Die Arbeitsagentur und Instrumente zur Statistikverschönerung

03.08.2011

Interview mit dem arbeitslosen Akademiker Lars Okkenga über sein Leben in Hartz IV

Um die Richtigkeit der Hartz IV-Reformen zu beweisen, wird auf die niedrigere Arbeitslosenquote verwiesen. Allerdings werden dort beispielsweise Arbeitslose nicht aufgeführt, die eine sogenannte "Maßnahme" besuchen müssen. Aus diesem Grunde hat sich eine mit staatlichen Geldern finanzierte eigene "Maßnahmenindustrie" entwickelt, die zwar nicht für positive Resultate auf dem ersten Arbeitsmarkt sorgt, aber in erheblichem Maße dazu beiträgt, den Propaganda-Apparat pro Hartz IV am Laufen zu halten. Denn außer, dass die Reallöhne im mittleren und unteren Bereich sinken, während der Niedriglohnsektor zunimmt und sich prekäre Arbeitsverhältnisse ausweiten, hat Hartz IV tatsächlich wenige Effekte auf dem ersten Arbeitsmarkt geriert.

Als Druckmittel auf Lohnabhängige eignen sich die Arbeitsmarkt-Reformen jedoch ausgezeichnet. Auf der Strecke bleiben als "Kollateralschäden" die Menschen, die in die Maschinerie des Hartz-IV-Betriebes geraten und am Existenzminimum ihr Dasein fristen müssen. Mit der ökonomischen ist auch eine juristische Entrechtung verbunden: Hartz IV-Bezieher sind der Willkür ihrer Sachbearbeiter ausgeliefert, werden mit der permanenten Drohung von möglichen Sanktionen (welche eine erhebliche Existenzgefährdung der Bezieher bedeuten) gefügig gehalten, sind genötigt, 1-Euro-Jobs zu akzeptieren oder und müssen ein ums andere Mal sinnlose "Maßnahmen" über sich ergehen lassen. Telepolis hat mit dem gelernten Soziologen Lars Okkenga ein Gespräch über seine Erfahrungen mit Hartz IV geführt.

Herr Okkenga, Sie haben ihr Soziologie-Studium an der FU in Berlin erfolgreich abgeschlossen, daraufhin keinen Job bekommen und mussten erst einmal Hartz IV beantragen. Von wie viel Geld müssen Sie seitdem leben und wie hat sich ihr Leben verändert?

Lars Okkenga: Seit meinem Leben als Hartz-IV- Empfänger muss ich mit 586,82 Euro monatlich auskommen. Der Betrag setzt sich folgendermaßen zusammen: Regelleistungen: 364 Euro, monatliche Kosten für Unterkunft und Heizung: 222,82 Euro. Von den 586, 82 Euro gehen noch mal 30 Euro für Gas, 75 für Strom (Warmwasserzubereitung geht bei mir über Strom), und circa 50 für Telefon und Internetflatrate weg. Somit bleiben mir circa 200 Euro im Monat für alles andere. Das sind 6,50 Euro pro Tag.

Durch Hartz IV hat sich mein Leben grundlegend geändert. In der Form, dass ich nicht mehr in der Lage bin, mir kleine "Freuden" zu gönnen. Man könnte es als Rückzug aus dem sozialen Leben bezeichnen. Jegliche Ausgeben müssen genau überlegt werden - beziehungsweise, es darf erst gar nicht dazu kommen. Hätte ich keine Freunde, die mich in (insbesondere psychischen) Notlagen unterstützen, wäre es noch unerträglicher. Dazu gesellt sich ein dauerhafter Freund, die "Verzweiflung". Das bedeutet einen tägliche Kampf um eine positive Einstellung im Hinblick auf eine Änderung der eigenen Situation. Um auf die Eingangsfrage zurückzukommen: Die größte Veränderung besteht darin, dass ich mein Leben nicht mehr selbst gestalten kann. Die Fremdbestimmung ist etwas, was mir große Probleme bereitet. Auch deshalb, weil ich meinen Weg von der Hauptschule zum abgeschlossenen Studium selbst gewählt habe.

