem barbarischen Gebrauch zurückzugewinnen gilt: kein Besser-Sein-als-andere, sondern eher jenes Besser-Werden als "zweiter Genesis des Menschen, die sein ganzes Leben durchgeht", in dem Herder das Wesen des Kulturprozesses gesehen hat.

In meinem Buch widme ich Bourdieus verdienstvoller Untersuchung einen eigenen Abschnitt. Am Umgang mit sogenannten "Kulturgütern" interessiert ihn vor allem deren Instrumentalisierung in der gesellschaftlichen Geltungs- und Karrierekonkurrenz. Er führt vor, wie im Gegensatz gebildet versus ungebildet der gesellschaftliche Klassengegensatz zugleich verschleiert und legitimiert wird. Kunst und Bildung, die sich spontan als Definitionsanker für Kultur anbieten, sind Klassenfragen, übrigens auch Geschlechtsfragen und Altersfragen. Das Patriarchat, der Reichtum, der Staat halten sie in Besitz. Schließlich übernimmt der Kommerz. Ich will auf eine Ebene, wo das Kulturelle Gattungseigentum ist.

Bourdieus Kritik an diesem Kult mit der "gehobenen Kultur" hat dann wohl auch zu dem Fehlschluss beigetragen, eine "demokratische" Kulturauffassung dürfe keine wertende Unterscheidung treffen. Inzwischen fassen viele Kulturwissenschaftler einfach alles, was in einer Gesellschaft vorkommt, unter "Kultur" zusammen.

In dieses Durcheinander breche ich mit der Frage ein: Was ist eigentlich kulturell an der Kultur? Wenn man nicht kulturmissionarisch an die Frage herangehen möchte, bleibt einem kaum etwas anderes übrig, als an die unscheinbare Quelle im Alltag zurückzugehen, wo alle Menschen — wenigstens spurenweise — fortwährend einen Unterschied zugunsten dessen machen, worin sie nicht Instrument fremder Interessen, sondern selbst Zweck sind. Die Wertung gehört da zur Sache selbst.

Man muss sie nicht herantragen, sondern aufspüren und ihr Schicksal im Clinch mit Kommerz, Ideologie und den alltäglichen Notwendigkeiten und Niederlagen ausleuchten. Dazu braucht es einen wachen Sinn für die widerständigen Momente, aber auch für die Widersprüche, in denen sie standhalten müssen.

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