Irregularitäten in Abbottabad

12.07.2011

Pakistan: Die CIA führte am Aufenthaltsort Bin Ladens eine größere Impfakation durch

Abbottabad ist gar nicht so leicht auszusprechen, worauf ein Mann mit einiger Gefühlsregung und Nachdruck hinweist. Sogar Pakistanern dürfte es derzeit schwerfallen, den Namen des Ortes ohne Erregung auszusprechen.

Besonders wenn sie patriotisch sind und auf jeden Fall, wenn sie für den Geheimdienst ISI arbeiten oder für die Armee tätig sind. Der Name des Ortes ist zu einer Art Trauma geworden: Wie konnten Militärs der USA im Herzen Pakistans - Abbottabad liegt nur einige Kilometer von der Hauptstadt entfernt - derart dreist und frei agieren, als ob es sich um ein Trainingsgelände für die Navy Seals handelte? Wer hat das erlaubt?

Was sich aktuell aus Informationen der britischen Zeitung Guardian ergibt, waren die Tätigkeiten der CIA in Abbottabad von einem größeren Ausmaß und größerer Reichweite als geahnt. In der direkten Nachbarschaft einer Militärschule und pensionierten Offizieren der pakistanischen Armee soll die CIA eine größere Impfaktion in Abbottabad durchgeführt haben, um an die DNA von Osama Bin Laden zu gelangen. Dazu beschäftigten die Amerikaner einen mittlerweile verhafteten pakistanischen Arzt.

Da sich die Tür zum mutmaßlichen Refugium Bin Ladens für Fremde nur öffnete, wenn es medizinische Gründe dafür gab, setzte die CIA darauf, dass eine Krankenschwester ins Haus durfte, um mit einigem Geschick die Spritze, welche die Bewohnern gegen Hepathitis-B impfen sollte, so handhaben, dass sich danach Spuren der DNA eines der Bin Laden-Kinder in ihr finden würden.

Weil die Amerikaner laut Zeitungsbericht über die DNA-Probe einer Schwester Bin Ladens, die 2010 in Boston verstarb, verfügten, hoffte man darauf, dass ein Vergleich mit großer Sicherheit bestätigen würde, dass es sich bei den Bewohnern des Hauses in Abbottabad um die Familie Bin Laden handelt. Laut New York Times klappte der Schachzug trotz sorgfältiger und weiträumiger Vorbereitungen - tatsächlich wurde in der ärmeren Nachbarschaft eine Schutzimpfung durchgeführt - nicht:

The American official said that the doctor managed to temporarily gain access to the compound, but that he never saw Bin Laden and was not successful in getting DNA samples from any Bin Laden family members.

Der vom CIA angeheuerte Arzt befindet sich seither in Gewahrsam des ISI und pakistanische Offizielle fragen sich, wie es möglich war, eine derartige Sache durchzuführen:

The whole thing was totally irregular. Bilal Town (so der Name des Viertels, in dem das Haus der Bin Ladens steht, Anm. d.A.) is a well-to-do area. Why would you choose that place to give free vaccines? And what is the official surgeon of Khyber doing working in Abbottabad?

Die Geheimdienstaktion hätte also nach normalen Kriterien der Wirklichkeitswahrnehmung auffallen müssen. Dass die CIA hier eigenmächtig auf dem Terrain des pakistanischen Geheimdientes arbeitete, spricht allem Hohn, was als gute Zusammenarbeit zwischen ISI und CIA vorher gepriesen wurde.

Dass die normalen Kriterien der Wirklichkeitswahrnehmung auf irreguläre Weise ausgeschaltet waren, könnte man auch für den jahrelangen unentdeckten Aufenthalt Bin Ladens an diesem Ort geltend machen. Den Verdacht, dass der Aufenthalt bestimmten pakistanischen Kreisen sehr wohl bekannt war, äußerten US-Vertreter sehr rasch, dem folgten einige Enthüllungsberichte in amerikanischen Medien, insbesondere in der New York Times, die auf einen "tiefen Staat" in Pakistan schließen lassen. Auf ein kompliziertes Netz von Verbindungen zwischen verschiedenen militanten Gruppen, dem Geheimdienst ISI und auch der Armee, die mutmaßlich unabhängig, möglicherweise ohne genaue Kenntnis der Regierung agieren. Dazu kommen regionale Unterschiede der Maßstäbe im Kampf gegen den Terror: ob eine Gruppe von Islamisten als radikal und möglicherweise terroristisch wahrgenommen wird, hängt auch von regionalen Eigenheiten ab.

Auffallend ist, dass die pakistanische Staatsspitze, der Präsident und der Ministerpräsident, keine entscheidende Kommentare dazu abgibt, sie werden öffentlich meist nur indirekt über Sprecher vermittelt. Der Schluss, dass sich die Führung Pakistans in einem Hinterzimmer-Machtkampf befindet, liegt nahe. Und hier wollen die USA offensichtlich die richtigen Knöpfe bedienen.

Ziel der jüngsten Bekanntmachungen ist die offensichtlich die Armeeführung, so etwa bei der weithin bekannt gemachten Kürzung der Geldströme aus Washington. Sie trifft hauptsächlich die Armee. Ein größerer Bestandteil der Summe, 300 Millionen Dollar von 800 Millionen, war ohnehin zur Streichung gedacht, lässt man gerade aus Pakistan verlauten. Man habe in beiderseitigen Treffen, die im April stattfanden, vereinbart, dass die USA Militärausbilder samt ihrem "Equipment" abziehen müssten (Pakistan will weniger CIA, Drohnen und amerikanische Soldaten). So bleibt die pakistanische Armee Hauptadressat der "Sanktion", sie soll auf Linie bleiben.

Aus pakistanischen Armeekreisen hatte es kürzlich geheißen, dass man den USA den Zugang zu Militärbasen, die sie zum Abschuss der Drohnen aus Pakistan benötigen, sperren wolle.

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