Stundenlanges Telefonieren macht arm und krank

22.07.2011

Die Call-Center-Branche boomt - nicht zuletzt aufgrund besonders schlechter Arbeitsbedingungen

Für die etwa 100.000 Call-Center-Agenten in Deutschland soll es auch weiterhin keinen gesetzlich verbindlichen Mindestlohn geben. So zumindest hat es der Hauptausschuss für Mindestarbeitsentgelte beim Bundesamt für Arbeit und Soziales (BMAS) Anfang Juli entschieden. Als Begründung für den Beschluss nannte der Ausschussvorsitzenden Klaus von Dohnanyi (SPD) den Umstand, dass in der Branche keine "sozialen Verwerfungen" vorlägen.

Für die Gewerkschaft DBB Tarifunion ist diese Feststellung schlicht ein Unding. In der DBB Tarifunion haben sich etwa 1,25 Mio. Mitglieder organisiert. In erster Linie vertritt die Gewerkschaft die Interessen von Beamten und Angestellten des öffentlichen Dienstes. Daneben ist die DBB Tarifunion unter anderem auch in Call-Center vertreten.

Im Zuge dessen hat die Gewerkschaft im November 2009 einen entsprechenden Antrag auf Festlegung eines Mindestlohnes beim BMAS eingereicht. Der Sprecher der DBB Tarifunion, Maik Brandenburger, sagt:

Wenn in manchen Call-Center bei 40 Stunden die Woche nur 1.000 Euro Brutto bezahlt und nur die gesetzlichen 20 Urlaubstage gegeben werden, kann nicht mehr davon besprochen werden, dass keine sozialen Verwerfungen vorliegen.

Die Forderung der DBB Tarifunion nach einem Mindestlohn ist angesichts solch schlechter Arbeitsbedingungen daher nicht überzogen. 9,50 Euro sollte nach dem Willen der Gewerkschaft künftig für jeden Call-Center-Agenten in der Stunde bezahlt werden. Die einstimmige Ablehnung eines Mindestlohns durch den Hauptausschuss ist einigermaßen erstaunlich. Sitzen in diesem Gremium doch auch Vertreter der Gewerkschaften. Es stellt sich daher die Frage, wie die Vertreter der Arbeitnehmer zu ihrer Entscheidung gelangt sind?

Anders lösen

Aus DGB-Kreisen war zu hören, dass der Gewerkschaftsdachverband der Forderung der DBB Tarifunion nicht grundsätzlich ablehnend gegenüber stand. Vielmehr will der DGB das Problem der miserablen Arbeitsbedingungen auf eine andere Art lösen.

Grundsätzlich möchte der DGB für alle Branchen einen Tarifvertrag abschließen, um auf diesem Weg akzeptable Arbeitsbedingungen zu schaffen. Nur dort, wo es keine ausreichende Tarifbindung bei den Arbeitgebern gibt, soll ein gesetzlicher Mindestlohn festgelegt werden. Dieser soll dann jedoch - anders als unter den derzeitigen Bedingungen - nicht für jede Branche einzeln festgelegt werden. Vielmehr soll ein allgemein und für alle Branchen verbindlicher Mindestlohn von 8,5 Euro festgeschrieben werden.

Tarfivertrag?

Als weiteren Grund für die Ablehnung des Mindestlohnes durch den DGB wird in der Presse jedoch noch etwas anderes angegeben. So hieß es kürzlich in der Süddeutschen Zeitung, dass der DGB die Arbeitgeber dieser Branche nicht als verhandlungsunwillige Ausbeuter ansehen würde. Denn bei einer Umfrage des Call-Center-Verbands (CCV) hätten 70% der Mitglieder angegeben, dass sie für die Einführung eines Mindestlohnes auf der Basis eines Tarifvertrages seien.

Eine Zahl, die eigentlich Mut machen sollte. Allerdings sind in dem Verband nur etwa 350 Call-Center-Betreiber organisiert. Es wird jedoch geschätzt, dass allein 2008 etwa 5.700 Call-Center in Betrieb waren. Ein nicht unbedeutender Anteil davon ist anscheinend nicht im CCV organisiert und daher wohl auch nicht an einem verbindlichen Tarifvertrag interessiert. Die Annahme des DGB, in dieser Branche einen Tarifvertrag etablieren zu können, scheint daher eher illusorisch zu sein und es stellt sich die Frage, wie der DGB zu seiner Entscheidung gelangt ist, den Mindestlohn abzulehnen?

Für die Arbeitnehmer, die in den Call-Center jeden Tag teilweise über 100 Telefonate führen müssen, ändert sich daher auch in naher Zukunft nichts. Laut einer Umfrage der DGB-Gewerkschaft Verdi ist die Stimmung unter den Kollegen im Call-Center besonders schlecht.

Bessere Arbeitsbedingungen?

Sie seien mit ihrem Job unzufrieden, wünschten sich bessere Arbeitsbedingungen und weniger Frustration. 83% der Teilnehmer der Befragung beklagten sich über "schlechte Arbeitsbedingungen". Mehr als 75% der Befragten hielten die Bezahlung für nicht angemessen. Viele Agenten müssten neben ihrem Job im Call-Center zusätzlich noch einen weiteren Job annehmen oder Hartz-IV beantragen, um über die Runden zu kommen.

Zu den angespannten finanziellen Rahmenbedingungen unter den Mitarbeitern kommt noch die gesundheitliche Belastung. Die Techniker Krankenkasse (TK) analysiert jedes Jahr die Krankenstandsdaten in unterschiedlichen Branchen. Beim TK-Gesundheitsreport 2011 kam nun heraus, dass der Krankenstand in den Call-Center mit durchschnittlich 24,2 Fehltagen gegenüber dem Bundesdurchschnitt von 12,3 Fehltagen deutlich höher liegt. Offensichtlich ist die Arbeit an den Telefonen wesentlich stressiger, als dies auf den ersten Blick scheint (siehe dazu auch Ruf mich (nicht) an!).

Angesichts dessen, dass ein Mindestlohn für die Branche nun vom Tisch ist und darüber hinaus noch ein Großteil der Betreiber von Call-Center aller Wahrscheinlichkeit nach kein Interesse an einer Tarifbindung hat, kann davon ausgegangen werden, dass auch in der Zukunft Call-Center-Agenten als billige Arbeitskräfte missbraucht werden, die - wenn sie dagegen aufbegehren - einfach durch einen anderen Billiglöhner ersetzt werden.

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