"Nicht viele Job-Angebote"

Wie viele und welcherart Jobangebote haben sie als Akademiker von Ihrem Sachbearbeiter vermittelt bekommen?

Lars Okkenga: Dafür muss ich etwas ausholen. Da ich hier nichts beschönigen möchte, muss ich sagen, dass ich seit dem Abschluss meines Studiums im Oktober 2007 keine richtige Arbeit finden konnte. Ich übe eine ehrenamtliche Tätigkeit aus. Und nein, ich habe mich nicht nur um Stellen als Soziologe beworben. Welche Jobangebote wurden mir von meinen Sachbearbeitern unterbreitet? Eine sehr geringe Zahl. Von meiner ersten Bezugsperson beim Amt wurde ich in am Tag der Antragstellung sofort in eine Maßnahme gesteckt.

Danach bekam ich meinen ersten "richtigen" Sachbearbeiter, der mich bei unserem ersten Gespräch in eine andere Maßnahme steckte. Von ihm habe ich keine Angebote unterbreitet bekommen. Anschließend hab ich einen Bearbeiter bekommen, der zu meiner Freude die Fähigkeit hatte, selbstreflektiert über seine Arbeit und die Situation seiner "Kunden" nachzudenken, beziehungsweise zu berichten. Wahrscheinlich hat sich das im Amt rumgesprochen und er wurde deswegen in eine andere Abteilung versetzt. Konnte er mich gut beraten? Nein. Aber er hat versucht, meine Qualifikationen zu berücksichtigen.

Von ihm hab ich Angebote unterbreitet bekommen. Wissenswert dazu ist, dass man Angebote zugeschickt bekommt und sich dann innerhalb von drei Tagen bei der Stelle bewerben muss (es sei denn, dem Schreiben vom Amt ist keine Rechtsbelehrung beigelegt). Über das Ergebnis muss man den Sachbearbeiter dann nach spätestens zwei Wochen informieren. Dazu ist ein Antwortschreiben beigefügt. Ich hatte bei ihm das Glück, dass er mir seine E-Mail-Adresse gegeben hat, wodurch diese Prozedur leichter und schneller abgewickelt werden konnte.

Einige der Angebote waren Stellen für wissenschaftliche Mitarbeiter - die ganze Bandbreite, auch Promotionsstellen, et cetera. Viele waren explizit für Sozialarbeiter und Sozialpädagogen ausgeschrieben, einige für Soziologen mit exzellenten Statistik-Kenntnissen, die ich aufgrund meiner anderen fachlichen Ausrichtung nicht habe. Dazu gesellten sich Angebote als Buchhändler und diverse Hilfsstellen. Angemerkt sei, dass ich nachdrücklich versuche, eine Anstellung im Bereich Buchhandel oder ein Volontariate in einem Verlagen oder einer Redaktionen zu bekommen, da ich der Meinung bin, mich hier sehr gut einbringen zu können.

Meine nächste Sachbearbeiterin hat mir Angebote geschickt, die ich ihr beim Gespräch teilweise auf die Frage, wo ich mich beworben habe, bereits genannt hatte. Darunter auch ein Angebot, welches nicht mehr relevant war, da der betreffende Arbeitgeber pleite ging.

Wie viele Angebote habe ich insgesamt bekommen? Nicht sehr viele. Der erste Sachbearbeiter, der für mich zuständig war, hat mir kein Einziges, der bessere Mitarbeiter dann über zwei Jahre circa 20, und die dritte vier über vier Monate verteilt vermittelt.

