Forschung kann Versuchstiere humanisieren

05.08.2011

Ein Bericht der britischen Academy of Medical Sciences fordert schärfere Kontrollen bei einigen Experimenten, in denen menschliche Zellen und Gene in Tiere eingebracht werden

Mehr und mehr wird mit Tieren experimentiert, die aus Zwecken der medizinischen Forschung menschliche Zellen enthalten. Damit sollen neue Medikamente, diagnostische Verfahren und Therapien für den Menschen an Versuchstieren getestet werden. Die britische Academy of Medical Sciences, die den Fortschritt in der Medizin unterstützt und diesen für die Patienten nutzbar machen will, hat sich in einem Bericht mit den möglichen Folgen solcher Versuche beschäftigt und ist der Ansicht, dass bestimmte Versuche über die bislang existierenden Richtlinien für Tierversuche hinausgehen.

Da Tiere keine Menschen seien, sei eine Möglichkeit, die Unterschiede zu mindern und Tierversuche aussagekräftiger zu machen, Embryonen oder erwachsene Tiere zu schaffen, die menschliche Zellen enthalten, wenn Zellkulturen oder Computersimulationen nicht ausreichen. Meist würden für solche Versuche Mäuse verwendet, die zu Millionen "verbraucht" werden. In Deutschland alleine wurden 2008, dem letzten Jahr, aus dem Zahlen vorliegen, 1,7 Millionen Mäuse, fast 500.000 Ratten, 100.000 Kaninchen, mehr als 1.700 Affen, insgesamt mehr als 2,7 Millionen Tiere in Versuchen verwendet. Bei den Mäusen waren bereits mehr als eine halbe Million transgene Tiere.

Rise of the Planet of the Apes. Bild: 20th Century Fox

Menschliche Zellen können in Tiere auf verschiedene Weise eingebracht werden. Man kann transgene Mäuse durch Einführung menschlicher Gene schaffen. Zudem können Chimären geschaffen, indem in entkernte tierische Eizellen der Zellkern menschlicher Zellen eingeführt wird (Klonen). In tierischen Embryonen können menschliche Stammzellen eingebracht werden. Natürlich gibt es noch die "primitive" Möglichkeit, menschliche Zellen in ein Tier zu implantieren (s.a. Mäuse mit menschlichen Gehirnzellen).

Problematisch könne dies aber dann werden, wenn beispielsweise wie in der Parkinson-Forschung menschliche neuronale Stammzellen in die Gehirne der Tiere eingebracht werden. Man könne derzeit noch nicht wissen, ob die Einführung menschlicher Zellen in die Gehirne von Tieren dazu führen kann, "dass das Tier einige Elemente menschlichen Bewusstseins oder 'menschenähnliche' Verhaltensweisen und Bewusstseinsformen entwickelt". Das sei derzeit zwar unwahrscheinlich, aber man bräuchte gute experimentelle Methoden, mit denen sich die Entstehung solcher Fähigkeiten entdecken ließe. Wo solch eine Möglichkeit prinzipiell nicht abzuweisen ist, müsse die Forschung sehr vorsichtig und zusätzlich durch ein Expertengremium überwacht werden.

Auch bei der Forschung am Reproduktionssystem sehen die Wissenschaftler Probleme. So würden jetzt schon viele Tiere menschliche Gene und Zellen enthalten, um Reproduktionsprobleme von der Entwicklung von Eizellen und Spermien bis hin zur Geburt zu untersuchen. Dabei werden auch menschliche Spermien und Eizellen verwendet, was unbeabsichtigt zu einer Befruchtung von menschlichen und tierischen Zellen führen könne. Das sei zwar sehr unwahrscheinlich, zumal auch kaum ein lebensfähiges Chimärenembryo daraus entstehen werde, dennoch müsse man auch hier für zusätzliche Kontrollen sorgen. Ein drittes Problemfeld könnten Experimente sein, bei denen Tiere, also vor allem Primaten, durch gezielte Eingriffe sich ähnlich verhalten oder ähnlich aussehen wie Menschen. Das könne die Grenzen zwischen Arten auf verstörende Weise verwischen. Gefährlich könne es aber auch dann werden, wenn Tiere so geschaffen werden, dass sie auch von Viren oder Bakterien infiziert werden können, die normalerweise nur Menschen als Wirte haben, oder dass sie durch die Forschung von Tieren auf Menschen überwandern können.

Rise of the Planet of the Apes. Bild: 20th Century Fox

Abgesehen von diesen möglichen Problemen sehen die Wissenschaftler keine neuen ethischen Probleme in der Humanisierung von Tieren. Der Nutzen für die Menschen würde auch, wenn man die Richtlinien für den Umgang mit Versuchstieren einhalte, das den Tieren zugefügte Leiden rechtfertigen. Die Möglichkeit, dass Primaten durch bio- und gentechnologische Methoden noch menschenähnlicher werden könnten, wird aber offenbar ernst genommen. So sagt Professor Thomas Baldwin, ein Mitglied der Arbeitsgruppe der Academy of Medical Sciences, die den Bericht verfasst hat, man habe bislang nur in der Science Fiction die Sorge thematisiert, dass Primaten plötzlich in eine Art Menschen verwandelt werden können, weil sie Verhaltensweisen zeigen, die man bislang wie die Sprache nur Menschen zugeschrieben hat. Damit müsse man sich jetzt aber wirklich auseinandersetzen.

Die Science Fiction ist weiterhin einen Schritt vorne. So wird in dem neuen Film Planet der Affen - Prevolution, der im ASugust in Deutschland in die Kinos kommt, das Szenario geschildert, dass im Rahmen der Alzheimer-Forschung Primaten mit menschlicher Intelligenz entstehen, die dann gegen die Menschen revoltieren.

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