Acht Keile gegen den Hunger

21.07.2011

Der Experte für Marktveränderungen beim WWF stellt eine Strategie vor, die zehn Milliarden Menschen auf der Erde ernähren könnte und zugleich die Umwelt schont

"Bis dahin wird es zwei bis drei Milliarden mehr von uns geben" - was muss unternommen werden, um die rasch zunehmende Weltbevölkerung auch im Jahr 2050 noch ausreichend ernähren zu können? Jason Clay, Spezialist für internationale Landwirtschaft und Anthropologe beim World Wide Fund For Nature (WWF), glaubt an eine Strategie mit "acht Keilen", die er in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Nature vorstellt.

Unser Ziel ist es, uns vorzustellen, wie man mehr mit weniger Land, weniger Wasser und weniger Umweltverschmutzung produzieren kann, so dass wir nicht zur einzigen Spezies werden, die auf diesem Planeten lebt.

Der Senior Vice President beim WWF der Abteilung "Marktveränderungen" hat eine Vorliebe für einprägsame Formulierungen, die bei Vorträgen gut ankommen. Die Formel "Verdoppeln hier und Halbieren dort" kommt beinahe bei jedem seiner acht Strategiepunkte vor und soll mit Wucht herausstellen, welche Anstrengungen nötig sind, den Hunger wirksam zu bekämpfen. Ein bisschen erinnert das an Ziele und Kampagnen beim Thema Klimawandel.

One billion people don’t have enough food, and yet one billion people eat too much. We need to cut each of these figures in half by 2030, with the most urgent focus on those without enough to eat.

Schwerpunkt Afrika

Wie dringend und wichtig das Anliegen ist, zeigt die Hungersnot in Ostafrika, wo augenblicklich mehr als 7 Millionen Menschen auf schnelle Hilfe angewiesen sind ("Schlimmste Hungerkatastrophe der Welt" am Horn von Afrika). Afrika, wo die Entwicklungen besonders spürbar seien und gestiegene Lebensmittelpreise bereits zu Hungerrevolten geführt und politische Umwälzungen angestoßen haben, ist auch der Schwerpunkt von Clays "acht Pflöcken", an denen sich die nötige Wende in der Agrarwirtschaft orientieren soll. Clay baut dabei auf eigene Erfahrungen als Farmer und Afrikakexperte.

Er setzt auf einen intensiveren Einsatz von Gentechnik, auf eine Produktivitätssteigerung, mehr Effizienz durch den Einsatz von neueren Techniken, die Wiederherstellung von abgewirtschaftetem Ackerland, Reformen und klare Verhältnisse bei Eigentumsrechten, Vermeidung von Lebensmittelabfall, bzw. bessere Speichermöglichkeiten, die Beachtung von Gemüse- und Fruchtsorten, die bislang vernachlässigt wurden, und eine bessere Bodenbearbeitung, die für längere Feuchtigkeit sorgen könnte, sein Paradabeispiel dafür heißt Mulchen (wobei Clay offenlässt, woher das Material für weitflächiges Mulchen in Afrika kommen könnte).

Und die Politik?

Clays Vorschläge führen freilich in Felder mit politischen Schwierigkeiten, auf die der WWF-Spezialist in seinem Strategie-Papier nicht eingeht, er deutet sie nur an. Dass etwa dem IWF immer wieder vorgeworfen wird, mit Kreditvergaben desaströse Politik in Afrika gemacht zu haben, die auch die landwirtschaftliche Produktion in Mitleidenschaft gezogen hat, erinnert daran, dass manche wirtschaftlichen Interessen nicht unbedingt eine günstige Entwicklung nehmen. Daran muss man unweigerlich denken, wenn Clay den Einsatz von Gentechnik fordert, um die Produktion von den zehn Sorten Feldfrüchte, die "70 bis 80 Prozent aller Kalorien ausmachen, die verbraucht werden", bis 2050 zu verdoppeln.

Einmal davon abgesehen, ob die Produktionsvorgabe mit gentechnischen Verfahren tatsächlich zu erfüllen ist, stellen sich auf diesem Gebiet, das vor allem von Monopolisten beackert wird, die Frage, welche Abhängigkeiten hier geschaffen werden. Inwieweit sie nicht wiederum zu Verarmungseffekten führen.