Bei meiner letzten Sachbearbeiterin konnte ich auch genau sagen, wann ich Angebote bekommen würde. Denn sie sagte mir im Gespräch, für mich könnte man nicht viel machen, da hätten sie noch ganz andere Fälle. Und sie würde einmal die Woche nach möglichen Stellen suchen. Nach genau einer Woche bekam ich die Angebote und danach nichts mehr. Die Frage ist allerdings, ob das überhaupt so negativ ist? Nach meiner Erfahrung suchen die Sachbearbeiter im Jobportal der Agentur relativ willkürlich und schicken einem dann auch Sachen zu, die nicht passen.

Lars Okkenga.

Wie werden Ihrer Einschätzung nach Akademiker im Vergleich zu anderen Hartz IV-Beziehern behandelt?

Lars Okkenga: Dazu kann ich nicht viel sagen. Da gibt es verschieden Faktoren die reinspielen. Ein gewichtiger Faktor ist immer die persönliche Motivation, Einstellung und Laune des entsprechenden Fallmanagers. Wer sich dafür interessiert, dem empfehle ich eine Suche im Internet (Jobcenter, Erfahrungen). Bei Akademikern ist die Behandlung selbst sehr unterschiedlich. Mir wurden Maßnahmen unterbreitet, Kollegen hingegen, die ich kenne, überhaupt nicht. Absprechen kann man aber nicht, dass Ungelernte zum Teil eine wirklich beschissene Behandlung erfahren, die weit über meine bisherigen Erfahrungen geht. Mir ist ein Fall bekannt, wo jemand sich bis zu 40 mal im Monat telefonisch um Arbeit bemühen musste. Da ist bereits die Entwertung des Menschen vollzogen. Zum monatlichen Nachweis über Bewerbungsbemühungen bleibt noch zu sagen, dass nicht klar ist, inwieweit die Gesamtzahl von Bedeutung ist. Was ist zum Beispiel, wenn jemand fünf Bewerbungen monatlich abliefern soll und in einem Monat keine fünf Stellen findet, sich in einem anderen aber auf 10 Stellen bewirbt. Wird der dann sanktioniert?

Wie kommen Sie mit ihrem derzeitigen Sachbearbeiter zurecht?

Lars Okkenga: Mein aktueller Sachbearbeiter hat mit meinen Qualifikationen abgeschlossen. Nach meinem Eindruck bin ich für ihn eine ungelernte Arbeitskraft. Und da in meiner neuen Eingliederungsvereinbarung nicht mehr das Ziel formuliert ist, mich in Bereichen unterzubringen, die meine Qualifikationen entsprechen, sondern nun beabsichtigt wird, mich in andere Gebiete abzuschieben, werde ich nun in den unqualifizierten Bereich gedrängt.

Aufgrund meiner alten Eingliederungsvereinbarung hat er mir zuerst noch ein Angebot als wissenschaftlicher Mitarbeiter unterbreitet, welches sich aber ganz klar und ausdrücklich an Sozialarbeiter oder Sozialpädagogen richtete. Dann gab es einen Vortrag über Rechte und Pflichten, hauptsächlich Pflichten. Ich wurde behandelt wie ein kleiner Junge, der zu seinen Eltern zitiert wird. Auch hatte ich den Eindruck, dass er selbst sehr unsicher ist und sich krampfhaft an seinen "Vortrag" hält. Ich müsste mich auch um Stellen bemühen, die nicht in meinen Bereich liegen. Mein Hinweis, dass es einen vordefinierten Arbeitsbereich "Soziologie" nicht gibt und ich das im Übrigen auch tue, hat er übergangen. Meine Nachfrage, was denn das für andere Bereiche wären, beantwortete er so: Müll aufsammeln und Wachschutz.

Das man für den Wachschutz eine Sachkundeprüfung nach § 34a GewO benötigt, habe ich nicht erwähnt. Warum nicht? Ganz klar aus Angst. Es war auch das erste mal, dass ich für die Eingliederungsvereinbarung den Raum verlassen musste.

Warum mussten Sie dabei den Raum verlassen?

