Radiodämmerungen

06.08.2011

Das Ende des Radios, wie wir es kannten

Die Ultrakurzwelle (UKW) ist in die Jahre gekommen und soll in absehbarer Zeit abgestellt werden. Wann das sein wird, ob 2014 oder 2017 oder noch später ist gegenwärtig wieder offen. Doch die Grundlagen des modernen Radios sind schon heute einem rapiden Wandel unterworfen und vielfach bedroht. Es geht um nichts weniger als um die "Gattung" Radio, wie wir sie heute hören.

Anfang der 1970er Jahre begann der öffentlich-rechtliche Hörfunk in Deutschland sich neu aufzustellen. Das junge Medium Fernsehen hatte dem Leitmedium Hörfunk die Hörer entzogen, und deshalb versuchte man in den Funkhäusern, die Stärken des Hörfunks neu zu bestimmen. Mit Bildern konnte das nur hörbare Medium nicht punkten, aber es war schnell, billig, emotional, jederzeit und überall zu empfangen. Und es lenkte noch nicht einmal von anderen Tätigkeiten ab. Das Radio des Fernsehzeitalters sollte ein Begleitmedium, ein Nebenbei-Medium werden. Ein "ganz eigenes Medium" wie Bernd-Peter Arnold einmal sagte.

Blaupunkt Röhrenradio "Florida" 1954. Bild: Eckhard Etzold. Lizenz: CC-BY-SA-2.0

Und es sollte keine zusätzlichen Gebührengelder verbrauchen. Die neu gegründeten Autofahrerwellen und Popradios Bayern 3 (1971), hr3, SWF 3 oder Südfunk 3 finanzierten sich deshalb schon in den öffentlich-rechtlichen Monopolzeiten erheblich durch Werbung. Sie setzten erstmals auf Servicethemen, Umgangssprache und anglo-amerikanische Popmusik - und nahmen den Ersten und Zweiten Programmen rasch die Hörer. Die jungen Popradios wurden für Jahre die populärsten Radioprogramme mit enormen Hörerzahlen.

Der erste große Einbruch kam für die neuen ARD-Wellen mit der Einführung des dualen Hörfunksystems 1986. Nach dem Sendestart von Radio Schleswig-Holstein (RSH) verloren die öffentlich-rechtlichen Popwellen dramatisch Hörer an die nach und nach bundesweit entstehen Privatwellen. WDR 2 hatte 1978 6,3 Millionen Hörer, 1998 waren es noch 2,8 Millionen, Bayern 3 fiel vom 5,3 Millionen auf 1,9 Millionen. Es war für die Macher ein Schock. Denn mit den Privatsendern gab es nun auch noch Konkurrenten um die auch für die Öffentlich-Rechtlichen so wichtigen Werbegelder.

Verschenkte Sendezeiten

Über Jahrzehnte hatte Werbung für den deutschen Hörfunk keine große Bedeutung und war zunächst nur für die kleinen und armen ARD-Sender eine Notwendigkeit. Der öffentlich-rechtliche Hörfunk erhielt Gebühren; er brauche, so formulierte einmal ein ehemaliger ARD-Intendant, keine Hörer, sondern Gebührenzahler. Seine Existenz war Hörer unabhängig gesichert.

Mit den Neugründungen der 1970er Jahre veränderte sich dies. Ein neues ökonomisches Modell zog in den öffentlich-rechtlichen Hörfunk ein und veränderte rapide auch dessen Programme. Denn das neue Radio verschenkte (wie auch das Fernsehen während der Werbezeiten) Teile seines Programms. Es zielte auf die Aufmerksamkeit der Hörer - und refinanzierte sich dann über Werbung, durch den Verkauf von Sendezeit. Radio wurde hier zu einem Geschäftsmodell; die Quote wurde die "Währung" für die Refinanzierung.

Auch die Einführung der neuen "Währung" begann Anfang der 1970er Jahre. "Erstmals", so kann man in der WDR-Geschichte "Am Puls der Zeit" lesen, "war die Einschaltquote der Programme ein Thema". Die Werbeindustrie brauchte Nutzungszahlen für ihre Buchungen - und die Mediaforschung lieferte sie. Mit der Einführung des Privat-funks wurden Media-Daten endgültig zur gängigen Währung zunächst der werbenden, dann aber aller UKW-Radioprogramme. Gut war, was hohe Quoten, hohe Reichweiten, große Marktanteile und lange Hördauer erreichte. Gemessen wurde zwei Mal jährlich.