Ähnliches gilt für den Punkt Produktionssteigerungen durch den besseren Einsatz von Techniken. Zwar hat Clay auch hier ein anschauliches Beispiel parat: Man habe nicht mehr die Zeit für traditionelle Wissensvermittlung in der Feldbearbeitung, die vom Großvater auf den Vater, auf den Sohn, auf den Enkel, auf dessen Sohn usf. weitergegeben wird, besser wäre es doch neues Wissen via Mobiltelephone, die in Afrika ein gut funktionierendes Informationsnetz bilden, schneller weiterzugeben. Doch weist Clay bald auch auf Rahmen hin, in dem Produktionssteigerung am effizientesten umgesetzt wird: auf den großen Feldern, die nicht von Kleinbauern bearbeitet werden, sondern von Großbetrieben, bzw. "Agrarindustriellen":

For every crop, the best producers globally are 100 times more pro­ductive than the worst.(...) The biggest challenge may be that many smallholdings in Africa are simply not economical.

Eigentumsrechte

Gleichwohl, so Clay, es sei entscheidend, bei den kleineren Farmern anzusetzen.Was die Nahrungsmittelproduktion, Einkommensteigerungen und Umweltverträglichkeit angehe, gewinne man am meisten, wenn man die Arbeit derjenigen verbessere, die bislang am schlechtesten produzieren. Dazu gehört aber neben der Vermittlung von neuen Techniken auch, dass sich die Bauern auf Eigentumsrechte verlassen können.

Der Mangel an clear property rights sei ein wesentliches Hindernis für die verlässliche Versorgung Afrikas mit Nahrungsmitteln ("food security"): Bis 2020 sollten 50 Prozent der afrikanischen Haushalte einen rechtlichen Anspruch auf das Land haben, das sie bearbeiten, so Clays Forderung. Dahinter steht das Problem, dass, nach seiner Erfahrung, die meisten Haushalte, die eine solche Kleinfelder-Wirtschaft betreiben, von Frauen geführt wird, die rechtlich nicht genügend abgesichert werden.

Das stellt, so Clay, der in diesem Punkt einmal doch politisch ist, das größeres Hindernis dar, weil die Eigentumsrechte in der Hand der Regierungen liegen. Eine Lösung sieht er darin, Entwicklungshilfe an Maßgaben zu koppeln, die eine Klärung in den Eigentumsrechten zur Bedingung machen. Dass gerade auf diesem Acker Korruption blüht und gedeiht, was Clay nicht eigens erwähnt, eröffnet hier allerdings auch Spielräume für Interessen, die nicht unbedingt auf Seiten der Kleinbauern stehen.

Süßkartoffeln, Kochbananen, Amarant-"Hirse" und Maniokknollen

Aber Clay liefert auch Vorschläge, die vielleicht nicht mit den ganz großen Widerständen zu rechnen haben, wenn er beispielsweise dazu anregt, die Produktion von Nahrungsmitteln zu steigern, die nahrhaft sind, aber vom Markt noch nicht genügend beachtet werden. Als Beispiele nennt er Süßkartoffeln, Kochbananen und Maniok-Knollen. Der Anbau könnte über Verbesserungen via Genetic mapping deutlich gesteigert werden, afrikanische Bauern seien bereit dazu: "There are plant breeders in Africa prepared to do this."

Auch die Amarant-"Hirse" zählt Clay zu den Sorten, für die Werbung in Afrika gemacht werden sollte; die genannten Nahrungsmittel müssten etwa Bestandteil des Schulessens werden, um die Bewohner daran zu gewöhnen, im traditionellen Speiseplan kämen sie kaum vor.

Auch über diesen Neuerungen steht die große Verdoppelungs- und Vereinfachungsformel Clays zur Rettung gegen den Hunger:

But every current system of food production needs to double produc­tivity per hectare. If we cannot double the genetic potential of the 10-15 main calo­rie crops, on the same amount of land, we will fail to meet rising demand.

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