Lars Okkenga: Eine Frage, die ich mir auch gestellt habe. Ich nehme an, mein Sachbearbeiter und die andere Person, die anwesend war, haben sich beraten, wie sie mit mir verfahren wollen. Und wenn man dabei nicht anwesend ist, kann man hinterher einfach mit den Entscheidungen konfrontiert werden, wodurch sich die Auseinandersetzung vereinfacht, da man ja erst mehr damit beschäftigt ist, die Eingliederungsvereinbarung überhaupt richtig zu interpretieren als sich Gegenargumente auszudenken. Freilich hätte ich mich dagegen wehren können, aber ich war zu überrascht und hinzu kam die Angst vor Sanktionen. Im Endeffekt werden jetzt Versuche unternommen, mich abzuschieben - wohin, kann ich nicht beantworten. Außerdem muss ich nun monatlich erscheinen.

Wie beurteilen Sie die Arbeit der Sachbearbeiter?

Lars Okkenga: Das ist eine zwiespältige Angelegenheit. Ebenso wie bei den einzelnen "Fällen" wird auch auf die einzelnen Sachbearbeiter Druck aufgebaut. In der Form, dass sie angehalten sind, alles zu unternehmen, um Menschen aus der Statistik zu bekommen und zu Sanktionieren. Wie, spielt keine Rolle. Genau genommen sagt der Name "Sachbearbeiter" schon einiges aus. Sie bearbeiten Sachen und keine Menschen mit unterschiedlichen Lebensgeschichten. Hauptsache Sanktionen.

Ich weiß nicht genau wie sich die einzelnen Sachbearbeiter hinsichtlich ihrer Qualifikationen auszeichnen. Was ich genau weiß, ist nur, dass sie im Bereich Akademiker über keinerlei Wissen verfügen. Zumindest nicht in meinem Fall. Ein Sachbearbeiter hat mir zumindest eingestanden, dass er sich in meinen Bereich überhaupt nicht auskennt und überwiegend eine Verwaltungstätigkeit ausübt.

In welche "Maßnahmen" wurden sie gesteckt? Was hat man sich darunter vorzustellen? Wie oft sind diese Kurse in der Woche? Und was haben Sie dort erlebt?

Lars Okkenga: Mein "Maßnahmenlaufbahn" umfasst: Bewerbungstraining, ein Projekt zur Selbsthilfe, einen Englischkurs und ein Akademiker-Training.

In der Regel läuft dieses so ab, dass man vom seinem Sachbearbeiter einen Vermittlungsschein bekommt - mit den Hinweis, dass die Notwendigkeit einer Förderung festgestellt wurde. Diese Notwendigkeit wird einem ohne vorherige Diskussion einfach so als Tatsache präsentiert. Danach muss man sich beim Träger melden. Problematisch daran ist die Unmöglichkeit, sich über den Träger vorab zu informieren und - falls der Träger fragwürdig erscheint - abzulehnen. Die Kurse finden dann über einen bestimmten Zeitraum, beispielsweise 14 Tage oder drei Monate, in Vollzeit, also von 8-16 Uhr beim Träger statt. Dort gibt es erst mal eine Rechtsbelehrung, wie man sich zu verhalten hat, welche Auflagen bei Zuwiderhandlung drohen und so weiter.

Stellvertretend für die Bewerbungskurse, werde ich über den Ablauf des Akademiker-Trainings erzählen. Am ersten Tag wurde gefordert, ein Stellenangebot zu finden und sich darauf zu bewerben. Weiterhin sollte der Lebenslauf für den nächsten Tag mitgenommen werden. Die folgenden Tage verbringt man dann mit der Überarbeitung der Bewerbung und des Lebenslaufs. Das Schreiben wie der Lebenslauf wird anschließend der Dozentin vorgelegt. Zwischendurch erhält man eine Liste mit Internetadressen für die Arbeitssuche. Dann gibt es Vorträge über die verschieden Formen von Jobinterview, sowie YouTube-Videos von eben diesen. Im Endeffekt werden auf Youtube verschieden Videos von Bewerbungsverfahren (Interview, Kontaktaufnahme mit Arbeitgebern und das Vorstellungsgespräch - wie verhält man sich richtig und wie falsch?) angesehen, damit man lernt, wie man sich am Besten verhält. Es handelt sich einfach um Videobeispiele, zu denen Fragen an die Teilnehmer gestellt werden. Das füllt die ersten Tage aus.