Jenseits von UKW

Es war dieser Kampf um Aufmerksamkeit und Quote, der auch die Ausweitung und die Formatierung der bundesdeutschen UKW-Radiolandschaft anfeuerte. Nach den Popwellen kamen die Jugendwellen, die Info-Radios und dann folgten erste Multimediaexperimente wie die Südwestfunk-Gründung DasDing (1997). Der Hörfunk verließ seine angestammten UKW-Frequenzen.

Grundig Teddyboy. Bild: Norbert Schnitzler

Heute gibt es keine Programme mehr, die alle Hörer erreichen wollen. Die rund 50 öffentlich-rechtlichen und mehr als 200 privaten UKW-Hörfunkprogramme richten sich an begrenzte, mehr oder weniger werberelevante Zielgruppen, sind durchgehend formatiert und gegeneinander "geschärft". Der Norddeutsche Rundfunk etwa bedient die jeweiligen Teilpublika mit acht Wellen; beim Privatfunk machen dies verschiedene Anbieter; jedes Programm hat heute seine eigene Zielgruppe.

Die technische Entwicklung machte auch vor dem UKW-Hörfunk nicht halt. Bereits 1977 begann der Aufbau der Internets und schon nach der Jahrtausendwende verlor die Vorstellung von dem "ganz eigenen Medium" (Arnold) Radio an Bedeutung. Denn die neue, digitale Plattform Computer verband Wort, Bild und Ton; Zeitung, Fernsehen und Hörfunk waren auf einem Bildschirm zu empfangen. Ein neuer Abspielweg entstand: der Hörfunk ging ins Netz. 1996 war B5 aktuell als erster Sender auch in Internet und damit - in mäßiger Qualität - weltweit live zu hören; 1997 startete das "Jugend Multimedia-Projekt" DasDing schon ohne UKW-Anbindung. In Hamburg wurde 1998 das erste reine Internetangebot Cyberradio gegründet. Inzwischen soll es in Deutschland 1500 Internetradios geben; nach konservativen Schätzungen sollen es weltweit mehr als 10 000 sein. Aufmerksamkeit kann bei solcher Angebotsfülle nur noch schwer erzielt werden.

Pro Tag 1,6 Programme

Doch trotz der Fülle: Radiohören ist in Deutschland seit den 1970er Jahren vor allem eine habitualisierte, vielfach schon technisch automatisierte Nebenbeinutzung. Der Radiowecker (Radioautomatismen) leitet den Tag ein, das Autoradio sendet Musik und Meinungen sobald das Auto startet. Und die Hörer haben sich mit den lokalen und regionalen UKW-Angeboten aus Verkehrsmeldung, Service, Nachricht und Musik versöhnt. Sie nutzen durchschnittlich nur 1,6 Sender pro Tag. Wann, und wie oft, die stundenlang eingeschalteten Apparate dann die Hörer auch tatsächlich erreichen, darüber schweigt die Mediaforschung.

Grundig Sonoclock 300 Radiowecker. Bild: Norbert Schnitzler. Lizenz: CC-BY-SA-3.0

300 Millionen UKW-Empfänger

Es klingt trivial. Aber Radio ist ohne Empfangsgerät nicht hörbar, und dies macht die Radionutzung so stark von den Geräten und von der Technik abhängig. 300 Millionen UKW-Empfänger soll es heute in Deutschland geben; sie sind die eigentliche, die materiell gewordene Macht des UKW-Radios. Wirkliche Alternativen gibt es bisher nicht, rund 90 Prozent der Hörer sollen ihre Programme noch immer mit UKW-Empfängern hören. Obwohl die Hörfunkanbieter ihre Innovationsanstrengungen längst "hybrid" auf DAB-Radios (Digital Audio Broadcast), Internetradios, Handys oder Apps verlagert haben. Und obwohl Sachsen den UKW-Ausstieg schon für 2014 gesetzlich festgelegt hat. In den Sendern hofft man noch immer auf den langen Fortbestand, auf die guten Gene von UKW und auf das Begleitmedium Hörfunk wie wir es kennen. Das Medium Radio hängt im Ungewissen.

Trimedialität

Doch die digitale Technik überrollt die - nun rund vierzig Jahre alte - Vorstellung von dem "ganz eigenen Medium" Hörfunk rapide. Schon seit Jahren versucht man Wort, Bild und Ton neu zu verbinden, bi-, tri- oder gar multimedial zu werden. 2006 entstand der erste trimediale Newsroom beim Saarländischen Rundfunk, 2007 eröffnete Radio Bremen das erste, rein digitale Funkhaus; hier wird nur noch trimedial gearbeitet. "Die Veränderungen sind mit die größten, die es in der ARD je gegeben hat", sagte Intendant Glässgen zum Start. Auch die Verantwortlichkeiten wurden neu geregelt. Heute ist ein Programmdirektor für Fernsehen, Hörfunk und Online installiert - die alte Eigenständigkeit des Radios ist damit aufgehoben. Es ist ein Medium unter oder mit anderen. Notfalls auch neben anderen.

