"Schlimmste Hungerkatastrophe der Welt" am Horn von Afrika

12.07.2011

Selbst die Islamistengruppe al-Shabaab bittet auch nichtislamische Hilfsorganisationen um Unterstützung, denen bislang aber das nötige Geld fehlt, um den 10 Millionen Menschen helfen zu können

Vor einer Woche warnte auch noch das Famine Early Warning Systems Network (FEWS-Net), dass die bereits seit letztem Herbst, als die Regenfälle ausfielen, anhaltende Dürre in Somalia bald in eine Hungerkatastrophe münden werde. In manchen Gebieten hat es schon seit drei Jahren viel zu wenig geregnet. Somalia gilt auch hier ebenso wie das südöstliche Äthiopien und das nordöstliche Kenia bereits als Notgebiet. Die Situation verschärfen im "failed state" Somalia die Kämpfe im Land, dazu kommen steigende Lebensmittelpreise und fehlende Hilfe von außen. Mehr als 7 Millionen Menschen sind dringend auf Hilfe angewiesen, es sei gegenwärtig die die schlimmste Hungerkatastrophe auf der Welt, so FEWS-Net.

Die von der Dürre betroffene Region am Horn von Afrika. Bild: Nasa

Das Amt für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) der Vereinten Nationen geht von 10 Millionen Menschen aus, die vom Hunger bedroht sind. Man stecke schon mitten in der humanitären Katastrophe, sagte ein OCHA-Mitarbeiter Ende Juni, es handele sich um die schlimmste Dürre seit 1950. Wer kann, verlässt die Dürregebiete, die es vor allem in den von der islamistischen al-Shabab kontrollierten Gebieten Süd- und Zentralsomalia gibt, flüchtet in die Hauptstadt Mogadischu, wo mitunter auch die Regierungssoldaten gegeneinander kämpfen, oder nach Äthiopien, wo aber auch mehr als 4 Millionen Menschen vom Hunger bedroht sind. Schon Ende Juni stieg die Zahl der Flüchtlinge aus Somalia in die äthiopischen Lager von 5.000 monatlich auf 30.000 allein in der ersten Hälfte des vergangenen Monats. Jetzt kommen täglich 1.700 Somalier. Bereits täglich 3000 Flüchtlinge aus Somalia, 80 Prozent Frauen und Kinder, kommen alleine in das Lager Dadaab in Nordkenia, in dem sich jetzt mehr als 380.000 Menschen, eine Großstadt also, aufhalten. Geplant war das Flüchtlingslager eigentlich für 90.000 Menschen.

Nach UNHCR ist ein Viertel der Somalier auf der Flucht oder vertrieben. Die Menschen, die in den Flüchtlingslagern in Kenia und Äthiopien ankommen, seien erschreckend unterernährt: "Mehr als 50 Prozent der somalischen Kindern, die in Äthiopien ankommen, sind ernsthaft unterernährt, während die Quote bei Flüchtlingen, die in Kenia ankommen, geringer ist, aber ebenfalls besorgniserregend: Zwischen 30 und 40 Prozent. " Viele, vor allem Kinder, sterben während der Flucht oder aus Entkräftung kurz nach Ankunft.

Selbst al-Shabaab, die lange Hilfslieferungen blockierte, erklärte nun, dass alle, auch nichtislamische Hilfsorganisationen willkommen seien. Sheikh Hassan Dahir Aweys, einer der Führer der Organisation, der zuvor an der Spitze der aufgelösten Hizbul Islam stand, kritisierte scharf die arabischen Länder, die ihre Hilfe eingestellt hätten. Lokale Medien berichten, dass al-Shabaab-Kämpfer Brunnen in einem Distrikt von Hiran in Beschlag genommen hätten und der unter Wassermangel leidenden Bevölkerung den Zugang zu ihnen verwehren würden. Am Samstag haben al-Shabaab-Kämpfer im Süden Menschen gehindert, über die Grenze nach Kenia zu fliehen. Irin zitiert einen Mitarbeiter einer Hilfsorganisation in Mogadischu, der wenig Vertrauen in al-Shabaab hat: "Einerseits sagen sie, Hilfsorganisationen seien willkommen, andererseits hindern sie verzweifelte Menschen daran, die Gebiete, die sie kontrollieren, zu verlassen, um Hilfe zu finden."