Dann gibt es eine Menge Unterlagen mit Themen wie: Die Sprache der Arbeitgeber, worauf ist zu achten bei einer Bewerbung und so weiter. Sehr schön fand ich dabei die Vorführung der unterschiedlichen Bewerbungsmappen. Die nächsten Tage verbringt man mit dem "Feintuning" der Unterlagen und verschiedenen Gruppenspielen. Am Ende gibt es ein Zertifikat auf dem steht, was alles gemacht wurde. Allerdings stehen da sehr viele Sachen drauf, die in der Form gar nicht stattfanden. Zum Beispiel: "Erstellen eines individuellen Bewerberprofils".

Nach der Maßnahme wusste ich also: Aha, ich bin in der Lage, Bewerbungen zu schreiben. Der Zettel mit den ganzen Internetadressen ist aber nicht vollkommen überflüssig, weil dort auch einige Adressen draufstehen, die mir vorher nicht bekannt waren.

Interessant dabei sind die Einblicke, die man in die "Maßnahmenindustrie" erhält. Mit den richtigen Zertifikaten kann man zum Beispiel einen wunderbaren Job bei einem solchen Weiterbildungsträger erhalten, da die Arbeit an sich keinerlei Qualifikationen erfordert.

Und wie sind Sie damit gefördert worden?

Lars Okkenga: Förderung findet nicht statt. Der Englischkurs war insofern eine Ausnahme, da eine LCCI-Prüfung abgelegt wurde. Das war Ganztageskurs, drei Monate. Problematisch ist dabei aber, diese Maßnahmen im Lebenslauf unterzubringen. Die Situationen im Vorstellungsgespräch, á la "ja, das war 'ne Maßnahme vom Arbeitsamt" versuche ich zumindest zu vermeiden. Die Lücken im Lebenslauf sind dann natürlich ebenfalls suboptimal.

Welchen Zweck verfolgt man nach Ihrer Meinung mit diesen "Maßnahmen"?

Lars Okkenga: Die Maßnahmen, deren ich unterworfen war, verfolgten einzig und allein den Zweck, mich aus der Statistik zu bekommen. Mit Ausnahme vielleicht des Englischkurses. Aber selbst bei dem bin ich mir nicht so sicher.

Was passierte mit ihnen, als Sie sich weigerten eine weitere "Maßnahme" über sich ergehen zu lassen?

Lars Okkenga: Ich hab einmal eine "Maßnahme" zu verweigern versucht. Allerdings nicht in einem heroischen Aufbegehren. Mein ganzer Versuch bestand lediglich in der Nachfrage: "Was ist wenn ich mich weigere?" Woraufhin als Antwort kam: "Dann müssen wir was anderes suchen und da wir gerade nichts haben, schicke ich Sie wieder da hin". Danach folgte bei mir Resignation und aus Angst vor Sanktionen habe ich mich gefügt. Die Verknüpfung zwischen Amt und Weiterbildungsträgern müsste mal untersucht werden. Ich denke, da tun sich Abgründe auf.

Inwiefern?

Lars Okkenga: Ein Sachbearbeiter hat mir zum Beispiel mitgeteilt, dass ich an einer Maßnahme teilnehmen muss, da er den Träger kenne und von dessen Erfolgen persönlich überzeugt sei. Die Fragen, die sich mir dabei stellen, sind: Erfolgt die Zuweisung aufgrund von persönlichen Kontakten zwischen Jobcenter und Träger? Werden die Träger überhaupt überprüft? Und wenn ja (was ich annehme) - in welcher Form und vor allem zu welchen Zeitpunkten? Ich würde mir wünschen, dass anonyme Überprüfungen stattfinden.