Die trimediale Arbeitsweise konzentriert sich noch auf die Themenplanung. Worüber berichtet wird, das wird nun zentral geplant - Fernsehen, Radio, Online, ein Thema. Ein Beispiel sind etwa die ARD-Themenwochen: 2011 gab es in sechs Tagen 245 Sendestunden zum Thema Der mobile Mensch im Hörfunk und mehr als 379 Sendestunden im Fernsehen. Alles abgestimmt, alles koordiniert, eine Themenwelle.

Der NDR-Reporterpool ist bei NDR Info angesiedelt, arbeitet aber mehrmedial. Gerade die Jugendradios werden ARD-weit trimedial eingebunden: "Unser Ziel", so die ARD-Vorsitzende Monika Piel, "ist eine Verknüpfung von Radio, Internet und Fernsehen." Bekannte Fernsehmoderatoren werden offenbar verstärkt im Radio tätig: Christine Westermann etwa, Bettina Tiedjen, Ulrich Wickert oder aktueller Linda Zervakis, Joko Winterscheidt und Tobi Schlegl . Das Radio setzt - auch und gerade bei den jungen Wellen - auf TV-Celebrities. Popularität ist das verbindende Medium.

Tivoli Audio Model One. Bild: Markus Schweiss. Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Und natürlich bieten sich Events besonders für die trimediale Verbreitung an. Sie können nun umfassend über viele Kanäle verbreitet und vor allem verwertet werden. Die Beispiele sind zahllos, vom Kulturpartnerfest des WDR bis zum European Song Contest 2010, wo ARD (TV) und ProSieben von den ARD-Jugendradios flankiert wurden. Fernsehnachrichten wer-den parallel auch im Radio ausgestrahlt. Die Tagesschau etwa; Oldie 95 übernimmt die 20-Uhr-Nachrichten von Hamburg 1. Unter dem Dach von Events oder von Marken werden die Medien Fernsehen, Radio und Internet verbunden und zusammengeführt.

Zugleich nehmen der Programmaustausch und die Kooperationen zwischen den Programmen inzwischen rapide zu. So wurde am 1. April 2011 - ein eher skurriles Beispiel - von 78 öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern tatsächlich ein gemeinsamer, nationaler Aprilscherz gesendet. Sie hätten damit, so die Pressemitteilung, "die Leistungsstärke ihres Mediums fulminant unter Beweis" gestellt.

Werbung

Die "Radiorevolution" der 1970er Jahre basierte vor allem auf Werbung und Mediaforschung. Die Bedürfnisse der Werbung beeinflussten - von der Radioforschung bisher sträflich vernachlässigt - die Neugründungen. Das duale Hörfunksystem erhöhte die Präsenz von Werbung im Hörfunk enorm - und inzwischen hören fast 90 Prozent der Hörer werbende Programme; wobei inzwischen auch Klassik-, Jugend- oder Infowellen Werbung senden. Radiowerbung war zudem lange Zeit außerordentlich lukrativ.

Dennoch gilt Hörfunkwerbung seit langem als Werbung zweiter Klasse. Die Bemühungen, Werbung im Hörfunk weiter auszuweiten, sind deshalb erheblich. Das Radio soll stärker als Konsumverstärker positioniert werden - fern der kulturellen oder politischen Traditionen übrigens, denen Radio seine Substanz verdankt.

Die Werbebranche, so darf angenommen werden, plant und platziert ihre Kampagnen seit langem multimedial. Dennoch markiert auch für sie das Internet einen Bruch. Hier dominieren Klicks und Hintergrundalgorithmen, nicht mehr die grobe Währung der Media-Analyse. Die Versuche, UKW- und IP-Radios doch noch auf eine gemeinsame "Währung" zu verpflichten und den UKW-Standard auszuweiten, illustrieren die Dramatik der Lage.

Das Medium Radio wird in seiner mehr als vierzigjährigen (UKW)Begleitform von vielen Seiten bedroht, seine Existenz als eigenständige, ganz eigene "Gattung" scheint auf dem Spiel zu stehen. Viele werden von den Veränderungen betroffen sein: Geräteindustrie, Radiounternehmen, Radioberater, Werbeindustrie, Musikindustrie, Kultur, Politik und nicht zuletzt die Programmmacher und die Autoren.

Und auch die Hörer werden auf Dauer nicht ungeschoren davon kommen: Denn die haben sich offenbar mit dem modernen Begleitmedium im Hintergrund arrangiert - und lassen einfach ihr "least objectionable program" (Paul Klein) laufen. Das Programm, das am wenigsten stört.

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