Ausgetrocknetes Wasserloch in Bondo, Nyanza-Provinz, Kenia. Bild: Kenneth Odiwour/IRIN

Die Welternährungsorganisation FAO, das Welternährungsprogramm WFP und Oxfam fordern die Weltgemeinschaft dringend zur Hilfe auf. Anders als bei Katastrophen, die schnell geschehen und dramatische Bilder liefern, würden lange sich hinziehende Krisen wie die Dürre am Horn von Afrika kaum Beachtung finden, obwohl hier Millionen von Menschen hungern und zu wenig Trinkwasser haben. Man hätte schon letztes Jahr handeln müssen, um eine schlimme Katastrophe zu vermeiden. Die internationale Gemeinschaft müsse dringend "alle politischen, moralischen und finanziellen Mittel" ergreifen, um die Menschen kurzfristig mit Lebensmitteln zu versorgen, aber auch langfristig den Kleinbauern zu helfen, die Infrastruktur zu verbessern, die Gebiete zu unterstützen, sich an den Klimawandel anzupassen, und die sozialen und politischen Konflikte zu lösen.

Das WFP geht davon aus, dass bis zum Ende des Jahres fast 500 Millionen US-Dollar für Somalia an Hilfsgeldern benötigt würden, um die Hungerkatastrophe zu mildern. Ralf Südhoff, der WFP-Sprecher in Deutschland, sagte, dass mehr als 40 Prozent der Hilfsgelder fehlen. Das WFP versorgt gegenwärtig 6 Millionen Menschen in Somalia, Äthiopien, Kenia, Dschibuti und Ostuganda mit Lebensmitteln. Erwartet wird, dass 10 Millionen Menschen in der Region Hilfe benötigen werden. Aufgrund der fehlenden Gelder kommt es aber schon jetzt zu Engpässen, wie Südhoff dem Deutschlandradio erklärte: "Im Moment ist die Situation, dass wir schon bei den Menschen, die wir bisher unterstützen mussten in Äthiopien, sogar die Rationen kürzen müssen, also wir müssen schlichtweg Menschen sagen, wir können euch nicht mal diese 2000 Kilokalorien geben, die nötige Portion Reis, den nötigen Mais, damit ihr halbwegs satt werdet und dabei noch gesund bleiben könnt, sondern wir müssen die Rationen halbieren."

Die internationale Hilfsorganisation CARE hat einen Spendenaufruf gestartet. Benötigt würden 17,5 Millionen Euro, um zumindest einem Teil der Menschen in Äthiopien, Somalia und Kenia zu helfen. 1,8 Millionen Menschen sollen mit Lebensmitteln, Wasser und Hilfsgütern unterstützt werden, jetzt schon würde Hilfe für eine Million Menschen geleistet. In Deutschland arbeitet CARE mit der Aktion Deutschland Hilft zusammen. Die deutsche Regierung spendet für das Flüchtlingslager Dadaab eine Million Euro, wie Regierungssprecher Seibert twitterte. Angesichts der Milliarden, mit denen Banken gerettet und der Euro gestützt werden, ist das nicht sonderlich großzügig.

Aktion Deutschland Hilft e.V.
Spendenkonto: 10 20 30
Bank für Sozialwirtschaft, Köln
BLZ 370 205 00
Verwendungszweck: Hunger in Ostafrika
Spenden aus dem Ausland:
IBAN DE29370205000008322501
BIC: BFSWDE33XXX

Spenden kann auch beim WFP: The UN World Food Programme - Online Spende Deutschland Maecenata Stiftung, Kontonr. 133853501, BLZ 200 303 00

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