Das Jobcenter wird anmerken, dass diese Überprüfungen stattfinden. Das ist insofern richtig, als zum Teil Mitarbeiter bei Trägern vorbeischauen und Dokumente überprüfen. Das merkt man immer dann, wenn beim Träger hektischere Aktivitäten stattfinden. Eine Form von Überprüfung des eigentlichen "Unterrichts" findet nach meiner Erfahrung aber nicht statt. Und wenn ein Träger als erstes nach dem Vermittlungsschein fragt und alle anderen Fragen übergeht, dann finde ich das zumindest etwas merkwürdig. Zumal die Träger selbst sehr schnell mit Drohungen zur Hand sind: Bei Widerstand würde sofort das Jobcenter davon erfahren und man selbst sanktioniert werden.

Sind sie schon einmal sanktioniert worden und was bedeutet dies für ihren Lebensstandard?

Lars Okkenga: Bis jetzt bin ich nicht sanktioniert worden. Wenn das passiert, bedeutet das für mich die Aberkennung meines Lebensrechtes. Ich habe außer Schulden (Bafög und Bildungskredit) keinerlei Geld. Ich bin mir nicht sicher, was ich dann tun soll.

Wie sind Ihre Pläne für die Zukunft?

Lars Okkenga: Ich hoffe, ich habe überhaupt eine Zukunft! Durch meine neue Eingliederungsvereinbarung wurde mir bereits die Qualifikationen als Soziologe aberkannt, so dass ich mich jetzt darauf einstellen muss eine MAG -Stelle anzunehmen. Mir wurde gar nicht gesagt, was das überhaupt ist. Durch Eigenrecherche hab ich mich mittlerweile darüber informiert. Für Interessierte: MAG steht für eine "Maßnahmen zur Aktivierung und beruflichen Eingliederung bei einem Arbeitgeber".

Kurz: Im Rahmen von vier Wochen wird eine unbezahlte Probearbeit - also ein Praktikum - absolviert. Danach soll es ein bezahltes Beschäftigungsverhältnis entstehen. Wer sich näher damit beschäftigt (auf YouTube gibt es zahlreiche Reportagen darüber), dem wird schwarz vor Augen. In meinem Fall ist es nicht der Unwillen gegen eine solche Beschäftigung oder gegen 1-Euro-Jobs und dergleichen. Das Schlimme ist für mich, dass man sich nicht vorher über den Träger oder Arbeitgeber informieren und dagegen wehren kann. Missbrauchsfälle oder auch die "schwarzen Schafe" sind einfach zu zahlreich.

Was bedeutet in diesem Zusammenhang "schwarze Schafe"?

Lars Okkenga: Nehmen wir als Beispiel die sogenannten 1-Euro-Jobs. Bei diesen Jobs handelt es sich "um eine sozialversicherungsfreie Beschäftigung bei einem geeigneten Träger. Die auszuführenden Arbeiten müssen zusätzlich, im öffentlichen Interesse und wettbewerbsneutral sein". Nachzulesen auf der Seite der Arbeitsagentur. Betreibt man aber etwas Recherche im Internet, wird man schnell feststellen, dass der Anspruch im "öffentlichen Interesse" vielfach einer sehr flexiblen Auslegung unterliegt. Dazu kommt häufig eine Beschreibung der Tätigkeiten, die in einem Vorstellungsgespräch noch der Ausschreibung entsprechen, in der eigentlichen Tätigkeit aber sehr schnell eine andere Richtung einschlagen.

Kurz: Sehr viele Instrumente der Arbeitsagentur zur Vermittlung von Arbeitslosen in den ersten Arbeitsmarkt, sind schlicht und einfach Instrumente zur Statistikverschönerung. Ich werde mich auch weiter um eine Stelle, um ein Volontariat oder um ein Praktikum bemühen. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Nur im Moment stehe ich vor dem Scherbenhaufen, der mein Leben ist.

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